Kraft | Die Nihilit-Expedition | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 280 Seiten

Reihe: Edition Ustad

Kraft Die Nihilit-Expedition


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7802-1651-9
Verlag: Karl-May-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 280 Seiten

Reihe: Edition Ustad

ISBN: 978-3-7802-1651-9
Verlag: Karl-May-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Auf der Suche nach der Quelle des geheimnisvollen Nihilitstahls stoßen die drei Überlebenden einer Forschungsexpedition auf das unbekannte Volk der Wuloden. In einem abgeschotteten Tal im Innern der australischen Wüste hat es sich eine Oase geschaffen, in der mörderische Gesetze das Leben und Überleben regeln.

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Erstes Kapitel


Mein Vater war Deutscher, meine Mutter Engländerin und ich bin in England geboren. Dies genüge für meine Personalien. Ich studierte Ingenieurwissenschaften, erst in London, dann in Berlin, bis der Tod des Vaters, dem schon die Mutter vorausgegangen war, mich wegen Mittellosigkeit zwang, mir mein Brot auf irgendeine Weise selbst zu verdienen. Englische Unternehmer projektierten in Adelaide den Bau einer großen Brücke. Ich schrieb, wurde angenommen, fuhr auf meine Kosten hin, fand meine und jede andere Stelle bereits besetzt und konnte nichts dagegen tun. Das Gesetz erklärte den im Ausland brieflich zwischen England und Deutschland geschlossenen Kontrakt für ungültig. Obwohl mich meine Kenntnisse, glaube ich sagen zu dürfen, zu einer anderen Stellung befähigten, musste ich dreiundzwanzigjähriger junger Mensch mich glücklich schätzen, in der damals von Technikern überschwemmten Stadt gleich in der Waffen- und Fahrradfabrik Cunning & Kompanie als Hilfszeichner anzukommen.

Der Studiosus zum ersten Mal in der Praxis, erst dreiundzwanzig Jahre alt! Natürlich würde ich innerhalb eines Jahres mindestens Subdirektor der Firma Cunning & Kompanie sein, so viel Erfindungen und Verbesserungen würde ich gemacht haben. Die ganze Fabrik wollte ich umkrempeln!

Also, ich sah mich um in dem Etablissement, dem ich vorläufig noch als letzter Zeichner angehörte. Zufällig fielen meine Blicke zuerst auf einen Gegenstand, der nur ganz indirekt mit unserem Fabrikat zusammenhing: auf den Laufmantel. Wie oft schon hatte ich mich geärgert, wenn der armselige Luftschlauch aus dünnem Kautschuk aus der dicken, soliden Guttapercha[1] bei großer Hitze urplötzlich eine große Blase heraustrieb, und immer war mir dabei dunkel zum Bewusstsein gekommen, dass hier ein Missverhältnis vorliege, welches zu beseitigen gehe, die Guttapercha müsse nur durch technische oder chemische Operationen widerstandsfähiger, auch gegen den Druck von innen, gemacht werden.

Erwähnen muss ich noch, dass mein Vater Agent für Guttapercha und Kautschuk gewesen ist, ich war mit diesen beiden Substanzen sozusagen aufgewachsen. Ich wusste, wie man in Brasilien und in Indien die Bäume anschneidet, um das Harz zu gewinnen, und ich sah es im Geiste alle Operationen durchmachen, bis es als indisches Kautschuk mit Luft vollgepumpt wird und als südamerikanische Guttapercha die Luft wieder herauslässt.

Ein ganzes Jahr studierte und experimentierte ich und dann war es fertig. Wirklich eine großartige Erfindung, die ich zum Patent anmeldete – aber sie war schon vorher von einem anderen gemacht worden. Und so ging es immer. Alle meine Erfindungen und Verbesserungen waren bereits erfunden und verbessert worden.

Schadet nichts, man lernt etwas dabei, und ich ahnte damals noch nicht, was für Nutzen es mir später noch bringen sollte.

Dennoch wurde ich rasch befördert, nur aus ganz anderer Ursache. Von jeher ein eifriger Sportsjünger trug ich auf einem Elektrikrad – dies der Name unserer Marke – auf der Rennbahn einen großen Sieg davon und am anderen Tag hatte ich einige Zeichner unter mir. Ein halbes Jahr später gewann ich in sieben Stunden und einigen Minuten das Straßenrennen Adelaide-Vincent, ebenfalls auf dem Elektrik, und ich avancierte zum Konstrukteur. Was das Beinetrampeln mit dem Konstruieren zu tun hat, weiß ich zwar nicht, aber die Erfahrung habe ich gemacht, dass beim fixen Beinetrampeln sicherer etwas herauskommt als beim Erfinden – nur muss man sehr fix strampeln. –

Kommt eines Tages ein junger Franzose, gibt seine Karte ab – Charles Leonard – wünscht den Herrn Direktor zu sprechen, wird vorgelassen, sagt, er wolle sich eine Elektrikmaschine kaufen, was ihm dafür bezahlt würde, wenn er nach Southport radele.

„Wohin? Was für ein Southport ist das? Was wünschen Sie eigentlich?“

„Southport an der Timorsee, Endstation der Telegrafenlinie, immer die Telegrafendrähte entlang. Was zahlen Sie, wenn mir’s gelingt?“

Quer durch Australien! Auf dem Rad! Der junge Mensch war einfach verrückt. Oder er hatte keine Ahnung, wie die Gegend schon hundert Meilen von hier aussieht. Ja, von Adelaide quer durch Australien nach Southport, ungefähr Stuarts Weg nehmend, ist eine Telegrafenlinie gelegt, alle vierzig Meilen ist auch eine Station da, manchmal ist auch keine da – es war ja die reine Unmöglichkeit! Ich hatte zudem Gelegenheit gehabt, Monsieur Leonard im Wartezimmer zu beobachten, und während ich die Franzosen immer keck und lebhaft gefunden hatte, machte dieses Männchen hier, wie es in der Ecke saß und teilnahmslos vor sich hin stierte, nicht nur einen sehr bescheidenen, sondern sogar höchst stumpfsinnigen Eindruck.

„Tausend Pfund Sterling“, sagte der Direktor, um den verrückten Menschen schnellstens loszuwerden. Ein Risiko ist ja nicht vorhanden, er will sich seine Maschine selbst kaufen. Denn für die Briefe derer, welche mindestens eine Maschine geliefert haben wollen, um die Erde oder was anderes zu umradeln, hat wohl jede Fahrradfabrik einen besonderen Papierkorb.

„Bon!“, und ehe der Unglückliche zurückgehalten werden kann, ist er schon abgefahren, hat wenig mehr mitgenommen als ein belegtes Butterbrot zum Frühstück.

Etwa einen Monat später erhält der Direktor eine Depesche von der Mac Donall-Station, die angeschlossen ist – Monsieur Leonard beweist, dass er schon mitten im Herzen Australiens ist, und eine Eisenbahnfahrgelegenheit gibt es da nicht – und am 57. Tag nach seiner Abfahrt von Adelaide meldet er seine Ankunft in Southport und zwölf Tage später gibt er uns wieder seine Karte ab, und weil der Direktor gerade abwesend ist, sitzt er wieder in seiner Ecke, stumpfsinnig vor sich hinblickend, ab und zu gähnend. Unser Direktor ist natürlich voller Enthusiasmus. Allein Monsieur Leonard lässt sich auf nichts ein, will keine Festlichkeiten haben, kein Buch herausgeben, nicht einmal viel von diesen Erlebnissen erzählen, er verlangt nur seine tausend Pfund Sterling. –

Ob sich der wortkarge Mensch unserem Direktor doch noch anvertraut hat oder wie es sonst gekommen ist, weiß ich nicht. Charles Leonard ist verwegen wie ein Teufel und kalt und stumm wie ein Schneemann. Sein eigentümlicher Charakter und auch die Ursache desselben wird in meinem Tagebuch genügend erklärt. Ich erfuhr von alledem erst, als ich in der Privatwohnung des Herrn Cunning senior diesem selbst mündlich und schriftlich mein Ehrenwort abgeben, förmlich beeiden musste, über alles, was ich erfahren würde, Stillschweigen bis ins Grab zu wahren, und jede einzelne Hauptperson der Nihilit-Expedition musste es tun.

Hiermit breche ich mein Ehrenwort. Es gibt etwas, was noch über das Ehrenwort geht. Ich weiß nicht, ob außer uns dreien noch einer von der Nihilit-Expedition am Leben ist. Ich glaube nicht. Ich stehe mit meinen beiden Kameraden und mit meiner Braut vor einer Flucht, die uns durch unbekannte Wüsten führt, und wir werden morgen schon von kundigen Jägern verfolgt werden, die schneller sind als wir. Ich zweifle daran, dass uns die Flucht gelingen wird, aber es gilt, die ganze Menschheit vor einer furchtbaren Gefahr zu warnen, welche ihr aus dem Inneren Australiens droht, dass sie zum Kampf wappnet, und nur ich vermag das Mittel anzugeben, wie die heutige Menschheit siegreich aus dem Kampf hervorgehen kann. Denn mein Tod allein würde genügen, unsere ganze Kultur dem Verfall preiszugeben. Charles Leonard ist ein ungebildeter Mann, und Sanja wäre, würde sie ohne mich die Grenzen der Zivilisation erreichen, wie auf einen fremden Planeten versetzt.

Jetzt weiß ich, dass mir mein Ehrenwort von einer Clique aus krassestem Egoismus abgezwungen worden ist. Aber so soll es nicht sein! Das Geheimnis, das ich entdeckt habe, soll der gesamten Menschheit zugutekommen und nicht nur wenigen Personen zum pekuniären Vorteil dienen.

So schiebe ich folgende Erklärung meinem Tagebuch ein, in der Hoffnung, dass nach meinen etwaigen Tod wenigstens dieses Tagebuch von einem meiner Mitmenschen gefunden wird, zur Rettung und zum unausgesprochenen Segen aller zivilisierten Völker der Erde.

Wenn ich sagte, Charles Leonard hätte zu seiner Radtour quer durch Australien wenig mehr als ein belegtes Butterbrot mitgenommen, so ist dies nicht wörtlich zu nehmen. Ich wollte damit nur die Mangelhaftigkeit der Ausrüstung des französischen Abenteurers andeuten. Gut bewaffnet war er, er hatte nicht nur eine Schachtel Streichhölzer bei sich, sondern ein solides Feuerzeug mit reichlichem Zunder, einen kleinen Wasserschlauch, einige Pfund Hartbrot und präserviertes Fleisch, ebenso viel Pfund Tabak mit dem dazu nötigen Zigarettenpapier und verschiedenes Reparaturwerkzeug, das war aber auch alles. Er hatte nicht daran gedacht, einen Sextanten zur Ortsbestimmung mitzunehmen – wenn er damit umzugehen verstanden hätte – er wollte ja immer den Telegrafendraht entlangfahren – kein Barometer zur Höhenmessung, kein Thermometer, auch keinen Kalender hatte er bei sich gehabt.

So kam es, dass er nicht einmal genau angeben konnte, wie viele Tage er schon wieder unterwegs gewesen war, seitdem er die Mac Donall-Station verlassen hatte, als sich der wundersame Vorfall ereignete.

Sein Wasservorrat war erschöpft. Ob Charles Leonard die Qualen des Durstes überhaupt empfindet, weiß ich nicht, ich glaube es kaum;...


Robert Kraft schrieb Abenteuer-, Kriminal- und Phantastik-Romane. Inspirationen dafür sammelte er auf seinen zahlreichen Seereisen als Schiffsjunge, Matrose und Koch. Kraft wird oft mit seinem Zeitgenossen Karl May in Verbindung gebracht, den er auch persönlich kannte



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