E-Book, Deutsch, 717 Seiten
Reihe: Lübbe
Kröhn Das Lied der Rose
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7517-7479-6
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein großer Historischer Roman über die Macht der Musik und der Liebe in Zeiten der Kreuzzüge
E-Book, Deutsch, 717 Seiten
Reihe: Lübbe
ISBN: 978-3-7517-7479-6
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das große Mittelalter-Epos über die Entstehung des Liebeslieds
Regensburg, 1096: Der junge Novize Marian träumt davon, mit gregorianischen Chorälen Gott zu preisen. Doch als er einen Juden vor der Zwangstaufe rettet, nutzt dies ein Rivale, um ihm ein schweres Verbrechen vorzuwerfen. Reinwaschen kann Marian sich davon nur, wenn er sich auf eine Pilgerfahrt begibt. Auf der abenteuerlichen Reise verschlägt es ihn an den Hof von Herzog Guillaume IX. von Aquitanien und dessen Frau Philippa. Hier lernt er die maurische Sängerin Sahar kennen. Marian verfällt ihrer Art der Musik sofort - ebenso wie der jungen Frau selbst. Doch bis die beiden die Liebe, von der sie singen, auch leben können, gilt es Kreuzzüge und Kirchenbann, Intrigen und Machtkämpfe zu überwinden.
Für alle Leser:innen von Ken Follett, Rebecca Gablé, Juliane Stadler und Daniel Wolf
Eine Mut machende Botschaft zu allen Zeiten: Gräben und Mauern lassen sich überwinden - durch die Macht der Musik und der Liebe
Julia Kröhn wurde 1975 in Linz (Österreich) geboren und lebt in Frankfurt am Main. Die große Leidenschaft der studierten Historikerin ist nicht nur das Erzählen von Geschichten, sondern die Beschäftigung mit der Geschichte: Wenn sie nicht gerade an einem neuen Historischen Roman schreibt oder sich auf Recherchereisen Inspiration holt, gibt sie ihr Wissen als Guide im Historischen Museum weiter. Besuchen Sie die Autorin unter www.juliakroehn.at im Internet.
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1
POITIERS · WINTER 1096
Sahar wusste genau, was sich am 17. Oktober 1083 in Poitiers zugetragen hatte: Ein schweres Erdbeben hatte die Stadt erschüttert und die Kirche Sainte-Radegonde schwer zerstört. Im Anschluss daran hatte ein Feuer in der Stadt gewütet.
Sie wusste bloß nicht, wie sie dieses Ereignis in ihrem Schattenspiel darstellen sollte. So geübt sie darin war, die Figuren, die auf Holzstäben steckten, hinter einem durchsichtigen Vorhang aus Seide zum Leben zu erwecken – unmöglich konnte sie die ganze Szenerie erbeben lassen.
Sie streckte den Kopf hinter dem Vorhang hervor und bat um Vorschläge von Anna und Vincens, zwei Kindern von Dienstmägden, die sie heute zu ihren Zuschauern auserkoren hatte.
Ein Schulterzucken blieb zunächst die einzige Antwort. Dann sagte Vincens: »Ich will eine Geschichte sehen, in der ein Drache vorkommt.«
Gewiss war es ebenfalls eine interessante Herausforderung, einen solchen Feuer spucken zu lassen. Mithilfe glühender Kohlen könnte es vielleicht gelingen, allerdings wäre es angesichts des Seidenvorhangs sehr riskant, also schüttelte Sahar den Kopf. »Das große Erdbeben von Poitiers hat kein Drache verschuldet.«
»Dann ist die Geschichte doch langweilig.« Vincens erhob sich und suchte das Weite, ehe sie reagieren und ihn zurückhalten konnte. Bis vor Kurzem hatte er noch begierig an ihren Lippen gehangen, aber mittlerweile zog er die Gesellschaft von anderen Jungs vor.
»Gibt es in der Geschichte wenigstens eine Königin?«, fragte Anna.
»Das nicht, aber einen … Säugling.«
Sahar begab sich wieder hinter den Vorhang. An jenem denkwürdigen 17. Oktober 1083 hatte nicht nur dieses Erdbeben gewütet, sie war geboren worden, und weil das just in der Stunde, da Tag und Nacht sich trafen, geschehen war, hieß sie Sahar – in der Sprache ihrer Mutter »Morgenröte«.
Damit einher waren gleich zwei Wunder gegangen. Ihre Mutter, die zwei Jahrzehnte zuvor verstummt war, begann bei ihrem Anblick zwar nicht zu sprechen, jedoch wieder zu singen. Und sie hatte damit nicht wieder aufgehört, weil sie die jüngste Tochter – anders als die zahlreichen anderen Kinder, die man ihr immer gleich nach der Geburt entriss und ins Kloster verbannte – hatte behalten dürfen.
Grund dafür war etwas, was Sahar, als sie das erste Mal davon gehört hatte, als drittes Wunder bezeichnete: Ihr Vater Ramnulf war beim Erdbeben vom Giebel eines einstürzenden Hauses erschlagen worden. Allerdings hatte ihr großer Halbbruder Adémar erklärt, dass man den Tod eines Menschen niemals als Wunder bezeichnen durfte, selbst wenn er für andere gute Folgen zeitigte.
Es geschah nicht oft, dass er, der sie meist verwöhnte, mit strenger Stimme zu ihr sprach. Deswegen hatte sie sich gefügt und den Namen ihres Vaters lieber gar nicht mehr in den Mund genommen, zumal ihre Mutter stets ein entsetztes Gesicht machte, wenn er fiel. Wahrscheinlich war er zu Lebzeiten eine so gefährliche, unberechenbare Kreatur wie ein Drache gewesen.
Ob sie vielleicht doch einen solchen in ihre Geschichte einbauen sollte?
Sie hatte noch keine Entscheidung getroffen, als sie feststellte, dass auch Anna nicht mehr zugegen war.
Sahar seufzte. Adémar hätte geduldig gewartet, bis das Stück zu Ende war; er sah sich immer begeistert alle ihre Aufführungen an. So wie er sich gerne alles anhörte, was ihr durch den Kopf ging. Und am liebsten lauschte er den Liedern, die sie von ihrer Mutter gelernt hatte, obwohl Sahar in letzter Zeit nicht mehr singen wollte.
Doch Adémar musste immer mal wieder das Haus verlassen, so auch heute. Und das hielt ihr einmal mehr schmerzlich vor Augen, dass sie hier keine echten, schon gar keine verlässlichen Gefährten hatte, und dass es zugleich keine Möglichkeit gab, der Einsamkeit zu entfliehen. Schließlich hatte der Bruder ihr selbst von klein auf streng untersagt, auch nur einen Schritt vor die Tür zu setzen. So selbstverständlich sie sich diesem Verbot früher gefügt hatte – mit ihren dreizehn Jahren wurde ihre Neugierde immer größer, während ihr der Garten im Innenhof mit seinen zwei Apfelbäumen, den Rosen- und Weinstöcken und dem Beet, in das Salbei und Majoran gepflanzt wurden, immer kleiner erschien.
»Anna! Vincens!«
Sie rief die Namen nur lustlos, verließ aber alsbald ihre Kammer und betrat den Gang. Er war ebenso leer wie der Speisesaal, wo sie die Kinder erst vergeblich unter den mit Samt bezogenen Stühlen suchte, dann unter dem langen schweren Tisch, der am Boden festgenagelt war.
Zumindest die Küche nebenan war nicht gänzlich verwaist. Aus der Richtung des dreifüßigen Schemels neben dem Herd ertönte zwar kein Kindergelächter, aber ein Schnarchen.
Niemand schnarchte so laut wie Ferida. Für sie bräuchte sie auch noch eine Puppe. Ferida hatte ihr schließlich auf die Welt geholfen, war sie doch ständig an der Seite ihrer Mutter geblieben, seit sie beide damals aus ihrer Heimat verschleppt worden waren.
Sahar trat auf die uralte Frau zu und stupste sie sachte an. Ein seltsames gurgelndes Geräusch ertönte, dann schreckte sie hoch.
»Oh, Tarana, was …«
»Tarana ist seit zwei Jahren tot, ich bin ihre Tochter.«
Ferida rieb sich die Augen und schnaubte abfällig. »Das weiß ich doch, das musst du mir nicht sagen. Im Alter wird man nun mal in allem langsamer, im Gehen wie im Denken. Darauf musst du nicht herumreiten wie auf meinem krummen Rücken.«
Als Kind war das ihr größtes Vergnügen gewesen. Während ihre Mutter ihr nur manchmal vorsang, war Ferida diejenige gewesen, die sie liebkoste, mit ihr spielte und ihr die wichtigsten Dinge beibrachte. So auch, wie man mit einem Faden alle Haare bis auf die Augenbrauen aus dem Gesicht entfernte. Nur dass es bei Sahar keine störenden Haare gab. Und seit geraumer Zeit ließ auch Ferida die ihren sprießen, waren ihre Falten doch tief genug, dass die Bartstoppel darin versanken.
Anders als die Lust auf Schönheitspflege hatte sie sich ihren guten Appetit bewahrt, und den unterstellte sie allen anderen Menschen.
»Willst du etwas essen? Ich habe eine Pastete mit Datteln und Zimt gebacken.« Sie schmatzte genießerisch.
»Ich will wissen, wo die anderen Kinder stecken.«
»Wahrscheinlich sind sie wie alle anderen ausgeschwirrt, um den Papst zu sehen.«
»Den Papst?«
»Er weilt doch in Poitiers. Heute weiht er die Kirche Sankt-Hilarius ein.«
Richtig, dies war der Grund, warum auch Adémar am Morgen das Haus verlassen hatte – und ein so trauriges Gesicht gemacht hatte. Nicht, weil die Kirche Sankt-Hilarius eingeweiht wurde, sondern weil der Papst seit Langem beklagte, dass so viele Pilger im Heiligen Land von Heiden erschlagen wurden. Das Morden fand auch Adémar schlimm, noch entsetzter war er aber über die Ankündigung gewesen, die der Papst beim Konzil von Clermont im letzten November gemacht hatte: dass es Gottes Wille wäre, wenn so viele Ritter wie möglich zu einem Feldzug nach Jerusalem aufbrechen würden, um die Heimstätte Jesu auf Erden von den Heiden zu befreien. Viele Adelige hatten begeistert das Kreuz genommen, Guillaume, der Herzog von Aquitanien, allerdings nicht. Der Fürst hatte seine Frömmigkeit nur damit unter Beweis gestellt, dass er den Papst eingeladen hatte, Weihnachten in seinem Reich zu verbringen; und obwohl es mittlerweile Januar geworden war, hielt sich der Heilige Vater immer noch in Poitiers auf.
Sahar konnte sich nicht vorstellen, was am Papst interessanter sein konnte als an der Geschichte des großen Erdbebens und ihrer Geburt.
»Anna und Vincens glauben wohl, dass sie in seiner Nähe von sämtlichen Sünden befreit werden«, erklärte Ferida, und ein spöttischer Tonfall schlich sich in ihre Stimme. »Ich habe beide erst heute Morgen erwischt, wie sie am Honigtopf naschten.«
»Ich dachte, um seine Sünden loszuwerden, muss man im Heiligen Land Heiden erschlagen.«
Ferida verzog das Gesicht, wie sie es sonst nur tat, wenn sie an feuchten Tagen Schmerzen in Händen und Füßen peinigten. »Wie kannst du so leichtfertig von einem gewaltsamen Tod sprechen! Besser, man hält den Mund, dann lockt man ihn nicht an.«
Gestern noch hatte sie vor Pein geächzt und beteuert, der Tod wäre ihr höchst willkommen, gleich in welcher Gestalt. Aber Ferida widersprach sich oft – und auch bei Adémar passte vieles nicht zusammen. Anders als Ferida ermunterte er sie stets, ihre Gedanken auszusprechen, jedoch gewährte er ihr nur die Freiheit des Wortes, nicht aber ihrer selbst.
Ferida stützte den Kopf auf ihren Arm und begann prompt wieder zu schnarchen, was wohl eher ein Zeichen war, dass sie wieder verschwinden sollte, als dass sie tatsächlich eingeschlafen war.
Sahar fügte sich, nur dass sie nicht wieder jenen Weg nahm, auf dem sie vorhin in die Küche gelangt war. Stattdessen betrat sie die Vorratskammer nebenan. Und das nicht, weil dort schmackhafte Pasteten warteten, sondern weil sich dort die Hintertür befand, über die die Dienstboten ein und aus gingen. Dass sie vorhatte, zum ersten Mal in ihrem Leben heimlich und ganz allein das Haus zu verlassen, gestand sie sich erst ein, als sie bereits im Freien stand.
Sehr weit kam sie nicht, bis sie verharrte und sich unwillkürlich krümmte. Schweißnass wurden ihre Hände, ihr Herz begann unrhythmisch zu pochen. Du lieber Himmel, wie konnten Menschen nur so einen Lärm machen! Und wie war es möglich, dass es so viele Menschen an einem Ort gab?
Sie konnte sich nicht erinnern, je mit mehr als drei oder vier zugleich in einer Kammer gewesen zu sein. Doch...




