Krleza / Krle?a | Die Fahnen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 2170 Seiten

Krleza / Krle?a Die Fahnen

Roman in fünf Bänden
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-99047-072-5
Verlag: Wieser Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman in fünf Bänden

E-Book, Deutsch, 2170 Seiten

ISBN: 978-3-99047-072-5
Verlag: Wieser Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Jahrhundert vor unserem literarischen Auge. Das epochale Werk des Meisters der Erzählung Südosteuropas liegt nun endlich in einer mustergültigen, gewissenhaften Übersetzung von Gero Fischer und Silvija Hinzmann vor. Die Fahnen zeigen ein Kaleidoskop der europäischen Geistes- und Kulturgeschichte, das Krle?a zu einem großen europäischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts macht. Ina Jun-Broda rief mich 1978 zu sich. Sie redete auf mich ein: 'Die Fahnen, die müssen Sie verlegen.' Ich, jung, unerfahren, wurde von der Dicke des Romans fast erschlagen. Fünf Bände, 3000 Seiten. Mein verlegerisches Leben hatte erst begonnen. 1979 erzählte mir Ina Jun-Broda, die legendäre Übersetzerin aus den jugoslawischen Sprachen, von ihrem Gespräch mit Miroslav Krle?a: 'Für eine deutschsprachige Übersetzung kürze ich Ihnen Die Fahnen ein. Auf 800 Seiten. Weniger geht nicht. Und Sie übersetzen das!' Krle?a stirbt Ende 1981, Ina folgt bald danach (August 1983). Krieg und Frieden. Europa zerfällt. Zwischen Wien und Zagreb, Budapest und Belgrad - quer durch Musils Kakanien. Die letzten Tage der Menschheit brechen an. Züge rasen hin und her. Politik, Wirtschaft, Regierungen, Beziehungen und Familien zerbrechen. In seinem umfangreichsten Werk, dem ab 1962 veröffentlichten fünfbändigen Roman Die Fahnen (Zastave), der in den Jahren 1912 bis 1922 spielt und jetzt erstmals in einer deutschen Übersetzung vorliegt, zeichnet Krle?a ein Panorama von der geistesgeschichtlichen und politischen Situation Europas zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das Schicksal von Bürgern, Aristokraten, Politikern, Ministern, Bürokraten, Generälen, Kriegsgewinnlern und Träumern, die ganze Galerie der ungarischen, kroatischen und serbischen Intelligenz - steht im Vordergrund dieser Chronik. Kriegsereignisse und Liebesbeziehungen werden miteinander verwoben.

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Der Zagreber Schnellzug glitt elegant und auf die Sekunde genau um neun Uhr und siebzehn Minuten unter das Glasdach des Ostbahnhofs. Mit Regenmantel und Schirm über dem linken Unterarm stand de Emericzi am Fenster seines Abteils und suchte mit unstetem Blick im lauten und aufgeregten Gewühl der Wartenden, die sich lachend und nach Reisenden rufend im Spalier auf dem Bahnsteig wie ein fröhliches Empfangskomitee drängten, ob er die schlanke Erscheinung seines Sohnes erblicken würde, aber er konnte ihn einfach nirgends entdecken. Auf der anderen Seite der Schienen bewegte sich in Gegenrichtung der Schnellzug nach Arad, und auch da verabschiedete sich die Menge der Reisenden schreiend von ihren Bekannten auf dem Bahnsteig, in immer schnellerer Bewegung des magnesiumweißen Lichtes der hell erleuchteten Waggons, aber vom jungen Herrn keine Spur. Sich durch die lärmende Helligkeit zwängend, in der nervösen Menge das ihm trotz allem liebe Antlitz suchend, tröstete sich Durchlaucht damit, dass der Esel wie üblich in der letzten Minute angekommen sein wird, aber auch am Ausgang war Kamilo nicht. Resigniert stieg er die Treppe von der Bahnhofsterrasse hinunter, auf der Suche nach einem flinken Kofferträger, der sich beeilte, einen Fiaker zu ergattern, konnte sich Durchlaucht, immer noch unter dem Eindruck, dass sein Sohn ihn nicht abgeholt hatte, nicht orientieren: Wie ist das nur möglich, wo ihn die Kamráths zweifellos von seiner Ankunft am heutigen Abend informiert haben, und er hat Reviczky ausdrücklich gebeten, es nicht zu vergessen, und selbst wenn die Kamráths abgereist sein sollten, Reviczky hätte es auch ohne sie getan, kein Zweifel, der Junge ist verschwunden.

Unendlich lange und zermürbend langweilig dauerte die Fahrt mit zwei müden Stuten über den Boulevard und die Donau auf die andere Seite, nach Budim, zum kleinen Hotel »Fiume«, dem Pešter pied-à-terre der de Emericzi, einem diskreten, stillen Haus nahe am Ufer, und als ihn der Direktor wie einen alten und lieben Gast empfing, Durchlaucht war quasi noch nicht aus der Kutsche gestiegen, da überreichten sie ihm schon Kamráths Brief und eine genauso wichtige Telefonnotiz, dass er sich unverzüglich bei Durchlaucht Újlaky zu melden habe.

Durchlaucht Reviczky begrüßte seinen alten Freund im Namen des Grafen Premier, der die edle, geradezu generöse Absicht hatte, ihn noch am Abend zu empfangen, aber er sei leider wegen einer Kurierdepesche aus Wien plötzlich verhindert, in Prag habe sich die Situation zugespitzt, es gebe keine andere Option als ein Kommissariat mit Schönbrunn, und vom Balkan kämen alarmierende Meldungen, die Bulgaren hätten die serbische Armee zerschlagen, und so bleibe das mit dem Grafen vereinbarte Gespräch für morgen um neun fixiert, wie bereits gesagt, und Reviczky bitte ihn, falls er Zeit habe, sich mit ihm in der »Ungarischen Krone« zu treffen, nach gutem altem Brauch, denn schließlich, wenn es keinen traditionellen Sinn für die Wahrung guter alter Sitten und Bräuche gäbe, wäre dieses Land schon längst beim Teufel. Der Brief des alten Hofrats Kamráth war im Grunde eine Art sentimentalen Klageliedes über Kamilo und seine hoffnungslos unorganisierte weltliche Erscheinung, die trotz allem so attraktiv ist, dass es Kamráth einfach nicht gelingt, sich dem Charme des jungen Emericki zu entziehen, den er nicht mehr lieben könnte, selbst wenn er sein eigener Sohn wäre.

Als rédacteur en chef des 21 konnte sich der alte Kamráth, schon von Berufs wegen zu aller Art von übertriebenem Aufbauschen von Kleinigkeiten neigend, nie kurz fassen, und seine Episteln waren von Anfang an eher sperrige Dissertationen, aber »da er sich hingesetzt hat, um seinem alten Freund zu schreiben, dass es ihm einfach technisch nicht gelungen sei, Kamilo von der Ankunft seines Vaters zu informieren, und zwar deshalb, weil Kamilo gestern Abend mit seiner Gönnerin, um nicht zu sagen Freundin, der berühmten Poetessa, Frau Ana Borongay an den Plattensee abgereist sei«, schrieb der alte Kamráth lang und breit et de quibusdam aliis22 auch über seine Jolanda, der er wie jeder in ihre liebreizende Schönheit von Tochter verliebte Vater sklavisch diente, andererseits »könne er als Vater seines einzigen Sohnes Özsen, des Husarenleutnants, der noch seit dem Francisco-Josephinum außer Kamilo kein anderes Vorbild auf der Welt gehabt habe, einfach nicht umhin zu betonen, wie es auch de Emericzi bekannt sei, dass Kamilo die schwache Seite des alten Kamráth sei, und sosehr er ihn auch schelten wolle, dass er unmöglich, grob, ungehobelt und taktlos in seinem Verhalten gegenüber Jolanda sei, so teile er am Ende dennoch nicht Jolandas Meinung, und auch nicht die seiner Gattin, Frau Sarolta, wonach Kamilo auf keinen Fall mit seiner Freundin, Frau Borongay-Erdélyi, auf eine so demonstrative Art und Weise an den Plattensee hätte abreisen dürfen«.

»Wir fragen uns, warum sollte der Mann nicht verreisen, wenn ihn das Herz dorthin zieht.« Nach Ansicht des alten Kamráth, »ist Kamilo vollkommen frei« (und die Zeile, dass »Kamilo frei« ist, war von der Hand des Alten zweimal unterstrichen), und solange er beim Oberhaupt der Familie, der trotzdem immer noch eine Art Chef an der Spitze der Kamráths ist, nicht förmlich um Jolandas Hand angehalten hat, sei und bleibe Kamilo, der es bis heute nicht getan habe, nach seiner persönlichen Meinung »vollkommen frei«, und folglich ist der alte Kamráth mit Kamilo »bis zur letzten Konsequenz solidarisch, egal was die hochverehrten Kamráth-Damen darüber denken«. Mit einem Wort: Wo sich sein Sohn Kamilo in diesem Moment befindet, kann der alte Kamráth de Emericzi nicht sagen, in Pešt sei er jedenfalls nicht, und er, der Alte, würde sich sehr freuen, wenn de Emericzi sich telefonisch bei ihm melde, er warte auf seinen Anruf, um eventuell zu besprechen, wie sie den Abend gemeinsam verbringen könnten, falls de Emericzi von der Reise nicht zu müde sei.

Am Telefon paraphrasierte der alte Kamráth die im Brief bereits aufgeworfenen Details ohne Punkt und Komma weiter, wie sich die Kinder, nämlich Jolanda und Kamilo, eigentlich schon vorgestern auf der Pferderennbahn gestritten haben, denn wie bekannt sei, und man wisse nicht, wie das Wetter bei euch unten ist, aber hier sei nach acht Tagen des unsäglich langweiligen, grauen, geradezu karpatischen Regens die wunderbare, echte ungarische Julisonne herausgekommen, und in Alag waren so viele Leute unterwegs, dass man sich kaum bewegen konnte, sogar der alte Kamráth ist mit den Kindern zum Pferderennen gegangen, und es war auf jeden Fall ein bemerkenswertes Rennen, Bowli von Graf Dénes Wenckheim hat dem Totalisator unerwartet 33:1 eingebracht, und der alte Trainer Kaposi konnte im Finish natürlich (erinnerst du dich, mein Alter, an Kaposi, Kaposi ist schon zu unserer Zeit im orange-blauen Dress gelaufen), also konnte der alte Kaposi seelenruhig brillieren, denn Rothschilds Handabanda hat den Einsatz dreiundzwanzig Mal überstiegen, und Springers Vasco da Gama hat versagt, und zwar total, katastrophal, versteht sich, er hat regelrecht versagt, dabei war Vasco da Gama unisono der Favorit, und dieser verfluchte Vasco da Gama war im Grunde genommen schuld, dass es zwischen Jolanda und Kamilo zum Zwist kam, denn Jolanda war für Vasco da Gama (und das wiederum hat Kamráth selbst verschuldet, da auch er für Vasco da Gama war, aber wer hätte gedacht, dass Vasco da Gama versagen würde), und Jolanda ist, wie man weiß, immer kontra, und später wollte sie beweisen, dass sie dafür war, auf Handabanda zu setzen, aber sie war es natürlich nicht, sondern, na ja, die weibliche Logik, kurzum, es kam schon in der Loge zu einem lautstarken Meinungsaustausch, und später auf der Rückfahrt, als Kamilo seinen Ausflug zum Plattensee ankündigte, verlor Jolanda die Nerven, und beim Abendessen zu Hause provozierte sie eine große Szene, sie war, Kamráth gibt es zu, einfach unmöglich, das Temperament der alten Kamráthin, seiner seligen Mutter, brach aus ihr hervor, die, wenn sie die Nerven verlor, einfach nicht anders konnte, als zu brüllen, dass Kamilos Freundin, diese Poetessa, diese Frau Borongay, eine widerwärtige alte Schachtel sei und dass sich Kamilo vor ganz Pešt lächerlich mache, dass Jolanda sich wegen Kamilo schäme, der kein Taktgefühl habe und sich vor den Leuten als ein Trabant seiner Großmama zeige, und er solle doch nachlesen, was in den Zeitungen über diese Alte geschrieben werde, es sei nicht alles Gold, was glänzt; und darauf habe sich Kamilo natürlich wortlos entfernt, logisch, und sei abgereist, und später habe er sich nicht einmal gemeldet, und das sei vorgestern Abend gewesen, na ja, als Reviczky Kamráth heute Morgen angerufen hat, um Kamilo von der Ankunft des Vaters zu informieren, hat der Alte einen Brief zu Kamilos Wohnung geschickt, aber seine Vermieterin hat ausrichten lassen, dass der Herr gestern abgereist sei und dass er eine Nachricht hinterlassen habe, er komme in zwei, drei Tagen zurück …

In der »Ungarischen Krone« wurde bei der dritten Flasche »Sivi fratar« über vieles gesprochen, vor allem über den Grafen Premier, wie generös er sei,...



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