Korpiun / Thiele / Jenke | Vom ICH zum WIR | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 2, 252 Seiten

Reihe: In Relation Publications

Korpiun / Thiele / Jenke Vom ICH zum WIR

Warum wir ein neues Menschenbild brauchen
2. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7568-6639-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Warum wir ein neues Menschenbild brauchen

E-Book, Deutsch, Band 2, 252 Seiten

Reihe: In Relation Publications

ISBN: 978-3-7568-6639-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Spätestens seit der Aufklärung sind wir insbesondere in westlichen Gesellschaften den Weg der Individualisierung zum ICH gegangen. Was auf der einen Seite einen immensen Zugewinn an persönlicher Ausdrucksmöglichkeit brachte, hat uns zugleich voneinander entfernt. Aktuell stehen wir gesellschaftlich, in Organisationen, Teams bis hin zu Partnerschaften eher vor der Herausforderung, wie wir zu gemeinsamen Vorstellungen, zu Verbundenheit und zu einem neuen WIR kommen. Mit anderen Worten sind wir auf der Suche nach anderen Formen des Miteinander. Der vorliegende Herausgeberband versammelt Beiträge, die sich mit einem neuen Verständnis des WIR auseinandersetzen. Vorgestellt werden in zwei Grundlagenartikeln die Grundzüge eines beziehungsorientierten Menschenbildes, das den Menschen als Bezogenen versteht. Daran anknüpfend entfalten die weiteren Artikel Perspektiven der Entwicklung der Beziehungsfähigkeiten des Menschen und die Bedeutung von Beschleunigung, Digitalisierung und Intuition für die Gestaltung von Beziehungen. Abgerundet wird der Band durch die Vorstellung von Portraitfotografie als Gestaltungselement von beziehungsorientierten Lern- und Reflexionsprozessen.

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Vom ICH zum WIR


03


Relationales Selbst – Was uns als Menschen einzigartig macht und zugleich verbunden sein lässt


Relationales Selbst - Was uns als Menschen einzigartig macht und zugleich verbunden sein lässt


Zusammenfassung

Ausgehend von einer konkreten Beziehungserfahrung machen wir uns in diesem Beitrag auf die beziehungsbezogene Spurensuche dazu, was uns als Menschen einzigartig macht und zugleich verbunden sein lässt. Auf Basis einiger kurzer Vorüberlegungen zur Einzigartigkeit des Menschen (Kapitel 1) illustrieren wir zunächst eine konkrete Beziehungserfahrung als illustrative Vignette (Kapitel 2). Hierauf aufbauend charakterisieren wir an insgesamt neun Perspektiven die Grundlagen des relationalen Selbst des Menschen, stellen darauf aufbauend ein Modell des persönlichen Entwicklungsraums des Menschen vor (Kapitel 3) und fassen unsere Überlegungen knapp zusammen (Kapitel 4). Den Abschluss bildet eine kleine Meditation zur Bezogenheit des Menschen (Kapitel 5). Dieser Artikel bietet einen alternativen Entwurf zu individualistischen Menschen- und Weltverständnissen und stellt, neben weiteren aus unserer Sicht relevanten und miteinander vernetzten Aspekten, vor allem die Beziehungshaftigkeit des Menschen in den Fokus.

1 Einführung

Wir Menschen sind besonders. Keiner gleicht dem anderen. Und weil wir unterschiedlich sind, ist Begegnung möglich. Die Begegnung erfordert die Andersartigkeit. Was gleich ist, kann sich nicht begegnen. Die Einzigartigkeit impliziert somit die Relationalität. Der Persönlichkeit des Menschen, verstanden als sein individueller Ausdruck liegt somit die Bezogenheit zugrunde. Sie ist eine existentielle Grundtatsache (vgl. Rosa 2016, S. 235).

Als Menschen sind wir alle verschieden. Und in unserer Unterschiedlichkeit wir können uns trotzdem sehr nahe sein. Jeder von uns ist einzigartig. Und wir können uns sehr verbunden fühlen. Kein Lebensweg gleicht dem anderen. Und wir können Abschnitte davon gemeinsam gehen. Wir sind unterschiedlich. Und wir können miteinander erfolgreich sein. Die Dualität von Einzigartigkeit und Fähigkeit zur Verbundenheit (vgl. Dürr 2012, S. 22) machen den Menschen so besonders.

„Die Tatsache besteht, daß selbstverwirklichende Menschen gleichzeitig die am meißten individualistischen und am meißten altruistischen, sozialen und liebenden aller Menschen sind. Die Tatsache, daß wir in unserer Kultur diese Eigenschaften an die entgegengesetzten Enden eines einzigen Kontinuums platziert haben, ist offenbar ein Fehler, den man jetzt korrigieren muß. Sie gehen einher und die Dichotomie löst sich bei selbstverwirklichenden Menschen auf.“ (Maslow 2008, S. 232) Das Soziale und das Einzigartige sind einander jeweils inhärent.

Die Relationalität des Menschen ist somit ein Wesensmerkmal. Sie ist Seinsgrund des Menschen. „Dem ‚Relationalen‘ wird hier gewissermaßen ein ontologisches Primat eingeräumt, d.h. Relationen werden nicht als nachträgliche Verbindungen zwischen bereits bestehenden oder Instanzen betrachtet, sondern gegenteilig wird davon ausgegangen, dass diese Entitäten in ihrer spezifischen Form erst durch die ihnen vorausgehenden Relationen entstehen bzw. existieren. Kurz gesagt: Relationen gehen Relata voraus.“ (Künkler 2011, S. 527). Foucault spricht bei Menschen i.d.R. von Subjekten und sagt das Subjekt „(…) ist keine Substanz. Es ist eine Form, und diese Form ist weder noch vor allem mit sich selbst identisch. (…) (Man) errichtet verschiedene Formen der Beziehung zu sich selbst“ (Foucault 1985, S. 18). Damit ist darauf verwiesen, dass das Selbst keine zentrale abgeschlossene Entität darstellt, die ihre Existenz und Qualität ausschließlich aus sich selbst heraus beschreibt, sondern das Selbst besteht nur als ein „Selbst-in-Beziehung“ (vgl. Gron 2004). Auch Perls ging davon aus, dass das Selbst von sich aus keine Substanz habe (vgl. Perls 1980, S. 121), sondern vielmehr ein Entfaltungsvermögen, dass sich über die Beziehungen zur Umwelt herausbildet. Auch wenn wir den Eindruck haben, schon immer eine Identität zu besitzen, so ist sie doch etwas, dass sich nur durch die Umwelt konstituieren kann (vgl. Breitenbach & Köbel 2016, S. 21). Die Gestaltungsmöglichkeit dieses Seinsgrundes ist seine Potenzialität. Anders formuliert: als Menschen sind wir immer Bezogene und damit in Beziehung. Zugleich eröffnet sich uns damit ein Möglichkeitsraum, diese Beziehungen zu gestalten – nah oder distanziert, vielschichtig oder eindimensional, langfristig oder kurz, verbindlich oder unverbindlich. Immer jedoch sind es Beziehungen, in die unser Leben eingebettet ist. Beziehungen sind der Lebensvollzug des Menschen. Sie prägen uns und wir sie. Und so leben wir. . Diesem Gedanken wollen wir im nächsten Schritt anhand einer kürzlich erlebten Begegnung, also einer Beziehungsgeschichte, näher kommen.

2 Was alles passieren kann, wenn wir uns begegnen

Die nachfolgende Schilderung ist entstanden aus der Reflexion einer Begegnung, die ich, Susanne Korpiun, im Dezember 2016 hatte. Und diese Begegnung trug sich folgendermaßen zu:

Begegnungen sind ein Möglichkeitsraum. Was in ihm entsteht, ist grundsätzlich unverfügbar. Das ist die Besonderheit von Beziehungen. Für gute und gelungene Beziehungen können wir individuell etwas beitragen. Ob sie jedoch gelingen, liegt nicht alleine in unserer Hand. Gleichzeitig lohnt es sich, die Besonderheiten der Beziehungshaftigkeit des Menschen näher zu betrachten. Je mehr wir davon verstehen, desto achtsamer können wir sein im Möglichkeitsraum der Begegnung mit dem anderen. Im nachfolgenden Kapitel 3 stellen wir dazu einige grundlegende Einsichten und Erkenntnisse vor, die uns besonders wichtig erscheinen.

3 Grundlagen des relationalen Selbst

Für das Verständnis von Beziehungen ist ihre räumliche Erfahrung von zentraler Bedeutung (vgl. Bowlby 1988). Bowlby formulierte die Bindungstheorie ausgehend vom Begriff der sicheren Basis als eine eminent räumliche Theorie (vgl. Holmes 2006). Beziehungen werden immer in räumlichen Zusammenhängen erfahren bzw. liegen ihr zugrunde. Das nachfolgende Kapitel beleuchtet diese Zusammenhänge näher.

3.1. Beziehungsräume als räumlicher Erfahrungszusammenhang von Beziehungen

Wenn Menschen sich begegnen, entstehen Beziehungsräume. Das vorangestellte Beispiel der jährlich wiederkehrenden Begegnung...



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