E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Korbik Stand Up
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95403-045-3
Verlag: Rogner & Bernhard
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
ISBN: 978-3-95403-045-3
Verlag: Rogner & Bernhard
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
Wer heute jung ist, kriegt Gänsehaut, wenn das Wort Feminismus fällt. Feminismus bedeutet Achselhaare, Kampflesben, Männerhasserinnen und schlechte Laune. Frauen können heutzutage Bundeskanzlerin werden, also wozu brauchen wir noch Feminismus? Die Antwort ist ganz einfach: Wir sind von echter Gleichberechtigung immer noch meilenweit entfernt. Solange Heidi Klum ihre dressierten Models vorführt, solange Mädchen denken, es sei wichtiger hübsch als schlau zu sein, solange die Zahl der Schönheitsoperationen weiter wächst, solange Frauen für die gleiche Arbeit weniger verdienen als Männer - solange sind wir nicht am Ziel.
Julia Korbik, geboren im Ruhrgebiet, studierte European Studies und Kommunikationswissenschaften in Frankreich und Deutschland. Sie arbeitete für den NDR und die Westdeutsche Allgemeine Zeitung und ist heute Redakteurin bei The European, wo sie eine regelmäßige feministische Kolumne schreibt.
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Das verfluchte » F-Wort«-Problem Ah. Ein neues Buch über den Feminismus. Stand up! heißt es. In der Ankündigung ist, bitter-ironisch, vom »F-Wort« die Rede. Und es steht da: »Wer heute jung ist, kriegt Pickel und Gänsehaut, wenn das Wort Feminismus fällt.« Huch, dachte ich, als ich das las, und sah mich sofort in eine andere Zeit zurückversetzt. Zurück in die neunziger Jahre, die nun ja auch schon wieder zwei Dekaden her sind. Hatten wir das nicht – genau so – schon einmal? Um eines gleich vorwegzunehmen: Dieser Zeitschleifeneffekt spricht keineswegs gegen das vorliegende Buch. Im Gegenteil: Er zeigt, wie dringlich die Anliegen des Feminismus bis heute sind. Wie unzufrieden gerade jüngere Frauen sind, allen Gender-Debatten und Frauenfußball-Siegen zum Trotz. Welchen Aufwand es noch immer bedeutet, sich nicht nur als Mensch, sondern zusätzlich noch als sogenannte Frau durchzuschlagen in der Welt, wie wir sie kennen. Wie viel und gleichzeitig wie wenig sich in all den Jahren also geändert hat. Julia Korbik ist jetzt 26 Jahre alt. Ich werde demnächst 44. Im Grunde könnte sie meine Tochter sein. Meine eigene Mutter war gerade mal 20, als sie mich im Jahr 1970 zur Welt brachte. Ich würde sagen: Meine Siebziger-Jahre-Eltern haben mich zu einem selbstbewussten, manchmal etwas störrischen Wesen erzogen. Ja, sie haben mich stark gemacht. Große Theoriediskurse gab es bei uns zu Hause freilich nicht. Es wurde auch nicht die Emma gelesen. Stattdessen war der Stern abonniert, mit all seinen sexistischen Titelbildern; außerdem das Damenmagazin Brigitte und das Herrenmagazin Der Spiegel. Ein Herrenmagazin war Der Spiegel damals, weil in ihm praktisch keine weiblichen Wesen vorkamen, bis auf Margaret Thatcher. Es gab sonst schlicht keine Frauen, die in den entscheidenden Bereichen, sei es in der Politik, in der Wirtschaft oder der Kultur, etwas zu melden gehabt hätten. Überhaupt war vieles noch sehr anders. So durften verheiratete Frauen hierzulande erst 1976, im Jahr meiner Einschulung, endlich selbst entscheiden, ob sie berufstätig sein wollten oder nicht. Aus heutiger Sicht erscheint es mir oft ganz unglaublich, was für ein Land das war, in das ich hineingeboren wurde. Aber es gab immerhin Kindergärtnerinnen und Grundschulpädagoginnen, die während der ersten großen Feminismuswelle nach dem Krieg studiert hatten, um das sagenumwobene Jahr 1968 herum. Zaghaft versuchten sie, uns Jungs und Mädchen nun etwas anders, etwas freier zu erziehen, als es bis dato der Fall gewesen war. Und es gab einige viertelrevolutionäre Sendungen im Kinderfernsehprogramm, die hießen etwa Großstadtkrokodile, Lucy, der Schrecken der Straße oder Die rote Zora und ihre Bande, da tobten wilde kleine Mädchen mit blutigen Knien und zerzausten Haaren durch die Gegend. Ein verkleistertes, spießbürgerliches, wohlstandsträges, vollpatriarchalisches Deutschland ist meine Heimat – aber ich hielt mich als kleiner Mensch instinktiv an die frischen Lüftchen, die von hier und da doch schon herüberwehten. Meine Matchbox-Miniaturauto-Sammlung war die zweitgrößte in meiner Kinder-Peergroup, und am liebsten spielte ich »Autobahnunfall«, wenn ich nicht mit einem tragbaren Kassettenrekorder als »Reporterin« unterwegs war oder mit anderen Kindern Hütten aus Baustellenabfällen baute. Meine Eltern bläuten mir ein, dass gute Schulnoten wichtig seien, dass es einer gewissen Anstrengung bedürfe, wenn man einmal herumkommen wolle in der Welt, und speziell meine Mutter, die damals hauptberuflich als Hausfrau tätig war, gab mir zu verstehen, dass ich mir mit dem Kinderkriegen Zeit lassen soll. »Bloß nicht zu früh!« war die Botschaft. Es war also ein Heranwachsen in einem höchst zwiespältigen Klima. Alles in allem empfand ich mich aber als Gleiche unter Gleichen und startete höchst optimistisch ins Erwachsenenleben. Mit Mitte 20, nach einem Politik-Studium und ersten Einblicken ins Berufsleben, stellte ich fest, dass die Zwiespältigkeit ringsum sich leider nicht verflüchtigte. Als ich dann Anfang 30 war – nachdem schon einige männliche Chefs mit ihren Patschehändchen meine Oberschenkel getätschelt hatten, nachdem ich hatte einsehen müssen, dass es noch immer kaum weibliche Vorgesetzte gab, immer und überall nur ältere Herren, die gönnerhaft lächelten, und dass etliche frühere Studienkolleginnen mit Tipptopp-Noten und einst großem Hunger auf die Welt im Mikrokosmos ihrer privaten Häuslichkeit verschwanden, kaum dass sie ein Kind bekommen hatten, während sich noch die begriffsstutzigsten Buben langsam, aber sicher an die entscheidenden Schalthebel der Gesellschaft heranrobbten –, genau da schrieb ich mein erstes Buch. Generation Ally. Warum es heute so kompliziert ist, eine Frau zu sein hieß es, und es schlug damals, 2002, zu meiner eigenen Verblüffung ein wie eine Bombe. In jenem Buch steht folgender Satz: »Das Wort ›Feminismus‹ müffelte übel, abgestanden, peinlich.« Und: »Frauenpolitik schien uns in ihrer Gesamtheit ein Pups zu sein, da doch viel Größeres auf uns wartete, die Weltwirtschaft, die totale Selbstverwirklichung.« Und in einer Szene, die in einem Straßencafé spielt, sagt eine (fiktive) Frau den später dann sehr oft zitierten Satz: »Feminismus müsste wieder ›sexy‹ sein.« Stand Up!, ruft jetzt also, zwölf Jahre später, Julia Korbik. Ihre Welt sieht in vielen Punkten ganz anders aus als meine damals. Jedenfalls auf den ersten Blick. Angela Merkel regiert nun schon in der dritten Legislaturperiode als Geschäftsführerin von Deutschland, Ursula von der Leyen herrscht über das Militär, und drei der fünf einflussreichsten Polit-Talkshows im Fernsehen werden von Frauen moderiert, Anne Will, Maybritt Illner und Sandra Maischberger. Zur Emma hat sich das Missy Magazine gesellt, mit einem neuen feministischen Tonfall, auch mit einem etwas anderen Blick auf die Sexualität. Die Quotenfrage drängt derzeit mit Macht aufs politische Parkett zurück, und es gibt heute eine ganze Reihe populärkultureller, sogar mainstreamiger Phänomene, die das Motiv »zornige junge Frau« auf die eine oder andere Art aufnehmen: Lady Gaga interpretiert das Geschäftsmodell Madonna neu; von Adèle über Beth Ditto bis zu Christina Aguilera führen weibliche Popstars stolz bis trotzig ihre nicht ganz Model- Shooting-tauglichen Körper vor. Was ist jetzt eigentlich Julia Korbiks Problem? – könnte man fragen. Es ist wohl die ernüchternde Tatsache, dass neben, hinter, unter all dem Showroom-Feminismus das meiste doch beim Alten geblieben ist. Zur Generation Ally-Zeit betrug der Pay Gap, der statistische Unterschied zwischen Männer- und Frauen-Einkommen, rund 25 Prozent – heute sind es 22. Der Anteil von Frauen in entscheidungsmächtigen Führungsetagen lag damals zwischen einem und drei Prozent – heute sind es, je nach Branche und Erhebungsmethode, drei bis acht. Am erfreulichsten ist noch die etwas stärkere männliche Beteiligung an sogenannten Reproduktionsaufgaben: Julia Korbik hat, rein statistisch gesehen, eine doppelt so große Chance, einen gleichaltrigen Partner zu finden, der bereit ist, sich an der Aufzucht etwaiger Kinder wenigstens ein bisschen zu beteiligen, als ich es in ihrem Alter hatte. Viele junge und jüngere Männer haben auf die tradierten Rollenspiele genauso wenig Lust wie junge und jüngere Frauen, auch unter den Jungs leiden viele unter althergebrachten patriarchalischen Strukturen. Das alleinverdienende Aktenkoffermännchen, das seine Kinder kaum sieht und sich tagein, tagaus im »Boys Club« (Alice Schwarzer) mit Machtspielchen behaupten muss, um schließlich auch noch einige Jahre früher zu sterben: Für viele junge Männer ist das längst schon kein erstrebenswerter Lebensentwurf mehr. Abgesehen davon, dass geradlinige Berufslaufbahnen ohnehin immer seltener werden, dass es also immer schwieriger wird, eine Familie als alleiniger Breadwinner dauerhaft durchzubringen. Ja, gerade die massiven – oftmals harten und beängstigenden – Umbrüche in der Arbeitswelt könnten eine Chance sein, der Geschlechterparität noch mal einen ordentlichen Schubs nach vorn zu geben. Derweil ist Die rote Zora wie durch Zauberhand von Prinzessin Lillifee abgelöst, Lego-Bausteine gibt es plötzlich auch in Extra-Pink- Editionen, »speziell für Mädchen«, und an einem der prominentesten Plätze in der Angela-Merkel-Hauptstadt eröffnete vor nicht allzu langer Zeit ein überlebensgroßes Barbie-Haus seine Pforten. »Rollback« oder »Backlash« heißen die feministischen Fachbegriffe für solche Entwicklungen. Das Beunruhigendste daran: Allzu oft sind Frauen daran beteiligt. So tragen Damen aus der...




