E-Book, Deutsch, 280 Seiten
Krumm Morgoth Uncursed
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-944180-62-5
Verlag: Edition Roter Drache
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
The Morgoth Chronicles
E-Book, Deutsch, 280 Seiten
ISBN: 978-3-944180-62-5
Verlag: Edition Roter Drache
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
'Morgoth Uncursed' ist die von der Band erzählte und von Christian Krumm niedergeschriebene faszinierende Biographie der größten deutschen Death Metal Band. Neben vielen Anekdoten aus ihrem Privat- und Bandleben ist dieses Buch mit unzähligen Privatfotos und unveröffentlichten Material ausgestattet. 1987 als 'Ultra-Thrash'-Band gegründet, stiegen sie innerhalb kurzer Zeit zur erfolgreichsten deutschen Death Metal-Band auf, tourten mit Größen wie Autopsy, Pestilence, Obituary, Paradise Lost oder Kreator quer durch Europa und USA und waren der neue Stern am Death Metal-Himmel. Mit ihren Alben 'Odium' und 'Feel Sorry For The Fanatic' gingen sie musikalisch anspruchsvollere Wege, jedoch konnten viele Fans diese Entwicklung nicht nachvollziehen. Aufstieg, Fall, Wiederauferstehung - nun zum ersten Mal erzählt in der autorisierten Biografie.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 3
„From Dusk To Dawn“
Als die ersten Würstchen und Steaks auf dem Rost brutzeln, steht plötzlich eine hagere, hoch gewachsene Gestalt im Zimmer. Obwohl das kurze Haar schon leicht angegraut ist, wirkt er nicht alt. Der Mann ist Dirk Draeger, seines Zeichens Produzent aller Morgoth-Alben bis 1996 und Proberaumnachbar aus alten Tagen. Schon bei den ersten Sätzen bemerkt man den Papa-Faktor von Dirk im Verhältnis zur Band. Er hatte bereits ein paar Jahre als Profimusiker auf dem Buckel, als sie sich kennen lernten. Natürlich will ich erst einmal etwas über seine eigene musikalische Vorgeschichte wissen:
„1983 habe ich mit zwei Freunden die Band ‚Short Romans‘ gegründet. Wir bekamen einen Plattenvertrag bei einem Wave-Indi-Label namens JA! Music in Hagen. Das war ein kleines Label und wir haben nach einem Auftritt auf einem Festival ein 8-Spur-Demo aufgenommen, das als Platte rauskam. Davon haben sich vielleicht 1000 Stück verkauft, aber trotzdem waren wir auf einmal im Fernsehen: Formel 1, Musikkonvoi, WDR. Das war so 1984/85. Der WDR hat uns ziemlich gefördert. Wir liefen im normalen Radio, waren mit den Toten Hosen auf Tour, die damals sehr jung waren. Daraus entstanden viele Kontakte. Das Interesse großer Plattenfirmen war da und so sind wir schließlich zu Teldec gewechselt. Unser Album hieß ‚Short Romans‘ und war wesentlich kommerzieller. Aber wir haben uns ohnehin nie als harte Band verstanden, strebten eher nach Perfektion, obwohl wir auch auf vielen echten Pogo-Events gespielt haben. Bei Teldec konnte ich dann mit vielen renommierten Leuten zusammen arbeiten.“
Dirk erzählt dies ohne rührige Nostalgie. Das ist wirklich spannend, denn Bands wie seine gab es viele in den 80ern. Also lasse ich ihn gerne fortfahren:
„Wir waren in den Rüssl Studios in Hamburg von Otto Waalkes. Als junge Leute haben wir mit den älteren zusammengearbeitet. Damals hattest du als junge Band eigentlich immer einen Mentor, das ist heute verloren gegangen. Es waren Leute, die von sich erzählten, sie hätten noch mit den Beatles auf der Bühne gestanden, Leute, die schon mehrere Riesenerfolge miterlebt hatten und entsprechend abgebrüht waren. Wir waren noch recht unbedarft, wir waren die, die produziert wurden, aber dennoch hat man mitbekommen, wie es so läuft. Außerdem gab es, verglichen mit heute, ein Riesenbudget. Promo-Leute der Plattenfirmen wurden eingeflogen, das war kein Problem. Das waren die goldenen Zeiten, die CD kam gerade auf, und es wurde viel Geld verpulvert, das war unglaublich. Unser Album war nicht der Riesenerfolg, aber wir waren mit dabei.“
Seine erste Bekanntschaft mit Morgoth schildert er so:
Dirk: „Wir hatten im Westfleisch-Gebäude den besten Proberaum, den man sich vorstellen konnte, von einer Jazzband geerbt. Er gehörte der Stadt und da gab es auch immer mal Probleme. Man flog so im Schnitt einmal im Jahr raus, aber wir haben es dann doch geschafft, zehn Jahre dort zu bleiben. Daneben gab es so ein kleines Kabuff, in dem ab und zu mal Leute waren. Meistens stand es jedoch leer. Dann kamen die vier und nahmen es in Beschlag. Carsten und Rüdiger waren totale Metalfans. Sie lebten das alles, es war ihre Religion. Sie saßen auf dem Sofa, lasen Musikzeitschriften und hatten diesen Plan. Das hat mich von Anfang an fasziniert. Diese Band existierte eigentlich nur im Kopf. Sie hatten noch kein vollständiges Equipment, konnten noch nicht richtig spielen, aber sie wussten schon genau, was sie machen wollten.“
An den Tag, als sie mit ihrem neuen Equipment vorfuhren, erinnert er sich besonders:
Dirk: „So etwas hatte ich noch nicht gesehen. Als Musiker kannte ich es so, dass man sich jedes Teil einzeln vom Teller abspart. Aber die haben das ganze Geld auf einmal organisiert und waren plötzlich fetter ausgerüstet als wir. Da, wo die meisten Musiker schwächeln, in der Organisation, war besonders Carsten ziemlich gut. Er war schon damals ein Typ, der unheimlich viel auf die Beine stellen konnte. Wir haben oft zusammen gesessen. Wir waren eben die großen, die auf Tour gingen. Sie haben uns viel gefragt, wie man dieses und jenes macht. Wir haben ihnen viele Tipps gegeben. Wir haben uns angefreundet, viele Parties gemacht bei denen und bei uns und wurden so eine Gang im Laufe der Zeit.“
Carsten: „Short Romans waren musikalisch um Längen besser als wir, aber davon haben wir eben auch viel gelernt.“
Es gab nicht den einen Tag, an dem es hieß: „Hey, ich bin ab heute Eurer Produzent.“ Vielmehr merkten Morgoth früh, dass sie einen Nachbarn hatten, der ihnen von der Profimusik gewissermaßen aus dem Auge des Sturms berichten konnte. Im täglichen Umgang war es dann irgendwann nur noch Formsache, als sie Dirk fragten, ob er sie bei der Produktion des ersten Demos unterstützen würde. So bekamen sie ihren Stammproduzenten, der seine Erfahrungen gerne an sie weitergab:
Dirk: „Jeder Produzent muss eine Mischung aus fünf Aspekten haben: Geschäftsmann, Techniker, Lehrer, Musiker und Kumpel. Aber die sind unterschiedlich verteilt, deswegen wählt man ja auch unterschiedliche aus. Ich habe schon mal einen etwas pädagogischen Ansatz, ich gebe gerne etwas weiter an die Bands.“
Das erste Demo ‚Pits Of Utumno‘ ist kürzlich neu aufgelegt worden und präsentiert Morgoth noch als reine Proberaum-Band, die ihren Idolen nacheifern. Die Bezeichnung ‚Ultra Thrash‘, die sie am Anfang noch für ihre Musik gewählt haben hört man deutlich heraus.
Carsten: „‚Pleasure To Kill‘ hatte definitiv einen großen Einfluss am Anfang, was man auch auf dem Demo hört. Danach war es dann nicht mehr so.“
Dirk Draeger half ihnen bei der Aufnahme der ersten musikalischen Gehversuche. Im Unterschied zur Band selbst, die sich als eher durchschnittlich talentiert beschreibt, hebt er die Qualitäten der damaligen Teenager hervor.
Dirk: „Sie hatten sich schon einige Songs ausgedacht, Carsten und Rüdiger vor allem. Harry schleppte permanent Sachen an, aber auch Carsten hat absolute Killerriffs geschrieben. Rüdiger hatte die Lieder im Kopf. Er ist ein super Drum-Komponist, war aber technisch noch nicht soweit. Ich finde seine Kompositionen bis heute irre. Er hatte ein sehr hohes Niveau, was die Ideen anging, aber sie waren fast unspielbar, das war für ihn die Herausforderung. Ich kenne kaum einen Drummer, der so kompositorisch veranlagt ist wie Rüdiger. Dann saßen sie gemeinsam vor dem Gettoblaster und hörten sich Metallica und Death und andere an. In dieser Phase kann man eigentlich sagen, dass man alle drei Monate eine neue Band gehabt hat, weil sie sich so schnell entwickelt haben.“
Eventuelle Gemeinsamkeiten im Musikgeschmack sind zunächst in der Tat kein Grund zum Brüderschaft trinken zwischen den Short Romans und Morgoth. Aber die Zielstrebigkeit dieser angeblichen Krawallmacher ist durchaus etwas, das Dirk schon zu Beginn beeindruckt. Immerhin haben sie es überhaupt geschafft, diesen Proberaum zu bekommen. Sie treffen sich täglich während der Proben, machen Party zusammen und tauschen sich aus. Die vier Jugendlichen wissen, dass Dirk bereits einige Erfahrungen im Musikgeschäft hat und so erzählen sie ihm von ihren Visionen, spielen ihm Musik vor und zeigen ihm in Metalzeitschriften, wie so etwas auszusehen hat.
Einige Tage später sind die Spuren für sechs Songs im Kasten: ‚From Dusk To Dawn‘, ‚Being Boiled‘, ‚Eternal Sanctity‘, ‚Pits Of Utumno‘, ‚The Beyond‘ und ‚Dance Their Dance‘. Während Dirk die Regler des Mischpults bedient, verfestigen sich zwei Eindrücke, die er bereits früh von der Band hatte: Zum einen werden sie in der Tat Woche für Woche besser an ihren Instrumenten und darüber hinaus verstehen sie es, ihre Songideen zu arrangieren. Die Musik ist im wahren Wortsinne noch ‚Ultra-Thrash‘, aber zwischen dem unvermeidlichen Geknüppel gibt es durchaus gedrosselte Passagen, die das Material dynamisieren. Marc ist, wohl in Erinnerung an seine ‚Flag Of Hate‘-Performance, in stimmlicher Hinsicht Mille noch sehr nahe. Die tieferen Gefilde hat er noch nicht entdeckt.
Das Album, das Marc sich an diesem Tag kauft, heißt ‚History Of Hate‘ und ist das Debüt der Dortmunder Band Despair. Was ihm wenig später um die Ohren fliegt, ist die erste kreative Explosion des Gitarristen und Songschreibers Waldemar Sorychta, der später noch reichlich Furore mit seiner Band Grip Inc. und besonders seinen Produktionen machen sollte. Progressiv veredelter Thrash-Metal könnte eine Bezeichnung dafür sein, nicht so hart wie Morgoth, aber inspirierend und voller kompositorischer Finessen technisch extrem versierter Musiker wie Sorychta, Gitarrist Marek Grzeszek oder Schlagzeuger Markus Freiwald. Aufgenommen im Berliner Music Lab von einem der Metal-Produzenten der Zeit, Harris Johns, der schon für Helloween, Sodom, Kreator, Voivod und weiß Gott noch welche Bands hinter den Reglern gesessen hat und der sogar mit Death auf Europa-Tour war. Und dann auch noch ein eigenes Label. Despair haben alles, was ambitionierten jugendlichen Musikern einen Riesenklos in den Hals treiben kann.




