E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Kroll / Schurich Tötungsdelikt Gisela G.
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95958-719-8
Verlag: Bild und Heimat Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
und zwei weitere authentische Kriminalfälle aus der DDR
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-95958-719-8
Verlag: Bild und Heimat Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Remo Kroll, geboren in Burg bei Magdeburg, ist langjähriger Angehöriger der Berliner Polizei und widmet sich der Historie der Kriminalpolizei und der Morduntersuchung in der DDR. Er ist Mitherausgeber der Schriftenreihe Polizei. Studien zur Geschichte der Verbrechensbekämpfung, darüber hinaus hat er vielfach publiziert, u. a. Die Kriminalpolizei im Ostteil Berlins 1945-1990 (2012) sowie Morduntersuchung in der DDR (2014, zus. m. Ingo Wirth). Frank-Rainer Schurich lehrte als ordentlicher Professor für Kriminalistik an der Humboldt-Universität zu Berlin; seit 1994 ist er freier Autor. Regelmäßig arbeitete er bei der Berliner Kripo. Er legte zahlreiche Publikationen vor, zuletzt bei Bild und Heimat Darauf können Sie Gift nehmen. Kleines Kuriositätenlexikon der Kriminalgeschichte (2013).
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Tod im Friedrichshain
»In der ganzen Geschichte des Menschen ist kein Kapitel unterrichtender für Herz und Geist als die Annalen seiner Verirrungen.« So begann Friedrich Schiller seine berühmte Kriminalerzählung über den Mörder und Räuber Christian Wolf. Es war die erste Kriminalnovelle von Weltrang.
Wir lesen heute Berichte von Verbrechen und stellen mit Erstaunen fest, dass die Verirrungen des Menschen kaum thematisiert werden, sondern nur die oftmals verstörenden und grausamen Folgen seines verbrecherischen Handelns. Und wir wundern uns über die Aussage, dass Verbrechen eben zu unserer Kultur gehören, wie jüngst Frauke Hunfeld in der Zeitschrift formulierte.
In der DDR hatte man in der Tat eine andere Sichtweise, die Hans-Joachim Kruse in seinem Vorwort zu dem Buch wie folgt ausdrückte: »Die Ausbeutergesellschaft, die den Menschen nur als Mittel der Bereicherung betrachtet, musste mit dem Verbrechen leben. Wir hingegen haben in realer ›Beförderung der Humanität‹ ein neues Kapitel im Buche der Menschheit begonnen, in dem sich die Forderung von Marx erfüllt: ›Das höchste Wesen für den Menschen ist der Mensch selbst, folglich muss man alle Beziehungen, alle Bedingungen vernichten, in denen der Mensch ein unterdrücktes, versklavtes, verächtliches Wesen ist.‹«
Wir wollen von einem Menschen und den Annalen seiner Verirrungen erzählen, der in der DDR, genauer gesagt in Ostberlin, an seiner Psychologie komplett gescheitert ist, obwohl er als Wanderer zwischen den Welten nicht mehr als »Mittel der Bereicherung« betrachtet worden war. Und wir wollen, auch nach Schiller, aufzeigen, dass die Öffnung seines »Lasters … vielleicht die Menschheit und – es ist möglich, auch die Gerechtigkeit« unterrichtet.
Walter Steeger, so wollen wir ihn nennen, arbeitete beim VEB Bauhof Pankow und wohnte in einem Vorderhaus in der Pettenkoferstraße im Friedrichshain, einer Straße, die parallel zum S-Bahn-Ring verläuft. Die Straße erhielt 1904 ihren Namen. Benannt wurde sie nach Max von Pettenkofer, einem deutschen Arzt, der unter anderem den Einfluss von Kleidung, Ernährung und Klima auf die Gesundheit des Menschen erforschte und somit die Notwendigkeit einer umfassenden Sozialhygiene erkannte. Im Ergebnis dessen entstand zum Beispiel die Schrift (2. Auflage 1876), eine seiner fundamentalen Arbeiten. Wir dürfen annehmen, dass Walter Steeger das alles nicht wusste.
Auch über seine Sozialhygiene war nichts bekannt, als er an einem Donnerstag, dem 10. Dezember 1964, in der VP-Inspektion Friedrichshain in einem Zustand völliger Auflösung eine Vermisstenanzeige erstattete. Seine Stieftochter Monika, die seinen Familiennamen angenommen hatte, acht Jahre alt, sei spurlos verschwunden.
Er wurde von einem Wachhabenden, nachdem er den Sachverhalt kurz erläutert hatte, zum Dauerdienst der Kriminalpolizei begleitet. Dort nahm Leutnant der VP Müller die Anzeige unter der Tagebuchnummer 2956/64 entgegen. Nach Beendigung der Protokollaufnahme zeigte die Uhr im Kriminalbüro 23.45 an. Diese stürmische Nacht – der Regen ergoss sich in wahren Kaskaden schräg gegen die Fensterscheiben – passte so gar nicht zur vorweihnachtlichen Zeit, auch nicht zu dem Bericht von Walter Steeger.
Er war 25 Jahre alt, ein kräftiger Kerl, der ein wenig nach Alkohol roch. Ein Bauarbeiter, ein Maurer, wie man ihn sich vorstellen kann. Etwas Weiches in seinen Gesichtszügen ließ ihn auf Leutnant Müller durchaus sympathisch wirken. Dieser hatte auf der VP-Schule gelernt, dass man den Menschen unvoreingenommen gegenübertreten muss und sich in jedem Gesicht ein Zauber verbirgt.
Walter Steeger war sehr aufgeregt, als der Bericht über das Vorgefallene aus ihm heraussprudelte, auch wie eine Kaskade und im Gleichklang mit den Regengüssen. Man sah ihm seine Verzweiflung an, und er stockte, er wiederholte sich, er fragte nach, ob er überhaupt verstanden würde.
»Beruhigen Sie sich«, sagte der Leutnant, »man wird Ihre Stieftochter ganz schnell finden. Die meisten Kinder, die weggelaufen sind, kommen alsbald wieder zu ihren Eltern zurück.«
»Aber Monika ist nicht weggelaufen! Sie ist nie weggelaufen, so etwas macht sie nicht. Wirklich. Da ist bestimmt was Schlimmes passiert.«
»Also, noch einmal von vorn. Was ist dem Verschwinden Ihrer Stieftochter vorausgegangen?«
»Das sagte ich doch schon … So gegen halb sieben schickte meine Frau unsere Tochter zum Schlächter, um etwas Speck zu kaufen. Als Monika die Wohnung verließ, hatte ich mit meiner Frau einen kleinen Streit. Das kommt ja in der besten Ehe vor, oder? Ich war es leid, mich schon wieder wegen irgendetwas entschuldigen zu müssen, zog mir meinen Mantel über und verließ ohne Worte die Wohnung, denn ich wollte etwas frische Luft schnappen. Vorher ein paar Bierchen – das hatte meiner Frau ja überhaupt nicht gepasst. Ich ging zur Bänschstraße, denn in dem Stück zwischen der Pettenkofer und der Voigtstraße ist der Fleischer. Ich dachte mir, wenn du schon mal an der frischen Luft bist, dann kannst du auch gleich mal nachsehen, ob Monika trödelt. Das tut sie nämlich ziemlich häufig.
Ich habe Monika auch getroffen, als sie schon auf dem Rückweg war. Wir gingen noch ein wenig im Karree, wie wir Berliner sagen, und kamen so in die Dolziger Straße. Wir haben uns wirklich nett unterhalten. Ich musste dann mal, und ich wollte in einem Hausflur in der Dolziger Straße, es könnte die Hausnummer 28 gewesen sein, meine Notdurft verrichten.«
»Welcher Hausflur war das genau?«
»Kurz vor der Einmündung in die Eldenaer Straße, auf der rechten Seite, die Nummer weiß ich nicht mehr genau. Es kam jedoch eine Frau ins Haus, und ich wollte mit ihr keine Auseinandersetzung haben. Ich verließ den Hausflur, vor dem Haus wartete Monika, so, wie ich es ihr gesagt hatte.«
Leutnant Müller schüttelte ein wenig den Kopf: »In den Hausflur pinkeln, das ist aber nicht die feine englische Art.«
Walter Steeger gab zunächst keine Erklärung ab, meinte dann aber kleinlaut: »Nun ja, wenn’s drückt. Da kann man halt nichts machen.«
»Und wohin sind Sie dann gegangen?«
»Zum Forckenbeckplatz. Monika fragte, ob das hier der Märchenbrunnen ist, und ich sagte ihr, dass sich der Märchenbrunnen im Friedrichshain befindet. Monika trug den Speck, und ich bat sie noch, meinen Mantelgürtel, der mich störte, zu tragen. Monika war ein gutes und folgsames Kind, und sie tat, worum ich sie gebeten hatte. An der Proskauer Straße steht ein massives Häuschen, vielleicht eine Schaltstation der Bewag. Das weiß ich aber nicht genau. Jedenfalls habe ich Monika angewiesen zu warten, weil ich hinter dem Häuschen zur Parkanlage hin jetzt … Na, Sie wissen schon. Es hat vielleicht zwei oder drei Minuten gedauert …«
Walter Steeger hatte sich emotional nun nicht mehr unter Kontrolle; Tränen schossen in seine Augen, und schluchzend erzählte er das Ende der Geschichte. »Monika, Monika, war … nicht mehr … da. Ach Gott, das arme Kind.«
»Wissen Sie, wohin sie gegangen sein könnte?«
»Nein, keine Ahnung. Wir kennen uns doch noch gar nicht so richtig aus in dieser Gegend. Wir wohnen erst seit Februar dieses Jahres im Friedrichshain. Wir sind im November 1963 aus Westberlin in den Osten gekommen, weil alle unsere Angehörigen in diesem Teil von Berlin wohnen. Zuvor waren wir im Bezirksheim in Weißensee in der Rennbahnstraße 74–78 untergebracht.«
»Das ist ja eine interessante Geschichte. Woher wissen Sie denn die Hausnummer von der Rennbahnstraße noch so genau?«
»Wir hatten hier viel Bürokratie zu erledigen, und unsere Flüchtlingsadresse mussten wir auf allen Ämtern angeben. Deshalb.«
»Ist Ihre Tochter schon einmal weggelaufen?«
»Nein, noch nie. Wirklich. Sie ist eine gute Schülerin.«
»Welche Schule?«
»Die 11. Oberschule in der Pettenkoferstraße. Sie geht in die zweite Klasse.«
Leutnant Müller wollte noch mehr wissen: »Sie sagten, Sie hätten Verwandte hier im Osten. Welche sind das? Es könnte doch sein, dass Monika zu ihnen gegangen ist.«
»Das kann nicht sein«, wehrte Walter Steeger entschieden ab, »unmöglich. Bei meinem Bruder, der mit seiner Familie am Strausberger Platz wohnt, habe ich schon nachgefragt, dort ist Monika nicht. Meine Schwägerin wohnt in der Oderberger Straße, sie ist Schichtleiterin beim VEB Aktivist. Monika weiß gar nicht, wo das ist. Meine andere Schwägerin wohnt noch weiter weg, in Wilhelmshagen in der Schettkatstraße. Da...




