E-Book, Deutsch, 736 Seiten
Kostova Das dunkle Land
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-641-21542-2
Verlag: Wunderraum
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 736 Seiten
ISBN: 978-3-641-21542-2
Verlag: Wunderraum
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
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Elizabeth Kostova, geboren 1964 in Connecticut, ist die Autorin der internationalen Bestseller »Der Historiker« und »Schwanendiebe«. Sie verbrachte bereits in ihrer Jugend viel Zeit in Europa und lernte später bei einem Bulgarienaufenthalt ihren künftigen Mann kennen. Sie ist Mitbegründerin der Elizabeth Kostova Foundation für kreatives Schreiben in Bulgarien und gehört dem Hochschulrat der American University of Bulgaria an.
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Eins
Sofia, das Jahr: 2008. Der Monat: Mai. Es herrschte strahlendes Frühlingswetter, und die Göttin Kapitalismus saß auf ihrem bröckelnden Thron. Auf der obersten Stufe der Vortreppe des Hotel Forest stand eine junge Frau, eigentlich eher Mädchen als Frau, Fremde und Fremdkörper zugleich. Vom Hotel blickte man auf das NDK, den Kulturpalast des früheren kommunistischen Regimes, einen gigantischen Betonklotz, der jetzt von Teenagern umlagert wurde; ihre gegelten Spikes glitzerten in der Sonne, die auf den belebten Platz herabschien. Alexandra Boyd, erschöpft von einem schier endlosen Flug, sah den bulgarischen Kids auf ihren Skateboards zu und versuchte, sich das lange glatte Haar hinter das Ohr zu streichen. Zu ihrer Rechten erhoben sich graue und ockerfarbene Mietskasernen neben moderneren Gebäuden aus Glas und Stahl sowie eine Plakatwand mit dem Bild einer Bikinischönheit, deren Brüste sich nach einer Flasche Wodka reckten. Unweit der Reklametafel blühten imposante Bäume in Weiß und Magenta – Rosskastanien, die Alexandra von einem Studientrip nach Frankreich kannte, ihrer einzigen anderen Europareise. Sie hatte trockene Augen, und der Schweiß auf ihrer Kopfhaut juckte. Sie musste dringend essen, duschen, schlafen – ja, schlafen, nach dem letzten Flug von Amsterdam, bei dem sie alle paar Minuten aus ihrem Dämmer gerissen worden war, zurück in ihr selbst gewähltes Exil in den Wolken. Sie sah auf ihre Füße, um sich zu vergewissern, dass sie noch da waren. Bis auf ein Paar hellrote Sneakers war sie schlicht gekleidet – dünne Bluse, Jeans, eine um die Hüften geknotete Strickjacke –, sodass sie sich neben den maßgeschneiderten Röcken und High Heels, die an ihr vorüberstöckelten, geradezu schäbig vorkam. An ihrem linken Handgelenk trug sie ein breites schwarzes Armband, dazu passend lange Obsidianohrringe. Sie umklammerte die Griffe eines Rollkoffers und einer dunklen Satchel-Bag, in der sich ein Reiseführer, ein Wörterbuch und Kleider zum Wechseln befanden. An ihrer Schulter baumelten ihr Laptop und die bunte Umhängetasche, in der ihr Notizbuch und ein Gedichtband von Emily Dickinson steckten.
Vom Flugzeug aus hatte Alexandra eine von Bergen umringte Stadt gesehen, flankiert von Wohntürmen, die wie Grabsteine in die Höhe ragten. Als sie mit ihrer neuen Kamera in der Hand aus der Maschine gestiegen war, hatte sie ungewohnte Luft geatmet – Kohle und Diesel, dann ein Windstoß, der nach frisch gepflügter Erde roch. Sie war mit dem Flughafenbus zum Ankunftsterminal gefahren und hatte die nagelneuen Zollkabinen bestaunt, die schweigsamen Beamten, den exotischen Stempel in ihrem Pass. Ihr Taxi war eine Zeit lang durch die Außenbezirke Sofias gekurvt, ehe es ins Herz der Hauptstadt vorgestoßen war – ein unnötiger Umweg, wie sie jetzt vermutete –, vorbei an Straßencafés und Laternenmasten, an denen entweder Werbung für Sexshops oder Wahlplakate hingen. Durch das Taxifenster hatte sie uralte Opels und Fords fotografiert, neue Audis mit getönten Scheiben wie im Gangsterfilm, große, sich träge dahinschleppende Busse und Straßenbahnen wie scheppernde Megalosaurier, deren Räder grelle Funken schlugen. Mit Verwunderung hatte sie festgestellt, dass die Stadtmitte gelb gepflastert war.
Doch der Fahrer hatte sie offenbar irgendwie missverstanden und sie hier abgesetzt, am Hotel Forest, nicht an dem Hostel, wo sie schon vor Wochen ein Zimmer gebucht hatte. Das allerdings hatte Alexandra erst bemerkt, nachdem er davongefahren und sie die Vortreppe hinaufgestiegen war, um sich das Hotel aus der Nähe anzusehen. Jetzt war sie allein, so allein wie noch nie in ihren sechsundzwanzig Lebensjahren. Mitten in einer Stadt mit einer Geschichte, von der sie allenfalls eine vage Ahnung hatte, unter Menschen, die zielstrebig an ihr vorübereilten, und sie fragte sich, ob sie die Treppe wieder hinabsteigen und nach einem Taxi Ausschau halten sollte. Sie bezweifelte, dass sie sich diesen Monolith aus Glas und Beton würde leisten können, der hinter ihr in den Himmel ragte, mit seinen dunklen Fenstern und krähengleichen Gästen in grauen Anzügen, die unablässig ein und aus hetzten oder vor dem Eingang standen und rauchten. Eins schien gewiss: Hier war sie an der falschen Adresse.
Alexandra hätte vielleicht noch ein paar Minuten lang so dagestanden, doch plötzlich glitt die Tür hinter ihr auf, und als sie sich umdrehte, verließen drei Personen das Hotel. Ein weißhaariger Mann im Rollstuhl, auf dessen Schoß sich mehrere Reisetaschen stapelten. Ein hochgewachsener Mann mittleren Alters, der sich mit einer Hand an dem Stuhl und mit der anderen an einem Handy festhielt; er telefonierte. Neben ihm stand ihre Begleitung, eine alte Frau, O-beinig in ihrem schwarzen Kleid; mit einer Hand umfasste sie den Ellbogen des hochgewachsenen Mannes, an der anderen baumelte eine Handtasche. Ihr Haar war rötlich braun, durchsetzt mit grauen Strähnen, die strahlenförmig von einem schmerzlich kahlen Scheitel ausgingen. Der Mann mittleren Alters beendete sein Telefongespräch. Die alte Frau sah zu ihm hoch, und er beugte sich zu ihr hinab und raunte ihr etwas ins Ohr.
Alexandra trat beiseite, beobachtete, wie die drei sich mühsam auf die Treppe zubewegten, und verspürte, wie schon so oft, einen Anflug von Mitleid für das Schicksal anderer Menschen. Anders als zu Hause gab es hier weder einen Behindertenzugang noch eine Rollstuhlrampe. Doch der dunkelhaarige, hochgewachsene Mann schien übermenschliche Kräfte zu besitzen; er bückte sich und hob den alten Mann mitsamt dem Gepäck aus seinem Rollstuhl. Und die Frau schien in ihrem leeren Blick zum Leben zu erwachen, lange genug, um den Stuhl mit ein paar geübten Handgriffen zusammenzuklappen und ihn langsam die Treppe hinunterzutragen – auch sie war kräftiger, als sie aussah.
Alexandra ließ sich von ihrer Energie anstecken, nahm ihre Taschen und ihren Koffer und folgte ihnen. Am Fuß der Treppe setzte der hochgewachsene Mann den Alten wieder in seinen Rollstuhl. Sie ruhten sich einen Moment lang aus; Alexandra stellte sich zu ihnen an den Taxistand. Ihr fiel auf, dass der Mann eine schwarze Weste und ein blütenweißes Hemd trug, zu warm, zu förmlich für einen Tag wie heute. Auch seine Hose war ein wenig zu glänzend, seine schwarzen Schuhe etwas zu blank poliert. Sein dichtes, silbrig schimmerndes dunkles Haar war streng aus der Stirn gekämmt. Ein markantes Profil. Aus der Nähe sah er jünger aus, als sie zunächst angenommen hatte. Er runzelte die Augenbrauen, sein Gesicht war gerötet, sein Blick messerscharf. Er mochte achtunddreißig sein, vielleicht aber auch schon fünfundfünfzig. Trotz ihrer Erschöpfung kam ihr der Gedanke, dass er extrem gut aussah, breitschultrig und elegant in seiner irgendwie altmodischen Kleidung, die Nase lang und aristokratisch, schmale, strahlende Augen über hohen Wangenknochen, als er sich leicht in ihre Richtung drehte. Zarte Grübchen umspielten seinen Mund, als habe er noch ein anderes Gesicht, mit dem er zu lächeln pflegte. Er war wohl doch etwas zu alt für sie. Seine Hand hing schlaff herab; zwei Schritte, und sie hätte sie berühren können. Tatsächlich verspürte sie ein leises Verlangen und wich unwillkürlich ein Stück zurück.
Nun ging der hochgewachsene Mann zum Fenster des ersten Taxis und begann mit dem Fahrer zu verhandeln, der lauthals protestierte; Alexandra fragte sich, ob sich aus alldem vielleicht etwas lernen ließ. Während sie noch zusah, befiel sie mit einem Mal ein leichter Schwindel, und der Verkehrslärm ebbte ab zu einem unangenehmen Summen in den Ohren, nur um gleich darauf mit umso größerer Lautstärke zurückzukehren – Jetlag. Der hochgewachsene Mann und der Fahrer schienen sich nicht einigen zu können, auch nicht, als die alte Frau hinzutrat und ihrer Empörung wortreich Ausdruck verlieh. Der Fahrer winkte ab und kurbelte das Fenster hoch.
Der hochgewachsene Mann nahm das Gepäck, drei oder vier Stoff- und Nylontaschen, und ging zum nächsten Taxi, nur ein paar Schritte von Alexandra entfernt. Sie nahm sich vor, es bei dem ersten Fahrer gar nicht erst zu versuchen. Nach kurzem Feilschen öffnete der hochgewachsene Mann den Fond des preiswerteren Taxis. Er stellte das Gepäck auf den Gehsteig und half der gebeugten Gestalt aus dem Rollstuhl in den Wagen.
Alexandra hätte sich ihnen wohl nicht genähert, wenn die Frau bei dem Versuch, sich neben den alten Mann auf den Rücksitz zu zwängen, nicht plötzlich gestolpert wäre. Alexandra streckte die Hand aus und packte die Frau am Oberarm, fester, als sie es sich zugetraut hätte. Durch den schwarzen Stoff des Ärmels spürte sie einen Knochen, erstaunlich warm und fragil. Die Frau wandte den Kopf und starrte sie an, dann rappelte sie sich hoch und sagte etwas auf Bulgarisch, worauf der hochgewachsene Mann Alexandra zum ersten Mal anblickte. Er war vielleicht doch nicht ganz so attraktiv, überlegte sie; aber seine Augen waren bemerkenswert – größer, als sie von der Seite ausgesehen hatten, die Iris bernsteinfarben, wenn ihm die Sonne ins Gesicht schien. Er und die alte Frau bedachten sie mit einem Lächeln. Er half seiner Mutter behutsam in den Fond des Taxis und streckte die andere Hand nach dem Gepäck, ganz so, als wüsste er, dass Alexandra ihnen ein weiteres Mal zu Hilfe kommen würde. Was sie auch tat; sie nahm sämtliche Taschen auf einmal und reichte sie ihm. Plötzlich schien er es eilig zu haben. Sie umklammerte ihre Satchel-Bag, ihren Laptop und besonders ihre Umhängetasche etwas fester, für alle Fälle.
Er richtete sich auf und betrachtete die Taschen, die sie ihm gereicht hatte. Wieder sah er sie an.
»Haben Sie vielen Dank«, sagte er auf Englisch mit starkem Akzent – war es so offensichtlich, dass sie hier fremd war?
»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte sie und kam sich töricht...




