E-Book, Deutsch, 446 Seiten
Kraus Die unsichtbare Stadt
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-8361-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Oberbürgermeister lernt, sein Rathaus zu lesen
E-Book, Deutsch, 446 Seiten
ISBN: 978-3-6957-8361-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Prof. Dr. Georg Kraus, geboren 1965 in Friedrichshafen, begleitet seit über 35 Jahren Organisationen durch Veränderungsprozesse. Der promovierte Diplom-Wirtschaftsingenieur hat in dieser Zeit mit Hunderten von Verwaltungen, Behörden und Unternehmen gearbeitet - und dabei erlebt, was Strukturen mit den Menschen machen, die in ihnen arbeiten. Als Professor an der Technischen Universität Clausthal verbindet er wissenschaftliche Reflexion mit praktischer Erfahrung. Er ist Autor zahlreicher Fachbücher zu den Themen Change Management, Projektmanagement und Führung. Sein Konzept des "Virtuellen Amts für unmögliche Aufgaben" zeigt, wie Verwaltungen sich selbst transformieren können - nicht durch externe Eingriffe, sondern durch die Kraft der eigenen Mitarbeitenden. Co-Creation statt Intervention, Befähigung statt Belastung.
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Die Wahlnacht
Monat 0
Das Ergebnis kam um 21:47 Uhr.
Ich weiß das so eben, weil ich auf die Uhr geschaut habe, als Martina – meine Wahlkampfleiterin, meine Strategin, meine einzige Verbündete in diesem ganzen Wahnsinn – durch die Tür des Hinterzimmers kam und sagte: „Thomas. Wir haben es geschafft."
Ich saß auf einem Plastikstuhl, in einem Raum, der nach kaltem Kaffee und Teppichboden roch. Im Bürgersaal des Hotels Krone, wo wir unsere Wahlparty veranstalteten, spielte ein DJ Musik, die niemand bestellt hatte. Durch die geschlossene Tür hörte ich das Murmeln von zweihundert Menschen, die seit drei Stunden auf ein Ergebnis warteten und dabei den Sekt austranken, den wir für den Moment des Sieges reserviert hatten.
Zweiundfünfzig Komma drei Prozent.
Ich hatte den Amtsinhaber geschlagen. Rainer Dettmann, seit sechzehn Jahren Oberbürgermeister von Neustadt an der Linde, CDU, Ehrenvorsitzender des Schützenvereins, Träger der goldenen Ehrennadel des Landkreises, ein Mann, der die Stadt kannte wie seinen Vorgarten – und der sie genauso behandelte.
Ich, Thomas Weller, dreiundvierzig Jahre alt, parteiloser Quereinsteiger, zehn Jahre Geschäftsführer eines mittelständischen IT-Unternehmens, keine politische Erfahrung, kein Parteibuch, keine Ahnung.
Zumindest war das die Version der Lokalpresse.
„Thomas?" Martina stand noch immer in der Tür. „Die warten da draußen."
Ich stand auf. Strich mir über das Hemd. Atmete ein. Atmete aus.
Zweiundfünfzig Komma drei Prozent.
Die Stadt hatte mir geglaubt.
Als ich durch die Tür trat, kippte der Saal. Oder besser: Er kippte auf mich zu. Zweihundert Gesichter, Applaus, Blitzlichter, jemand drückte mir ein Mikrofon in die Hand, und ich stand auf einer improvisierten Bühne, die eigentlich nur drei zusammengeschobene Biertische waren, und schaute in einen Raum voller Menschen, die etwas von mir erwarteten.
Ich kannte die meisten von ihnen. Da war Klaus Fehrmann, der Apotheker vom Marktplatz, der in den letzten Wochen Plakate aufgehängt hatte, obwohl er eigentlich CDU wählte. Neben ihm Sabine Ortmann, Lehrerin an der Gesamtschule, die bei jeder Podiumsdiskussion in der ersten Reihe gesessen hatte und danach immer sagte: „Herr Weller, Sie haben ja recht. Aber ob die Verwaltung das mitmacht ..."
Da war der alte Herr Beckmann aus dem Seniorenbeirat, der mir einmal nach einer Veranstaltung die Hand geschüttelt und gesagt hatte: „Junger Mann, ich habe schon sechs Oberbürgermeister erlebt. Alle haben die Verwaltung reformieren wollen. Keiner hat es geschafft. Aber versuchen Sie es ruhig."
Und da war – ganz hinten, an der Wand lehnend, ein Glas in der Hand, das Gesicht im Halbschatten – ein Mann, den ich nicht kannte. Grauer Anzug, Brille, ruhiger Blick. Er klatschte nicht. Er lächelte nicht. Er beobachtete.
Ich wusste in diesem Moment nicht, wer er war. Ich dachte mir nichts dabei. In einer Wahlnacht sind viele Menschen da, die man nicht kennt.
Später – viel später – würde ich erfahren, dass dieser Mann der Personalratsvorsitzende der Stadtverwaltung war. Herbert Baumgart. Siebenundzwanzig Jahre im Dienst, davon fünfzehn als Personalratschef. Ein Mann, der mehr über das Funktionieren dieser Verwaltung wusste als jeder Amtsleiter, jeder Dezernent, jeder Oberbürgermeister vor mir.
Er war gekommen, um sich anzuschauen, was auf ihn zukam.
Und was er sah, war ein Mann auf drei Biertischen, der eine Rede hielt.
Ich habe die Rede nicht vorbereitet. Martina hatte einen Entwurf geschrieben – drei Seiten, ausgewogen, dankbar, nach vorne blickend. Ich hatte ihn in der Hosentasche. Ich zog ihn nicht heraus.
Stattdessen sprach ich frei. Und ich sprach, wie ich es den ganzen Wahlkampf über getan hatte: direkt, ungefiltert, überzeugt.
Ich sprach über die Frau, die mir geschrieben hatte, dass sie für eine Baugenehmigung vierzehn Monate gewartet hatte – für einen Wintergarten. Vierzehn Monate, dreizehn Formulare, vier Ämter. Am Ende sei der Wintergarten fertig gewesen, aber der Sommer auch.
Ich sprach über den Unternehmer, der mir erzählt hatte, dass er für die Genehmigung eines Außenbereichs vor seinem Café elf Wochen gebraucht hatte. Elf Wochen für vier Tische und acht Stühle. Als die Genehmigung kam, war Oktober.
Ich sprach über die Lehrerin, die mir geschildert hatte, wie sie seit drei Jahren vergeblich versuchte, einen Beamer für ihre Schule zu bekommen. Weil sich drei Ämter nicht einigen konnten, wer den Beamer bestellen durfte.
„Diese Stadt", sagte ich, „ist nicht schlecht verwaltet. Die Menschen, die in der Verwaltung arbeiten, sind engagiert, kompetent, pflichtbewusst. Aber sie arbeiten in einem System, das ihnen die Hände bindet. Ein Ordnung aus Zuständigkeiten, die niemand mehr überblickt. Aus Regeln, die sich selbst widersprechen. Aus Prozessen, die mehr Elan kosten, als sie jemals einsparen."
Applaus.
„Ich bin nicht angetreten, um einzelne Mitarbeiter zu kritisieren. Ich bin angetreten, um das System zu ändern. Um Neustadt an der Linde zu dem zu machen, was es sein könnte: eine Stadt, in der Dinge funktionieren. In der Bürger nicht Bittsteller sind, sondern Partner. In der die Verwaltung nicht Selbstzweck ist, sondern Dienstleister."
Mehr Applaus.
„In meinem Unternehmen haben wir Prozesse umgebaut, die jahrelang gewachsen waren. Wir haben digitalisiert, verschlankt, beschleunigt. Nicht gegen die Mitarbeiter, sondern mit ihnen. Und was für ein mittelständisches IT-Unternehmen funktioniert, das kann auch für eine Stadtverwaltung funktionieren."
Jubel.
Ich stand auf diesen drei Biertischen und glaubte jedes Wort.
Jedes. Einzelne. Wort.
Wenn ich heute – vierundzwanzig Monate später – an diesen Sekunde zurückdenke, dann empfinde ich eine Mischung aus Zärtlichkeit und Schwindel. Zärtlichkeit für den Mann, der ich damals war: aufrichtig, mutig, bereit, die Welt zu verändern. Und Schwindel, weil ich heute weiß, wie wenig ich wusste.
Nicht über die Verwaltung. Nicht über das politische Geschäft. Nicht über die Stadt.
Über Strukturen.
Über die Art, wie Organisationen funktionieren, die seit Jahrzehnten gewachsen sind. Über die verborgenen Regeln, die stärker sind als jedes Organigramm. Über die Kräfte, die jede Veränderung torpedieren – nicht aus Bösartigkeit, sondern aus einer tief eingebauten Logik der Selbsterhaltung.
Ich wusste nichts davon. Ich dachte, Bewegung sei eine Frage des Willens. Des richtigen Plans. Der richtigen Ansage.
Ich war wie ein Chirurg, der mit einem Schweizer Taschenmesser in den OP geht und sich wundert, warum der Patient nicht aufsteht.
Aber das wusste ich damals nicht. Damals wusste ich nur: Zweiundfünfzig Komma drei Prozent.
Nach der Rede wurde es unübersichtlich. Hände, die geschüttelt werden wollten. Gesichter, die mir gratulierten. Ein Kamerateam des Lokalsenders, das ein Interview wollte. Der Landrat, der anrief und mit einer Stimme gratulierte, die klang, als lese er ein Beileidstelegramm vor.
Irgendwann stand ich am Tresen und trank ein Bier. Mein erstes an diesem Abend. Es war warm geworden, aber es war mir egal.
Martina setzte sich neben mich.
„Und?", fragte sie. „Wie fühlt es sich an?"
Ich dachte nach. Wie fühlte es sich an? Stolz? Erleichterung? Euphorie?
„Wie der Anfang von etwas", sagte ich.
„Das ist es auch."
„Hast du Dettmann gesehen?"
„Er hat angerufen. Während deiner Rede. Gratulation, knapp, korrekt. Er hat die Übergabe für nächste Woche angeboten."
„Wie hat er geklungen?"
„Wie ein Mann, der sechzehn Jahre lang Oberbürgermeister war und es gerade nicht mehr ist."
Ich nickte. Ich hatte Dettmann nie persönlich getroffen, bevor der Wahlkampf begann. Ich kannte ihn nur aus der Zeitung, aus Ratssitzungen, die ich als Zuschauer besucht hatte, und von der Podiumsdiskussion, bei der er mich angeschaut hatte wie einen Praktikanten, der versehentlich in die Vorstandsetage geraten war.
Er war kein schlechter Mensch. Er war auch kein schlechter Oberbürgermeister, wenn man Stabilität als Maßstab nahm. Unter ihm war nichts Schlimmes passiert. Aber es war auch nichts Gutes passiert. Die Stadt hatte sechzehn Jahre lang stillgestanden, und Dettmann hatte diesen Stillstand mit einer solchen Routine verwaltet, dass er selbst ihn vermutlich für Fortschritt hielt.
„Was weißt du über die Amtsübergabe?", fragte ich.
Martina zögerte. „Nicht viel. Er räumt sein Büro. Du bekommst einen Termin mit dem Ersten Beigeordneten und den Dezernenten. Dann eine Vorstellung bei den Amtsleitern. Standard."
„Und dann?"
„Dann bist du Oberbürgermeister."
Sie sagte es, als wäre es die einfachste Sache der Welt.
Gegen Mitternacht lichtete sich der Saal. Die Letzten gingen, mit roten Gesichtern und großen Versprechen. Klaus Fehrmann drückte mir zum dritten Mal die Hand und sagte: „Thomas, mach was draus. Die...




