Krebs / Prollius | Mythos Anarchokapitalismus | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 152 Seiten

Krebs / Prollius Mythos Anarchokapitalismus


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7392-6714-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 152 Seiten

ISBN: 978-3-7392-6714-2
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Anarchokapitalismus ist in. Die philosophische Melange aus Anarchismus und Kapitalismus kommt bei jungen Menschen gut an. Handelt es sich gar um eine konsequente Fortentwicklung der Freiheitsidee? Die vorliegende perspektivenreiche Untersuchung prüft zentrale Argumente und zeigt: Der Liberalismus besitzt einen wahren Kern. Anarchokapitalismus und Liberalismus sind zwei unvereinbare Weltanschauungen. Die Überwindung von Staat und Gesellschaft kann nicht zu mehr Freiheit führen. Vielmehr wären Räume der Gewalt und feudale Herrschaften eine unausweichliche Folge. Anarchokapitalistischer Anspruch und Realität klaffen auseinander.

Helmut Krebs, verheiratet, mehrfacher Vater und Großvater, ist Pädagoge und autodidaktischer Philosoph. Er übersetzte die wichtigsten englischsprachigen Werke von Ludwig von Mises, u.a. Human Action und The Ultimate Foundation of Economic Science. Von ihm erschienen bisher die Übersetzung Ludwig von Mises Theorie und Geschichte, die Monografie Klassischer Liberalismus und das Essay Sklerose. Leitbilder und Ideologien einer alternden Gesellschaft in der Edition Forum Freie Gesellschaft.
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TEIL B · ANARCHISMUS


Sicherheit durch Gewaltmonopol oder Gewaltwettbewerb?


1849 erschien im Journal des Économiste ein epochaler Aufsatz: „De la production de la sécurité“, verfasst vom belgischen Ökonom Gustave de Molinari (1819-1912). Die Kernaussage lässt sich mit einem Ein-Satz-Zitat wiedergeben: „.“ Ein einziges Wort macht den Unterschied: . In seinem überaus anregenden Aufsatz versucht der relativ junge Molinari nämlich zu belegen, dass Sicherheit nicht von dem herkömmlichen Monopolisten, also dem Staat, gewährleistet werden soll, sondern im Wettbewerb auf dem Markt. Im Rückblick war mit diesem Gedanken der Anarchokapitalismus geboren.

Gut 50 Jahre zuvor hatte der englische Gelehrte William Godwin in seinem Hauptwerk „Enquiry concerning political justice“ die zentralen Elemente der anarchistischen Theorie formuliert. Jedwede staatliche Gewalt stelle einen Eingriff in die private Urteilskraft dar, schrieb Godwin 1793. Parallel zum klassischen Liberalismus entwickelte sich der Anarchismus – und für Molinari war das die konsequente Weiterentwicklung des Liberalismus selbst.

Dreh- und Angelpunkt des Anarchokapitalismus ist die Abschaffung des Staates, dessen Aufgaben private Anbieter übernehmen sollen. Ganz dem Wesen der Marktwirtschaft entsprechend würden die Konsumenten die Produktion steuern – im Unterschied zur Staatswirtschaft und staatlich dirigierten Wirtschaft. Die naheliegende Frage lautet: Warum nicht auch das Gut Sicherheit durch private Sicherheitsproduzenten bereitstellen lassen? Gerade weil den Menschen Sicherheit so sehr am Herzen liegt, sollte der Gewaltwettbewerb an die Stelle des Gewaltmonopols treten.

Molinari schlussfolgerte, keine Regierung dürfe eine andere Regierung daran hindern, mit ihr in Konkurrenz um die Nachfrage der Konsumenten nach Sicherheit zu treten. Zudem stellte er fest, dass die bisherige Produktion von Sicherheit fast durchweg einen Monopolcharakter besessen habe. Ursächlich sei die Erkenntnis, dass das Einbeziehen von unfreiwilligen Konsumenten eine erhebliche Gewinnsteigerung ermögliche. Das hatte die bekannten Folge: Kriege zwischen den Sicherheitsanbietern. Stets war das Ziel, territoriale Sicherheitsmonopole zu errichten und so die Ausbeute zu erhöhen.

Und genau an diesem faszinierendem Punkt, an dem die Alternative gerade zum Greifen nah scheint, an dem Molinari seine Idee des Gewaltwettbewerbs präsentiert, rückt sie offenkundig in unerreichbare Ferne. Es hat in der Geschichte der Menschheit keinen (dauerhaften) Gewaltwettbewerb gegeben. Dort, wo es Gewaltwettbewerb gegeben hat und gibt, wird der territoriale Monopolist ausgekämpft. Der Sieger wird nicht nach den Kriterien Effizienz und Nachfrageausrichtung gekürt. Es gilt einfach: The winner takes it all. Und es ist nicht absehbar, warum oder wie sich daran etwas ändern könnte.

Die Begründung dafür ist logischer und empirischer Natur: Aus machtpolitischen Gründen kann Sicherheit keine rein private Dienstleistung sein: Der Einsatz von Zwang als Dienstleistung setzt Anreize, diese nicht nur für die Kunden zu nutzen, sondern zur Gewinnmaximierung und Ausschaltung von Wettbewerbern. Genau so hat es Molinari beschrieben. Sogar in einer staatenlosen Welt würde sich mit Robert Nozick (Anarchy, State, and Utopia) ein natürliches Monopol bilden, während es Tyler Cowen zufolge zu einer Kartellierung käme.12 Eine prägnante Formel hat dafür Randall G. Holcomb geprägt: „The State is unnecassary, but inevetable“.13 Und es liegt nahe, dass die Herrschaft von Menschen über Menschen nicht nur einseitig von oben erfolgte, sondern von unten akzeptiert und sogar nachgefragt wurde. Sicherheit ist ein janusköpfiges Gut: Sicherheit herrscht nicht zuletzt, sondern zuerst, wenn nicht um sie gekämpft werden muss. Ist das Monopol erreicht, kann es zum Missbrauch einladen.

Umso wichtiger ist es, dass es den Wettbewerb der Territorien gibt, den Molinari fordert. Wir leben in einer Welt von Staaten. Und wenn diese im Wettbewerb mit einander stehen, dann gibt es einen gewissen Druck, bessere Sicherheit zu gewährleisten. Zusätzlicher Druck durch zumindest partiellen Wettbewerb, ohne das Gewaltmonopol insgesamt in Frage zu stellen, dürfte sich als hilfreich erweisen. Und das ist angesichts der wachsenden Sicherheitsbranche längst der Fall. Ohnehin gibt es heute eine Fülle von Checks und Balances, die der Kontrolle und Einhegung staatlicher Macht dienen. Sie zu verbessern und den Staat zurückzudrängen ist eine zentrale Herausforderung unserer Zeit und wäre vielleicht sogar die Voraussetzung für ein erstes anarchokapitalistisches Experiment.

Die Sicherung der Freiheit und die Verbesserung der Lebensbedingungen ist das Ziel des Liberalismus, nicht die Abschaffung des Staates. Der Staat ist eine Vereinigung von Bürgern unter Rechtsgesetzen, durch die die gleiche Freiheit für alle hergestellt und gesichert wird.

Ein Dank gebührt Freitum, namentlich Tomasz Froelich, der die weitreichenden Gedanken Gustave de Moliaris zur Produktion von Sicherheit in ansprechender Buchform verfügbar gemacht hat.14

Anarchokapitalismus, der Gott, der keiner ist. Über Gustave de Molinaris Produktion der Sicherheit


Gustave de Molinari gilt mit seiner epochalen Schrift „Produktion der Sicherheit“15 als einer der Begründer des Anarchokapitalismus. Genauer betrachtet handelt es sich um ein Gründungsdokument, das zunächst weitgehend folgenlos blieb, also weder schulbildend wirkte noch Mitstreiter zur Vertiefung seiner Thesen bewegte. Erst im 20. Jahrhundert wurde insbesondere durch Murray N. Rothbard und seine Anhänger, darunter auch der Historiker Ralph Raico, der belgische Ökonom und Publizist wieder entdeckt. Ihm wird zugute gehalten, den klassisch liberalen Ansatz konsequent weitergedacht zu haben. Aus klassisch liberaler Perspektive lässt sich das bestreiten; weitreichende Skepsis habe ich bereits in dem vorstehenden Beitrag „Sicherheit durch Gewaltmonopol oder Gewaltwettbewerb?“ zum Ausdruck gebracht. Tatsächlich ist es angebracht, weit über diese Skepsis hinaus zugehen, weil de Molinaris Text sehr simpel gestrickt ist und eine Fülle logischer Fehler enthält.

Die Auseinandersetzung mit seiner Schrift erscheint geeignet, Grundsätzliches zu einer Säule – und zu einem Säulenheiligen – des Anarchokapitalismus zu sagen. Ich werde das nachfolgend thesenhaft tun, zumal ich angesichts einer (erneuten) kritischen Durchsicht und Diskussion des Traktats überrascht bin, dass diese Säule lediglich aus Pappmaché besteht.16

Die Verdienste de Molinaris um den klassischen Liberalismus im französischsprachigen Raum sollten deshalb nicht gering geschätzt werden. Sein Einsatz für Freihandel, Frieden sowie gegen Sklaverei und Etatismus, aber auch seine auf politische Ökonomie gestützte Argumentation bleiben unberührt. Allerdings sind Zweifel an Ralph Raicos Einschätzung angebracht, dass de Molinari zu den besten liberalen Denkern des 19. Jahrhunderts zählt.

Gustave de Molinari schlägt bekanntlich vor, Sicherheit durch private Unternehmen auf Wettbewerbsmärkten produzieren zu lassen. Dies sei effizienter und gerechter, zudem ungefährlicher. Niedrigere Preise und höhere Effizienz gingen Hand in Hand. Die Diffusion des Staates in der Gesellschaft ist gleichsam sein letztes Ziel. Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass jedwedes Gut auf einem Markt zu erbringen sei und die Interessen der Konsumenten stets Vorrang vor denen der Produzenten hätten. Folglich sei die Produktion von Sicherheit dem Wettbewerb zu unterwerfen.


Versetzen wir uns in die Zeit, in der de Molinari eine Schrift verfasste, also in die 1840er Jahre. Der Anfang 1849 im Journale des Économistes erschienene Text wurde in einer Hochphase des bürgerlich-liberalen Zeitalters verfasst. Die deutsche Freiheitsrevolution erstreckte sich vom März 1848 bis zum Spätsommer 1849. In Frankreich beendete bereits im Februar 1848 die gleichnamige Revolution die Herrschaft des Bürgerkönigs Louis-Philippe von Orleans; es folgte die zweite – restaurative – französische Republik.

Politisch bedeutsam waren neben dem Liberalismus zumindest zwei weitere, neuere Strömungen, deren Wurzeln sich bis in die Antike zurückverfolgen lassen. Die Rede ist vom aufkommenden Sozialismus. Dazu zählten die Saint-Simonisten, in der Nachfolge ihres 1825 gestorbenen Namensgebers, und Karl Marx, der in der Zeit zwischen 1843 und 1849 den Übergang zum Kommunismus vollzog. Zugleich entwickelte sich der Anarchismus seit der Französischen Revolution. William Godwin hatte 1793 mit „Enquiry concerning political justice“ ein Grundlagenwerk verfasst, Proudhorn stellte 1840 die Frage „Was ist Eigentum?“ und unternahm Untersuchungen zu den Grundlagen des Rechts und der Herrschaft. Die...



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