Kronauer / Nitzberg / Schmatz | Dichtung für alle | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 80 Seiten

Kronauer / Nitzberg / Schmatz Dichtung für alle

Wiener Ernst-Jandl-Vorlesungen zur Poetik
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-7099-7613-5
Verlag: Haymon Verlag
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark

Wiener Ernst-Jandl-Vorlesungen zur Poetik

E-Book, Deutsch, 80 Seiten

ISBN: 978-3-7099-7613-5
Verlag: Haymon Verlag
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark



Brigitte Kronauer, Alexander Nitzberg und Ferdinand Schmatz sprechen über Dichtung: Im Rahmen der Ernst-Jandl-Dozentur für Poetik gewährten die deutsche Autorin Brigitte Kronauer, der russisch-deutsche Dichter und Übersetzer Alexander Nitzberg und der österreichische Dichter Ferdinand Schmatz Einblicke in Positionen poetischen Schaffens. In diesem Band sind ihre erhellenden Bemerkungen zu Grundlagen und modellhaften Beispielen für zeitgenössisches Dichten versammelt, herausgegeben und mit einem Vorwort von Thomas Eder und Kurt Neumann.

Ferdinand Schmatz, geboren 1953, Dichter, Essayist und Romancier. Ausgezeichnet u.a. mit dem H.C.-Artmann-Preis (2006) und dem Ernst-Jandl-Preis (2009). Leiter des Instituts für Sprachkunst in Wien. Bei Haymon u.a. quellen. Gedichte (2010) und Portierisch. Nachrichten aus dem Berge in Courier New (HAYMONtb 2012).
Kronauer / Nitzberg / Schmatz Dichtung für alle jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


Erste Vorlesung


Zur Realisation von Freiheit in der Poesie:
„Blickt zu mir der Töne Licht“


Dichtung im Garten der Sinne und der Vernunft


Da ist das Ohr. Es hört.
Da ist die Nase. Sie riecht.
Da ist das Auge. Es sieht.
Da ist die Hand. Sie greift.
Da ist der Mund. Er spricht:

Alles, was ich sehe, könnte auch anders sein.

Alles? Ich? Sein? Anders?

So vielleicht:

Da ist das Ohr. Es riecht.
Da ist die Nase. Sie hört.
Da ist das Auge. Es greift.
Da ist die Hand. Sie spricht.
Da ist der Mund. Er sieht.

1

.

2

.

3

.

Und das Ich:
ist das, was der Mund sieht, das, was ihm das Auge erhört, was ihm die Hand riechen macht und die Nase tasten heißt.

Wieso ist das möglich, den Mund sehen zu lassen, das Ohr riechen zu lassen, das Auge greifen, und so fort?

Ist es mehr als eine Folge von beliebigen Behauptungen, von verqueren noch dazu?

Es ist formuliert, ausgesagt – aber in Wirklichkeit, in der gegebenen Realität der Wesen, Dinge und Ereignisse, wo:

Der Mund spricht, das Auge sieht, das Ohr hört, die Nase riecht, die Hand greift.

Da ist das, was wir sind? Der Körper mit seinen Organen, die ihm, durch die Sinne repräsentiert, im Zusammenspiel mit dem Verstand den Sinn der inneren wie äußeren Welt erkennen und gebrauchen helfen – gebunden an Funktionen und Abläufe physischer Art. Und wie steht es um jene psychischer Art?

Es scheint hier ein Gebundensein zu existieren, durch das alles, was uns die Sinne erfassen lassen, in einer bestimmten Art und Weise wahrgenommen, empfunden und erkannt wird. Eine meist voraussetzungslos getätigte Differenzierung der gesamten Sinneserfahrung durch einzelne Sinnesdaten, die dem jeweiligen Sinnesorgan entsprechende Eigenschaften zuweist. Diese sind auch die Basis der Sinnzuordnung, die in der kommunikativen Weitergabe mit dem wiederum entsprechenden Wortmaterial das „richtige“ Bild der Welt darstellen – als Wahrnehmungen des Wahrgenommenen, in Form von Empfindungen, die mit den Mitteln des Zeigens und Sprechens in geordneter, codierter Form weitergegeben werden.

Das Wort heißt Gebundensein! Also etwas, das so und so, unter diesen Umständen, die wiederum so und so sind, abläuft: ein Automatismus, der Regeln zu unterliegen scheint, ein Gesetz.

Dieser Begriff des Gesetzes schließt jenen der Freiheit nicht aus, aber sehr nahe beieinander liegen beide Begriffe nicht.

Worauf ich aber hinarbeiten möchte, ist eine Annäherung an den Begriff der Freiheit in der Dichtung – über das Moment des Verbindens. Und zwar des freien, besser: des anderen Verbindens – das nicht wie in der alltäglichen Wirklichkeit deren Zusammenhänge erzeugt und immer wieder bestätigt und bestätigt. Sondern: eine Wirklichkeit der anderen Art, in der Wirklichkeit der Dichtung.

Wobei das andere Verbinden eines aus mit feinen Nadelstichen gesetzten Fäden meint, deren Muster durch Wörter und Bilder, ja durch Buchstaben und Zeichen ständig weitergetrieben werden. Ein Weiterhäkeln oder Klöppeln, wie es der russische Dichter Mandelstam genannt hat. Auf einem Textteppich, dessen Strukturen aus Farben, Formen und Stoffen geregelt, aber in der Weise einer dichterischen Ordnung entstehen, sich wandeln, vergehen, um wieder neu zu entstehen. Frei, weil durch dichterische Entscheidung in diese kompositorische Ordnung gesetzt – so weit es körperliche wie geistige, soziale wie politische, ökonomische wie kulturelle Abhängigkeiten erlauben.

Und: weit über diese Bedingtheiten hinaus oder tief in diese hinein wirkend. Die Grenze der Abhängigkeiten nach oben wie nach unten hin zu erforschen, verlangt danach, diese erst einmal aufzusuchen, abzustecken. Wo diese liegen könnten – quer durch die eingangs genannten sinnlichen und geistigen Felder des Ichs und seiner Umwelt hindurch. Wäre das ein Weg?

Was wirkt auf diesem Weg, der zum dichterischen Gebilde führt, ja dieses ist, wie heraus und wie durch ihn hindurch? Welcher Wert wird herauszuarbeiten versucht? Welche Funktionen, welche spezifischen Ausdrucksmittel sind am Werk, wenn sie nicht sogar das Werk allein konstituieren?!

Hierzu greife ich zunächst eine Frage Nabokovs aus seinem Roman „Die Gabe“ auf:
„Hier ist ein Thema für Sie ... Der Dichter wählt den
Gegenstand für seine Gedichte selbst; die Gesellschaft hat nicht das Recht, seine Inspiration zu lenken.“

Dieses Dilemma von Gebundensein oder Gelenktwerden und der Freiheit der Wahl, vor allem die Freiheit der Inspiration kristallisiert sich zu einem Kernproblem in der Kunst der Dichtung. An sich und besonders, wenn diese ihre Arbeit als Forschung begreift, in der sie das Individuelle, die Inspiration gleichsam, als abstraktes Modell und als sinnlichen Erfahrungskomplex herauszubilden versucht. In einer anders aufgebauten und ausgedrückten Form, als es ihr die gesellschaftliche Sprachnorm diktiert, um diese dann zum kommunikativen Austausch zu öffnen:

Wenn diese Dichtkunst versucht, Sinnliches ins Modell und Abstraktes in Erfahrung umzudrehen, um das, was üblicherweise reine Information bedeutet, zur rauschenden Botschaft des Poetischen zu erweitern, oder zu verkürzen, also zu verwandeln.

Oder zu was auch immer! Aber, aber: als Poesie, die anders als üblich probiert, experimentiert, auch dieses, ihr Anderssein zu erzeugen, wahrzunehmen, zu empfinden, und zu kommunizieren.

Wenn das, was das Auge sieht, abgebildet wird und wiedergegeben, wenn das, was das Ohr hört, aufgenommen und reproduziert wird, wenn das, was die Hand ergreift, in derselben Position wieder an seinen Platz gestellt wird – dann ist die Wirklichkeit die eine Wirklichkeit, die Welt die eine Welt, und auch die darin wurzelnde Wahrheit die eine Wahrheit. Dafür steht nicht nur die Literatur der Widerspiegelung, dafür steht auch das, was kulturelle Symbolisierung als Voraussetzung für eine gemeinsame Synchronisation betrachtet.

Aber, für mich, und ich glaube für viele, die Dichtung anders hervorbringen und hervorbringen lassen – auch dieses Lassen signalisiert einen der feinen Unterschiede zur autormächtigen Widerspiegelungsauffassung –, gibt es nicht nur die eine Wirklichkeit, nicht nur die eine Welt und die eine Wahrheit, sondern mehrere. Nicht beliebige, zufällige, sondern erzeugte, neu kombinierte, die sich ihre Wirklichkeiten und Werte selbst herauszubilden hoffen.

Wahr?

Falsch?

Form?

Inhalt?

Wirklichkeit?

Wirklichkeiten?

Wahrheit?

Wahrheiten?

Das alles anzufragen und zu bearbeiten macht das Gedicht (aus). Es steht nicht, es fließt. Es ist nämlich eins in Inhalt und Form. Nur dann kann es schön unwahr und hässlich wahr werden, wenn sich beide Ebenen treffen, kreuzen, miteinander vorantreiben. Oder das zähmen, was die Intuition oder eine selbstgewählte Regel in Gang gesetzt haben. Also das, was im Moment, in dem das Gedicht stillsteht, wahr ist, bis sich das Rad der Sprache weiterdreht, ohne dabei die Gefahr ihres Leerlaufens zu übersehen, vielleicht sogar zu versuchen, diese zu überlisten.

Das Gedicht schafft sich demnach seine eigene Wahrheit, da es gegebene Sprache als Substanz versteht, so z. B. die Alltagssprache, aber dieses Verstehen durch seine eingebrachten Bearbeitungen nicht mehr als reines Mittel zum Zweck benützt, sondern auch die Mittel selbst anders zu verstehen sucht. Diese im Verstehen sich schenkende Wahrheit ist nicht zu sehen im Sinne eines Richterspruchs, der bestimmt, was überhaupt Wahrheit ist. Sie kann im Dichter wie auch im Leser immer wieder neu gebildet werden: als sich nie einholende Lektüre, die nicht automatisiert abläuft, sondern die Regeln, die dem Gedicht zugrunde liegen oder die das Gedicht sich selber schafft, anwendet, und stets anders oder neu erfährt.

Ohne sie gelehrt zu bekommen – weil sie in der Form des Gedichts als Inhalt wachsen, der nichts anderes ist als: Gestaltgehalt.

G. M. Hopkins nennt das Ingestalt (Inscape, davon später mehr).

Die Regel, die den Gestaltgehalt oder die Ingestalt in Ausrichtung, Widerspruch oder Gleichgewicht auf die Phantasie, besser: Imagination...


Brigitte Kronauer, geboren 1940 in Essen, lebt in Hamburg. 2005 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Erzählungen und Romane, u.a. Berittener Bogenschütze (1986), Teufelsbrück (2000) und zuletzt Zwei schwarze Jäger (2009).
Alexander Nitzberg, geboren 1969 in Moskau, lebt in Wien. Dichter, Publizist, Librettist, Rezitator, Übersetzer. Zuletzt erschien seine Neuübersetzung des Romans Meister und Margarita von Michail Bulgakow (2012).
Ferdinand Schmatz, geboren 1953, Dichter, Essayist und Romancier. Ausgezeichnet u.a. mit dem H.C.-Artmann-Preis (2006) und dem Ernst-Jandl-Preis (2009). Leiter des Instituts für Sprachkunst in Wien. Bei Haymon u.a. quellen. Gedichte (2010) und Portierisch. Nachrichten aus dem Berge in Courier New (HAYMONtb 2012).



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.