E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Kotte Die Tote aus dem Zöffelpark
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-95958-769-3
Verlag: Bild und Heimat Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
und zwei weitere wahre Verbrechen aus dem Bezirk Chemnitz
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-95958-769-3
Verlag: Bild und Heimat Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Henner Kotte, geboren 1963, studierte Germanistik in Leipzig, Moskau und Dresden und lebt heute als Schriftsteller, Redakteur, Theaterkritiker und Stadtführer in Leipzig. Zuletzt erschienen bei Bild und Heimat u. a. Der Opfermord von Belmsdorf (2018) und Populäre sächsische Irrtümer (2017), Flucht über die Todeszelle (2017).
Autoren/Hrsg.
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Notruf! Plauen, Jößnitzer Straße 119
Plauen, 1959
»Wir sind Analphabeten, wenn es um Gefühle geht.
Und das ist eine traurige Tatsache,
nicht nur, was dich und mich betrifft,
sondern praktisch alle Menschen sind es.
Wir lernen alles über den Ackerbau in Rhodesien
und den Körper
und die Wurzel aus Pi oder wie das heißt,
aber kein Wort über die Seele.«
Ingmar Bergman: Szenen einer Ehe
Der Notruf erreicht die Polizei am Pfingstmontag, den 18. Mai 1959, 20.40 Uhr: »Durch die Abteilung Feuerwehr ist soeben eine Leuchtgasvergiftung gemeldet worden. Wie bisher bekannt wurde, wollte sich dort eine Frau mit zwei Kindern vergiften. Der Unfallwagen ist bereits nach dort ausgerückt. Es wird gebeten, die Ermittlungen aufzunehmen.« Die Polizei handelt. »Unmittelbar nach Erhalt der Mitteilung begibt sich Unterzeichneter an den Tatort in Plauen, Jößnitzer Straße 119, in die Wohnung der II. Etage links, bei Petraschewski. Hier werden zwei Angehörige der Abteilung Feuerwehr angetroffen, welche angeben, daß eine Leuchtgasvergiftung vorliegt, von der eine Frau und deren zwei Kinder betroffen wurden«, notiert Kriminalmeister Anatol Braun.
»Ich drehe den Gashahn auf!« war nicht nur eine Drohung, es war eine der am häufigsten gewählten Methoden des Suizids. Bis zu 20 Prozent der Selbsttötungen in Deutschland wurden mit Gas verübt, als dieses noch gebräuchlich war, denn es war leicht erreichbar, (fast) jeder Stadthaushalt war ans Gasnetz angeschlossen. Und der Tod durch eine Gasvergiftung galt als (vergleichsweise) sanftes Hinübergleiten ohne Schmerzen.
Stadt- oder Leuchtgas war der Name für den seit der Mitte des 19. Jahrhunderts weitverbreiteten gasförmigen Brennstoff, der zumeist in städtischer Verantwortung durch Kohlevergasung hergestellt wurde. Er wurde zur Beleuchtung der Straßen sowie als Lichtquelle in Wohnungen genutzt. Mit Stadtgas wurden ehedem in Privathaushalten vor allem Küchenherde betrieben, aber auch Durchlauferhitzer zur Raumluft- und Wassererwärmung. Gas war bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts gelebter Alltag. Es setzt sich hauptsächlich zusammen aus Wasserstoff, Methan, Stickstoff und Kohlenmonoxid und birgt tödliche Gefahren, deshalb konnten Krimis das Thema nicht aussparen, unter anderem Ronald A. Knox: Die drei Gashähne (1927), Friedrich Glauser: Die Fieberkurve (1938), Ulrich Völkel: Der vierte Schlüssel (1988), später wird Gas dann in historischen Kriminalromanen zum Todesbringer, unter anderem Ann Granger: Mord wirft lange Schatten (2000), Robert Baur: Mord in Metropolis (2014), Horst Bosetzky: Auf leisen Sohlen (2017). Ein Klassiker der Kriminaldramatik macht Gaslicht gar zu seinem Titel. Die schwankende Lichtintensität im Kronleuchter führt den Detektiv auf die Spur eines brutalen Gattenmörders. Patrick Hamiltons Theaterreißer von 1938 wurde mehrmals als Psycho-Schocker verfilmt, unter anderem von George Cukor als Das Haus der Lady Alquist (1944) mit Ingrid Bergmann als Heldin am Rande des Nervenzusammenbruchs, die der skrupellose Ehemann, gespielt von Charles Boyer, in den Wahnsinn und Selbstmord treiben will.
Die einschlafend tödliche Wirkung des Kohlenmonoxids ließ das Stadtgas also zu einer der bevorzugten Methoden für Selbstmord werden: »Ich drehe den Gashahn auf!« wurde zur Redewendung und zum Faktum. Gerichtsmediziner zählten im Jahr 1925 in New York 388 Suizide mit Gas, dazu drei Morde und 618 unbeabsichtigte Tode. Die explosive Wirkung des Gasgemisches zog oft Unbeteiligte in Mitleidenschaft. So galt der Selbstmord mit Gas als Suizidart mit »sanfter« Wirkung, aber auch als problematisch, wenn das Gas ungehindert in Wohnungen und Häusern ausströmte. Ein Funke kann zur Explosion führen, die oft Menschenleben forderte. Im »Stillen Portier« hing früher in jedem Hausflur auf rotumrandetem Zettel die Notrufnummer und der unterstrichene Hinweis: »Bei Gasgeruch muß Hilfe her!«
Wie auch immer ausgeführt, bis heute ist Selbstmord ein Tabu. »Er ist acht Jahre alt, als sich seine Mutter von ihm verabschiedet. Sie sitzen auf der Couch und schauen fern. Irgendwann, es ist noch gar nicht so spät, steht seine Mutter auf und verschwindet im Bad. Als sie zurückkommt, sagt sie, sie lege sich jetzt schlafen. Er dürfe aber gerne noch fernsehen, solange er wolle. Sie geht ohne Kuss und ohne Umarmung. Vielleicht ahnt der Sohn, was gleich passiert und er sich in seinen schlimmsten Träumen ausgemalt hat.« Komiker-Star Hape Kerkeling offenbart erst als Mann mit fünfzig das Trauma, das ihn als Kind prägte: Seine Mutter wählte den Freitod.
Das selbst herbeigeführte Lebensende ist eine plötzliche und endgültige Zäsur, die alle Mitglieder der Familie, Freunde und Bekannte in den Abgrund der Selbstvorwürfe reißt: Was hätte man tun können, merken müssen, helfen sollen? »Im Allgemeinen bildet die vorsätzliche Selbsttötung das Ende eines prozesshaften Geschehens, dem entweder durchaus deutbare Ankündigungssignale oder sogar gescheiterte Suizidversuche vorausgehen. Seltener sind sie das Ergebnis spontaner, kurzschlusshafter Entscheidungen ohne erkennbare Dispositionen. Nicht mehr verkraftbare Lebenssituationen, als unerträglich empfundener Leidensdruck oder unüberwindbare Widersprüche zwischen Anspruchsniveau und Lebensrealität sind die mobilisierenden Elemente für die Motivbildung.«
Der Selbstmord lässt die Hinterbliebenen mit Fragen zurück, auf die sie kaum befriedigende Antworten finden können. Meist bleiben lebenslange Zweifel und ein Gefühl der Schuld und des Versagens.
Plauen, Jößnitzer Straße 119 – ein Mehrfamilienhaus der Gründerzeit, zentrumsnah, vier Stockwerke mit ausgebautem Dachgeschoss. Heute wird das Parterre als Gewerbe vermietet an eine Physiotherapie-Praxis und eine Kanzlei. Am letzten Abend des Pfingstfestes 1959 wurde über einen Notruf die Feuerwehr und ein Rettungswagen alarmiert. Fräulein Fromsdorf, die mit den Petraschewskis Tür an Tür wohnte, besaß einen Telefonanschluss, so waren Retter und Ermittler schnell vor Ort, um zu helfen und den Suizid auf seine Umstände hin zu untersuchen. Die Polizei befragte zunächst die Zeugen und notierte die Aussage der Nachbarin Gudrun Fromsdorf. Sie hatte als Erste den Verdacht geschöpft, dass bei den Nachbarn etwas im Argen liegt, und telefonierte nach dringender medizinischer Hilfe. Sie gibt ihre Wahrnehmungen vom Geschehen zu Protokoll, die dem Abend des tragischen Geschehens vorausgegangen waren:
»Vernehmung eines Zeugen
Plauen, 19.5.1959
Abtl. K, Komm. 1 La.
z. Zt. Hradschin 13
Vernehmender:Kmstr. Anatol Braun
Familienname:Fromsdorf
Vornamen:Gudrun, Charlotte
geb.:12.5.1910 in Plauen
Beruf:Directrice
wohnhaft:Jößnitzer Str. 119
Zur Sache: Ich wohne seit dem Jahre 1915 in dem Haus der Jößnitzer Straße 119 und kann mich noch gut erinnern, als die Familie Petraschewski vor ca. 3 Jahren in das Haus, und zwar in die Wohnung neben meiner zog. Sie brachten damals einen Sohn mit, der jetzt ca. 5 Jahre alt ist. Den zweiten Sohn bekam die Frau, als sie schon bei uns wohnten. Ich kann nicht sagen, wie lange Petraschewskis verheiratet sind, ich weiß aber, daß der Herr P. schon einmal in Bergen verheiratet war.
Seit ca. 1 Jahr geht die Ehe nicht mehr besonders gut. Ich bemerkte dies daran, weil es immer einmal zu Auseinandersetzungen gekommen ist, was ich in meiner angrenzenden Wohnung sehr gut hören konnte. Ich verstand zwar nicht, weshalb es immer einmal Zank gegeben hatte, aber man konnte deutlich vernehmen, daß der Herr Petraschewski schimpfte. Die Frau gab ihm meistens keine Widerrede, denn sie sagte einmal zu mir, daß sie lieber ruhig ist, da sei ihr Mann eher wieder beruhigt. Sonst kenne ich seinen Charakter nicht. Ich möchte eigentlich sagen, daß er ganz angenehm ist, wenn er sich mit einem unterhält.
Vor ca. 1 Jahr wurde der Herr Petraschewski seiner Frau gegenüber auch einmal tätlich. Die Frau kam in der Nacht im Nachthemd zu mir und klingelte. Ich sah, daß sie im Gesicht blutete und auch am Nachthemd war Blut. Sie erzählte mir damals, daß sie wegen der Kinder Schläge bekommen hätte, da sie durch irgendwelche Umstände aufgewacht wären und geschrien hätten. Die Frau Petraschewski wollte sich damals auch scheiden lassen und war schon bei einem Rechtsanwalt, sie wurde aber nicht geschieden.
Später sah ich sie dann nochmals mit einem blauen Auge, und als ich sie fragte, was sie gemacht habe, sagte sie mir, daß sie wieder von ihrem Mann geschlagen worden sei.
Am gestrigen Tage ging ich gegen 18.00 Uhr an die Tür zu Petraschewskis, weil ich der Frau meinen Wohnungsschlüssel geben wollte. Ich habe seit einigen Tagen die Maler in meiner Wohnung, und weil ich berufstätig bin, sollte die Frau Petraschewski die Maler am folgenden Tag in meine Wohnung lassen, damit sie weiterarbeiten können. Es öffnete mir der Herr Petraschewski und sagte: ›Bitte kommen Sie herein.‹ Er war also sehr freundlich zu mir. Wie ich in die Küche trat, saß die Frau Petraschewski auf dem Couch und war meiner Meinung nach gerade aufgestanden, was man noch am Couch sehen konnte. Auf meine Frage, was mit ihr sei, sagte sie auch, daß sie schon den ganzen Tag lag, weil es ihr nicht gut ist. Die Frau begann dann, ihre Kinder zu baden, da sie wegen ihres Zustandes den 1. Feiertag nicht dazu gekommen war. Nachdem sie den Kleinen der Söhne gebadet hatte, setzte sie den Großen hinein. Der Herr Petraschewski begann...




