Krüger | Trauer in der Sozialen Arbeit | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 169 Seiten

Krüger Trauer in der Sozialen Arbeit

Bedeutung von Verlust und Trost
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-17-040806-7
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Bedeutung von Verlust und Trost

E-Book, Deutsch, 169 Seiten

ISBN: 978-3-17-040806-7
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Trauer ist ein allgegenwärtiges Thema der Sozialen Arbeit. Obwohl es in nahezu allen Handlungsfeldern eine Rolle spielt, wird es in Ausbildung und Praxis häufig übersehen. Das Wissen praktizierender Professioneller der Sozialen Arbeit um Trauer ist meist geprägt vom eigenen Alltagswissen oder (häufig veraltetem) Wissen angrenzender Disziplinen und Professionen. Nur wenn die Soziale Arbeit hier über eigenständiges Wissen verfügt, das aktuelle Erkenntnisse integriert und sich der Bedeutung von Sterben und Tod, aber auch von anderen Verlusten bewusst wird, können Professionelle adäquat auf Trauer reagieren. Dieses Buch trägt aktuelles Wissen um Umstände des Sterbens, Theorien und Modelle von Verlustbewältigung und Trauer zusammen und bezieht es auf die Soziale Arbeit.

Dr. Tim Krüger ist Professor für Soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule Hamburg. Seine Arbeitsschwerpunkte sind theoretische und historische Grundlagen Sozialer Arbeit, erziehungswissenschaftliche Theorien und Methoden, sozialpädagogische Kasuistik und Soziale Arbeit im Kontext von Verlust und Trauer.
Krüger Trauer in der Sozialen Arbeit jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1 Sterben und Tod – Grundlegendes zu einem anthropologischen Problem


Eigentlich müsste das Thema Sterben und Tod also präsent sein, eigentlich auch die Trauer und der Trost. Oder, wenn man die »Unfähigkeit zu trauern« bedenkt, hat diese Zeit eine genau umgekehrte Wirkung, vielleicht hat sie auf eine spezifische Art, dazu beigetragen, dass man sich schwer tut mit diesen Themen.

Um sich der Trauer in der Sozialen Arbeit zu nähern, bedarf es eines grundlegenden Verständnisses umfangreicherer Fragen, das Sterben und den Tod betreffend. Es bedarf des Verständnisses dafür, dass diese Themen anthropologisch – also menschlich – sind, aber ebenfalls des Verständnisses dafür, dass doch die Mentalität zu verstehen ist, wenn man sich Umgängen mit diesen Themen nähern will.

Trauer bezieht sich auf das Sterben (und auf weitere Formen von Verlusten, wie in ? Kap. 3 dieses Buches deutlich werden wird). Um allerdings Trauer als Reaktion auf das Sterben zu verstehen, müssen wir uns zunächst ein allgemeines Verständnis vom Sterben und dem menschlichen Umgang mit dem Tod aneignen.

In diesem ersten Abschnitt werden einige Schlaglichter auf den Umgang von Menschen mit ihrem Wissen um die eigene Endlichkeit gelegt, die fundierend für die Auseinandersetzung um Trauer sind. Der menschliche Umgang mit Sterben, Tod und Trauer ist eingebunden in kulturelle Entwicklungen und gesellschaftliche Annahmen, also Normen, Werte und Rituale.

Der erste Abschnitt gliedert sich in drei grundlegende Unterkapitel, die die Überschriften »Kultur als Reaktion auf das Wissen um den Tod« (? Kap. 1.1), »Die Problematik der Bestimmung des Todes und der ›soziale Tod‹« (? Kap. 1.2) sowie »Orte und Gründe des Sterbens und die Frage nach der Verdrängung des Todes« (? Kap. 1.3) tragen. Hierbei handelt es sich um einen Versuch, die Betrachtung von Sterben und Tod in der deutschen Nachkriegsgesellschaft – und in seinen allgemeinen anthropologischen Bedingungen – zu rahmen, in dem Wissen darum, dass es hierfür eigentlich eine eigene Monografie bräuchte.

1.1 Kultur als Reaktion auf das Wissen um den Tod


Wissen Sie, woran und wann Sie sterben werden? Vermutlich nicht. Möglicherweise befremdet Sie sogar die Frage. Erstens möchte man sich damit nun wirklich nicht allzu oft auseinandersetzen, die Zeit kommt schon noch früh genug. Und zweitens gilt der Tod weiterhin als das große Unbekannte, als das Nicht-Planbare, als das einzig gesicherte Faktum menschlichen Lebens, wie schon Augustinus im 4. Jahrhundert n.?Chr. festhielt. Es gilt noch immer, wenn auch abgewandelt, der mittelalterliche Spruch: Der Tod ist sicher, die Stunde nicht! Denn längst geht der Trend zur Planung des eigenen Todes. Das eigene Sterben wird zunehmend als Projekt verstanden, als organisierbare Komponente des Lebens, wie der Theologe Reimer Gronemeyer festhält (vgl. 2007, 51?f.). Und nein, damit ist nicht die minuziös vorgeplante Trauerfeier gemeint, nicht die Organisation des Begräbnisses und auch nicht die Regelung von Erbe und Nachlassenschaft. Das alles gehört dazu, gemeint ist aber etwas anderes: Die konkrete Planung des eigenen Todes.

Um diesen Gedanken nachzuvollziehen und überhaupt dieses Phänomen greifbar machen zu können, braucht es einen bereits in der Einleitung angedeuteten Blick in allgemeinere Kulturtheorien. Sterben und Tod sind nämlich, möglicherweise mehr als alles andere, verbunden mit der allgemeinen und spezifischen Kulturentwicklung. Unter anderem bei dem Sozialphilosophen Zygmunt Bauman werden Kulturen, gleich welcher konkreten Ausprägung, als Reaktionen auf den Tod und das Wissen um ihn gedeutet. Gemeint sind all die Dinge, die der Begriff »Kultur« umfasst: Religionen, Institutionen, Normen und Werte, Gebäude, Kunstwerke und so weiter.

Kasten 1:
Kultur

Wortgeschichtlich (etymologisch) ist das deutsche Wort »Kultur« entstanden aus dem lateinischen »cultura«. Dieses beschreibt den »Ackerbau«, also einen Bereich menschlichen Lebens, der in Auseinandersetzung mit der Natur vom Menschen gestaltet und erschaffen ist. Zwar werden »Natur« und »Kultur« häufig als Gegensatzpaar verstanden. Gleichzeitig ist »die Kultur«, die es so übrigens auch nicht gibt, abhängig von den natürlichen Voraussetzungen. Dies zeigt sich beispielsweise in Kleidungsstilen oder Essgewohnheiten in bestimmten Gegenden der Welt. Auch die menschliche Praxis des Begräbnisses ist als »Kultur« zu verstehen, sie ist in allen menschlichen Kulturen und Gesellschaften zu finden. Wie begraben wird, ist allerdings häufig ebenfalls abhängig von klimatischen Bedingungen, der Natur im weiteren Sinne.

1.1.1 Eine Skizze zur Beziehung von Kultur und Tod


Der Mensch weiß nicht nur. Er weiß auch, dass er weiß, und er kann sein Wissen nicht rückgängig machen. Die Kultur ist, Bauman folgend, der Versuch des Menschen, des Wissens um die eigene Sterblichkeit habhaft zu werden, ihm etwas entgegenzustellen und, wie man aus Erziehungs- und Bildungstheorie weiß, das Wissen zu tradieren, wenn der Einzelne schon sterben muss (Bauman 1994). Kultur bedeutet in dem Fall Transzendenz, das Überschreiten des bereits vorgegebenen. Die Kultur ist sehr viel schneller wandelbar als die Natur. In Bezug auf das Sterben sind Kulturen ein Versuch des Menschen, dem Tod seine ausschließlich biologische Seite zu nehmen: Durch Kultur ist der Tod nicht mehr nur das Ende des Essens, Verdauens und Zeugens. Bauman schreibt hierzu:

»[...] das Wichtigste und Wertvollste im Leben [...] braucht nicht mit unserem Stoffwechsel aufhören, nicht am Tag danach und niemals. Dem Wertvollsten Dauer zu verleihen, es nicht enden, nicht ›mit uns ins Grab sinken‹ zu lassen, ist jene Mission, die Kultur uns aufgetragen hat.« (Bauman 1994, 12?f.)

Dass der bzw. die Einzelne sterblich ist und darum weiß, liegt hierbei allen Kulturentwicklungen zugrunde. In den Totentanz-Darstellungen des christlichen Mittelalters wurde der Tod im Tanz mit den verschiedenen Ständen der Gesellschaft gezeigt in Erinnerung an die Sterblichkeit der höchsten, aber auch niedrigsten Mitglieder der Gesellschaft. Der Tod war der großer Vereiner, gottgewollt und nicht zu vermeiden.

Gleichzeitig schaffen die kulturellen Möglichkeiten überhaupt erst die Sinngebung des einzelnen Lebens und damit das Streben, es noch besser, reizvoller, angenehmer zu machen. Verschwinden diese Möglichkeiten – der Glaube an Sinn im weitesten Sinne –, entsteht die anomische Situation, die Émile Durkheim in seiner klassischen Studie »Der Selbstmord« (1973 [1897]) als einen Grund für suizidales Handeln ausmacht. Kurz gesprochen heißt es also, dass die kulturell verfügbaren Möglichkeiten Sinn bereitstellen und entziehen.

Als Beispiel noch einmal das christliche Mittelalter (es wird noch häufiger als Vergleich angeführt): Der Tod galt als allgegenwärtig. Permanent war man Todesgefahren ausgesetzt, etwa durch Kriege und Seuchen. Da das Leben hauptsächlich als Übergang ins Jenseits interpretiert wurde und man die Gefahr, das ewige Leben in der Hölle zu verbringen, für sehr real hielt, galt es, im Diesseits ein einwandfreies Leben zu führen. Vorbereitet zu sein war die Maxime.

Kasten 2:
Christliches Mittelalter

Das christliche Mittelalter ist keine feststehende Zeitspanne, die eindeutig zu datieren wäre. Es gibt zwar Gliederungen, die verschiedene Daten setzen, beispielsweise das frühe 4. Jahrhundert n.?Chr., in dem Konstantin der Große die Religionsfreiheit im Römischen Reich einführte und somit den Aufstieg des Christentums als Staatsreligion begünstigte, als Beginn des Mittelalters. Häufig wird das Ende des Mittelalters mit der Reformation Anfang bis Mitte des 16. Jahrhunderts datiert. Historiker:innen, die auch in diesem Buch häufiger zurate gezogen werden, argumentieren allerdings dafür, das Mittelalter nicht zu datieren, sondern es vielmehr im Denken, seinem Alltag und der Mentalität zu verstehen. So findet man es beispielsweise in der sehr umfangreichen, sehr lesenswerten »Geschichte des Todes« von Philippe Ariès (2009). Warum es als Referenzgröße für unser Thema gilt? Im christlichen Mittelalter war der Mensch, wie bereits angedeutet, viel alltäglicher vom Tod umgeben, als wir es heute sind, z.?B. weil viele Menschen sehr viel früher als heutzutage starben, weil Epidemien umgingen, weil Mütter die Geburt der Kinder nicht überlebten etc. Gleichzeitig waren Sinnstiftung und Interpretationen von Verhaltensweisen weniger medizinisch-therapeutisch-individualistisch als heute und vielmehr theologisch. Die Angst vor dem Fegefeuer und der Hölle war real. Der plötzliche Tod konnte dazu führen, dass man die Bußsakramente nicht abgelegt hatte und man somit ernsthaft Gefahr lief, die Ewigkeit in Höllenqualen zu verbringen. Was uns heute möglicherweise in seiner Naivität amüsant erscheint, ist unbedingt ernst zu nehmen und...


Dr. Tim Krüger ist Professor für Soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule Hamburg. Seine Arbeitsschwerpunkte sind theoretische und historische Grundlagen Sozialer Arbeit, erziehungswissenschaftliche Theorien und Methoden, sozialpädagogische Kasuistik und Soziale Arbeit im Kontext von Verlust und Trauer.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.