E-Book, Deutsch, 176 Seiten
Kosinski Schritte – Grausame Skizzen
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98676-190-5
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 176 Seiten
ISBN: 978-3-98676-190-5
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Weitere Infos & Material
Der Unstete kann das Selbst nicht erkennen, und Meditation ist für ihn unmöglich; wer aber nicht meditiert, kann keinen Frieden finden. Und wie kann es Glück geben für den Menschen, der friedlos ist?
BHAGAVADGITA
Ich reiste weiter nach Süden. Die Dörfer waren klein und arm; jedes Mal wenn ich in einem anhielt, versammelte sich eine Menschenmenge um meinen Wagen, und die Kinder verfolgten jede meiner Bewegungen.
Ich beschloss, ein paar Tage in einem kargen Dorf mit kalkgetünchten Häusern zu verbringen, um mich auszuruhen und meine Kleidung waschen und ausbessern zu lassen.
Die Frau, die diese Arbeit für mich übernahm, erklärte mir, sie könne den Auftrag zügig und ordentlich erledigen, da sie eine Gehilfin beschäftigte – eine junge Waise, die ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten musste. Sie zeigte auf ein Mädchen, das uns von einem Fenster aus anstarrte.
Als ich am folgenden Tag zurückkehrte, um meine Wäsche abzuholen, kam ich dem Mädchen im Vorderzimmer entgegen. Sie sah nur manchmal zu mir hoch. Wann immer unsere Blicke sich trafen, versuchte sie, ihr Interesse an mir zu verbergen, indem sie den Kopf tiefer und tiefer über ihre Näharbeiten beugte.
Während ich einige meiner Dokumente in der Tasche meines frisch gebügelten Jacketts verstaute, fiel mir auf, mit welcher verstohlenen Neugier sie meine Kreditkarten betrachtete, die ich vorübergehend auf den Tisch gelegt hatte. Ich fragte sie, ob sie wisse, was das sei; sie erwiderte, dass sie niemals zuvor etwas Ähnliches gesehen habe. Ich erklärte ihr, man könne mit jeder dieser Karten Möbel, Bettwäsche, Kochgeschirr, Essen, Kleidung, Strümpfe, Schuhe, Handtaschen, Parfüm und außerdem so gut wie alles andere kaufen, was man wollte – ohne Geld dafür bezahlen zu müssen.
In ungezwungenem Tonfall fuhr ich fort, ihr zu erklären, dass ich meine Karten auch in den teuersten Läden der benachbarten Stadt benutzen könnte und dass es genügte, sie vorzuzeigen, um in jedem Restaurant Essen serviert zu bekommen. Ich sagte, dass ich auf diese Weise in den besten Hotels wohnen könnte und in der Lage wäre, all das sowohl für mich selbst als auch für jeden anderen Menschen meiner Wahl zu tun. Ich fügte dies hinzu, weil ich sie mochte und fand, dass sie hübsch aussah. Und weil ich das Gefühl hatte, dass sie von ihrer Brotherrin schlecht behandelt wurde, wollte ich sie mit mir fortnehmen. Sie konnte so lange bei mir bleiben, wie sie wollte, falls das ihr Wunsch war.
Sie fragte, nach wie vor ohne mich anzuschauen, ob sie irgendwelches Geld bräuchte, als wollte sie es nur noch einmal bestätigt bekommen. Ein weiteres Mal versicherte ich ihr, dass weder sie noch ich irgendeine Menge Geld brauchen würden, vorausgesetzt, wir hätten die Karten dabei und wären bereit, sie zu benutzen. Ich versprach ihr, dass wir zwei gemeinsam in verschiedene Städte und sogar in verschiedene Länder reisen könnten; sie würde nicht arbeiten oder irgendetwas anderes tun müssen, als auf sich selbst aufzupassen. Ich wäre bereit, ihr alles zu kaufen, was sie wollte, sie würde wunderschöne Kleider tragen und entzückend für mich aussehen und ihre Frisur oder auch die Farbe ihres Haares so oft ändern können, wie sie wünschte. Damit es so käme, müsse sie nichts weiter tun als ohne ein Wort zu irgendjemandem spätabends ihr Haus verlassen und mich an dem Wegweiser am Rand des Dorfes treffen, sagte ich. Bei unserer Ankunft in der großen Stadt würde an ihre Brotherrin, so versicherte ich ihr, ein Brief geschickt werden, der erklärte, dass sie, wie schon so viele Mädchen vor ihr, von zu Hause weggegangen war, um eine Anstellung in der großen Stadt zu finden. Schließlich sagte ich ihr, dass ich an dem Abend auf sie warten würde und stark hoffte, dass sie auch käme.
Die Kreditkarten lagen auf dem Tisch. Sie stand auf und starrte sie voller Ehrfurcht an, in die sich aber auch eine Spur von Zweifel mischte; sie streckte ihre rechte Hand aus, als wollte sie sie anfassen, zog sie jedoch schnell zurück, sobald ich eine Karte nahm und sie ihr gab. Wie eine heilige Hostie hielt sie sie mit spitzen Fingern und hob sie dann zum Licht, um die darauf gedruckten Ziffern und Buchstaben genauer in Augenschein zu nehmen.
An diesem Abend damals parkte ich meinen Wagen einige Meter vom Straßenschild entfernt im Gebüsch. Bevor es vollständig dunkel wurde, kamen zahlreiche Karren auf dem Weg vom Markt zum Dorf an uns vorbei, doch niemand bemerkte mich.
Plötzlich tauchte das Mädchen hinter mir auf. Kurzatmig und verängstigt umklammerte sie ein Bündel mit ihren Habseligkeiten. Ich öffnete die Wagentür, winkte sie ohne ein Wort auf die Rückbank, startete unverzüglich den Motor und fuhr erst wieder langsamer, als wir das Dorf schon längst hinter uns gelassen hatten. Dabei erklärte ich ihr, dass sie jetzt frei sei und die Tage ihrer Armut vorüber wären. Für eine Weile saß sie ganz still da, und dann fragte sie mich unsicher, ob ich meine Karten noch hätte. Ich zog sie aus meiner Tasche und reichte sie ihr. Ein paar Minuten später konnte ich ihren Kopf nicht mehr im Rückspiegel sehen: Sie war eingeschlafen.
Spät am folgenden Vormittag kamen wir in der Stadt an. Sie wachte auf, klebte ihr Gesicht an die Scheibe und beobachtete den Verkehr. Plötzlich berührte sie mich am Arm und deutete auf das große Kaufhaus, an dem wir vorbeifuhren. Sie würde gern herausfinden, sagte sie, ob es stimmte, dass meine Karten mehr Macht ausüben konnten als Geld. Ich parkte den Wagen.
Drinnen im Laden hielt sie sich an meinen Arm geklammert, und ich spürte, wie ihr Handteller vor Aufregung feucht geworden war. Sie war, wie sie gestand, noch nie zuvor in einer Stadt gewesen, nicht einmal in einem kleinen Städtchen, und sie konnte kaum glauben, dass so viele Leute an einem einzelnen Ort zusammenkommen konnten und dennoch so viele Sachen zum Kaufen zurückließen. Sie deutete auf Kleidung, die ihr gefiel, und sie zeigte sich mit meinen gelegentlichen Hinweisen auf die Stücke einverstanden, die ihr – wie ich fand – am besten standen. Wir wählten, assistiert von zwei jungen Verkäuferinnen, die meine Begleitung mit unverhohlenem Neid anblickten, mehrere Paar Schuhe, Handschuhe, Strümpfe, ein wenig Unterwäsche, einige Kleider und Handtaschen sowie einen Mantel aus.
Jetzt war sie sogar noch verängstigter. Als ich sie fragte, ob sie befürchtete, meine Karten könnten nicht für all das aufkommen, was wir ausgesucht hatten, versuchte sie zunächst noch, ihre Befürchtungen abzustreiten, gestand diese dann aber schließlich doch ein. Warum, so fragte sie mich, mussten so viele Leute in ihrem Dorf ihr ganzes Leben lang arbeiten, um genug Geld zu verdienen, damit sie sich all das leisten konnten, was wir gekauft hatten, während ich, der ich weder ein berühmter Fußballspieler noch ein Filmstar war, offenbar gar kein Geld bräuchte, um all das kaufen zu können, was ich wollte?
Als unsere Einkäufe verpackt waren, reichte ich der Kassiererin eine der Karten; sie bedankte sich höflich bei mir, verschwand für einen Augenblick, kehrte dann zurück und gab mir die Karte zusammen mit der Quittung. Meine Freundin stand hinter mir und wirkte ungeduldig. Sie wollte sich die Schachtel greifen. Aber immer noch war sie viel zu ängstlich, um sich zu trauen.
Wir verließen das Kaufhaus. Als wir im Wagen saßen, öffnete das Mädchen das Paket und inspizierte ihre Sachen, berührte sie, roch an ihnen, berührte sie noch einmal, schloss dann die Schachtel und öffnete sie wieder. Während ich losfuhr, begann sie, die Schuhe und Handschuhe anzuprobieren. Wir hielten vor einem kleinen Hotel und gingen hinein. Den wissenden Blick des Rezeptionisten ignorierte ich und verlangte eine Suite mit benachbarten Zimmern. Mein Gepäck wurde nach oben getragen, doch das Mädchen bestand darauf, die große Schachtel selbst zu nehmen – als fürchtete sie, man könnte sie ihr stehlen.
In der Suite lief sie in ihr Zimmer, um sich umzuziehen, und kam in einem neuen Kleid wieder heraus. Sie stolzierte vor mir auf und ab, bewegte sich ungelenk in ihren hochhackigen Schuhen, betrachtete sich im Spiegel und ging wieder und wieder in ihr Zimmer zurück, um auch die anderen Kleidungsstücke anzuprobieren.
Die restlichen Päckchen, die die verschiedenen Unterwäscheartikel enthielten, wurden am späten Nachmittag von dem Geschäft geliefert. Mittlerweile war das Mädchen von dem Wein, den wir zum Mittagessen getrunken hatten, leicht beschwipst, und jetzt stand sie vor mir, als wollte sie mich mit ihrer neu erworbenen Weltläufigkeit beeindrucken, die sie offenbar in Filmen und Glamourzeitschriften gesehen hatte: So hatte sie die Hände in die Hüften gestemmt und befeuchtete die Lippen mit der Zunge, während ihr unsicherer Blick den meinen suchte.
***
Wir waren einige – ausschließlich archäologische – Assistenten und arbeiteten auf einer der Inseln zusammen mit einem Professor, der schon seit Jahren damit beschäftigt war, die Überreste einer uralten Zivilisation auszugraben, die ihre Blütezeit 15 Jahrhunderte vor unserer Epoche erlebt hatte.
Dabei handelte es sich um eine hoch entwickelte Kultur, wie der Professor behauptete, doch irgendwann musste eine gewaltige Naturkatastrophe sie ausgelöscht haben. Er hatte die vorherrschende Theorie angezweifelt, ein verheerendes Erdbeben, gefolgt von einer Flutwelle, hätte die Insel getroffen. Wir sammelten Bruchstücke von Keramik- und Tonwaren, durchsiebten Asche nach Überresten von Werkzeugen und Artefakten und förderten Baumaterialien zutage, die der Professor sämtlich als Belege für seine noch unveröffentlichte Studie katalogisierte.
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