E-Book, Deutsch, 250 Seiten
Korber / Tannert True Crime Franken
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7472-0228-9
Verlag: ars vivendi
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wahre Kriminalfälle von 1208 bis 1972
E-Book, Deutsch, 250 Seiten
ISBN: 978-3-7472-0228-9
Verlag: ars vivendi
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Tessa Korber ist promovierte Germanistin und lebt als freie Schriftstellerin in Nürnberg.
Autoren/Hrsg.
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Blutspuren lügen nicht – eine revolutionäre ermittlungsmethode, Reichelshofen 1962
»Froberger mein Name. Vinzenz Froberger, Kriminalpolizei Ansbach. Herr Lindhöfer?«
Heinrich Lindhöfer, ein schmächtiger Mann Ende fünfzig, starrte den Beamten in Zivil erschreckt an und wischte mit fahrigen Bewegungen mehrmals seine Hände an der ledernen Arbeitsschürze ab.
»Herr Lindhöfer, ich suche Sie auf, weil es neue Erkenntnisse gibt im Fall Ihrer vermissten Schwester. Eine neue Spur, sozusagen.«
Froberger machte wiederum eine Pause, ließ seinen Blick über das Gesicht des Büttnermeisters wandern und weiter in den Hausflur hinein. Er kannte Lindhöfer, seine Familie und sein Anwesen, jedoch nur als Buchstaben auf Papier, Millionen getippter Buchstaben auf Stapeln von A4-Papier, sorgsam verwahrt in Aktenordnern, dazu eine Handvoll Fotografien: die beiden Zimmer, die Magda Lindhöfer bewohnt hatte, die Treppe, die zu ihnen hinaufführte, der Dachboden mit einer schier unglaublichen Ansammlung aus Truhen, Kisten, Koffern, Schachteln. Nur diesen Geruch, dachte Froberger, hat niemand festgehalten, diesen sauberen Geruch nach Bohnerwachs und Scheuerpulver, der selbst den Dunst von Kraut und aufgewärmtem Sonntagsbraten überlagerte und so eigenartig mit der Unordnung in diesem überfüllt wirkenden Haushalt kontrastierte, der doch nur aus sechs Personen bestand; allein die Jacken, Arbeitskittel, Schürzen, Mützen in mehreren Schichten auf der Garderobe, als habe das Möbelstück im vergangenen langen Winter wahllos nach allem gegriffen, was zur Verfügung stand, um wärmende Schichten um sich zu legen, nicht anders, als es die Menschen getan hatten, die sich dick vermummt durch den Winter bewegt hatten, den sibirischen, elend langen Winter, der selbst den Hungerwinter 1947 noch übertroffen hatte und bei den Kriegsveteranen Erinnerungen an die Ostfront wachrief.
Lindhöfer blinzelte in die Vormittagssonne, die erstmals an jenem Tag die Wolkenschleier durchbrach. Die Ankündigung des Wetterberichts, dass ein heiterer Frühlingstag zu erwarten sei, schien sich zu erfüllen.
Wie ein Murmeltier sieht er aus, dachte Froberger, das nach dem Winterschlaf erstmals aus seinem Bau aufgescheucht wird, und er fand, dass Lindhöfer nun endgültig die Gelegenheit verpasst hatte, eine Frage zu stellen. »Es gibt was Neues von Magda? Eine neue Spur?« hätte er zum Beispiel sagen können, vielleicht sogar mit hoffnungsvoller Miene. Nicht, weil er ein herzliches Verhältnis zu seiner Schwester gehabt hätte, sondern weil er selbst ins Visier der Ermittler geraten war und nun vielleicht endgültig entlastet würde.
»Darf ich kurz hereinkommen?«, fragte nun Froberger, und ob er sich ein wenig umsehen dürfe. Genau genommen lauteten seine Worte: »Derf i mi a bissl umschaung bei Eahna?« Der junge Kriminalinspektor Vinzenz Froberger war durchaus des Hochdeutschen mächtig, hielt aber aus verschiedenen Gründen zäh an seinem Dialekt fest. Als er vor einem guten Vierteljahr, zum 1. Januar 1963, seinen Dienst bei der Kriminalaußenstelle Ansbach angetreten hatte, war er seinerseits auf die spröde fränkische Dialektbarriere der hiesigen Kollegen gestoßen, mit der sie ihn spüren ließen, dass ihnen der junge Hupfer und frischgebackene Inspektor, von den bayerischen Besatzern mutmaßlich aus München hierhergeschickt, um die Ermittlungsarbeit in der Provinz auf Vordermann zu bringen, gerade noch gefehlt hatte. Zum anderen hatte Froberger festgestellt, dass ihm sein Dialekt, zusammen mit seinem jugendlichen Fuchsgesicht unter dem roten Haarschopf, durchaus auch wieder gewisse Sympathiepunkte verschaffen konnte, und wenn er in bestimmten Situationen den Eindruck eines arglos-naiven Bauernburschen erwecken konnte, den man aus purem Mitleid bei der Polizei aufgenommen hatte, dann umso besser.
»Ja, dann, dann«, stotterte Lindhöfer, »dann kommer S’ halt rei. – Aber innera Verddlschdund essmer fei zu Middooch!«
In einer Viertelstunde, dachte Froberger, ist es noch nicht einmal halb zwölf. Er trat ein und erkundigte sich, ob er die Werkstatt sehen dürfe. Er selbst stamme ebenfalls aus einer Handwerkerfamilie, sagte er leutselig, sein Vater sei Korbmacher, sein Onkel wiederum Schreiner, der in Rimsting, unweit von Prien am Chiemsee, auch ein Sägewerk betreibe, und schon von klein auf habe er all die Gerüche in sich aufgesogen, wie unterschiedlich Holz riechen könne, schwärmte er, je nachdem, aus welcher Gegend und von welchem Baum es stamme, und außerdem, fleißig gebastelt und geschnitzt habe er als Bub mit den Holzresten, deshalb sei er wirklich nur ganz privat an der Werkstatt interessiert, mit dem Fall der vermissten Magda habe dies gar nichts zu tun.
Er ließ sich durch die Büttnerwerkstatt führen, nahm dies und jenes Werkzeug in die Hand, ein Rundmesser, einen Streifhobel, und versuchte, möglichst fachmännische Fragen zu stellen, die der Handwerksmeister gehorsam wie ein Schüler, doch mit keinem Wort zu viel beantwortete.
»Herr Lindhöfer«, fragte Froberger schließlich, »wollen Sie denn gar nicht wissen, was für eine neue Spur wir haben?«
*
Das allererste Protokoll in Sachen Magda Lindhöfer lag mittlerweile ein knappes Jahr zurück und war keine Vermisstenmeldung gewesen, sondern eine Anzeige wegen Beleidigung, erstattet am Montag, 21. Mai 1962, von einer gewissen Theresa Eckert aus Reichelshofen beim Polizeiobermeister Bernd Schmiedl von der Dienststelle Rothenburg ob der Tauber gegen den bis dato völlig unbescholtenen Heinrich Lindhöfer.
Froberger erinnerte sich noch gut an den frostigen Januartag, an dem er die Akten erstmals zur Hand genommen und seine Versetzung in dieses Provinzkaff Ansbach verflucht hatte. Wahrscheinlich war es nur deswegen zur Bezirkshauptstadt erklärt worden, damit Mittelfranken nicht von der ehemaligen Stadt der Reichsparteitage aus regiert würde. Der Winter hatte beschlossen, seinen Teil zu Frobergers Elend beizutragen, indem er mit einem Dauerfrost von minus zwanzig Grad, wenn nicht gar darunter, jeglichen Tatendrang lähmte, auch den kriminellen. Blieb ihm also nur, eingehüllt in seinen Dienstmantel am Schreibtisch zu sitzen und sich alten Fällen zu widmen, die irgendwann im Nichts versickert waren – »Ermittlungen eingestellt«. Vermisstenfälle wie diesen gab es Zehntausende in Westdeutschland, und die wenigsten wurden aufgeklärt.
Nun hatte aber die Nachbarin keine Vermisstenmeldung abgegeben, sondern wollte Lindhöfer wegen »Beleidigung« angehen. Sie sei am Freitag, 11. Mai 1962, im Haus Lindhöfer erschienen, um Magda zu besuchen und ihr ein wenig zur Hand zu gehen. Die Tür zu ihren beiden Zimmern sei offen gestanden, Magda sei jedoch nicht da gewesen. Das Türschloss sei beschädigt gewesen, auf dem Tisch sei noch ein Rest vom Mittagessen gestanden, und noch während sie sich verwundert umgesehen habe, sei Heinrich Lindhöfer die Treppe heraufgekommen und habe sie grob angeherrscht, was sie hier zu suchen habe. Daraufhin habe sie das Haus verlassen und sich einer Nachbarin anvertraut, der Magdas Verschwinden ebenfalls merkwürdig vorgekommen sei, und diese habe sich bei Lindhöfer nach Magda erkundigt. Seine Schwester, so er, sei gegen vierzehn Uhr zu einem Fremden ins Auto gestiegen, jeder wisse ja, dass sie immerzu Briefe an Heiratsinserenten schreibe, und das mit dem Türschloss könne nur Theresa Eckert gewesen sein, die er in Magdas Wohnküche angetroffen habe.
Dem Kollegen Schmiedl in Rothenburg waren die Protagonisten allesamt gut bekannt, wie Froberger in einem Telefonat erfahren hatte.
»Die Magda Lindhöfer ist immer wieder bei uns aufgetaucht und hat uns aus ihrem Kalender vorgelesen. Immer wenn ein böses Wort von ihrem Bruder gefallen ist, hat sie’s aufgeschrieben und uns alle paar Wochen die Sammlung präsentiert. Also so was wie ›Ich schlag dir noch alle Zähne ein, wenn du nicht die Goschen hältst‹. Und dass der Heinrich sie loswerden will, seit er das Haus von den Eltern geerbt hat.«
»Warum loswerden?«
»Also ganz unter uns gesagt: Die Magda Lindhöfer ist so eine, wenn die einmal tot ist, da musst das Mundwerk extra erschlagen. Das hätte schon gereicht dafür, dass er sie aus dem Haus haben will. Aber der Fakt ist auch der, dass dem Lindhöfer seine Tochter mit Mann und Kind in einem Zimmer hausen muss, weswegen die Magda gemeint hat, ihr Bruder will sie rausekeln, und wir sollen sie beschützen. Natürlich bin ich an dem Tag hingefahren und hab mich umgesehen, aber wir können ja schlecht einen Kollegen im Büttnerhaus einquartieren. Abgesehen davon gibt’s in unserm Gäu Familien, wo’s noch viel wüster zugeht.«
Was Schmiedl an jenem 21. Mai gemacht hatte, stand in den Akten: Türschloss inspiziert und sich von Lindhöfer erzählen lassen, dass wahrscheinlich ein Heiratsinserent aus Heim und Welt auf einen Brief von Magda hereingefallen sei. Das Auto, in das sie eingestiegen sei, könnte ein Opel gewesen sein, vielleicht aber auch ein Dkw. Dunkelgrün auf jeden Fall. Zwei Wochen später, an einem Sonntag, erneuter Besuch bei Lindhöfer. Diesmal hatte Schmiedl erstmals einen Blick in Magdas verwaiste Zimmer geworfen und Lindhöfer gebeten, er solle Briefe an alle Verwandten schreiben und sich nach seiner Schwester erkundigen.
Hätte er sich nicht wenigstens umsehen können, ob ein Briefwechsel mit einem heiratswilligen Inserenten existierte? Oder nach etwaigem Barvermögen oder Sparbüchern der Schwester forschen?
Was hier geschehen oder vielmehr nicht geschehen war, konnte man weiß Gott nicht unter professioneller Polizeiarbeit verbuchen, und um dies zu konstatieren, musste man nicht einmal ein...




