E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Krause Garmischer Wut
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98707-116-4
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-98707-116-4
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Geboren und aufgewachsen ist Roland Krause in Lindau am Bodensee. Nach einigen Jahren in Nürnberg lebt und arbeitet er heute in München. Die düsteren Winkel der Großstadt bilden auch den Hintergrund seiner Krimis. Roland Krauses Romane und Erzählungen sind atmosphärisch dichte Milieustudien, in denen er das Dasein von Außenseitern und schrägen Charakteren beleuchtet.
Autoren/Hrsg.
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1
Ben Wiesegger verabscheute Schnee. Zumindest, wenn er nichtsnutzig Hof und Haus bepuderte. Der Winter sollte sich dort austoben, wo er gebraucht wurde.
Er stützte sich auf die Schneeschaufel und sah dem betagten Allradvehikel entgegen, das gerade auf den Hof der elterlichen Pension rollte. Er war dankbar für die Unterbrechung, Schneeschippen zu quasi nachtschlafender Zeit war nicht vergnügungssteuerpflichtig. Trotz der zapfigen Kälte war er kräftig ins Schwitzen gekommen unter dem moosgrünen Parka, und seine Backen glühten.
Für viele im Werdenfelser Land war es pures weißes Glück oder, besser gesagt, »Money, Money, Money«, was da vom Himmel fiel. Es mahnte ja die alte Bauernregel: »Wird der Winter warm, wird der Bauer arm« – und nicht nur der. Deswegen hatten sich die Schneekanoniere in Stellung gebracht, bereit für die Schlacht, denn Glück und Hoffnung reichen für die Garmischer Spielbank, aber in der Meteorologie kannst du damit nichts gewinnen.
Ben versöhnte der Gedanke, dass die Pensionsgäste der Wieseggers bald ausfliegen konnten, auf zu den Loipen, Pisten, Schneeschuhwanderungen und zu diverser anderer Wintergaudi.
Er beobachtete Laura, die aus dem Wagen stieg, ihm zunickte und dann die Heckklappe öffnete. Die Tierärztin lächelte ihn an.
Ben schaffte es nur, seine Mundwinkel leicht nach oben zu bewegen, und zog sich die Army-Wintermütze mit den teddygefütterten Ohrenklappen vom Kopf. Mit dem Handschuh strich er über seinen nass geschwitzten braunen Schopf. Die Kopfhaut juckte, er hoffte inständig, es hatten sich keine Krabbler in der Mütze angesiedelt. Sie stammte aus seinem Garmischer Fundus, den er nach zwanzig Jahren wieder ausgegraben hatte, und passte auf seinen Schädel. Immerhin, dessen Umfang war über die zwei Jahrzehnte unverändert geblieben.
Er kniff die Lippen zusammen. Konversation um halb sieben harmonierte nicht mit seiner physischen Verfassung.
»Ben Wiesegger beim Frühsport. Ich zieh den Hut«, meinte Laura, nahm theatralisch die Pudelmütze vom Kopf und schüttelte die verstrubbelte blonde Mähne.
»Macht Freude«, brummte er. »Willst du es mal probieren? Für dich wär es gratis.« Er reckte ihr die Schaufel entgegen.
Aus dem Kofferraum des Subaru sprang ein Tier. Es war ein schwarz gefleckter Hund mit angegrauter Schnauze, der neben Laura gemächlich auf Ben zuschritt. Die Rute bewegte sich zaghaft hin und her, so als wäre er unschlüssig, ob es ein freudiger Moment war.
Ben sah vom Vierbeiner zu Laura und wieder zurück.
Das Tier erwiderte seinen Blick. Die schwarzen Augen vermittelten Wehmut, als wäre die Welt nicht immer ein kommodes Platzerl. Aber für wen war sie das schon?
Ben zog den Handschuh aus und streckte die Hand aus. Eine feuchte Schnauze wurde ihm entgegengestreckt. Das Tier schnupperte an ihm und fand offenbar keine Beanstandung.
»Bist du auf den Hund gekommen, Laura?« Mehr als Plattitüden weigerte sich sein Hirn zu kreieren.
»Mehr oder weniger. Darf ich vorstellen: Das ist der Beppo. Deutsch Drahthaar.«
»Servus, Beppo.«
»Ich hab mir gedacht«, fuhr sie fort, »der könnte gut zu dir passen. Er hat ganz tragisch sein Herrchen verloren.«
»Du machst Spaß, oder?« Ben rammte die Schaufel in einen Schneehaufen. »Ich mein, ein Hund? Und ich? Dafür hab ich weiß Gott keine Zeit.«
Sein Arm beschrieb einen Halbkreis, um sein Schaffen darzustellen. Lauras Schulterzucken verdeutlichte ihm, dass sie seine Übertreibung nicht beeindruckte.
»Der Beppo ist kein gewöhnlicher Hund«, sagte sie.
»Kann er Kunststücke und holt mir die Filzpantoffeln?«
»Mindestens. Mei, mit so einem Hund kämst du raus in die Natur, Spaziergänge, Wandern, das tät gerade dir bestimmt nicht schaden.«
Ben wusste, worauf sie anspielte. Sein Fitnessgrad bewegte sich im Minusbereich. Eine Stunde Schneeschippen strengte seine zähe, nimmermüde Nachbarschaft nicht mehr an als der Gang zum Bäcker. Fröhlicher Auftakt für den Tag, angefüllt mit noch fröhlicherer Plackerei. Für ihn war es wie eine Schneeschuhwanderung zum Wankgipfel.
Seine Fähigkeiten waren anders gelagert, er musste sie bloß aufspüren.
Seit er letzten Sommer nach zwanzigjähriger Diaspora wieder nach Garmisch gekommen und in die elterliche Pension zurückgekehrt war, hatte er sich Mühe gegeben, von seiner Schwester Lissy und der Mutter nicht zum nutzlosen Fresser abgestempelt zu werden, den man durchfüttert wie ein altersschwaches Muli. Anpacken wurde großgeschrieben, der Gürtel war eng geschnallt, und fähiges Personal stand auf der Liste der gefährdeten Spezies.
Seine Artikel für den Garmischer Kurier und andere mickrige Lokalblättchen warfen gerade so viel ab, dass er sich ohne allzu schlechtes Gewissen als Journalist bezeichnen konnte – körperliche Höchstleistungen waren dabei nicht inkludiert. Aber wenn es darauf ankam, konnte er die wilde Bestie in sich wachrufen. Hatte er nicht letzten Sommer um ein Haar den Jubiläumsgrat gemeistert und war, um Laura zu retten, aus einem Helikopter gesprungen? Noch Fragen?
»Erstens trägt der Parka auf, und zweitens nennt man das Bodyshaming, und zwar auf die hinterlistige Tour«, knurrte er und warf dem Hund einen finsteren Blick zu, als hätte der sich in Joggingschuhe verwandelt.
»Das ist nur ein ärztlicher Rat.«
»Aha, und den Sauen verordnest du Schrittzähler und Laufband gegen die Speckröllchen?«
»Dass du so ein Sensibelchen bist, sollt man gar nicht meinen.«
»Ich bin halt empfindsam. Magst du einen Kaffee?«
»Nicht ›-sam‹ sondern ›-lich‹.« Laura zwinkerte ihm zu.
Ben stapfte auf die Haustür zu. »Kaffee«, wiederholte er nur.
Beppo lief an ihrer Seite.
In der Küche schälte sich Laura aus ihrer schwarzen Daunenjacke und zog sich einen Stuhl heran. Beppo ließ sich zu ihren Füßen nieder und bettete die Schnauze auf die Vorderpfoten.
Ben angelte sich eine Scheibe Schinken aus dem Kühlschrank, die er dem Hund zuwarf. Der schaute auf, schnappte aber nicht zu.
»Die nimmt er nicht einfach so«, bemerkte Laura, während Ben zwei Haferl mit Kaffee füllte und auf dem Esstisch platzierte.
»Problemhund?«, wollte er wissen und sah Laura dabei zu, wie sie am Kaffee nippte.
Im Gegensatz zu ihm sah sie hellwach und munter aus. Ihre blauen Augen blitzten ihn an, allein die Art und Weise, wie sie mit wippenden Beinen auf dem Stuhl saß, strahlte Tatkraft aus. Es blieb ihm ein ewiges Rätsel, wie sie jeden Morgen, ob Sturm, ob Schnee, die Energie aufbrachte, zu den Viechern aufzubrechen, Diagnosen zu stellen und sich mit den Bauern in den Ställen zu tummeln. Was war ihr Geheimnis? Er betrachtete ihr Gesicht.
Einmal, bei Pizza Funghi und ordentlich Primitivo, hatte er ihr gesagt, mit den aufgeworfenen Lippen und ihrer Nase erinnerte sie ihn an eine französische Schauspielerin, deren Name ihm momentan nicht einfiel. Überraschenderweise hatte sie sein Kompliment mit stirnrunzelnder Missachtung bedacht. Ob er wohl den Wein nicht vertrage? Er wusste, dass ihr Nasenrücken einst von einem vogelwilden Ziegenbock geknickt worden war, aber das Perfekte ist ja seit jeher öde wie ein Frotteepyjama.
»Der Beppo«, begann sie jetzt, »hat dem alten Wanninger gehört. Der hat ihn zur Jagd mitgenommen.«
»Aha, und der Wanninger hat das Zeitliche gesegnet?«
»Ja, so in etwa. Beppo hat ihn erschossen.«
Ben verschluckte sich am Kaffee. »Der Hund?«, brachte er hustend hervor.
»Der Wanninger hat sich beim Ansitzen mit ordentlich Obstler aufgewärmt. Später hat er nicht aufgepasst, die geladene Flinte an einen Baum angelehnt und Beppo gerufen. Der ist munter auf ihn zugesprungen und an die Flinte gekommen … den Rest kannst du dir ausmalen. Die Ladung ist ihm durchs Kinn bis ins Hirn. Muss eine schöne Sauerei gewesen sein. Brauchst du es genauer?«
»Heiliger Hubertus«, brach es aus Ben heraus. »Du schleppst mir einen Killer daher.«
Laura tätschelte Beppos Flanke.
»Und keiner wollt den Beppo jetzt nehmen. Ich hab’s überall versucht. Im Tierheim sehen sie auch keine Chance auf Vermittlung. Der bringt Unglück, sagen die Leut. Aber das ist natürlich Schmarrn, der Wanninger hat sich das selbst eingeschenkt.«
»Und du hast dir gedacht, der Wiesegger Ben kennt sich aus mit Totschlag. Der Hund passt original zu ihm.«
Er konnte sich das Gerede im Ort vorstellen, falls er mit Beppo unterwegs wäre. Er traf auf genügend Einheimische, die überzeugt davon waren, er habe seinen Spezl Toni im Streit vor mehr als zwanzig Jahren vom Jubiläumsgrat gestoßen. Keine Beweise bedeuteten in den Augen der Leut lange nicht, dass du unschuldig warst. Was half es, wenn er beteuerte, dass es so nicht gewesen war? Die verstrichene Zeit half nur marginal. Die Alten gaben es weiter an die Jungen, wie eine heimatliche Sage.
Wenn sich eine Meinung in den Schädeln festgekrallt hat, lässt sie sich mit Wahrheit kaum losreißen. Am liebsten hätte Ben sie mit Fäusten herausgeschlagen. Die Realität war aber, dass er die schrägen Blicke und das Getuschel schlucken musste – mutmaßlich bis zum Jüngsten Tag.
Er nippte vom Kaffee und runzelte die Stirn. »Schau her, da kommt der Mörder mit seinem Mörderhund«, murmelte er.
Er warf Beppo einen forschenden Blick zu. Unglück sollte der bringen? Ja, womöglich waren sie sich darin ähnlich. Eine Schicksalsgemeinschaft.
»Scheiß drauf«, sagte er, »ich nehme ihn. Den Vater wird es freuen. Der wollt unbedingt wieder einen Hund, der aufpasst, dass der Fuchs nicht die Hühner rupft.«
Beppo hob den Kopf und sah Ben mit großen Augen an, als hätte er die Botschaft...




