Kress | The Ravens Cry | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1, 456 Seiten

Reihe: The Ravens Cry

Kress The Ravens Cry


1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6951-6984-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 1, 456 Seiten

Reihe: The Ravens Cry

ISBN: 978-3-6951-6984-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Faye wollte nur eins. Vergessen. Nachdem sie vor ihrem gewalttätigen Ex Freund flieht, hat sie nur eins im Kopf. Ein neues Leben beginnen, fernab der Vergangenheit, fernab von Liebe. Doch dann trifft sie Caleb. Sein Blick ist zu intensiv, seine Nähe zu vertraut, sein Schweigen zu gefährlich. Etwas an ihm zieht sie an wie Licht den Schatten. Und doch spürt sie, dass hinter seiner Ruhe mehr liegt als bloße Anziehung. In einer Stadt, aus schweigen und Schnee, gerät Faye in ein Spiel aus Sehnsucht und Geheimnissen, das sie an ihre Grenzen bringt. Denn manche Begegnungen fühlen sich nicht zufällig an. Manche Seelen erkennen sich wieder. Selbst dann, wenn sie es nicht sollten. Doch es gibt einen schmalen Grad. Ihre Seele zu retten, oder sie nicht vor demjenigen beschützen zu können, der sie am meisten begehrte.

Emma Kress wurde damals 1999 in Lohr a. Main geboren. Aufgewachsen ist sie mit vielen Tieren und einer liebevollen Familie. Sie besuchte die Privatschule in Esselbach, bis sie nach ihrem M zweig Abschluss eine Ausbildung zur Altenpflegerin antrat. Aufgrund der Epilepsie die mit ihrem 14. Lebensjahr ausbrach gab es mehrere Probleme in Hinsicht von Schule und Arbeit, doch schon seit sie 8 war suchte sie ihren Rückzugsort in ihren Geschichten. 2016 gewann sie den Jugendkulturpreis für Literatur. Nun lebt sie in Gemünden am Main und konzentriert sich auf das Schreiben.
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Kapitel 2


Ich schrak hoch.

Schweiß klebte auf meiner Stirn, mein Herz raste so sehr, dass ich glaubte, es würde mir die Rippen sprengen. Das Glas neben mir schwankte gefährlich am Rand des Tisches, ein Tropfen Wein rann über die Kante, als wollte er gleich zu Boden stürzen.

Meine Hand fuhr instinktiv zu meinem Hals. Dort, wo ich eben noch Olivers Hand gespürt hatte — kalt, fest, gnadenlos. Der Druck lag mir noch in den Muskeln, als hätte er Spuren hinterlassen, die niemand sehen konnte.

Der Kamin brannte noch.

Die Flammen warfen Schatten über die

Wände, die sich bewegten, als hätten sie ein Eigenleben.

Der Film auf dem Fernseher war längst vorbei. Jetzt lief ein alter Schwarz-Weiß-Streifen, die Figuren sprachen in einer Sprache, die ich nicht verstand. Vielleicht Französisch, vielleicht Italienisch. Ich wusste es nicht. Es war egal. Meine Gedanken waren zu laut, um irgendetwas anderes zu hören.

Ein Seufzen entwich mir, zittrig, müde.

Nur ich war noch übrig.

Der Kamin… er war warm.

Oder ich redete es mir ein, hielt mich verzweifelt an diesem Gefühl fest, als könnte die Hitze der Flammen beweisen, dass ich noch hier war. Dass nicht alles nur ein Traum war. Dass ich nicht wieder zurückgerissen wurde. Ich atmete schwer, wischte mir die Stirn mit dem Ärmel ab. Das Zittern meiner Hände hörte nicht auf. Meine Brust zog sich bei jedem Atemzug enger zusammen, bis es wehtat.

Dann griff ich nach dem Glas, leerte den letzten Rest mit einem Zug und stellte es entschlossen weg, als könnte ich damit einen Schlusspunkt setzen. Einen Schnitt zwischen dem Davor und dem Danach.

Ich zwang mich aufzustehen. Meine Beine fühlten sich an, als gehörten sie mir nicht, doch ich bewegte sie trotzdem, Schritt für Schritt. Ich zog meinen Cardigan enger über den Pullover, als ich die Terrassentür öffnete und hinaustrat.

Die Kälte traf mich sofort, bissig, klar, gnadenlos ehrlich. Ich wusste nicht, was ich erwartete. Dunkelheit vielleicht. Nichts. Oder alles. Aber die Sterne waren da. So klar, so scharf, dass es fast schmerzte, hinzusehen.

Ich atmete tief ein, doch egal wie oft ich es versuchte, es schien nie genug zu sein. Es fühlte sich an, als wäre die Luft zu dünn, zu leer, um das Chaos in mir zu füllen.

Vielleicht hoffte ich, dass die Kälte lauter war als meine Gedanken und das Dröhnen in meinem Kopf einfrieren könnte. Doch anstatt zu helfen, machte sie alles nur schärfer: die Dunkelheit, die Leere, die Erkenntnis, dass hier alles fremd war.

Und doch… war es vertraut.

Wie ein Ort, den man in einem Traum schon einmal gesehen hat, ohne ihn je betreten zu haben.

Es ergab keinen Sinn.

Aber nichts an meinem Leben schien noch Sinn zu machen.

Ein Laut durchbrach die Stille.

Klar, rau, fast feierlich: das Krächzen eines Rabens in der Ferne.

Mein Herz stolperte.

Dieses Geräusch war seltsam beruhigend, als hätte es eine Botschaft, die ich nicht verstand – vielleicht ein Versprechen, oder nur ein Echo aus der Nacht.

Dann ertönte es erneut. Näher.

Ich hörte das Flattern von Flügeln. Wie mich zwei pechschwarze Augen durchdringlich anblickten.

Wie in Trance streckte ich die Hand aus.

Schlief ich gerade?

Der Rabe, der auf dem Geländer vor mir gelandet war, war atemberaubend schön, aber überraschend groß.

Er verweilte ein paar Sekunden, als würde er mich analysieren. Dann krähte er erneut, und flog davon.

Ich streifte mir über mein Gesicht. Ich war so erschöpft, dass ich kaum noch unterscheiden konnte, was real war und was nur Einbildung.

Ich verharrte einen Augenblick länger, während die kalte Luft meine Lungen füllte und das Rabenlied nachklang.

Dann atmete ich noch einmal tief die frostige Luft ein, drehte mich um und schloss die Terrassentür hinter mir.

Kaum war die Tür geschlossen, hörte ich bereits ihre Schritte im Flur. Dann öffnete sich die Tür, und Aysima stand vor mir. Für einen kurzen Moment sahen wir uns nur an – dann fiel sie mir so leidenschaftlich in die Arme, dass wir fast beide rückwärts ins Wohnzimmer taumelten.

„Ich kann es immer noch kaum fassen!“, rief sie und hielt mich fest, als fürchte sie, ich könnte gleich wieder verschwinden. „Nur eine Stunde. Eine einzige Stunde! Ich könnte einfach ins Auto steigen und bei dir sein.“

Ich lachte, während meine Augen brannten.

„Du erdrückst mich.“

„Ja, und ich hör nicht auf damit“, sie drückte mich noch fester. „Weißt du eigentlich, wie viele Jahre ich darauf gewartet habe?“

„Vielleicht ein paar zu viel?“, neckte ich, aber ich ließ sie nicht los. Es war diese Art Umarmung, die einem für einen kurzen Moment das Gefühl gab, das einfach alles wieder gut werden würde. Ihr Geruch – Shampoo, Vanille, eine Spur Zimt – war so vertraut, dass er mich wie eine Decke umfing.

Nach dem College ist sie in ein anderes Land gezogen, und Oliver hatte mir nie erlaubt weit weg zu gehen.

Es wirkte so unreal.

Sie jetzt hier zu halten. Nach all dem Horror. Nach allem, was geschehen war.

Schließlich löste sie sich ein Stück, sah mich an, als müsste sie prüfen, ob ich wirklich da war. „Du wohnst jetzt hier. Und ich wohne da. Eine Stunde. Keine tausend Kilometer, keine albernen Telefonate mitten in der Nacht. Ich kann dir jederzeit auf die Nerven gehen.“

„Das hast du schon immer geschafft.“

Sie lachte hell, nahm meine Hand und zog mich ins Wohnzimmer., als würde das Haus bereits ihr gehören.

Es war im Grunde schon fertig eingerichtet. Zumindest redete ich mir das selbst ein. Das Sofa stand an seinem Platz, der Teppich lag ausgebreitet, der Kamin knisterte leise. Auch das Regal war schon vollgestellt mit Büchern und Kerzen. Und doch wirkte alles noch unfertig – überall stapelten sich halb geöffnete Kartons, als würde das Haus mich daran erinnern wollen, dass ich noch nicht ganz angekommen war.

Aysima sah sich um, ihre Augen glänzten. „Oh, es ist so schön hier. So richtig du. Aber…“ Sie deutete auf die Kartons. „Es schreit nach Arbeit.“

„Ich hab’s versucht, ehrlich. Aber irgendwann…“ Ich zuckte die Schultern. „Irgendwann sitzt man nur da und starrt die Kisten an.“

„Dafür bin ich ja hier“, sie warf ihre Tasche in die Ecke, rollte sich den Ärmel hoch wie eine Archäologin vor einer Ausgrabung. „Heute machen wir aus deiner Wohnung endlich ein Zuhause. Dekokram, Erinnerungen, alles, was dich verrät.“

Ich verzog das Gesicht. „So schlimm bin ich nicht.“

„Oh doch.“ Mit einem übertrieben ernsten Blick zog sie mit dem Fuß einen Karton heran, setzte sich auf den Boden und griff hinein.

Ich ließ mich neben sie sinken. Zwischen uns standen zwei Teetassen, zerknülltes Zeitungspapier und eine leere Pizzaschachtel vom Vorabend. Sie grinste breit und tauchte in den Karton.

„Beweisstück Nummer eins“, sie hielt einen angelaufenen Kerzenständer hoch, als wäre es ein wertvoller Schatz.

Ich nahm den Gegenstand sofort an mich und stellte ihn auf den Kaminsims. „Der ist antik. Er hat Charakter.“

„Genau wie du.“

Nach und nach kamen die Gegenstände zum Vorschein, die ich seit Wochen vor mir herschob: eine Vase, ein Traumfänger, eingerollte Poster, alte Bücher, die nach Staub und Tinte rochen. Dinge, die keinen materiellen Wert hatten, aber dennoch bedeutungsvoll waren.

Dann hielt Aysima plötzlich ein Fotoalbum in den Händen. „Oh. Mein. Gott. College.“

„Bitte nicht.“ Ich wollte danach greifen, doch sie öffnete es bereits.

Mir lächelten meine jüngeren Ichs entgegen – mit zerzaustem Haar, Augenringen und zu viel Kajal. Arm in Arm, lachend, wie zwei Idioten, die dachten, die Welt gehöre ihnen.

„Das ist peinlich.“ murmelte ich und schlug mir die Hand vors Gesicht.

„Das ist Nostalgie!“ Sie lachte so frei, dass selbst die kahlen Wände für einen Moment weniger fremd wirkten. „Guck uns an. Wir waren… unaufhaltbar.“

Ich konnte nicht anders, als zu lächeln. Gleichzeitig fühlte es sich an, als würde ich jemand Fremden ansehen. „Das kommt mir vor wie ein anderes Leben.“

„Das war es auch“, sagte sie leise, und in ihrem Blick lag etwas Sanftes, das mich fast dazu zwingen wollte, nicht wegzusehen.

Unter den Seiten lag ein Umschlag. Ich öffnete ihn vorsichtiger, als ich wollte. Fotos meiner Mutter rutschten heraus. Mein Atem stockte.

„Faye…“ Aysimas Stimme wurde sanft, vorsichtig, als hätte sie Angst, die Erinnerung könnte zerbrechen.

„Ich vermisse sie…“, flüsterte ich. Meine Finger glitten über das Lächeln meiner Mutter, über die Hand meines Vaters, die so vertraut auf ihrer Schulter...



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