Kotte | Leipziger Heimsuchung | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Reihe: Blutiger Osten

Kotte Leipziger Heimsuchung

und vier weitere Verbrechen
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95958-731-0
Verlag: Bild und Heimat Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

und vier weitere Verbrechen

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Reihe: Blutiger Osten

ISBN: 978-3-95958-731-0
Verlag: Bild und Heimat Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Money, money, money / must be funny / in the rich man's world. Nicht nur die Spaßgesellschaft lässt Menschen nach dem Gelde streben. Seitdem Zahlungsmittel im Umlauf, versucht man mehr davon zu bekommen, um sein Leben angenehmer zu gestalten. Straftaten aus materieller Bereicherung sind nicht nur Raub und Raubmord, auch betrügerischer Bankrott, Falschgeldherstellung, Insolvenzverschleppung, Unterschlagung, Steuerhinterziehung, Anlagebetrug ... die Schlagzeilen letzter Jahre beweisen, dass die Phantasie auch hier keine Grenzen setzt. Doch die Praktiken gleichen sich über die Jahrhunderte in erstaunlicher Weise. Vorgeführt am Beispiel einer Stadt: Leipzig. Allein, sie steht für viele. Und auch vor Ort könnten der Verbrechen mehr aufgezählt werden ...

Henner Kotte studierte Germanistik in Leipzig, Moskau und Dresden und arbeitet heute als Schriftsteller, Redakteur und Theaterkritiker. Er lebt in Leipzig. Zuletzt erschien im Verlag Bild und Heimat in der Reihe Blutiger Osten Schüsse im Finsteren Winkel (2013).
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Aufstieg und Fall eines Schankwirts

»… siehst Du denn nicht ein, daß wer die Menschen betrügen will, es ja nicht zu fein anfangen muß? So wie es fein ist, wird ja auch der Scharfsinn Jener geweckt, sie werden aufmerksam, denken, passen auf, und das Kunstwerk steht auf der Nadelspitze. Grob, plump muß der Menschenkenner zu Werke gehn. Die sich dann nicht damit einlassen wollen, wenden sich ganz ab, und auch das ist Gewinn; die Andern denken: Nein, so einfältig ist doch Keiner, die Sache zu erfinden, wenn nicht irgend Etwas daran wäre. Sagst Du ihnen, Du hast Carl den Zwölften gekannt, so lachen sie Dir ins Gesicht, behauptest Du aber dreist, Du habest mit Johann Huß Brüderschaft getrunken, so glauben sie Dir.«

Ludwig Tieck: Die Wundersüchtigen (1831)

18. Jahrhundert. Deutschland in Unruhe. Traditionen und Althergebrachtes stellte man in Frage. Der Bürger empfand Glück als sein individuelles Recht und erhob darauf persönlichen Anspruch. Die »Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.«

Die Universitätsstadt Leipzig tat sich schwer mit freiem Geist und neuer Weltanschauung. Gottfried Wilhelm Leibniz und Christian Thomasius fanden mit innovativen Ideen in Wissenschaft und Politik an der Alma Mater Lipsiensis keinen Zuspruch und verließen ihren Geburtsort im Groll. Trotz alledem blieb Leipzigs guter Ruf als Handelsmetropole und Universitätsstadt weit über die Landesgrenzen hinaus erhalten.

Vater Goethe ließ 1765 seinen Sohn Johann Wolfgang in Leipzig Rechtswissenschaft studieren. Der junge Mann war vom großstädtischen Flair begeistert. »Als ich in Leipzig ankam, war es gerade Meßzeit, woraus mir ein besonderes Vergnügen entsprang: denn ich sah hier die Fortsetzung eines vaterländischen Zustandes vor mir, bekannte Waren und Verkäufer, nur an anderen Plätzen und in einer anderen Folge. Ich durchstrich den Markt und die Buden mit vielem Anteil; besonders aber zogen meine Aufmerksamkeit an sich, in ihren seltsamen Kleidern, jene Bewohner der östlichen Gegenden, die Polen und Russen, vor allen aber die Griechen, deren ansehnlichen Gestalten und würdigen Kleidungen ich gar oft zu Gefallen ging. Diese lebhafte Bewegung war jedoch bald vorüber, und nun trat mir die Stadt selbst mit ihren schönen, hohen und unter einander gleichen Gebäuden entgegen, die machte einen sehr guten Eindruck auf mich, und es ist nicht zu leugnen, daß sie überhaupt, besonders aber in stillen Momenten der Sonn- und Feiertage, etwas Imposantes hat, so wie denn auch im Mondschein die Straßen, halb beschattet, halb erleuchtet, mich oft zu nächtlichen Promenaden einluden. Indessen genügte mir gegen das, was ich bisher gewohnt war, dieser neue Zustand keineswegs. Leipzig ruft dem Beschauer keine altertümliche Zeit zurück; es ist eine neue, kurz vergangene, von Handelstätigkeit, Wohlhabenheit, Reichtum zeugende Epoche, die sich uns in diesen Denkmalen ankündet. Jedoch ganz nach meinem Sinn waren die mir ungeheuer scheinenden Gebäude, die, nach zwei Straßen ihr Gesicht wendend, in großen, himmelhoch umbauten Hofräumen eine bürgerliche Welt umfassend, großen Burgen, ja Halbstädten ähnlich sind. In einem dieser seltsamen Räume quartierte ich mich ein, und zwar in der Feuerkugel zwischen dem Alten und Neuen Neumarkt.«

Es war die Zeit, da die Feudalstruktur in Deutschland zu zerbrechen begann. Hof und Kirche verloren im gesellschaftlichen Leben an Einfluss. Gott war man höchstselbst, zumindest im Gedicht: »Hier sitz’ ich, forme Menschen / Nach meinem Bilde, / Ein Geschlecht, das mir gleich sei, / Zu leiden, weinen, / Genießen und zu freuen sich, / Und dein nicht zu achten, / Wie ich!« Prometheus heißt der Held bei Goethe, und sein Werther handelt nach eigenem Willen bis hin in die lebensendliche Konsequenz. Zwei oft zitierte Sinnbilder für das erwachte bürgerliche Selbstbewusstsein. In dessen Folge entledigte sich auch der Alltag des gemeinen Volkes überkommener Zwänge.

Solcher gesellschaftlicher Wandel wurde auch im Privaten und in Medien diskutiert. Offenheit provoziert zwangsläufig auch das Gegenteil. Geheimes wurde bei geheimen Veranstaltungen vorgetragen, die nur auserwählten Mitgliedern zugänglich waren und meist der eignen Vorteilsnahme dienen sollten: Zugewinn an politischem Einfluss, finanzielle Besserstellung, Befriedigung sexueller Gelüste. Zu deren Durchsetzung schreckte man auch nicht vor kriminellen Machenschaften zurück, sie scheinen zwangsläufig zu geheimen Bündnissen zu gehören. Sie sind ihnen immanent. Denn »ein Komplott muß, wenn es denn eines sein soll, geheim sein. Es muß ein Geheimnis geben, dessen Kenntnis, hätten wir sie, uns frustrieren würde, denn entweder wäre es das Geheimnis, das uns zum Heil führt, oder die Kenntnis des Geheimnisses wäre mit dem Heil identisch. Gibt es so ein leuchtendes Geheimnis? Gewiß, vorausgesetzt, es wird nie enthüllt. Einmal enthüllt, würde es uns nur enttäuschen.«

Geheimgesellschaft. Geheimlehre. Geheimwissen. Der Mensch vertraut nur allzu gern jenen, die auf leichtem Wege Gesundheit, Geld und Liebe versprechen. Für den erwarteten Erfolg ist man bereit, (fast) jeden Preis zu zahlen. Okkultisten, Propheten, Scharlatane. Aufschneider und Hochstapler mit klingenden Namen gehören zur damaligen Zeit: Casanova, Cagliostro oder der Graf von Saint Germain. Den charakterisieren Zeitgenossen so: »Er ist ein hochbegabter Mann mit hellwachem Verstand, doch ohne jede Urteilskraft. Er hat seinen einzigartigen Ruf nur durch erniedrigendste und gemeinste Schmeichelei erworben, deren ein Mensch fähig ist, und durch seine außerordentliche Eloquenz, mit der er sich, insbesondere wenn man sich von dem Eifer und Enthusiasmus mitreißen lässt, artikulieren kann. Die Triebfeder seines Handelns ist seine bodenlose Eitelkeit. Er ist anregend und unterhaltend in Gesellschaft, so lange er nur erzählt. Doch sobald er versucht, eigene Gedanken zu entwickeln, kommt seine ganze Schwäche zum Vorschein. Doch wehe dem, der ihm widerspricht.«

Einflussreiche Persönlichkeiten, Kurfürsten und Könige erlagen dem Charme und den Versprechen solcher Wahrsager und Heilsbringer und Alchimisten. Johann Friedrich Böttger schuf August dem Starken statt echtem Gold das weiße Meißner Porzellan. Preußens König Friedrich Wilhelm I. ließ sich von seinen toten Vorfahren beraten, mit denen er in gut organisierten Beschwörungsritualen kommunizierte. Und Goethes Faust versucht mit zauberischen Mitteln, der unbefriedigenden Situation zu entfliehen und endlich zur umfassenden Welterkenntnis zu gelangen: »Es möcht kein Hund so länger leben! / Drum hab ich mich der Magie ergeben, / Ob mir durch Geistes Kraft und Mund / Nicht manch Geheimnis werde kund.«

Mysterienkulte und geheime Riten existieren seit alters her. In der Zeit »der Aufklärung entfaltete sich im Zuge des Strukturwandels der Öffentlichkeit ein reges Vereinsleben jenseits der vormodernen Vergesellschaftungsformen von Hof und Kirche, das in Teilen in Form von Geheimbünden ablief. Als Ursache für die verbreitete Arkanpraxis sind vor allem die Repressionen des absolutistischen Staates zu nennen, dem alle Treffen verdächtig waren, in denen eine die Ständegesellschaft transzendierende Gleichheit und eine das staatliche Deutungsmonopol missachtende freie Meinungsäußerung praktiziert wurden.«

Insbesondere die Logen der Freimaurer gerieten schnell in einen sagenhaften und unheimlichen Ruf. Einst als Berufsvereinigung der Steinmetzbruderschaften entstanden, gaben sie diese Kenntnisse und Praktiken nur in der verschworenen Gemeinschaft weiter. Die war hierarchisch aufgebaut, und die Mitgliedschaft folgte strengen Regeln. Die Geheimnisse und gepflegten Rituale drangen nicht nach außen. Omertà: Jeder Einzelne ist eine Wand. Zu Beginn der aufklärerischen Zeit verteidigten die Freimaurer oft Bürgerrechte gegen einen repressiven Staat. Sie verfolgten humanistische Ziele und arbeiteten an der eigenen Vervollkommnung (des Individuums) und für eine bessere Welt durch Kultur und Bildung. Liberté, Égalité, Fraternité: Deutsche Freimaurer-Verbände trugen wesentlichen Anteil an der Verbreitung der Ideale der Französischen Revolution. Berühmte waren den Logen (zumindest nominell) beigetreten: Klopstock, Lessing, Goethe, Heine, Leopold und Wolfgang Amadeus Mozart, aber dann auch Anton Philipp Reclam, Gustav Stresemann oder Carl von Ossietzky.

1736: Die erste Freimaurerloge in Leipzig, sie blieb namenlos. »Bis 1741 eine Gruppe junger Bürgerlicher und Adliger die nächste Loge gründete: Aux trois compas – Zu den drei Zirkeln. Sie machte Leipzig zur Kulturstadt. Von den Brüdern ging die Gründung des Großen Concerts, später des Nachfolgers des Gewandhaussorchesters aus, des ersten Theaters, der ersten bürgerlichen Schule für alle, also auch für Mädchen, was die Kirche gar nicht gern sah, usw. Aber sie traten nicht als Freimaurer auf, sondern als Bürger.« Aber alsbald begannen der ethische Anspruch und die demokratischen Strukturen in der Organisation zu zerfallen. Mitglieder des hohen Adels besetzten freimaurerische...


Henner Kotte studierte Germanistik in Leipzig, Moskau und Dresden und arbeitet heute als Schriftsteller, Redakteur und Theaterkritiker. Er lebt in Leipzig. Zuletzt erschien im Verlag Bild und Heimat in der Reihe Blutiger Osten Schüsse im Finsteren Winkel (2013).



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