Kristensen | Rachemeer | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch

Reihe: dp Verlag

Kristensen Rachemeer

Ein Nordsee-Thriller
2. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98778-666-2
Verlag: dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Ein Nordsee-Thriller

E-Book, Deutsch

Reihe: dp Verlag

ISBN: 978-3-98778-666-2
Verlag: dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Sechs Freunde. Eine einsame Farm. Ein rachsüchtiger Mörder.
Der fesselnde Psychothriller an der stürmischen Nordsee-Küste

Jeden Tag versucht die Psychologin Svea zu vergessen, was vor zehn Jahren nach ihrer Abschlussfeier passiert ist. Doch als sie plötzlich merkwürdige Textnachrichten bekommt und ihre Jugendfreundin Rachida verschwindet, wird Svea unvermittelt mit ihrer Freundesgruppe aus Schultagen konfrontiert. Um die Mitschüler, von denen sie gemobbt wurden, zu bestrafen, haben sie damals die Rachekarte erfunden: Wer sie zieht, muss jemandem, der es verdient hat, einen Streich spielen. Doch die immer fieseren Aktionen endeten schließlich im Tod eines Mädchens. Ist der Täter von damals zurück? In einem alten Farmhaus werden die Freunde gezwungen, das Spiel noch einmal zu spielen, denn jemand ist noch immer auf Rache aus. Wenn Svea ihre Freunde und sich selbst retten will, muss sie herausfinden, was damals wirklich passiert ist. Und wer von ihnen ein Mörder ist …

Dies ist eine überarbeitete Neuauflage des Romans Rachekarte.

Erste Leser:innenstimmen
„Geheimnisvoller, beklemmender und durchweg nervenaufreibender Psychothriller.“
„Man möchte unbedingt erfahren, was in der Vergangenheit geschehen ist, von der Svea eingeholt wird.“
„Mitreißend, packend und mörderisch gut!“
„Richtig guter Krimi, aber nichts für schwache Nerven!“
„Thriller mit hohem Gänsehautfaktor…“



Juna Kristensen wurde 1987 in der Nähe von Frankfurt am Main geboren. Noch bevor sie lesen und schreiben konnte, war es ihr liebster Zeitvertreib, sich Geschichten auszudenken. Sie studierte Psychologie und nutzt das dabei erworbene Wissen heute für ihre Thriller. Da neben dem Lesen das Reisen ihre größte Leidenschaft ist, verbrachte sie einige Jahre in Japan. Im Moment lebt sie mit ihrer Familie in Amsterdam.
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Weitere Infos & Material


Prolog


Die Nacht des letzten Spiels

Um null Uhr zwölf bog Svea mit dem Fahrrad auf den engen Waldpfad ein, der zu der Farm führte. Sie war bis auf die Haut durchnässt und ihr Handy zeigte vier unbeantwortete Anrufe sowie drei SMS. Sie trat stärker in die Pedale, kämpfte so gegen den Nordseewind und den Platzregen an. Seit einer Woche war Sommer, zumindest wenn man dem Kalender glauben durfte. Nur schien das dieses trostlose Örtchen noch nicht mitbekommen zu haben.

Der heulende Wind und das Strömen des Regens übertönten alle anderen Geräusche. Matsch spritzte hoch und färbte ihre Jeans braun. Es gab keine Straßenlaternen, überhaupt keine künstlichen Lichtquellen – bis auf die flackernde Lampe an Sveas Fahrrad, die sie davon abhielt, gegen den nächsten Baum zu fahren.

Eine seltsame Leere hatte sich in Svea ausgebreitet. Seit … dieser Sache. Anders konnte sie das, was passiert war, nicht benennen. Ebendiese Leere hatte sie an den Deich geführt und grübeln lassen, wie es jetzt weitergehen sollte. Nicht nur mit Jeremias, auch mit dem Spiel. Dann war ihr eine Idee gekommen. Svea hoffte, dass es nicht bereits zu spät war. Sie war so schnell gefahren, wie sie konnte, aber für den Rückweg vom Deich hatte sie trotzdem eine gute halbe Stunde gebraucht.

Svea nahm eine scharfe Kurve und bog auf das weite, unbefestigte Gelände ein. Üppige Bäume verdeckten die drei kleinen Gebäude, die einsam und verlassen in der Mitte des Grundstücks lagen. Wer nicht wusste, dass sie da waren, würde sie nicht ohne Weiteres finden.

Außer Atem sprang Svea vom Fahrrad. Die Lampe ging aus. Blind navigierte sie ihr Fahrrad durch die Dunkelheit in den Schuppen, der mit altem Hausrat vollgestellt war.

Vor dem Regen geschützt, zog sie ihr Handy aus der Hosentasche. Sämtliche Anrufe sowie Nachrichten waren von Raik.

Wo bist du???

und

Kommst du noch???

Sollen wir ohne dich anfangen?

Von Jeremias nichts. Die Erkenntnis versetzte Svea einen Stich. Was hatte sie erwartet? Dass er sie bat zurückzukommen?

Svea zog den Kopf ein und rannte die rund fünfzig Meter bis zum heruntergekommenen Haupthaus. Durch die schmutzigen Fensterscheiben drang ein kaum wahrnehmbarer Lichtschimmer nach draußen. Wahrscheinlich war das Feuer im Kamin wieder die einzige Lichtquelle. Jeremias hatte kein Geld, um mehr als das Nötigste an Strom zu bezahlen.

Svea schlüpfte ins Haus. Der Wind erfasste die offene Tür und schlug sie mit einem lauten Knall zu.

Gespenstische Stille und Dunkelheit begrüßten sie. Hoffnung regte sich in Svea. Schliefen die anderen schon? Direkt darauf folgte die Angst: Wenn sie schon schliefen, hatten sie davor das Spiel gespielt?

Sie streifte ihre Turnschuhe und die durchweichte Jacke ab und durchquerte den langen Flur. Ihre nassen Socken hinterließen deutliche Spuren auf den alten Holzdielen. Leise stieß sie die Tür zum Wohnzimmer auf.

Sechs Augenpaare richteten sich augenblicklich auf sie. Vorwurfsvolles Schweigen.

Svea stieß den angehaltenen Atem aus. Sie war rechtzeitig gekommen. „Tut mir leid, ich hab die Zeit vergessen“, sagte sie.

Jeremias’ Blick lastete am schwersten auf ihr. Schon drohte sie, in seinen wissenden Augen zu versinken. Schnell wandte sie sich ab. Natürlich. Er konnte sich denken, dass sie log.

Anton, der bis eben bäuchlings auf dem zerschlissenen braunen Ledersofa gelegen hatte, richtete sich auf und fuhr sich mit der Hand durch das blonde Haar. Neben ihm auf dem Boden standen vier leere Bierflaschen. Selbst so mitgenommen sah er mit seinen ebenmäßigen Gesichtszügen und den Grübchen in der Wange aus wie ein Boyband-Sänger auf dem Bravo-Cover. „Wie spät ist es?“

„Fast halb eins“, sagte Marie-Luise wie aus der Pistole geschossen. Sie saß allein auf dem anderen Sofa, in der Hand ein Glas mit durchsichtiger Flüssigkeit. Vermutlich Wasser. Ihre Augen waren wie üblich gen Boden gerichtet und der Körper leicht nach vorne geneigt, sodass ihr das dunkelblonde Haar ins Gesicht fiel.

Raik, der bis vor Kurzem sofort den freien Platz neben Marie-Luise beansprucht hätte, hockte auf einem Sessel und warf der Jüngsten im Raum einen sehnsüchtigen Blick zu. Seine Jeans schaffte es wie üblich nicht, die langen Beine komplett zu bedecken. Sie endete weit über den Knöcheln und gab den Blick auf die weißen Socken frei. „Geht es dir gut?“, fragte Raik an Svea gewandt.

„Ja, alles in Ordnung“, log sie.

Karli, die im Schneidersitz auf dem Boden saß, bedachte Svea mit einem unfreundlichen Blick. „Können wir endlich anfangen?“

Svea zögerte. „Was haltet ihr davon, wenn wir das Ganze heute sein lassen?“ Sie gähnte demonstrativ, ein Versuch, ihren bedeutungsschweren Worten eine gewisse Beiläufigkeit zu verleihen.

Jeremias’ Mundwinkel bewegten sich minimal, zeigten die Andeutung eines spöttischen Lächelns.

„Geht’s noch?“, fauchte Karli. Der hellblonde Ansatz war schon wieder nachgewachsen und wirkte wie eine kahle Stelle über dem schwarz gefärbten Haar. „Wir waren uns doch einig.“

„Ich finde …“, begann Marie-Luise leise, doch Rachida unterbrach sie: „Erst kommst du zu spät und dann das? Wenn du nicht mitmachen willst, hättest du einfach wegbleiben können.“

Sprachlos starrte Svea ihre Freundin an. Mit den harmonischen Gesichtszügen, den üppigen Wimpern und ihrem Schmollmund war sie auch ungeschminkt eines der hübschesten Mädchen des Jahrgangs. Jetzt blickten die großen Augen ihr feindselig entgegen. Svea ahnte den Grund für Rachidas Unmut: diese Sache, die Svea ein paar Stunden zuvor aus dem Haus getrieben hatte. Doch dieser Hass, der ihr entgegenschlug, brachte sie aus dem Gleichgewicht.

„Raik?“, fragte Rachida mit spitzer Stimme, ohne den Blick von Svea abzuwenden.

„Ich finde, wir sollten es tun. So war es schließlich abgemacht“, sagte Raik.

„Anton?“

„Ähm, klar“, nuschelte er, vermied jedoch den Blick in Rachidas Richtung.

„Sieht aus, als wärst du überstimmt worden“, bemerkte Jeremias und stand auf.

Wie auf ein Kommando erhoben sich auch die anderen.

„Bist du dabei? Oder nicht?“

Svea spürte sechs Augenpaare auf sich. Sie stieß den Atem aus und nickte. „Ich bin dabei.“

Jeremias’ kühle braune Augen musterten Sveas am Körper klebendes T-Shirt und die durchweichte Jeans.

Sie wich abermals seinem Blick aus und starrte stattdessen auf einen willkürlichen Punkt neben seinem dunklen Haar. „Ist schon gut“, nuschelte sie. „Die Sachen trocknen von alleine.“

Jeremias nickte. „Bringen wir es hinter uns.“

Er wandte sich zur Kellertür.

Svea folgte ihm. Sie vergrub ihre zitternden Hände in den Jeanstaschen. Und betete, dass ihre Idee funktionierte.

***

Es hatte bereits der Morgen gedämmert, als Svea in eines der Gästezimmer geschlichen war, um ein paar Stunden Schlaf zu finden. Gerade erst hatte sich diese ersehnte Schwere über sie gelegt, als etwas ihr Bewusstsein aus dem beruhigenden Nichts riss. Zuerst wusste Svea nicht, was sie geweckt hatte. Sie drehte sich auf die andere Seite und versuchte, wieder einzuschlafen, da hörte sie es abermals. Einen Schrei.

Schritte polterten an ihrer Tür vorbei die Treppe hinunter. Aufgeregte Stimmen drangen aus dem Wohnzimmer nach oben.

Svea zog sich ihre über Nacht getrocknete Jeans an und trat auf den Flur. Die Türen von Jeremias’ Zimmer zu ihrer Rechten sowie vom Gästezimmer gegenüber, in dem Karli und Raik manchmal übernachteten, standen sperrangelweit offen.

In dem Moment drang ein Laut nach oben, der Svea das Blut in den Adern gefrieren ließ. Ein schrilles Heulen, wie von einem sterbenden Tier.

Sie rannte nach unten.

Das Wohnzimmer war leer, bis auf den Ursprung des grauenvollen Geräuschs: Rachida stand in der Mitte des Raums, die Arme fest um sich geschlungen. Ihr Mund öffnete und schloss sich und stieß wie in einem grotesken Rhythmus immer wieder diese Klagelaute aus.

Als sie Svea sah, verstummte sie. Dafür streckte sie die Hand aus, wies mit zitterndem Zeigefinger auf die weit offen stehende Haustür und den Schuppen.

Mechanisch bewegte Svea sich auf die Tür zu. Eine Taubheit ergriff von ihr Besitz, die alles andere unwichtig erscheinen ließ. Alles, bis auf das, was sie im Schuppen vorfinden würde.

Svea verließ das Haus. Sie spürte nicht, wie ihre nackten Zehen im aufgeweichten Boden versanken. Aber sie hörte, dass Rachidas Heulen wieder eingesetzt hatte.

Schon von Weitem sah Svea Anton an der maroden Holzwand lehnen, das Gesicht kreidebleich.

Sie wollte umkehren. Doch ihre Beine trugen sie weiter.

Das Erste, was sie sah, als sie die Schuppentür erreichte, war Jeremias. Er stand vor der riesigen, gelbfleckigen Gefriertruhe, die fast die gesamte rechte Wand einnahm. Der Deckel war hochgeklappt. Da wandte sich Jeremias zu ihr um und blickte sie mit undeutbarem Gesichtsausdruck an.

Weiter hinten im Schuppen kauerte Raik am Boden. Karli hatte die Arme um ihn geschlungen und wiegte ihn hin und her wie ein Kleinkind. Tränen liefen ihr über die Wangen. Noch nie hatte Svea Karli weinen sehen.

Sie blieb in der Tür stehen. Krallte sich mit einer Hand in den Türrahmen, so fest, dass ihr Holzsplitter in die Haut drangen. Einen Schritt weiter und sie würde sehen, was sich in der Gefriertruhe befand.

Da bemerkte sie das Blut. Rotbraune Flecken, die von ihren Füßen aus zur Gefriertruhe hin führten. Ohne nachzudenken, trat Svea einen Schritt nach vorne. Zuerst konnte sich ihr Gehirn keinen Reim darauf...



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