Krause | Garmischer Mordstage | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Krause Garmischer Mordstage

Kriminalroman
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-96041-924-2
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-96041-924-2
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Schräge Charaktere und ein dunkles Geheimnis... vor atemberaubender Alpenkulisse. Nach 20 Jahren kehrt Journalist Ben Wiesegger in seinen Heimatort Garmisch zurück und hat sofort jede Menge Ärger am Hals. Ein Gast der elterlichen Pension liegt tot auf der Weide eines Biobauern - der Mörder soll der gutmütige Stier Attila gewesen sein. Doch nicht nur Tierärztin Laura Schmerlinger hegt ihre Zweifel daran. Als seine Schwester ins Visier der Ermittler gerät, setzt Wiesegger alles daran, den Fall aufzuklären. Schon bald stellt sich heraus, dass der Tote alles andere als ein harmloser Wanderer war. Und dann ist da noch diese alte Schuld, die Wiesegger nun begleichen soll...

Geboren und aufgewachsen ist Roland Krause in Lindau am Bodensee. Nach einigen Jahren in Nürnberg lebt und arbeitet er heute in München. Die düsteren Winkel der Großstadt bilden auch den Hintergrund seiner Krimis. Roland Krauses Romane und Erzählungen sind atmosphärisch-dichte Milieustudien, in denen er das Dasein von Außenseitern und schrägen Charakteren beleuchtet.
Krause Garmischer Mordstage jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1


Der Mann lag ausgestreckt auf dem Rücken, die Beine zum leichten V gespreizt, die Lider geschlossen. Laura ließ die morgenmüden Augen über die Gestalt neben ihr gleiten. Sehniger, braun gebrannter Leib, kein Härchen zu viel, keines zu wenig. An seiner Brust zeichneten sich, rund um den Christophorus-Anhänger, der an einer Silberkette hing, die geröteten Male ihrer Fingernägel ab. Selbst im Schlaf verkörperte er die Unbekümmertheit eines jungen Burschen, ohne die Verkrampfung und aufgeplusterte Selbstdarstellung, die manchen Mannsbildern das fortgeschrittene Alter aufzwingt. Wie Gott ihn geschaffen hatte, und es ward eins a, stellte Laura fest. Sie ertastete das Smartphone und seufzte auf. Fünf Uhr dreißig. Die Zeit hatte nie Erbarmen mit den Unvernünftigen.

Als sie sich am Bettrand aufsetzte, knurrte der Bursche neben ihr wie eine Raubkatze. Ja, die Nacht über waren sie beide durch den Dschungel getobt und bis zur Erschöpfung übereinander hergefallen. Seine Gesellschaft war befeuernd gewesen, Laura hatte sich, gegen ihre Gewohnheit, nicht dagegen gesträubt, als er bis zum Morgen bleiben wollte.

Er war mit dem Betonsockel ihres maroden Gartentürchens längst nicht fertig geworden. Seine Firma war in Murnau angesiedelt, und er hatte am Freitag den Auftrag mit »Inaugenscheinnahme« gestartet. Langatmig hatte er ihr auseinandergesetzt, dass »gescheite« Arbeit nicht hopplahopp vonstattenging. Eine Gartentür für die Ewigkeit. Von ihr aus musste sie keinen Atomkrieg überstehen, aber das schätzte sie an den Betrieben der Umgegend – die schluderten nicht, alles hatte Hand und Fuß. Bis dato hatte der Murnauer Bursch zu ihrer äußersten Zufriedenheit gehandwerkt.

Als sich dessen flinke Finger an ihren schmalen Schultern ans Werk machten, stand sie abrupt auf. Den Moment am Morgen beabsichtigte sie mit niemandem zu teilen. Es gehörte zu ihren Ritualen, mit einem Espresso den anstehenden Berg an Aufgaben zu durchdenken, um ihn erkraxeln zu können. Als Tierärztin für Nutztiere hatte ein Arbeitstag kaum Entspannungsmomente im Gepäck. Viecher erkundigten sich weder, wie die Nacht gewesen, noch, ob sie ausgeglichen und erfüllt war. Sie witterten es.

»Der Drachen ist erwacht«, brummte der Bursche in Anspielung auf den farbenfrohen chinesischen Drachen, der ihr linkes Schulterblatt zierte. Die Nacht über hatte er sich den Tribals, verschlungenen Mustern und Fantasyfragmenten, die ihre Haut bebilderten, ausführlich gewidmet. Jedes Tattoo war für sie bedeutungsschwer, sie standen für Ereignisse und Träume – die Laura für sich behielt. Sie betrachtete sie, wie das Muttermal über ihrem Schlüsselbein, den braunen Fleck in ihrer blauen Iris oder die gezackte Narbe auf dem Handrücken, als zu ihrem Körper gehörend. Ebenso den breiten Nasenrücken, für den der harte Schädel eines Ziegenbocks verantwortlich zeichnete, sowie die wuschelige blonde Mähne, durch die Laura gerade ihre Finger gleiten ließ.

Sie wandte dem Mannsbild den Kopf zu. »Ich muss gleich einige Bullen kastrieren.«

Seine Gesichtsmuskeln zuckten, als hätte eine Zahnwurzel aufgemuckt. Zeichen männlicher Solidarität oder freudsche Kastrationsangst?

Laura schlappte in die Küche, um Espresso aufzusetzen. Er tigerte ihr schweigend hinterher. An den Türrahmen gelehnt, beobachtete er sie. Von ihm abgewandt, holte sie zwei Tassen aus dem Schränkchen und bückte sich nach der Milch aus dem Kühlschrank. Dass sie nichts als blanke Haut trug, war ihr gleich, er durfte seinen hungrigen Blick gerne an ihrem Leib brotzeiten lassen. Sie gönnte ihm jeden Anblick – letztlich hatte sie sich ihn auch gegönnt. Diese Formulierung war ihr am allerliebsten. Sie hatte sich ihn gegönnt, ohne Wenn und Aber, kein Zaudern, kein Gedanke an ein »Danach«.

Immerhin gab es »den üblichen Verdächtigen« aus der Gemeinde Futter für Tratsch, wenn morgens ein knuspriger Bursch aus ihrem Haus trat. Nicht zum ersten und hoffentlich nicht zum letzten Mal. Satt und zufrieden erlebst du Schwätzer eh nie. Falls der Tisch nicht gedeckt war, zerrissen sie sich das Maul und konnten sich etwas vorstellen, ausmalen oder vogelwild herumphantasieren. Wenn sich eine Frau um die vierzig mit jüngeren Kerlen vergnügte, waren schräge Blicke eh inkludiert wie die Hostie bei der Sonntagsmesse. Da sie sich für ihre Kundschaft in ihrem Job als gründlich und fähig erwiesen hatte, wurde aber jedwedes Getuschel von der Anerkennung übertönt.

»Macht dir das Freud?«, riss sie die Bassstimme des Burschen aus der Morgentrance.

»Kastrieren?«, fragte sie, indem sie das Wort dehnte und hart von der Zunge fallen ließ. Sie zuckte mit den Schultern und wandte sich zu ihm. »Gehört dazu, nix Besonderes. Ich kann dabei über meinen Ex-Mann philosophieren.«

Sie reichte ihrem stirnrunzelnden Nachtabenteuer eine dampfende Kaffeetasse in Leopardendesign. Ihr abwesender Blick an ihm vorbei beantwortete jede seiner Fragen. Es hat Vergnügen bereitet, trink deinen Espresso und tummel dich mit meinem Gartenzaun, konnte der Bursche darin lesen. Missverständnisse und Erwartungen wurden abrasiert, ehe sie ihre zarten Köpfchen in die Höhe recken konnten. Nie mehr würde sie das willige Mäuschen spielen, nie mehr würde sie sich von anderen abhängig machen, dafür hatte sie in der Vergangenheit einen zu hohen Preis bezahlt. Einer Vergangenheit, von der sie hoffte und betete, dass diese sie nie mehr einholen würde.

Der bejahrte Allrad-Subaru parkte vor dem Haus auf der Straße; Laura machte sich so gut wie nie die Mühe, ihn in den Carport zu fahren. Kurz nachdem ihr Gspusi das Nest verlassen hatte, brach sie auf. Außer um zu duschen, hatte sie wenig Zeit aufgewandt, sich mit Äußerlichkeiten zu beschäftigen. Bei ihrer Tätigkeit standen die Tiere im Vordergrund. Attraktivität maß sich an glänzendem Fell plus klaren Augen. Keine Schminke, kein Schmuck.

Laura liebte den frühen Morgen im Werdenfelser Land. Wenn Garmisch-Partenkirchen allmählich aus dem Schlaf fand, die Straßen annähernd leer, die Luft klar und kühl. Sie fuhr an den eng stehenden Häusern vorbei, solide gebaut und gezimmert, mit eichenbeplankten Balkonen, die danach strebten, so lange zu bestehen wie die sie umringende Felslandschaft. Heraus aus dem Ort in Richtung Grainau kam ihr nicht zum ersten Mal der Gedanke, dass sie noch nirgendwo so eine lebendige, die Sinne anregende Landschaft gefunden hatte wie hier. Ringsherum die Bergmassive, als beschützten sie gleich gewaltigen Trutzburgen das Land. Den Inuit wurde nachgesagt, unzählige Wörter für Schnee zu benutzen. Im Werdenfelser Land sollte es dieselbe Anzahl Wörter fürs Grün geben. Es zeigte sich in so vielen Facetten der Natur, dass es unbefriedigend schien, es nur mit »Moos«, »lind«, »dunkel« oder »hell« benennen zu können.

Der schmale, rumpelige Verkehrsweg, dem sie folgte, teilte die fetten Wiesen und Äcker, die gespickt waren mit Holzschobern und Bretterverschlägen, bis sie die ersten Kuhweiden erreichte.

Ihr war klar, dass diese Idylle eine Seite der Medaille war. Die Höfe waren nicht mehr so zahlreich wie früher. Viele Bauersleute betrieben die Viecherei im Nebenerwerb. Die Jungen verließen den Ort, um lukrativerer Arbeit nachzugehen. Manche zogen ab in die Großstädte, zum Studieren oder wie der Hans aus dem Märchen auf der Suche nach dem Glück.

Besänftigt durch die sonnenbeschienene Morgenstunde, ließ sie ein verklärtes Trugbild bäuerlicher Überlieferung ihr Hirn fluten, genoss den idyllischen Moment und …

Abrupt trat sie auf die Bremse. Hoffentlich war das, was sie aus den Augenwinkeln auf der Weide des Ökobauern Ferstl gesehen hatte, eine Illusion. Wenn, dann war es keine erbauliche.

Laura stieg stirnrunzelnd aus dem Wagen, umrundete die Motorhaube und stapfte auf die eingezäunte Wiese zu.

Die Werdenfelser Rinder rupften an Halmen oder lagen träge im Gras, Viehbusiness as usual – wenn da nicht jemand das lauschige Plätzchen mit ihnen teilen würde, der da nicht hingehörte.

Der Mann lag ausgestreckt auf dem Rücken, die Beine zum leichten V gespreizt. Laura verharrte und linste zu ihm hinüber. Außer der unverkrampften Haltung, die die Gestalt eingenommen hatte, besaß sie keinerlei Gemeinsamkeit mit ihrem Handwerksburschen. Sie trug einen schwarzen Anzug, der vor Dreck starrte, fesche Ledertreter und hatte höchstwahrscheinlich das Zeitliche gesegnet. Zumindest deuteten diverse Anzeichen darauf hin, dass die Gestalt nicht nur ein Nickerchen inmitten der Kuhherde hielt.

Laura wollte es nicht in den Kopf, dass sie hier zwischen den üppig begrünten Weiden und friedlich grasenden Tieren auf einen Toten gestoßen sein könnte. In ihr keimte Hoffnung, dass es sich um das esoterische Ritual eines exzentrischen Touristen handelte, um »eins mit der Natur zu werden«. An rituellem und spirituellem Firlefanz herrschte kein Mangel in der Region. Hexen, Schamanen und Heiler standen hab acht, um die Urlauber zu entertainen, zurück zu sich zu führen und seelische Schlaglöcher aufzufüllen. War der Kerl bekifft oder besoffen? Jedenfalls hatte sich sein Bewusstsein verabschiedet. Ein Heer munterer Fliegen umschwärmte ihn.

»Hallo«, rief sie. »Hey, Sie da!«

Es rührte sich nichts, bis auf ein paar neugierige Rindviecher, die ihre gehörnten Schädel in ihre Richtung drehten. Laura löste sich aus ihrer Erstarrung und schlängelte sich durch den zweireihigen Elektrozaun. Beim Näherkommen bemerkte sie die klaffende Wunde auf der Stirn des Liegenden. Er war von Kopf bis Fuß mit Dreck und dem Kot von Rindern bedeckt. Seine Augen starrten in den wolkenlosen Himmel, als wollte er ein letztes Geheimnis lösen, das dort zu finden wäre.

Großer Gott, sie stand vor einer Leiche! Nicht ihre...


Geboren und aufgewachsen ist Roland Krause in Lindau am Bodensee. Nach einigen Jahren in Nürnberg lebt und arbeitet er heute in München. Die düsteren Winkel der Großstadt bilden auch den Hintergrund seiner Krimis. Roland Krauses Romane und Erzählungen sind atmosphärisch-dichte Milieustudien, in denen er das Dasein von Außenseitern und schrägen Charakteren beleuchtet.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.