Krausser Die letzten schönen Tage
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-8321-8546-6
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-8321-8546-6
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Helmut Krausser, geboren 1964, lebt in Berlin. Bei DuMont erschienen neben dem Gedichtband >Plasma< (2007), >Verstand und Kürzungen< (2014), die Romane >Eros< (2006), >Die kleinen Gärten des Maestro Puccini< (2008), >Einsamkeit und Sex und Mitleid< (2009) >Die letzten schönen Tage< (2011) und >NIcht ganz schlechte Menschen< (2012) sowie die Tagebücher >Substanz< (2010) und >Deutschlandreisen< (2014) und der Kriminalroman >Aussortiert< (DuMont Taschenbuch 2011). Seine Romane >Der große Bagarozy<
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
(S. 144-145)
Wenn es in Tiflis etwas gab, was Greta und Ralf an Malta erinnerte, waren es die altersschwachen gelben Omnibusse. Aber das konnte ihr Heimweh nicht wirklich lindern. Sie hatten mit durchwachsenem Erfolg an einigen kleineren Pokerrunden teilgenommen und gerade genug verdient, um das winzige Pensionszimmer zu bezahlen. Der einzige Lichtblick war die georgische Begeisterung für das Backgammonspiel, und nachmittags im Kaffeehaus fand Ralf immer wieder Freier, die bereit waren, gegen ihn um dreißig Lari (etwas mehr als zehn Euro) den Punkt zu spielen, ein immens hoher Betrag für hiesige Verhältnisse.
Und endlich war Ralf sogar an einen Goldfisch geraten. Das ist unter Berufsspielern (sogenannten Haien) die Bezeichnung für einen Freier (einen deutlich schwächeren Spieler) mit viel Geld in der Tasche. Ralf, der es gewohnt war, eine Error Rate von unter 3 zu spielen, hatte drei Stunden geackert, um mit 15 Punkten à 20 Euro vorn zu liegen. Sein Gegner, Surab, ein distinguierter älterer Sakkoträger um die fünfundsechzig, mit weißem Backenbart und eher mongolischer als kaukasischer Physiognomie, trug drei dicke Ringe an den Fingern der rechten Hand, und seine Angewohnheit, mit diesen Ringen, wenn er nervös war, gegen die marmorne Tischplatte zu trommeln, klack-klack-klack – wodurch die Hand des Georgiers ungewollt eine gierige Gib-mir-gib-mir-Geste vollführte –, zerrte an Ralfs Nerven.
Einige lokale Spieler saßen um das Board herum, rauchten schwarzen Tabak und flüsterten sich etwas zu, mal debattierten sie auch laut. Kiebitze sollten sich, das war in Georgien nicht anders als sonst wo in der Welt, jedes Kommentars enthalten, und öfters einmal sah Ralf irritiert und mißbilligend in die Runde, dann aber sahen die Kiebitze irritiert und mißbilligend zurück, keckerten frech und grinsten sich eins. Ralf fühlte sich nicht wohl, zeigte aber enorm viel Selbstkontrolle. Greta saß in zweiter Reihe hinter ihm und lenkte die Aufmerksamkeit der Kiebitze immer wieder auf ihr bewußt sehr spendabel gewähltes Dekolleté.
Es folgte eine Partie, in der Ralf nach einem Blitzangriff den Dopplerwürfel gab, keineswegs zu früh, sein Gegner nahm die Verdopplung des Einsatzes fälschlicherweise an, ein Blunder (grober Fehler) – wie sich später in der Computeranalyse zeigte –, und gab den Würfel nach einem glücklichen Pasch, der ihm kaum mehr als ein vorläufiges Überleben garantierte, zurück. Das war nun ein surreales Freierstück, durch gar nichts zu rechtfertigen. Ralf konnte an so ein Geschenk kaum glauben und entschloß sich zu einem Beaver, er drehte also den Würfel nochmal auf die 16 und behielt ihn auf seiner Seite, und als er den Schuß, den der Georgier alsbald lassen mußte, getroffen hatte, gab Ralf ihm den Würfel mit einer mürrischen, leicht genervten Geste auf der 32.
Das war nun beim besten Willen kein Take mehr, viel eher ein Mega-Monster-Pass. Unter normalen Umständen hätte Ralf 16 Punkte kassiert, hätte pro forma noch ein paar Spiele hinter sich gebracht und wäre, zufrieden mit der Beute, abends mit Greta gut essen gegangen, statt von belegten Broten zu leben. Doch genau jene genervte, etwas überhebliche und rechthaberische Geste, die er sich einfach nicht verkneifen konnte, erzürnte Surab, den backenbärtigen Goldfisch, einen für seine fragwürdigen Takes ebenso wie für sein Glück berüchtigten Holzfabrikanten – und einfach nur deshalb, weil er es sich schmerzfrei leisten konnte, akzeptierte er gegen jede




