E-Book, Deutsch, 514 Seiten
Kraft Ein moderner Lederstrumpf
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-2978-6
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 514 Seiten
ISBN: 978-3-8496-2978-6
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ellen Howard und Judith Barrilon sind Konkurrentinnen um die Gunst von Sir Robin Munro. Dieser hat sich Ellen zugewandt; um ihn dennoch zu erringen, schafft es Judith, ihre Konkurrentin zu einer Wette zu verleiten: Ellen soll die Erde in 300 Tagen per Rad umrunden. In dieser Zeit hofft Judith, die Gunst Munros zu erringen. Dieser hält jedoch zur teils recht störrischen Ellen und engagiert ohne deren Wissen den Abenteurer Curt Starke zu ihrem Schutz. Nach anfänglichem Widerwillen kommt Ellen gut mit ihrem Begleiter aus und verliebt sich sogar in ihn. Die Reise geht zunächst gut voran, es häufen sich jedoch schließlich immer gefährlicher werdende Anschläge auf die Reisenden, hinter denen Lady Barrilon steckt. (Zitat aus karl-may-wiki.de)
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4. Capitel. Der achte September.
»Haben Sie etwas Verzollbares bei sich? Spitzen, Pretiosen, Spirituosen?«
Unter dem scharfen Blicke des amerikanischen Zollbeamten erröthete Ellen bis in die Schläfen, sie wurde immer verlegener, konnte nur noch flüstern – gerade jetzt, da sie sich vorgenommen hatte, offen aufzutreten, und sie hatte ja auch gar nichts bei sich. Und nun erröthete sie.
Erstens machte sie der Gedanke verlegen, dass jetzt die Augen aller Passagiere mit spöttischem Staunen auf sie gerichtet seien, denn Angesichts der Freiheitsstatue im New-Yorker Hafen präsentirte sie sich zum ersten Male in ihrem Weltreisecostüm, und zu diesem gehörten Hosen; denn sie benutzte ein Herrenrad, und Hosen hatte Ellen noch nie gegen den eleganten Radlerrock vertauscht gehabt.
Der Spiegel in der Cabine, in welcher jetzt ihr Reisekleid dem zur Verfügung stand, der es zuerst fand, hatte ihr zwar gesagt, dass sie recht fesch in dem abenteuerlichen Herrencostüm aussah, in dem dunkelbraunen Lodenanzug, mit den hohen, gelben Schnürstiefeln, wie unter dem schottischen Mützchen die blonden Locken hervorquollen, ein frisches, edles Gesicht einrahmend; auch der Revolver im Futteral am Gürtel gab ihr etwas von ritterlicher Verwegenheit, der Tornister auf dem Rücken entstellte das ganze Bild auch nicht – ja, sie sah recht gut aus, aber sie hätte schon kaum gewagt, aus der Cabine herauszutreten, und als sie dann ihr Rad über Deck fuhr, und als sie einen Mann vor Staunen förmlich zurückprallen sah, da wünschte sie, schon in der einsamen Mongolensteppe zu sein. Ach, diese Hosen! Es war ein grässlicher Gedanke.
Zweitens kam nun der Zollbeamte mit seinem durchdringenden Blick.
Sie hatte schon genug davon gehört, sie fühlte sich bereits von fremden Händen ausgeschält. Jacke, Weste, Hose, Stiefel, Strümpfe aus, Alles aus bis auf's Hemd, ob sie nicht eine Leibbinde von Brüsseler Spitzen trüge, und wenn es auch Frauenhände waren, in einer abgeschlossenen Kammer, es war doch furchtbar – und es musste so kommen, denn sie erröthete ja immer mehr, obgleich sie doch gar nichts Verzollbares hatte.
Aber Ellen irrte sich. Einmal hatten die Passagiere soviel mit ihren Koffern und mit sich selbst zu thun, dass sie das Mädchen im Männercostüm gar nicht beachteten, und dann wissen die Zollbeamten, dass gerade jene Damen und Jünglinge, welche gleich so erröthen und zittern, die allerunschuldigsten sind, die geben sich nicht mit Pascherei ab. Aber die, welche ein keckes Nein sagen und dreist den Blick erwidern, die haben sie schärfer im Auge, und überhaupt, diese Zollbeamten sehen, riechen und fühlen mehr als andere irdische Menschen, manchmal scheinen sie wirklich hellsehend zu sein.
»Nein, ich habe wirklich nichts,« stammelte Ellen.
»Ringe? Es ist nur ein Diamantring frei.«
Gehorsam streckte Ellen die Hände aus. Die linke trug nur einen oxydirten Kupferring, der nicht einmal einen Australneger gereizt hätte, und für Ellen vertrat er die Visitenkarte. »Ellen Howard, London« war darauf eingravirt, falls man einmal eine Leiche, nach Jahren ein Skelett finden sollte. »Dieses neue Rad muss verzollt werden.«
»Ich will – ich möchte – um die Erde fahren,« stotterte Ellen mit bittendem Blick und knöpfte das Jäckchen, auf, um den englischen Pass hervorzuholen.
»Schon gut,« wehrte der Beamte ab, der nicht einmal das leiseste Staunen bei dieser Erklärung zeigte. »Schläuche auf – Schläuche auf, Schläuche auf!« drängte er, als seiner Aufforderung nicht gleich nachgekommen wurde.
Ellen stützte sich auf das Rad, es zischte; sie sank etwas zusammen. Eine fremde Hand war es gewesen, welche die Ventile geöffnet hatte, eine braune, muskulöse Hand, die sich aus einem gelben Lederärmel hervorreckte. Nur wie im Nebel sah Ellen neben sich einen gelben Riesen stehen, der auch ein Rad bei sich hatte.
Der Beamte hob die Maschine etwas, wirbelte die Räder herum und brachte das Ohr in die Nähe der schlaffen Gummireifen. Denn was kann der intelligente Mensch nicht Alles in diese hineinpfropfen! Im Anfange, als die Pneumatics aufkamen, waren die vom Continent nach England gehenden regelmässig mit Tabak gepolstert, aber auch Schnaps wurde hineingepumpt, und das wurde im Grossen betrieben, bis die Zöllner eben dahinter kamen.
Der Zollbeamte ging. Plötzlich stand neben dem Schnelldampfer ein grosses Haus. Wie es hierher kam, wusste Ellen nicht, da aber alle Passagiere hineingingen, wollte sie es auch thun. Halt, erst musste sie ja die Schläuche wieder aufpumpen. Ach, nun fing die Aufschnallerei mit der Rahmentasche an, und sie brachte die Schnalle immer nicht auf und nicht wieder zu, und die schreckliche Pumperei ...
»Lassen Sie nur, Miss,« sagte der gelbe Mann neben ihr. Ellen sah ihn niederknieen, ein kleines, blankes Ding zog sich in seinen Händen meterlang aus, eins – zwei – voll waren die Reifen und die Ventilstöpsel wieder darauf.
Ehe Ellen noch danken konnte, wurde sie fortgeschoben. Gott mochte wissen, wo sie sich eigentlich befand, sie nicht. Es war ein grosses Bureau.
Fragen wurden gestellt, woher, wohin, ob sie verheirathet oder sonst schon einmal krank gewesen sei, ob sie auch lesen und schreiben könne.
»Haben Sie denn einen Waffenpass?«
»Nein, aber ich will eine Radfahrt um die Erde machen, und wenn ich ...«
» Allright, allright, go on! Next one.«
»Curt Starke, geboren zu Potsdam,« hörte die weitergeschobene Ellen hinter sich eine tiefe Stimme sagen.
»Was, sind Sie schon wieder hier? Machen Sie, dass Sie fortkommen.«
Mehr hörte Ellen nicht, und dann stand sie plötzlich mit ihrem Rade auf einer breiten, von Menschen und Fuhrwerken wimmelnden Strasse. Zunächst wäre sie bald überfahren worden, dann drohte ihr ein getragener Balken den Kopf einzustossen.
»Bitte, wo ist hier der Weg nach Trenton?« redete sie einen Mann an.
Dieser blieb gar nicht stehen, und sie hätte noch lange fragen können. Wer wusste hier etwas von einem Wege nach Trenton.
Da tauchte wieder der grosse, gelbe Mann auf mit dem gelben Hunde, den sie schon immer an Bord gesehen hatte.
»Folgen Sie mir immer, ich zeige Ihnen die Landstrasse nach San Francisco.«
Ellen hörte nicht den Witz heraus, sie empfand nur die Erleichterung, hier einen Wegekundigen zu haben; er mochte vorhin ihre Frage nach Trenton gehört haben, dort fuhr er schon; schnell schwang sie sich auf ihr Rad und fuhr ihm nach.
Sie wusste, dass dies jener Stout oder richtiger Starke war, der Weltumradler. Auch sie hatte oftmals vom ersten Promenadendeck aus den hünenhaften Mann bewundert, dessen enganliegender Lodenanzug den athletischen Gliederbau zeigte, und diese Ruhe, die er beim Gange, bei jeder Bewegung offenbarte, war wahrhaft majestätisch zu nennen. Gepanzert musste dieser Mann sein, sitzend auf gepanzertem Schlachtross, in der gepanzerten Faust das Schwert, welches unsere heutige Generation nicht mehr zu regieren vermag – es war die eherne Statue eines ausgestorbenen Geschlechtes.
Wollte er schon wieder eine abenteuerliche Fahrt antreten? Doch was ging es Ellen an. Ja, sie stand mit ihm allerdings in inniger Beziehung, sie wollte ja seinen Weg machen, wollte beweisen, dass sie, ein Weib, dasselbe in wenig mehr als die Hälfte der Zeit leisten könne, was jener kraftvolle Mann geleistet, aber sie kam gar nicht dazu, mit ihm auch nur ein Wort zu wechseln, nicht darum, weil er zweiter Cajüte fuhr, sondern weil sich ihre Bewunderung bald in Abneigung gegen diesen Mann verwandelt hatte.
Einmal hatte sie beobachtet, wie eine Dame den an Deck Promenirenden lächelnd und fächerwedelnd ansprach. Und was that dieser Mensch? Er liess sie einfach lächelnd und fächerwedelnd stehen, gab einfach gar keine Antwort. Ellen konnte ja auch stolz und reservirt sein, aber diese amerikanische Sitte, einen freundlich fragenden Menschen als Luft zu behandeln, weil es Einem eben gerade nicht passt, mit ihm zu sprechen, fand sie empörend.
Ein andermal wollte eine Dame dem schönen Hunde Zucker geben, und als er diesen nicht nahm, streichelte sie ihm...




