E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Kotrschal Der Wolf und wir
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7106-0606-9
Verlag: Brandstätter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wie aus ihm unser erstes Haustier wurde – und warum seine Rückkehr Chancen bietet
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-7106-0606-9
Verlag: Brandstätter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kurt Kotrschal gehört zu den weltweit renommiertesten Verhaltensforschern. Er ist emeritierter Professor an der Universität Wien, war Nachfolger von Konrad Lorenz am gleichnamigen Forschungsinstitut, Mitbegründer des Wolf Science Center Ernstbrunn und ist heute neben der Wissenschaft verstärkt im Artenschutz engagiert. Fast zwei Jahrzehnte erforscht er bereits das Wesen von Wölfen und Hunden und ihre Beziehung zu uns Menschen. Als Bestsellerautor teilt er sein Wissen mit uns - und seine Faszination und Liebe zu den Tieren, die uns seit Urzeiten begleiten.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 1
Wölfe, Hunde und Menschen – eine lange Beziehungsgeschichte
Ein sehr persönlicher Beginn
Die Maiennacht ist so schwarz wie die vier einjährigen Wölfe um mich herum. Ich kann sie fühlen, nicht aber sehen oder hören – denn Wölfe sind Schleicher. Der große Rüde Aragorn liegt mit mir in Körperkontakt, die anderen, Kaspar, Shima und Tayanita, halten dagegen beim Schlafen gerne etwas Abstand. Ich bin weder verrückt noch versuche ich, mich als Alphawolf des Rudels zu profilieren. Vielmehr hatten wir unser eben gegründetes Wolfsforschungszentrum (WSC) im Mai 2009 mit Sack und Pack vom oberösterreichischen Almtal in den niederösterreichischen Wildpark Ernstbrunn übersiedelt. Da Wölfe vorsichtige Tiere sind, könnten sie in einer ihnen unbekannten Umgebung scheu bis panisch reagieren. Um sie durch meine Anwesenheit zu beruhigen, teilte ich daher die ersten drei Nächte mit ihnen das Lager im neuen Gehege. Ein Jahr zuvor waren diese ersten Wölfe des WSC von Friederike Range, Zsofia Viranyi und mir handaufgezogen worden. Dadurch wurden wir zu Partnern mit starker wechselseitiger Bindung.
Ich schlief ganz gut im Stroh des Wolfsunterstands, obwohl die unruhigen vierbeinigen Geister das gemeinsame Nachtlager immer wieder verließen. Es verunsicherte mich, Aragorn nicht mehr an meinem Rücken zu spüren, zumal Kaspar, der später so verlässliche Rudelchef, als Halbstarker noch etwas „verhaltensoriginell“ war. Aber Aragorn kam wieder, ebenso geräuschlos, wie er gegangen war. Ich fühlte seinen mächtigen Kopf auf meinem Oberschenkel – samt der Wirbelsäule eines Rehs. Die Knochen knackten zwischen seinen starken Kiefern. Da ich nicht wusste, ob er mich an seinem Essen tolerieren würde, lag ich zunächst ganz regungslos – nur nicht den Eindruck erwecken, ich wolle ihm seinen Leckerbissen streitig machen! Niemals nehmen wir unseren Wölfen oder Hunden einfach etwas weg. Falls nötig, wie etwa im Falle eines stibitzten Handys (Aragorn war ein Technik-freak), versuchen wir allenfalls den Austausch gegen ein gutes Stück Futter.
Als weiteres Prinzip lassen wir uns nie auf vermeidbare Konflikte ein. Theoretisch. Praktisch lag ein 50 Kilogramm schwerer Wolf auf mir, dessen Brechschere gerade Rehknochen zermalmt. Musste er das ausgerechnet auf mir machen? Nach einem Weilchen wurde es unbequem, ich drehte mich langsam zur Seite, aber Aragorn mampfte kommentarlos weiter. Schließlich begann ich seinen Kopf zu kraulen und die Rehwirbelsäule anzufassen, um deren mir unbequeme Lage zu verändern. Er knurrte nicht einmal, als meine Finger zwischen seinen Lefzen sondierten, um zu fühlen, welche seiner gewaltigen Backenzähne er zum Knacken der Wirbelsäule einsetzte. Ich nahm es als Beleg tiefen Vertrauens zwischen uns. Und wachte in der feuchten Morgendämmerung unter einem Apfelbaum auf, eingebettet zwischen friedlich schlummernden Wölfen.
Die vorangegangenen Absätze bleiben die einzige Textanleihe aus meinem Buch von 2012; die Szene berührt mich heute noch, zumal ich sehr traurig darüber bin, dass uns bereits alle vier unserer schwarzen Pionierwölfe verließen, zuletzt Kaspar im August 2021. Sie begleiteten als engste Gefährten den Aufbau des WSC. Seit damals übernachteten wir übrigens nicht mehr mit unseren Wölfen und betreten die Gehege nicht mehr allein. Trotz tiefen wechselseitigen Vertrauens gaben wir uns strenge Sicherheitsregeln. „Better safe than sorry“, wie man in den USA so treffend sagt. Wir lebten und arbeiteten lange, intensive Jahre mit unseren Wölfen und Hunden, oft in engem Körperkontakt, wie es in der sozialen Natur der Säugetiere Wolf, Hund und Mensch liegt. Es tut gut, ihnen nahe zu sein, Nase und Finger in das Fell eines vertrauten Wolfes zu stecken (so er sich nicht gerade in Übelriechendem gewälzt hat). Es beglückt, einander tief in die Augen zu schauen, Einverständnis für eine gemeinsame Unternehmung herzustellen, sei es ein Leinenspaziergang oder ein geistig fordernder Verhaltenstest. Gerne lassen wir uns durch die bedachtsame Ruhe der selbstbewussten Wölfe anstecken – und erfreuen uns an der wuseligen Geschäftigkeit und manchen Schrullen unserer Hunde.
Meine Beziehung zu Wölfen entsprang der wissenschaftlichen Neugierde, wurde aber rasch persönlich, was selbst in der Wissenschaft nicht „falsch“ sein muss. Man versucht uns zuweilen als „Wolfsschmuser“ lächerlich zu machen, wohl um unsere Kompetenz und die Relevanz unserer Arbeit herunterzumachen. Dies misslingt allein schon angesichts unserer hochklassig publizierten Forschungsergebnisse. Differenziertes Wissen zum Wesen der Wölfe erwirbt man im sozialen Umgang, nicht aber indem man sie aus der Ferne beobachtet oder gar auf sie schießt. Wie auch in diesem Buch zum Ausdruck kommen soll, sind solche sozialen Nahebeziehungen nicht zwangsläufig der Tod der Objektivität in einer sentimentalen „Affenliebe“.
Im Gegenteil: Es schadet nicht, auch mental nachvollziehen zu können, welche enorme Bereicherung unsere altsteinzeitlichen Vorfahren durch ihre ersten zahmen Wölfe erfahren haben mögen. Sie fanden in einem anderen Tier ihr Du, welches uns bis heute in Form der Hunde begleitet. Wer Wölfen und Hunden in Vergleichsuntersuchungen gerecht werden will, muss sie aufziehen, mit ihnen leben und arbeiten. Der Pionier der Verhaltensforschung Konrad Lorenz war ein großer Verfechter dieser Methode; er erwarb sein enzyklopädisches Wissen, indem er über sein langes Leben eine Unzahl von Vogel- und Säugetierarten handaufzog. In einer solchen Elternrolle lernten wir, die Welt ein Stück weit wie Wolf oder Hund zu sehen, und entwickelten jene Intuition, die in der Wissenschaft weiterhilft, wenn der reine Verstand nicht mehr ausreicht. Daraus entstehen spannende Forschungsfragen im sicheren Gefühl dafür, was man den vierbeinigen Partnern zumuten kann und was nicht. Zudem lehren sie uns jenen Respekt, der den klugen, kooperativen und anpassungsfähigen Wölfen, aber auch den uns so zugetanen Hunden zusteht; zumal sie in vielerlei Beziehung viel menschenähnlicher „ticken“, als die meisten Leute immer noch anzunehmen bereit sind.
Manche unserer Wölfe schienen sich ihrer physischen Überlegenheit bewusst zu sein; aber nur ganz selten deuteten sie dies uns gegenüber an. Weil wir sie aufzogen, sind wir als Säugetiere mittels identischer sozialer, neuronaler und hormoneller Mechanismen aneinander gebunden – etwa so, wie Kinder an ihre Eltern. Solange man als Bindungspartner durch respektvollen Umgang auf Augenhöhe dafür sorgt, dass die Liebe der Wölfe nicht in Hass umschlägt, bleibt die Beziehung freundlich, friedlich und vertrauensvoll. Ich bin mir sehr sicher, dass uns die Wölfe und Hunde nicht als ihresgleichen oder Mitglieder ihrer Rudel betrachten. Vielmehr sind wir Sozialgefährten, die ihren Alltag mit vielen schönen gemeinsamen Unternehmungen bereichern. Nicht als Artgenossen, sondern als Menschen eben, auf die man sich erstaunlich gut einstellen kann, mit denen man aber keine Auseinandersetzungen um Rang und Bedeutung führen muss. Solche wertvollen Freunde hütet man als Wolf, und nützt es auch dann nicht aus, wenn sie gelegentlich schwächeln.
Dass Wölfe aber auch anders können, zeigt ein grausiger Vorfall im schwedischen Zoo Kolmården, von dem in diesem Buch noch zu lesen sein wird. Nein, Wölfe und andere Tiere sind nicht „unberechenbar“, sondern sehr verlässlich im Umgang, wenn man sie gut kennt und respektiert. Menschen fallen überwiegend anderen Menschen zum Opfer, und nur in geringem Ausmaß mehr oder weniger wilden Tieren. Der Mensch bleibt des Menschen gefährlichster Wolf.
Das Bild der Wölfe in der Öffentlichkeit
Seit der Altsteinzeit sind Wölfe Aufreger und Hingucker – sonst hätten wir heute keine Hunde. Ob man Wölfe respektiert, sie fürchtet, liebt oder hasst, hängt von der eigenen Erfahrung, den Erzählungen in Familie und Gesellschaft und dem Wissen über sie ab. Die meisten Menschen kennen Wölfe nur vom Hörensagen. Es scheint, als würden im Zeitalter der digitalen Echokammern alte Märchen, Aberglaube und gezielte Fehlinformation mehr denn je das Bild vom Wolf verzerren. Eine entspannte Mehrheit der Bevölkerung Europas sieht den Wolf zwar als schützenswerten Teil des Ökosystems – aber ähnlich wie beim Thema Corona machen extreme Minderheiten die öffentliche Diskussion über Wölfe zur dissonanten Kakophonie. Manche überhöhen die Wölfe als magische Tiere mit besonderen Eigenschaften geradezu esoterisch, von anderen wiederum werden sie immer noch gefürchtet, gehasst und verfolgt. Wider besseres Wissen, aber Wissen hat nicht nur in Sachen Wolf einen schweren Stand gegen Emotionen und Vorurteile. Ärgerlich, denn nicht Aberglaube und Desinformation werden die Probleme der Weidetierhalter lösen. Ein konfliktarmes Zusammenleben mit Wölfen, wie auch mit den anderen großen Beutegreifern Bär, Luchs und...




