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Ihr Team von Sack Fachmedien
E-Book, Deutsch, Band 1, 240 Seiten
Reihe: Neapel-Krimi
Krohn Die Toten von Santa Lucia
1. Auflage 2008
ISBN: 978-3-86474-027-5
Verlag: Virulent
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 1, 240 Seiten
Reihe: Neapel-Krimi
ISBN: 978-3-86474-027-5
Verlag: Virulent
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Hamburger Journalistin Sonja Zorn fliegt nach Neapel - eine Menge verdrängter Erinnerungen im Gepäck. Sie ist auf der Suche nach ihrer Tochter Luzie. Die Neunzehnjährige war nach einem heftigen Streit aufgebrochen, um in Neapel nach ihrem Vater zu suchen, von dem sie nichts als den Vornamen kennt. Sonja macht sich Sorgen, zu lange hat sie kein Lebenszeichen mehr von Luzie erhalten, und Neapel steht seit Monaten in den Schlagzeilen. Kein Tag vergeht ohne neue Todesopfer im gnadenlosen Machtkampf der Camorraclans. Gleich am Flughafen wird Sonja von Commissario Gennaro Gentilini in Empfang genommen. Nein, er will sie nicht verhaften, auch nicht bevormunden, er will sich nur im Umgang mit Neapel als hilfreich erweisen. Und bald ist Sonja dankbar für Gennaros Unterstützung. Besonders, als in der Tasche eines erschossenen Fotografen und Kleinkriminellen ein Foto von Luzie gefunden wird...
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Als Sonja durch die Sperre ging, stellte sich ihr ein Mann in den Weg. Südländer, aber einen halben Kopf größer als sie. Kaugummi kauend hielt er ihr ein Stück Pappkarton vor die Nase, auf dem ihr Name stand. Nicht zu übersehen: Sonja Zorn.
Sie stutzte, blieb stehen. Da musste ein Irrtum vorliegen.
Er sah sie erwartungsvoll an.
»Si sbaglia«, wehrte sie ihn in bestem Sprachkursitalienisch ab. »Das muss ein Irrtum sein. Ich gehöre zu keiner Reisegruppe.« Sie wollte an ihm vorbei.
Der Mann öffnete mit einem entwaffnenden Lachen die Arme, als wäre die Welt ein großer Witz. Es sah aus, als wollte er Sonja umarmen. Oder sie daran hindern weiterzugehen.
»Benvenuta a Napoli, Signorina Zorn. Ich bin Commissario Gentilini. Gennaro Gentilini.«
Es dauerte einen Moment, bis die Information zu ihr durchgedrungen war. Commissario? Der Mann war von der Polizei? Sie gefror augenblicklich zu einem Eisblock. Luzie … Vor ihrem inneren Auge spielten sich im Bruchteil von Sekunden Dramen ab, grauenvolle Bilder stürzten auf sie ein, die allesamt Luzie zum Mittelpunkt hatten, Luzie als Hauptfigur, als Opfer. Die Angst schnürte Sonja die Luft ab.
Dann registrierte sie wie durch einen Schleier das Lächeln im Gesicht des Kommissars. Wer so lächelt, hat nicht den Tod im Gepäck, sagte ihre innere Stimme, bleib ruhig, es ist nichts passiert. Der Eisberg in ihr begann zu tauen. Sie gewann die Fassung zurück.
»Ich wüsste nicht, dass wir uns kennen.«
»Noch nicht«, sagte der Mann. »Aber wir haben einen gemeinsamen Freund.« Er fuhr fort, Lion Lichtenberg (er sagte Licktenberrrge) habe ihn heute früh angerufen und gebeten, Signorina Zorn (was sich aus seinem Mund eher wie Dsorne anhörte) am Flughafen abzuholen. »Und hier bin ich.«
Sonja war sich sicher, dass Lion nie und nimmer Signorina gesagt hatte.
»Signora«, verbesserte sie kühl.
»Mi scusi«, sagte er. »Natürlich. Signora.«
»Trotzdem danke«, sagte sie. »Nett von Ihnen.«
»Nichts zu danken.«
Einen Moment lang starrten sie sich an, der Commissario unerschüttert lächelnd und nonstop das Kaugummi umwälzend, Sonja unerschüttert nichtlächelnd. Im nächsten Moment nahm Gentilini ihr wortlos den großen Rollkoffer aus der Hand und begann ihn mannhaft und zielstrebig in Richtung Ausgang zu schleppen, statt das Gepäck wie ein folgsames Hündchen über den glatt polierten Terrazzoboden zu dirigieren. Bitte sehr, wenn ihm das lieber war.
Sonja folgte ihm mit sehr gemischten Gefühlen im Abstand von zwei Metern. Kaum setzte sie einen Schritt außer Landes, hatte sie auch schon zwei Männer im Nacken. Der eine fädelte von Hamburg aus Kontakte ein, um die sie ihn nicht gebeten hatte, der andere nahm sie gleich auf den ersten Metern in Gewahrsam. Natürlich konnte man die Sache auch anders sehen: Ihr uralter treuer Freund Lion Lichtenberg, mit dem sie im Sandkasten Burgen gebaut hatte und der später bei der Hamburger Kripo gelandet war, sorgte auch aus der Ferne rührend für sie, indem er Sie mit jemandem bekannt machte, der ihr in dieser Stadt nützlich sein konnte. Dagegen war nichts zu sagen, das war, solange keine Hintergedanken im Spiel waren, lieb und nett, und auch dieser Kaugummi kauende, lachende, Koffer schleppende Commissario wollte vermutlich auf seine Art nur nett und gastfreundlich sein – gentile eben, um seinem Namen alle Ehre zu machen. Dennoch fragte sie sich verärgert, was Lion ihm wohl erzählt haben mochte, über sie, Luzie, den Hintergrund ihrer Reise … Sie brauchte keine Hilfe. Sie kam allein klar.
Während sich das Polizeiauto im sprichwörtlichen Schneckentempo durch die verstopften Straßen der Peripherie schob, tauschten Sonja und Gentilini die üblichen Höflichkeiten aus. Wie der Flug gewesen war, das Wetter in Hamburg, das Wetter in Neapel, dergleichen mehr.
Nein, sie war noch nie in Neapel gewesen. Weder auf Ischia noch auf Capri.
Nein, auch nicht an der amalfitanischen Küste.
Sorrento? Nein.
Nicht auf dem Vesuv. Auch nicht in Pompeji, nein. Überall im Norden, ja, am Gardasee, in der Lombardei, im Friaul, natürlich Toskana, Cinque Terre, Elba, Sardinien, mehrmals in Rom und Venedig, sogar auf Sizilien aber Neapel, nein, noch nie.
Sie fügte ein leider hinzu, das klang höflicher.
»Warum nicht?« Gentilini sah sie interessiert von der Seite an. »Für Sie als Journalistin muss Neapel doch ein gefundenes Fressen sein.«
»Es hat sich nicht ergeben.«
Darum eben, dachte sie. Weil sie sich damals geschworen hatte, niemals einen Fuß in diese Stadt zu setzen. Und hätte Luzie nicht vor ein paar Wochen angefangen, beharrlich nach ihren Wurzeln zu graben und Fragen zu stellen, die sie früher nie gestellt hatte, und auf Dachböden zu stöbern und alte Koffer zu öffnen, würde Neapel vermutlich weiterhin hinter verstaubten Oleanderbüschen im Straßengraben von Sonjas kurvenreichem Lebensweg verrotten. Von wegen gefundenes Fressen. Aber das ging diesen Commissario nichts an. »Ich finde, es gibt genügend andere Probleme auf der Welt, als sich zu fragen, weshalb man irgendwo noch nicht gewesen ist«, fügte sie hinzu. »Waren Sie etwa schon mal in Hamburg?«
Gentilini schnalzte verneinend mit der Zunge.
»Und warum nicht?«
Er grinste. »Hat sich nicht ergeben. Leider.«
Sonja fächerte sich unauffällig Luft zu. Die Temperaturen im Inneren des Lancia kletterten allmählich in den roten Bereich. Aus dem Augenwinkel stellte sie fest, dass der Dienstwagen zwar eine Klimaanlage hatte, diese aber nicht eingeschaltet war. In Hamburg hatte es in den letzten zwei Wochen fast ununterbrochen geregnet, und Anfang Mai war es noch einmal richtig kalt geworden. Alle in der Redaktion hatten sich so aufgeführt, als könne man die Sonne herbeijammern, unentwegt wurden Reisepläne geschmiedet und wieder verworfen – und nun saß Sonja neben diesem durchaus ansehnlichen neapolitanischen Commissario im Auto, schwitzte und war noch nicht einmal angemessen dankbar.
Commissario Gentilini wedelte mit der Hand vor den Schaltern auf dem Armaturenbrett herum, als wolle er ihnen gut zureden. Oder ihnen kühlende Luft zufächern. Die Kippschalter schienen es ihm nicht danken zu wollen.
»Guasto«, sagte er lakonisch. »Kaputt.« Dann lachte er. »Eins der wenigen deutschen Wörter, die ich kenne.« Er fügte hinzu, die Vertragswerkstatt der neapolitanischen Polizei sei leider heillos überlastet. »C’aggia fa’. Da kann man nichts machen.«
Offenbar waren auch die Straßen überlastet. Oder es gab einfach zu viele Autos. Jedenfalls steckten sie schon seit ein paar Minuten hoffnungslos im Stau. Nichts ging mehr. Der Commissario schaltete den Motor aus.
»Wie kommt es, dass Sie so gut Italienisch sprechen?«
»Ich habe es mit der Zeit gelernt.«
»Aber warum ausgerechnet Italienisch? Haben Sie in Italien Verwandte?«
Er sagte nicht Verwandte, sondern famiglia. Haben Sie in Italien Familie … Und sofort war Sonja auf der Hut. War das eine unschuldige freundliche Frage, oder wollte er sie aushorchen? Wie schrecklich empfindlich sie doch war, so leicht aus der Fassung zu bringen.
»Nein«, sagte sie.
Luzies Vater war kein Verwandter und gehörte nicht zur Familie. Jedenfalls nicht aus Sonjas Sicht. Um sich abzulenken fügte sie hinzu: »Ich habe einfach so damit angefangen, an der Volkshochschule. Ich war damals siebzehn. Es hat mir gefallen. Also habe ich weitergemacht.«
Ja, aber warum eigentlich? Warum tat man in seinem Leben etwas und etwas anderes nicht? Warum fuhr man an einen Ort und ließ einen anderen links liegen?
Italienisch zu lernen war eine dieser unbewussten, intuitiven Entscheidungen gewesen, hinter denen sich kein Lebensplan entfaltete wie auf einer riesigen Landkarte mit fest abgesteckten anvisierten Zielen: erst das, dann das, dann das. Alles hätte ebenso gut ganz anders kommen können. Es waren doch letztlich Zufälle, die einen im Leben hierhin oder dorthin führten, wichtig war nur, was man daraus machte. Manche Steine am Wegrand sammelte man auf und passte sie ins Lebensmosaik ein, andere ließ man liegen. Es gab Ideen, die plötzlich vor dem inneren Auge auffunkelten und andere, die man maximal zur Kenntnis nahm, und das war’s. In dem Sprachkurs damals hatte Sonja Maris kennen gelernt, und daraus war eine Freundschaft fürs Leben geworden. Andere Leute, denen sie damals begegnet war, waren schnell wieder im Dickicht des Alltags verschwunden. Wie Antonio …
Ihr brach der Schweiß aus.
»Ich habe früher mal versucht, Japanisch zu lernen«, sagte Gentilini. »Ist ziemlich kompliziert.«
»Und warum ausgerechnet Japanisch?«
»Damals wollte ich möglichst weit weg aus Neapel und möglichst viel Geld verdienen. Japan erschien mir dafür der passende Ort.« Er lachte leise. »Was für verrückte Ideen man hat, wenn man jung ist.«
»Was ist daraus geworden?«
»Wie Sie sehen, bin ich in Neapel geblieben und bei der Polizei gelandet.«
»Mit Zwischenstation in Japan?«
Er antwortet nicht, aber sie bemerkte, dass das Lächeln aus seinem Gesicht verschwunden war. Vielleicht ein versteckter Hinweis, dass auch bei ihm zwischen der verrückten Idee von damals und der nüchternen Gegenwart eine Geschichte von zerplatzten Träumen, pragmatischen Entscheidungen, verletzten Sehnsüchten lauerte. Jeder trug solche Geschichten mit sich herum. Weg aus Neapel? Das hatte sie schon einmal gehört, vor über zwanzig Jahren …
Dass man den...




