E-Book, Deutsch, 248 Seiten
Krebs / Fuchs Die Leberkäs-AG
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-475-54506-1
Verlag: Rosenheimer Verlagshaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 248 Seiten
ISBN: 978-3-475-54506-1
Verlag: Rosenheimer Verlagshaus
Format: EPUB
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Wolfgang Krebs trat 1993 erstmals als bayerischer Ministerpräsident Edmund Stoiber auf und schlüpfte nach dessen Rücktritt auch in die Rolle seiner Nachfolger Günther Beckstein und Horst Seehofer. Wolfgang Krebs gehört zu den bekanntesten deutschen Kabarettisten und hat aktuell ca. 200 Auftritte im Jahr. Stefan Fuchs arbeitete lange Jahre als Redakteur in der Unterhaltungsabteilung des Bayerischen Fernsehens und wurde schließlich Unterhaltungschef bei SAT.1. Heute ist er freier Autor und schreibt neben Büchern für verschiedene Fernsehformate.
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1
Sein ganzes Leben lang hatte Peter Popp noch keine Straftat begangen. Das sollte sich in 45 Minuten ändern. Gut, er hatte im Alter von vier Jahren einmal seiner Mutter 50 Pfennig aus dem Geldbeutel gestohlen – für Kaugummis. Aber das schlechte Gewissen war so groß, dass er es nach einem Tag beichtete. Und ihm wurde vergeben. Das war alles an kriminellen Handlungen in seinem sechzigjährigen Leben.
Peter Popp stand an diesem Abend hinter dem Tresen des Gasthofs »Alter Esel«, wie er das auch die letzten zwanzig Jahre getan hatte. Es war kurz vor 23 Uhr, bald war Sperrstunde.
Er dachte an die Anfangszeit. Damals, als er von Oberfranken nach Zeislhöring gekommen war, diesen kleinen, liebenswerten Ort am Westufer des Starnberger Sees. 2500 Einwohner, eine Schule, ein Kindergarten, ein Lebensmittelgeschäft und zu dieser Zeit sogar noch eine Post- und eine Sparkassenfiliale. Lange vorbei! Obwohl man ohne zu übertreiben von einer Idylle sprechen konnte, zogen immer mehr Leute weg, in Richtung Norden, in Richtung München oder zumindest Starnberg. Dort war die Verkehrsanbindung einfach besser, denn nach Zeislhöring kommt man nur mit dem Bus. Und der fährt nur drei Mal am Tag.
Peter zapfte noch zwei Bier. Eigentlich waren drei bestellt, aber Peter wusste: Das Fass ist leer. Somit blieb es bei zwei. Den letzten für heute. Und für diesen Lebensabschnitt.
Obwohl er schon zwanzig Jahre in diesem Ort lebte, oben, im ersten Stock des alten Wirtshauses, war er dennoch keiner von ihnen, kein Zeislhöringer. Bis heute machte man sich lustig über seinen fränkischen Dialekt. Häufig bekam er ein Bier spendiert, wenn er dafür einmal seinen Namen aussprach: »Beder Bobb«. Da lachten sie, die Zeislhöringer, die meisten mit ihm, aber einige auch über ihn.
Die erste Zeit war eine gute Zeit. Sabine, seine Frau, war mit ihm gekommen, aus Pottenstein, dem gemeinsamen Heimatort in der Fränkischen Schweiz, als sich damals die Möglichkeit geboten hatte, am Starnberger See ein Wirtshaus zu pachten.
»Was bekommt man, wenn man einen Kraken mit einer Frau kreuzt? Eine Super-Putzfrau!«
Das war ein weiterer Spitzenwitz vom Einerdinger-Max. Lautes Gelächter war sein Applaus. Der Tisch mit den fünf Mitgliedern der Freiwilligen Feuerwehr war eine verlässliche Kundschaft. Fast jeden Tag waren sie da, und fast jeden Tag erzählte der Einerdinger-Max einen seiner Witze, die ihn zum heißen Entmannungskandidaten jeder fundamentalistischen Frauenrechtlerin gemacht hätten. Aber so etwas gab es in Zeislhöring nicht, und deshalb gewann der Einerdinger-Max jeden Abend seinem Lieblingsthema neue zweifelhafte Variationen ab.
Am Tisch neben dem Eingang saß ein älteres Ehepaar, das Peter nicht kannte. Ab und zu landeten hier Zufallsgäste. Aber nicht oft, und keiner davon war jemals ein zweites Mal gekommen.
Am kleinen Tisch in der Ecke kauerte der treueste Stammgast des »Alten Esels«, ein gewisser Jack. So nannte er sich zumindest selber. Wie sein richtiger Name lautete, das wussten wohl nur einige wenige alteingesessene Zeislhöringer, die dabei waren, als der Jack vor 50 Jahren hier gestrandet ist. Seinem Dialekt nach stammte er aus dem Sächsischen. Vielleicht eine Fluchtgeschichte. Da Jack nicht viel sprach, war diese Theorie nur schwer zu überprüfen.
Jack war eindeutig ein Freund der Amerikaner, was er mit seiner Kopfbedeckung demonstrierte: eine Militärmütze aus dem amerikanischen Bürgerkrieg. Sie sah aus, als wäre eine Konservendose mit der Öffnung nach unten auf den Kopf gestülpt, oben eingedrückt und vorne mit einer Blende versehen worden. Jack betonte viele Jahre lang, diese Mütze sei ein Zeichen seiner Solidarität mit den farbigen Amerikanern der Südstaaten, die von den tapferen Armeen der Nordstaaten befreit worden sind.
Eines Tages aber konnte ein Gast glaubwürdig versichern, diese Kopfbedeckung sei diejenige der Konföderierten, also der Südstaaten, also der Sklaverei-Verteidiger. Da der Jack aber nur diese eine Mütze hatte und sein Erscheinungsbild nicht mehr verändern wollte, blieb er bei dem Accessoire und lief nun wissentlich Reklame für die falsche Seite.
Über der Kasse hing ein Bild von Peter und Sabine. Es musste in den ersten Tagen der Neueröffnung entstanden sein. Er, der Peter, damals noch mit vielen blonden Haaren, die inzwischen entweder grau oder nicht mehr vorhanden waren. Auch eine Brille hat er noch nicht gebraucht, und seiner Figur war der frühere Sportler noch anzusehen. Und daneben Sabine, eine schöne, fröhliche, optimistische Oberfränkin! Aber da man ja selten das genießen kann, was man jederzeit zur Verfügung hat, musste Peter dann etwas mit einer rassigen Italienerin anfangen. Sie hatte in München zu tun, während der Oktoberfestzeit. Es war kein Hotelzimmer mehr zu bekommen. Das einzige freie Zimmer befand sich im ersten Stock des »Alten Esels« zu Zeislhöring. Das Niveau der Ausstattung befand sich ungefähr auf dem der Nachkriegszeit – des Ersten Weltkriegs, wohlgemerkt: Kohleofen, Toilette und Bad auf dem Gang. Dort ist man sich dann eines Nachts begegnet, und kurz danach ist es passiert, unter dem röhrenden Hirschen und dem Hasen von Dürer.
Sabine hat es sofort gemerkt, und zwei Stunden später war der Koffer gepackt und Sabine auf dem Weg zu ihrer Familie nach Pottenstein. An diesem Tag, da war sich Peter sicher, begann der Abstieg, der heute münden sollte in den Beginn seiner kriminellen Laufbahn.
»Sagt eine Frau zu ihrer Freundin: ›Gestern hab ich einen Schwangerschaftstest machen lassen!‹ – ›Und, sagt die Freundin, waren die Fragen schwer?‹«
Der Einerdinger-Max war schwer in Fahrt und sein Publikum nicht sehr anspruchsvoll. Peter lächelte solidarisch mit, dann ließ er seinen Blick über die Wände schweifen. Sie waren halbhoch mit Holz getäfelt, darüber hingen Urkunden vom Schützen- und Gesangsverein, Fotos von Taufen und Hochzeiten. Lange vorbei! Die letzte Hochzeit war im »Alten Esel« vor drei Jahren gefeiert worden. Kein Wunder. Peter hatte so gut wie gar kein Personal mehr. Er kochte selbst, soweit man den Umgang mit Mikrowelle und Gefriertruhe kochen nennen konnte. Die Toiletten begrüßten jeden Gast mit einem stechend-öligen Aroma, das auch von einer dreistelligen Anzahl von Duftsteinen nicht mehr überlagert werden konnte.
Der Geruch aus dem Sanitärbereich ging eine interessante Fusion ein mit dem Zigarren- und Zigaretten-Qualm von 150 Jahren. Holz und Vorhangstoffe haben ein gutes Gedächtnis für Nikotin.
Und so kam es, dass eines Tages die Sportler wegblieben und lieber in ihrem eigenen Stüberl feierten. Der Gesangsverein war vor acht Jahren aufgelöst worden, als seine Mitgliederzahl gerade noch für ein Quintett reichte. Die Kartenspieler am Stammtisch kamen zwar einmal die Woche, aber ihr Gesundheitszustand ließ nur noch Kamillentee und Spezi zu.
»So, mir dädn dann bald amoll aweng schließen!«, ließ sich Peter vernehmen – in einer Sprache, die er für Hochdeutsch hielt.
»Alles glaar, Beder!«, rief der Einerdinger-Max zurück und meinte es vermutlich nicht einmal böse.
Peter verließ kurz das Gastzimmer und ging in den kleinen Nebenraum, der Platz für 30 Gäste bot. Früher hatte hier der kleine CSU-Ortsverein seinen Treffpunkt, aber auch den gab es nicht mehr.
Hier, an diesem Tisch, hatte die Tragödie angefangen. Es begann als kleine Schafkopf-Runde nach Feierabend. Wenige Wochen später wurde gepokert – um kleine Beträge. Die wurden aber im Lauf der Zeit höher, bis in den vierstelligen, am Ende fünfstelligen Bereich. Abgesehen davon, dass man Peter die Lizenz entzogen hätte, wenn das aufgeflogen wäre, hatte Peter hier buchstäblich Hab und Gut verloren. Letzte verzweifelte Versuche in der Spielbank Bad Tölz machten die Katastrophe nur noch schlimmer.
Miete und Pacht zahlte Peter schon seit Monaten nicht mehr. Jede Minute hatte er damit gerechnet, dass ein Anruf der Baronin kam. Aber offenbar kontrollierte die Dame ihre Finanzen nicht regelmäßig oder gar nicht. Als sich dann abzeichnete, dass er auch die Brauerei, die Lieferanten, das Telefon und den Strom nicht mehr bezahlen konnte, reifte der finale Entschluss.
Peter kontrollierte die Fenster. Eigentlich war das unnötig, denn seit etlichen Wochen schon wurde dieser Raum nicht mehr betreten. Das galt auch für den großen Saal im Anschluss mit kleiner Bühne und Platz für hundert Leute. Hier fanden die großen Feiern statt. Die Theatergruppe hatte hier geprobt und schließlich das Geprobte aufgeführt. Lange vorbei! Jetzt wurden hier die Gartenmöbel für die Terrasse gelagert.
Peter stand an der großen Glasfront mit dem herrlichen Blick auf den See. Eine Vollmondnacht im April! Drüben, auf der anderen Seeseite, in Ambach und Ammerland, brannten noch etliche Lichter. Am Ufer schliefen die Enten. Ein später Spaziergänger führte seinen Hund aus und schlenderte den kleinen Weg am See entlang.
Peter ging zurück in die Gaststube und kassierte. Jack nickte kurz und verließ schweigend die Gaststube, gefolgt von dem unbekannten Ehepaar.
»Wie bricht man einer Blondine die Nase? – Indem man 50 Euro unter einen Glastisch legt!«
Großes Gejohle. Dann standen die Abgeordneten der Freiwilligen Feuerwehr auf und folgten ihrem Humorbeauftragten in die Nacht. Peter hörte sie noch lange lachen, wobei als Anlass für einen Heiterkeitsausbruch schon genügte, wenn einer in der Dunkelheit über eine Wurzel stolperte.
Nach einer Minute waren sie nicht mehr zu hören. Damit war das Kapitel des anständigen Gastwirts Peter Popp beendet. Er holte das Bargeld aus der Kasse und kippte es in...




