E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Kotte Abriss Leipzig
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-86789-604-7
Verlag: BEBUG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-86789-604-7
Verlag: BEBUG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Henner Kotte, geboren 1963 in Wolgast, studierte Germanistik in Leipzig, Moskau und Dresden und arbeitet heute als Schriftsteller, Redakteur und Theaterkritiker.
Autoren/Hrsg.
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1
Licht verschob die Szenerie ins Unwirkliche. Scheinwerfer. Blaulicht. Fotoblitze. Schatten erhoben das Kopfsteinpflaster zum Relief. Das Fabrikgebäude zeigte hinter zerschossenen Fenstern markantes Weiß, das sich im Inneren verlor. Davor alles Gebüsch wirkte bedrohlich. Die wechselnde Beleuchtung ließ Gestalten vermuten, die manchmal auch Schatten waren. Auf Gehweg und Fahrbahn hasteten Menschen ohne erkennbares Ziel. Zurufe hallten. Am gegenüberliegenden Straßenrand sammelten sich Schaulustige. Vielleicht nahmen sie an, ein Film würde gedreht. Stets drehten Fernsehteams an makaberen Orten in dieser Stadt. Ein Beamter in Uniform sperrte mit rot-weißem Band ab. Ohne hörbaren Protest verfügten sich die Betrachter zum Pfarrfelde und in Richtung Eisenbahnbrücke. Hinter der Absperrung bezogen sie Stellung und waren sich sicher, dass ihnen nichts entgehen würde. Und ihren Augen entging nichts. Erst recht nicht die Ankunft des Stars.
Für den ankommenden Wagen hoben Polizisten das Absperrungsband. Fehlte noch, dass sie einem die Autotür öffnen. Lars Kohlund traf ohne gute Laune am Ort des Geschehens ein. Es war April, Freitag, Nacht. Noch nie in seinem Beruf war es Kohlund passiert, dass er zur Dienstzeit an einen Tatort gerufen wurde. Das ersehnt freie Wochenende war nicht mehr frei. Das wusste Kohlund beim Klingeln des Handys und der angezeigten Nummer. Seine Kinder waren vielleicht froh, dass sie Vaters Anwesenheit daheim nicht ertragen mussten. Die Gattin lächelte nicht, als er ihr den Kuss auf die Wange setzte. Die Familie hatte einen Ausflug in die Heide beschlossen mit Oma, Opa und einem Festessen am Sonntag. Warum passieren die Katastrophen im Leben nie am Montag 7 Uhr 30?
»Links am Pfeiler.«
Der Kommissar hätte sagen können, das sähe er selber, aber er schob Kollegin Schabowski ohne ein Wort zur Seite. Sie folgte ihrem Chef langsam. Der Knabe saß auf dem Bürgersteig, unbeweglich, starr, saß wie erfroren. Der Oberkörper lehnte am steinernen Sims eines Zauns. Ein dazugehörendes Eisengitter hatte wahrscheinlich der letzte Verwalter des maroden Betriebes vor der Insolvenz oder danach noch zu Geld gemacht. Die Männer der Schnellen Medizinischen Hilfe konnten nicht mehr helfen. Sie standen ohne Aufgabe umher und im Weg. Man hatte den Arzt gebeten, zu bleiben und nach dem Tod Diagnosen weiterzugeben. Doch bislang hatte keiner den Doktor gefragt.
Der tote Junge am Rande des Bordsteins zählte kaum vierzehn. Das Gesicht zeigte noch alle kindlichen Züge. Den Bart hatte sich der Knabe wohl niemals gestutzt, Haare kräuselten an den Schläfen, am Kinn zwirbelten sie schüchtern, über der Lippe waren sie Flaum. Seine Augen blickten groß, aber leer auf den Straßenverkehr, der nicht mehr durchkam. Die Beine ausgestreckt in weiten, blauen, fleckigen Jeans. Turnschuhe, an denen man sich die Schnürsenkel sparen konnte, an der großen Zehe links mit einem Riss. Brauner Strumpf. Gelber Gürtel. Weites Sweatshirt. Darunter noch ein Shirt, schwarz. Pelle Pelle, las Kohlund, was auch immer das hieß. Eine Hand des Knaben lag auf dem gelben Klinker des Mauersimses. Die andere befand sich zwischen den Beinen. Oberbauch rechts eine Wunde. Der Fleck im Shirt war klein, unauffällig und vergrößerte sich nicht. Drei Spuren waren im Fleece herunter gelaufen. Mit Fantasie wäre ein dreibeiniges Pferd oder ein Reh im Blutfleck zu erkennen. Auch auf dem Bürgersteig Blut, eine Lache, die langsam trocknete.
»Als wir kamen, war es zu spät.«
»Womit hat man es getan?«
»Messer. Vermutlich. Die Wundränder sind glatt. Die Klinge nicht sehr breit. Ein Zentimeter. Eins Komma fünf. Kann man schwer sagen. Nicht breiter als zwei.«
»Gefunden? Das Messer.«
»Ich nicht, Herr Kommissar.«
Es war der Arzt, der Kohlund die Fragen beantwortete. Die Schabowski stand mit Berger von der Technik und gestikulierte. Ihn beachtete sie nicht. Er hätte sie als Erstes um die Details bitten müssen, das wusste Kohlund genau. Aber er mochte Agnes Schabowskis herablassende Art nicht. Schon gar nicht am Wochenende und in der Freizeit. Danke, sagte Kohlund zum Doktor.
»Irgendetwas Auffälliges?«
»Nein … außer Mord.«
»Ja, sicher.«
Der diensttuende Retter konnte sein Diplom noch nicht lang in der Tasche haben, so wie der ausschaute: Brille. Fehlgeknöpfte Jacke. Die Arzttasche offen im Rinnstein. Kohlund blickte in die hektischen Augen. Der Doktor senkte den
Blick.
»Gut denn, dann wünsche ich weiter ruhigen Dienst.«
»Ein Protokoll?«
»Ja, sicher. Machen Sie im Funkwagen die notwendigen Angaben. Es gibt einen Vordruck.«
Der junge Doktor schaute verständnislos.
»So selten sind in Deutschland Leichenfunde nun auch wieder nicht, als dass es keine Formulare dafür gäbe.«
Mit der Hand wies Kohlund auf einen Beamten.
»Protokoll und unterschreiben!«
Der Beamte nickte. Der Doktor rückte die Brille und ging. Beruflich wahrscheinlich sein erster Kontakt mit der Kriminalpolizei, wenn nicht überhaupt in seinem jungen Leben.
»Und?«
Kohlund hatte Grischa Mergenthin nicht kommen hören. Jetzt stand er neben ihm: Lächelnd. Frisch. Voller Elan. Der fühlt sich niemals gestört, stellte Kohlund unwillig fest, dabei
ist der Mann doch liiert und hatte gewiss Pläne für diesen Abend gehabt. Lars Kohlund zuckte die Schultern.
»Die Schabowski war als Erste vor Ort.«
Agnes Schabowski hatte Berger von der Technik eingewiesen und kam mit einem fragenden Blick auf die Kollegen zu.
»Er hat selbst noch die Rettung gerufen.«
Ihre Hand zeigte auf Handy und Discman, beides lag exakt parallel und rechtwinklig vor dem Sims. Vielleicht hatten die Männer der Ersten Hilfe es so sorgsam abgelegt. Der Junge hatte schwerverletzt noch die Nummer getippt. Schnell! Ich verblute! Linkelstraße Fabrik! hatte die Leitstelle vermerkt, dann hatte am anderen Ende niemand mehr gesprochen. Nur Atmen war noch zu hören. Der Rettungswagen war unverzüglich gestartet.
Zwischenzeitlich hatte ein Ehepaar, angetrunken, wohl auf dem Heimweg von einer Fete und in Jubiläumsstimmung, den Jungen gefunden. Sie hatten der Rettung nochmals die genauen Daten telefonisch vermittelt, sie mussten ihrer menschlichen Pflicht nachkommen. Ohne Frage. Ohne Verzögerung. Neben dem Jungen gekniet hätten sie, und der hätte noch in Richtung Müllplatz, Rathaus Wahren gedeutet, sagten sie aus. Sie hatten nicht verstanden, was dies bedeuten könnte. Der junge Mann lag allein. Kein anderer Mensch war auf der Straße zu sehen. Der Gatte war jedoch einige Meter in die gewiesene Richtung gelaufen, gefunden aber hatte er nichts. Außer diesen Kopfhörern. Die lagen genau unter der nächsten Laterne. Die brannte, sagte er tonlos, die anderen brannten hier nicht. Die Frau hatte sich den Jungen an die Brust gelehnt und gesagt und immer wieder gesagt: Hilfe kommt. Hilfe ist unterwegs. Halte aus! Doch der Junge hätte das Bewusstsein verloren und immer noch stärker geblutet, gespuckt, schwallweise, sodass ihr Mantel viel abbekommen hätte, nicht zu reinigen und zum Wegschmeißen sei. Die Gattin zeigte Kohlund das teure Stück.
»Und dann?«
»Kam die Schnelle Medizinische Hilfe. Aber der Junge hat nicht mehr gelebt. In meinen Armen ist er gestorben. In meinen Armen!«
»Hat er noch etwas gesagt?«
»Er wollte … aber immer nur Blut … es war schrecklich.«
Die Frau kämpfte sichtbar mit ihrer Erinnerung. Lars Kohlund bat die Schabowski, sich um die Zeugen zu kümmern, das Protokoll aufzunehmen und für einen schnellen Heimweg zu sorgen. Den Kopfhörer steckte er ins Gerät, das noch lief. Er passte. Kohlund schaltete ab. Nicht das neuste Modell, aber unabdingbar in diesem Alter der Jugend. Nur einen Walkman ließ die Mode nicht zu. Kohlunds Tochter lag ihm jeden Tag in den Ohren, dass ihrer nicht mehr die volle Lautstärke erreichte. Das musste sich ändern.
Der Gatte hatte zwischenzeitlich der weinenden Gattin den Arm um die Schultern und den blutigen Mantel gelegt. Sie liefen langsam. Die Schabowski schritt stumm hinterher. Grischa Mergenthin lächelte nicht mehr und wandte sich ab.
Ein junger Mann, ein Knabe noch: tot. Jemand trug Schuld an diesem Sterben, da waren die Kriminalisten sich sicher. Es konnten keine natürlichen Gründe sein, die dieses Leben beendet hatten, selbst wenn die Indizien nicht eindeutig wären. Woran starb man denn mit vierzehn, wenn einen die Pest, Autos, Blutkrebs nicht eingeholt hatten? Natürlich konnte die Todes-
ursache nicht sein. Äußerlich hatte der Arzt nur einen Stich festgestellt. Der Einstich kaum sichtbar, erstaunlich schmal muss die Klinge gewesen sein. Die Kommissare standen auf offener Straße und wurden begafft. Alle anderen Beteiligten wussten zumindest, was sie zu tun hatten.
»Ausweis? Weiß man, wer’s ist?«
»Sie haben bislang nichts gefunden. Auch kein Geld.«
»Aber wenn er überfallen worden ist …«
»Danach sieht es aus, ja …«
»… ist das vielleicht nicht genau hier geschehen.«
»Schauen wir mal. Die Kopfhörer lagen unter dieser Laterne.«
Kohlund und Mergenthin bückten sich unter der Absperrung durch. Die Schaulustigen machten ihnen Platz. Noch gab es für sie etwas zu sehen: Der Wagen des Bestattungsinstituts war gekommen. Der Knabe wurde sorgsam auf eine Trage gebettet, ein Laken legte man ihm übers Gesicht. Selbst jetzt noch färbte es sich stellenweise rot. Kohlund glaubte ein unterdrücktes Weinen zu hören, konnte aber nicht feststellen von wem. Mehrere Frauen kneteten Taschentücher in...




