Krüger | Das Frauenhaus am Issyk-Köl | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Krüger Das Frauenhaus am Issyk-Köl


1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7407-9492-7
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

ISBN: 978-3-7407-9492-7
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Elmira, die Kinderärztin, Mahabat, die Ärztin für innere Medizin und Ainura, die Betreiberin eines Jurtencamps für Touristen ziehen die Konsequenz aus ihren eigenen einschneidenden Erlebnissen und gründen ein Frauenhaus in der Stadt Karakol am Issyk-Köl-See im Hochland von Kirgisistan. Im Zusammentreffen von Samat, dem Pflegesohn Mahabats, mit den Bewohnerinnen des Hauses, spiegelt sich die Problematik zwischen kirgisischen Frauen und Männern im Spannungsfeld zwischen nomadischer Tradition, islamischer Religion, der noch nicht überwundenen sowjetischen Vergangenheit und der marktwirtschaftlichen Gegenwart.

Norbert Krüger wurde im Jahre 1947 in Kitzingen, Deutschland geboren Er lebt seit 1948 in Frankfurt am Main, studierte an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt, Wirtschaftspädagogik und arbeitete danach an einer Beruflichen Schule. Er verfasste zwei Lehrbücher zur Vermittlung von Wirtschaftsenglisch. Norbert Krüger hielt sich über einen längeren Zeitraum in Kirgisistan auf. Er lebte in einer kirgisischen Familie, die ihm den Kontakt zu zahlreichen Menschen in der Umgebung ermöglichte. So entstand die Idee zu seinem vorliegenden Debutroman.
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Mahabat


Damals in Bischkek, Mahabat stand bewegungslos an der Ampel der Naryn Straße, vor fast achtzehn Jahren. Damals schaute sie auf das grüne Licht der Fußgängerampel, blieb gedankenversunken stehen, versäumte es, die Straße zu überqueren. Sie nahm auch den jungen Mann kaum wahr, dessen Stimme immerhin schwach zu ihr gedrungen war, um sie darauf aufmerksam zu machen, dass sie jetzt gehen könne. Wie aus einem unbekannten Raum blendete grelles Licht ins Innere ihres Kopfes, verhinderte die Erkenntnis, was zu tun sei, erlaubte stürmischen, ungeordneten Gedanken ihr Unwesen zu treiben.

Mahabat drehte sich um und bewegte sich langsam in die Richtung, aus der sie gekommen war.

Waren Minuten oder Stunden vergangen, seit sie am Bahnhof von Bischkek gestanden hatte? Sie hatte darauf gewartet, dass der Trolleybus Nummer vier halten würde, um sie aufzunehmen und sie dann, wie schon so oft, in der Sovjetskaya, vor dem kleinen Bazar, wo man Obst, Gemüse, Schinken und Hammelfleisch kaufen konnte, wieder auszuspucken. Von dort waren es nur ein paar Meter zu der zehnstöckigen, inzwischen heruntergekommenen Häuserkette von Plattenbauten, in der sie wohnte. Jetzt aber hielt sie das kleine Bündel in ihrem Arm fest umschlungen, aber doch in einigem Abstand von ihrem Körper. So als könne sie dadurch verhindern, dass das Baby, das in das Tuch gewickelt war und schlief, zu ihr gehört.

Eine junge Frau, etwa achtzehn Jahre alt, dem Aussehen nach Kirgisin, hatte sie gebeten, das Kind zu halten. Sie wolle sich am Straßenstand um die Ecke schnell ein paar Samsos kaufen, bevor der Bus kommt. Mahabat fühlte sich wohl mit dem warmen Kinderkörper im Arm. Es erinnerte sie an die Zeit, als sie ihre beiden eigenen Söhne auf diese Weise vor der beißenden Winterkälte geschützt hatte. Jetzt aber, da die Mutter des Kindes nicht zurückgekommen war, wurde die wunderbare Wärme abgelöst durch die Kälte der Ratlosigkeit. Mahabat hatte ein Kind im Arm, das nicht das ihre war, dessen Mutter sie nicht kannte, aber erkennen würde, wenn sie sie an der Stelle finden würde, wo diese ihr das Kind anvertraut hatte. Dort hatte sie ja lange genug gestanden, darauf gewartet, dass ihr die Frau das Kind wieder abnehmen würde, sich entschuldigen würde für ihre lange Abwesenheit, ihr Kind an sich nehmen und sich bedanken würde. Aber die Frau kam nicht.

Verschwommen nahmen Mahabats Augen wieder die Umrisse des Bahnhofs wahr, mit seinem riesigen, breiten Treppenaufgang. Sie musste einfach da sein, diese Frau, bestimmt hatte man sich nur irgendwie gegenseitig übersehen und nicht mehr gefunden. Mahabats Schritte beschleunigten sich ganz von alleine, bis sie wieder an der Haltestelle des Trolleybusses Nummer vier stand. Dort hoffte sie, die tränenüberströmte Mutter auf sich zulaufen zu sehen, überglücklich ihr Kind zurückzuerhalten, wütend darüber, dass sie, Mahabat, sich einfach vom Ort der Übergabe des Kindes entfernt hatte.

Nichts von alledem geschah. Nicht einmal die beißend kalte Winterluft konnte dem Taubheitsgefühl in Mahabat etwas anhaben, so lange bis ihr bewusst wurde, dass das Lebewesen in dem Tuchbündel durch die Kälte bedroht war, dass es beschützt werden musste, dass es Hunger haben musste. Reflexartig begann sie ein Wiegenlied zu summen, drückte das Tuch mit dem Kind jetzt fester an ihren Körper in die Nähe der Brust, wie sie es von ihren eigenen Kindern in Erinnerung hatte. Sie erschrak, als ein Bus der Linie vier mit lautem Quietschen an der Haltestelle hielt und sich die automatischen Türen krachend öffneten. Der Schreck wurde abgelöst von der Erleichterung, die es auslöste, das Kind in das von den Mitfahrenden gewärmte Innere des Busses bringen zu können. Mahabat setzte sich auf einen der harten Plastiksitzplätze, spürte jetzt zum ersten Mal, dass sich in dem Bündel etwas rührte, verbunden mit einem leisen Ton, der immer lauter wurde, der schließlich zu einem Kleinkindschreien anschwoll. Über Mahabat brach eine Flut von Fragen ungeordnet herein, an die sie bis dahin noch nicht gedacht hatte, die jetzt aber nach einer Beantwortung verlangten. Sie konnte spontan dem kleinen Wesen nichts bieten, was dessen Signale der Unzufriedenheit hätte stoppen können. Wen sollte sie in ihre Situation einweihen? Das Beste wäre, überlegte sie, zur Polizei zu gehen, den Vorfall zu melden. Dann aber wurde ihr klar, dass man Uniformierten und Beamten besser aus dem Wege geht, am besten jeden Anlass zur Erpressung von Geld vermeidet. Auf keinen Fall durfte man ihnen die Gelegenheit eröffnen, eine Schuld an der Situation zu konstruieren, von der man sich freikaufen müsse.

Dann sah sie wieder keine andere Möglichkeit, als das Kind ordnungsgemäß bei der Behörde zu melden. Es musste ja einen Namen bekommen, existent sein. Vielleicht hatte aber die Mutter das Kind auch schon als vermisst gemeldet, dann könnte man Mahabat den Vorwurf der Kindesentführung machen. Wie würde Talant darauf reagieren, wenn sie das Kind behielte? Gab es sonst noch jemanden, dem sie sich anvertrauen konnte?

Durch das Busfenster erkannte sie plötzlich das Gebäude des Bazars in der Sovjetskaya Straße. Hektisch sprang sie von ihrem Sitz auf, das immer noch schreiende Kind im Arm, verließ den Bus noch rechtzeitig, bevor die Menschen von außen hereindringen konnten und es ihr erschweren würden, auszusteigen. Sie kämpfte sich durch die an der Bushaltestelle wartenden Menschenmassen, strebte zügig in Richtung des Wohnkomplexes, in dem sich ihre Wohnung befand. Unversehens blieb sie stehen, schaute sich um, sah nirgendwo eine Apotheke, wo sie ein Milchfläschchen und Babynahrung hätte bekommen können. Dann eilte sie ein Stück die belebte Straße hinunter, wurde fündig.

Schließlich stand sie vor dem Aufzugsschacht im schmucklosen, allen anderen Häusern gleichenden Treppenhaus des Häuserblocks Nummer 18/2. Heute würde sie den gefährlich gebrechlichen Aufzug den Stufen in den siebten Stock vorziehen, um ihre durch eine Gitterwand zusätzlich gesicherte Wohnung zu erreichen. So hoffte sie, dass sie von niemandem, vom Klagen des Kindes aufmerksam gewordenem, gesehen würde. Auf ihren Knopfdruck hin, bewegte sich der Fahrkorb klappernd von oben nach unten, um sie abzuholen und dann wieder mit Mahabat und dem Kind in umgekehrte Richtung.

Im siebenten Stock angekommen, versuchte sie mit hastigen Bewegungen, den Schlüssel im Schloss des rostigen Sicherheitsgitters zu drehen, um dann endlich mit einem weiteren Schlüssel, den sie mit zittrigen Händen aus dem Bund herausfischte, die eigentliche Wohnungstür zu öffnen. Sie legte ihre Tasche auf den ausgebesserten Teppichboden im Eingangsbereich der Wohnung ab, versuchte aus dem Mantel zu schlüpfen, ohne das Kind zu heftig zu bewegen, ließ den Mantel fallen. Schließlich ging sie ins Schlafzimmer, legte das Bündel auf das noch von der Nacht ungeordnete Bett, öffnete das Tuch und konnte, nun zum ersten Mal, das schreiende, hilflose Wesen liegen und strampeln sehen. Sie schätzte das Alter des Jungen auf zwei Monate.

In der Küche bereitete sie eine Flasche, so wie sie es für ihre eigenen Kinder früher getan hatte, als die Milch ihrer Brust nicht mehr ausgereicht hatte. Dann begann sie das Kind zu füttern, merkte, wie Ruhe über sie kam, widmete ihre ganze Aufmerksamkeit diesem Vorgang, wiegte danach den Jungen sanft im Arm.

Wie groß musste die Not der Menschen sein in diesem Land, das sie so liebt. Was war der Grund der Mutter, ihr Kind einfach zu verlassen? Waren es nur Geldsorgen oder war es auch die gesellschaftliche Not, die so ein Kind mit sich bringen kann? In der Sowjetunion war es kein großes Problem alleinerziehende Mutter zu sein. In das islamische Verständnis der neuen kirgisischen Gesellschaft passte diese Rolle einer Frau nicht.

Mahabat begab sich nicht in den Gefahrenbereich korrupter Polizeibeamter. Sie entschied sich, das Kind in die Kleinkindabteilung des Krankenhauses einzuschmuggeln, in dem sie Ärztin war. Auf dem Weg zur Arbeit legte sie in einem unbeobachteten Moment das Kind in einer Tasche auf den Stufen eines Personaleingangs des Krankenhauses ab, wo es nicht zu kalt war. Sie hoffte, dass es bald von jemandem gefunden und ins Innere des Krankenhauses gebracht werden würde. Sie selbst würde unerkannt bleiben, wie gewohnt ihrer Arbeit in der internistischen Abteilung nachgehen, die der Kleinkindabteilung benachbart war. Ohne Verdacht zu erwecken, würde sie von hier den Gang der Dinge beobachten können.

Nach zwei Stunden ging sie zurück zum Ort, wo sie die Tasche, mit dem Kind darin, abgelegt hatte. Die Stufe war leer. Sie fand heraus, dass der Junge, wie erwartet, in der Kleinkindabteilung aufgenommen worden war. Um keinen Verdacht zu erregen und um als unbeteiligt zu gelten, erkundigte sie sich nicht, von wem das Kind gefunden worden war, wurde aber trotzdem von Elesa, einer Ärztin und Finderin der Tasche, eingeweiht.

Sie habe ihren Ohren nicht getraut, als sie auf der Treppe ein Winseln gehört habe, erzählte Elesa, habe das Kind unverzüglich hierher gebracht. Man wisse nicht, wer die Eltern sind. Der Oberarzt habe die Polizei...



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