Krausser Nicht ganz schlechte Menschen
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8321-8641-8
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 576 Seiten
ISBN: 978-3-8321-8641-8
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Helmut Krausser, geboren 1964, lebt in Berlin. Bei DuMont erschienen neben dem Gedichtband >Plasma< (2007), >Verstand und Kürzungen< (2014), die Romane >Eros< (2006), >Die kleinen Gärten des Maestro Puccini< (2008), >Einsamkeit und Sex und Mitleid< (2009) >Die letzten schönen Tage< (2011) und >NIcht ganz schlechte Menschen< (2012) sowie die Tagebücher >Substanz< (2010) und >Deutschlandreisen< (2014) und der Kriminalroman >Aussortiert< (DuMont Taschenbuch 2011). Seine Romane >Der große Bagarozy<
Autoren/Hrsg.
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DIE GRÖSSE DER ZEIT
Pierre Geising erwies sich als nicht ganz so vorhersehbar, wie Ellie angenommen hatte. Obschon seine Frau über Vermögen verfügte, die bedeutendste Attraktivität, die ihr in Geisings Augen geblieben war, spielte der Hotelbesitzer durchaus mit dem Gedanken, sich vielleicht von ihr zu trennen. Seine schnell entstandene sexuelle Abhängigkeit von Ellie war die eine Motivation, hinzu kam, daß er sich wirklich verliebt hatte, in einem Ausmaß, von dem man bei einem geistig relativ gesunden Vierzigjährigen nicht ausgehen konnte. Geradezu närrisch und pubertär verhielt er sich, zum Beispiel, wenn er Ellie im Bad einschloß und nicht gehen lassen wollte, bevor sie ihm einen Liebesschwur durchs Schlüsselloch geleistet hatte, wenn er seinen nackten Körper vor dem Abschied gegen ihren preßte, bis Ellie kaum noch atmen konnte, wenn er ihr übertriebene Geschenke machte, nach dem Mantel noch neue Schuhe und eine silberne Halskette mit kleinen Saphiren. Daß es sich bei den Saphiren um Fälschungen handelte, spielte keine Rolle, denn Geising hatte sie in gutem Glauben einem Flohmarkttrödler an der Porte de Clignancourt abgekauft, und alle waren glücklich, Geising, Ellie – und der Flohmarkttrödler sowieso.
Wenn Ellie nach den nachmittäglichen Schäferstündchen aufbrach in Richtung der Rue Clovis, litt Pierre Geising echte Schmerzen in der Brust, Stiche und Beklemmungen sowie eine nicht näher beschriebene Leere im Kopf, die ihn, behauptete er, mit ihrem Gewicht erdrücke. Eine Leere habe doch kein Gewicht, meinte Ellie. Dochdoch, insistierte Pierre, diese Leere schon. Eine finsterschwarze Schwerleere sei das, die sie in ihm hinterlasse. Finsterschwarz. Aha. Ellie mußte lächeln. Seine flehentlich geäußerte Bitte, sie solle nur einmal eine Nacht im Monbijou verbringen und morgens an seiner Seite erwachen, lehnte Ellie weiterhin ab, Halskette hin oder her. Sie wußte, wie man frische Verliebtheit am längsten konserviert: indem man ihr sparsam nachgibt, ihren Hunger nie sättigt und sie nicht ohne Not desillusionierenden Morgenstunden aussetzt. Außerdem wäre ihr keine Ausrede gegenüber Max eingefallen.
Im deutschen Reich wurde am 10.Juli 1936 der für seinen Mut während der Zeit der Saalschlachten legendäre Kommunist Etkar André nach dreieinhalbjähriger Untersuchungshaft unter anderem wegen Hochverrats und Mordes an einem SA-Truppführer zum Tode verurteilt. Trotz äußerst dürftiger Beweislage. Breite internationale Proteste der höchsten diplomatischen Stellen verlangten eine Begnadigung. Hitler ließ die Angelegenheit zunächst offen. Außenpolitisch bemühte sich die Diktatur um Zurückhaltung, die jüngste Krise mit Österreich wurde diplomatisch gelöst. Man wollte der feindlichen Presse nicht in die Karten spielen, wollte viel eher das Bild einer einig und zufrieden hinter dem Führer stehenden Nation suggerieren. Man kam diesem Propagandaziel gerade dadurch nahe, indem man nicht das Lamm spielte, das hätte zu durchschaubar und heuchlerisch gewirkt, sondern indem man den starken, aber bedächtig agierenden Wolf gab, der selbstbewußt, wiewohl vernünftigen Gründen nicht unzugänglich war. Nicht wenige Menschen dachten um, hielten Hitler für einen gewieften Pragmatiker in der Maske des Fanatikers.
Dr.Joseph Goebbels notierte in seinem Tagebuch (26.Juni 1936): Regeln für Partei Olympiade besprochen. Partei tritt nicht auffällig in Erscheinung.
In einer Presseanweisung ordnete er an, daß der Rassenstandpunkt bei der Berichterstattung völlig unbeachtet bleiben müsse.
Geising verfiel auf krude Gedanken. Ellie eines Tages zu verfolgen, war noch nicht mal der absonderlichste. Im Gegenteil, für jemanden, der an finsterschwarzer Schwerleere litt, lag das auf der Hand.
Ellie blickte sich, wenn sie in schnellem Schritt über die Straßen zur Metro eilte, immer mal um, eine praktische Angewohnheit aus Hitlerdeutschland. Nein, sie war sich einigermaßen sicher, Pierre folgte ihr nicht, und hatte sie erstmal den Waggon betreten, gab es doch Dutzende Möglichkeiten, wo sie wieder aussteigen würde. Pierre wußte einzig, daß sie und »ihre Brüder« irgendwo im Quartier Latin wohnten, das war ihr ganz in der Frühphase der Beziehung einmal rausgerutscht. Seither hatte sie exaktere Nachfragen mit nichts als einem tadelnden Zungenschnalzen beantwortet. Mit Ellie Jakobowski in den Waggon der Linie 5 nach Süden stieg denn auch nicht Pierre Geising, sondern Luc Bouchard, ein sechzehnjähriger Küchenjunge des Hotel Monbijou, dem der Auftrag seines Chefs soviel Spaß bereitete, daß er sich beinahe durch sein Dauergrinsen verraten hätte.
Am Gare d’Orléans-Austerlitz stiegen beide zur Linie zehn um und fuhren zwei Stationen bis zur Rue du Cardinal Lemoine. Eigentlich hätte Ellie der Knabe auffallen müssen. Aber er hielt geschickt Abstand.
22.Juli 1936
Lieber Max,
ich sage dir: Barcelona! Eine Stadt in Aufruhr, in Euphorie ist das, schwarz und rot beflaggt, voller Musik, eine Stadt im Taumel des Ausnahmezustands, der sich johlend und stampfend zur Regel erhebt. Freiheit und Gerechtigkeit! Binnen weniger Tage ist dort nichts mehr wie zuvor. Das Volk feiert die Machtübernahme durch die Arbeiterklasse, skandiert an jeder Straßenecke Parolen, die irgendwie, aus innerer Poesie heraus, zu Versen und Liedern werden. Man muß von der Sprache gar nicht viel verstehen, um sich von der revolutionären Woge getragen und bewegt zu fühlen. Auf den Ramblas wird gesungen, als Begleitung genügt oft eine krächzende Geige, eine betrunken geschlagene Trommel, wo im Grunde doch überhaupt kein Instrument nötig wäre, dem Singsang Struktur und Resonanz zu verleihen. Stell dir vor, mir war nicht bekannt, daß man in Katalonien einen herben, vernuschelten Dialekt dem Spanisch der Wörterbücher vorzieht, ich habe rein gar nichts verstanden, und mich doch willkommen und eingebunden gefühlt. Von den Kämpfen habe ich wenig mitbekommen, nur Schüsse gehört, das natürlich schon. Es heißt, daß von allen spanischen Städten der Putsch der Faschisten in Barcelona am schnellsten und schmerzlosesten niedergerungen wurde, dank der Entschlossenheit der Arbeitermilizen. Es kursieren Geschichten von kaum bewaffneten Menschenmengen, die in purer Todesverachtung die Maschinengewehrnester der Putschisten überrannt haben sollen. Inwieweit das stimmt, weiß ich nicht, noch nicht, aber die Vorstellung ist so schön – ich möchte gern daran glauben. Die Rede ist von etwa tausend Toten und Verwundeten. Entscheidend für den Ausgang war wohl auch, daß die Guardia Civil, eine paramilitärische Polizeitruppe mit ausgezeichneten Schützen, sich nach langem Zögern auf die Seite der Republik schlug. Einige Pfaffen, das wird dir gefallen, sind exekutiert worden, weil sie von ihren Kirchtürmen die Menschenmenge beschossen haben (sollen). Bis auf die Kathedrale, ein wundervolles Bauwerk, wurden alle Kirchen in Brand gesteckt und nur ihre verkohlten Mauern sind geblieben, ein gespenstischer Anblick. Die Kämpfe müssen sehr einseitig verlaufen sein. Keine Macht kann es mit dem Willen einer zu allem entschlossenen Arbeiterschaft aufnehmen. Am Schluß war nur noch die nahegelegene Atarazanas-Kaserne in faschistischer Hand, die heldenhaft und mit außerordentlicher Kühnheit gestürmt wurde. In den Straßen stehen noch die Barrikaden, tote Pferde liegen herum, aber niemand hat das kurze Chaos ungebührlich ausgenutzt und kein einziges Geschäft wurde geplündert. Der verräterische General Goded wurde gezwungen, im Rundfunk seine Niederlage einzugestehen. Jetzt haben die Läden schon alle wieder geöffnet, und die Aufräumarbeiten gehen schnell voran. Die Menschen sind ausnehmend freundlich.
Ich bin Sportler der Olimpiada Popular. Das zu äußern, öffnet Türen und Herzen. Du wirst lachen und es für eine Phantasie halten, aber drei ziemlich gutaussehende Frauen schoben ihre Hemden hoch, offerierten mir ihre Brüste, als sei es das Normalste der Welt. Es handelte sich allerdings, die Pointe sei dir gegönnt, um Huren, die vom Ende der Prostitution wohl etwas raunen gehört hatten, dennoch gewohnten Handlungsmustern folgten, unschlüssig, ob man sich der neuen Doktrin sogleich und buchstabengetreu unterwerfen muß.
Hier gibt es fortan nur noch freie Menschen, keine Hierarchien. Man duzt sich untereinander. Alle Berufe, sofern sie der Gemeinschaft dienen, gelten als gleichermaßen wertvoll. Niemand, kein Dienstleister, kein Barbier oder Schuhputzjunge, nicht einmal ein Hotelpförtner, der davon zu leben gewohnt war, nimmt noch ein Trinkgeld an, und schon der Versuch, eines zu geben, beleidigt mitunter den Stolz des freien Volksgenossen. Die Prostituierten sind die einzigen, die mit der entstandenen Situation nicht so ganz klarkommen. Man hat ihnen mitgeteilt, daß sie endlich befreit sind vom Joch patriarchalischer Versklavung. Und ihnen Arbeitsplätze in den Fabriken angeboten. Einige sollen das Angebot akzeptiert haben. Wie die anderen sich künftig ihr Brot verdienen, überläßt man ganz ihrer freien Entscheidung bzw. ihrem Talent zur Improvisation. So kam ich zu einem billigen Zimmer, und Ines, eine stämmige, breitschultrige Hure, zum Titel einer Zimmerwirtin. Ich tue ihr einen Gefallen, betont sie. Na bitte sehr. Ich sehe bis hier, wie du zwinkerst. Nein, sie ist nicht mein Typ, falls du das wissen willst. Aber witzig ist es schon, daß wir nun beide mit Damen aus dem ältesten Gewerbe zusammenleben. Auf Zuhälter und Drogenhändler wird Jagd gemacht. Mein Quartier liegt in einer schmutzigen Gegend unweit vom Hafen, im zweiten Stock eines schmalen Mietshauses, von dessen Türen und Fensterläden aller Lack abgeblättert ist, und die Latrine – ich schweige. Innen aber ist...




