E-Book, Deutsch, 188 Seiten
Krumschmidt Fantasy & Horror
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7519-4878-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anthologie
E-Book, Deutsch, 188 Seiten
ISBN: 978-3-7519-4878-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nina Krumschmidt verfasst Kurzgeschichten im Bereich Fantasy / Dark Fantasy und Humor. Derzeit arbeitet sie an ihrem ersten Buchprojekt, der Fantasy-Triolgie Solombra.
Autoren/Hrsg.
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Der Dunkelelf
Die junge Lichtelfe Lori macht bei einem ihrer Streifzüge durch den Wald die Bekanntschaft mit einen fremden Jungen.
Dieser entpuppt sich kurz darauf als Dunkelelf und entführt Lori in sein unterirdisches Reich, dessen Zentrum eine uralte, magische Eiche ist und ihr beinahe zum Verhängnis wird...
Lori ist eine Lichtelfe. Ein kleines, zartes Wesen der Anderswelt. Sie lebt mit ihrem Volk mitten im Wald in der Nähe eines Baches.
Ihr Heimatwald ist naturbelassen und lichtdurchflutet. Die mächtigen Baumkronen der knorrigen Baumriesen sind ihr zu Hause.
Ihre Freizeit verbringt Lori meist im Wald und zieht umher. Sie genießt das Allein sein in der Natur.
Auch heute unternimmt sie wieder einen ihrer Streifzüge – in ihrer menschlichen Gestalt versteht sich, um unentdeckt zu bleiben.
Sie durchquert den Bach, hüpft über die kleine Lichtung, auf welcher der Lerchensporn blüht und läuft weiter durch den sommerlichen Wald. Ihren Wald. Barfuß. Federleicht. Immer tiefer hinein. Der Wald mit all seinen Geräuschen und Gerüchen ist ihr zutiefst vertraut...
„Hallo!“ Lori blieb abrupt stehen. Hatte da gerade jemand gerufen?
„Hallo, ist da jemand? Irgendjemand?“
Da, schon wieder. Wer rief da? „Ruf weiter, ich höre dich!“ rief Lori zurück.
Ein Schluchzen. „Gott sei Dank! Ich bin hier drüben.“ Die fremde Stimme klang erleichtert.
Lori lief weiter. Irgendjemand war in Not und brauchte Hilfe.
Eine Felsformation tauchte plötzlich unmittelbar vor Lori auf.
Vor einem schmalen Felsspalt saß ein Junge. Ein Mensch. Er schien ungefähr in ihrem Alter zu sein. Das Gesicht des Jungen Gesicht war von Tränen überströmt.
„Was machst du hier allein im Wald? Was ist passiert?“ Behutsam versuchte Lori etwas aus dem offensichtlich aufgelösten Jungen heraus zu bekommen.
Der Junge hörte allmählich auf zu schluchzen. „Mir ist beim Klettern die Kette in den Felsspalt gefallen. Ich komme einfach nicht an sie heran. Kannst du mir vielleicht helfen?“ Hoffnungsvoll sah er sie an.
Lori schaute in den dunklen Felsspalt. Die Kette des Jungen konnte sie gerade so erkennen.
Der Felsspalt war schmal und führte nach unten. Sie hatte keine Wahl. Sie würde sich in ihre Elfen-Gestalt verwandeln müssen, um den Jungen zu helfen.
„In Ordnung, ich werde dir helfen. Du musst dich aber umdrehen und die Augen schließen. Ich sage dir, wenn du wieder schauen darfst.“
„Klar!“ Der Junge drehte sich um und schloss die Augen.
Lori zählte innerlich bis drei. Der Junge durfte ihre Verwandlung nicht sehen. Auf gar keinen Fall. Das war ihrem Volk verboten. Die Menschen durften von ihrer Existenz nicht das Geringste erfahren.
Als sie sich verwandelt hatte flog Lori mit ihren schmetterlings-ähnlichen Flügeln durch den Felsspalt, um die verloren-gegangene Kette des Jungen zu holen.
Suchend flog sie umher. Dicht über dem Boden entlang.
In ihrer jetzigen, elfenhaften Größe wirkten der Felsspalt und seine steil aufragenden Wände viel bedrohlicher. Wo war bloß die Kette?
„Suchst du das hier?“
Vor ihr stand der Junge, ebenfalls geschrumpft und hielt grinsend die Kette in der Hand. Der Junge war ebenfalls ein Elf. Genau wie sie. Seine Flügel ähnelten jedoch eher denen einer Motte, als denen eines Schmetterlings.
„Sehr komisch!“ Verärgert drehte Lori sich um. Nichts wie raus aus der Felsspalte! Der Junge lachte.
Die Felsöffnung war verschwunden. Fassungslos starrte Lori auf die Stelle, wo gerade eben noch die Öffnung gewesen war. Nichts als kalter blanker Stein.
„Was hast du gemacht!?“ Lori wurde panisch.
„Nichts habe ich gemacht. Hier gibt es keinen Ausgang, es sei denn, du gehörst meinem Volk an und dienst der Eiche.“
„Deinem Volk?“ Lori war verwirrt.
„Ja, das Volk der Dunkelelfen. Ich bringe dich zu ihnen.“
Der Junge hängte sich die Kette um den Hals. Lori erkannte, dass der kunstvoll verzierte Anhänger einen Baum symbolisierte. Eine Eiche.
„Komm!“ Der Junge deutete ihr mit einer Geste an, ihm zu folgen.
Der Felsspalt führte sie nach unten. Weiter unter die Erde. An den steinernen Wänden flackerten Fackeln, die unheimliche Schatten warfen. Der Gang weitete sich und sie gelangten in eine kathedralen-gleiche Höhle. Sie war riesig. Ein geheimnisvolles unterirdisches Reich. Staunend blieb Lori stehen.
An den Wänden der riesigen Haupthöhle waren ringsherum überall kleine Höhlen aus dem Fels gehauen worden. Wohnhöhlen. Die Oberen waren durch Strickleitern erreichbar. Auch einfache Lastenaufzüge gab es.
Das merkwürdigste an der Höhle war jedoch der Baum.
Inmitten der Höhle stand eine alte, knorrige Eiche. Sie musste das Zentrum des unterirdischen Lebens sein. Ihre Blätter wirkten auf wundersamer Weise frischer und grüner, als die Blätter der oberirdischen Bäume. Sie schienen regelrecht aus sich heraus zu leuchten.
„Willkommen im Reich der Dunkelelfen! Du gehörst nun zu uns!“ Irritiert schaute Lori zu ihrem Begleiter. Was hieß das nun schon wieder?
„Danke, aber ich muss nun zurück nach Hause.“
„Nein, du verstehst nicht. Du kannst nicht zurück. Das hier ist nun dein zu Hause, deine Familie.“ Die Stimme des Jungen klang leicht bedrohlich.
Angst stieg in Lori empor und lähmte sie, als sie die offensichtliche Wahrheit erkannte: Der Junge hatte sie absichtlich in den Felsspalt gelockt und sie hier herunter geführt. Sie war eine Gefangene. Eine Gefangene der Dunkelelfen.
Ihre Knie gaben zitternd nach.
Als Lori aus ihrer Ohnmacht erwachte, fand sie sich in eine der vielen kleinen Wohnhöhlen wieder. Sie war allein.
Langsam und mit einem beklemmenden Gefühl kroch sie zum Höhleneingang.
Vorsichtig schaute Lori aus dem Höhleneingang. Man hatte sie in einer der oberen Wohnhöhlen gebracht.
Von hier oben hatte sie einen guten Überblick über die gesamte Haupthöhle. Nichts zu sehen. Alles schien verlassen.
Ihr umherschweifender Blick fiel auf die Eiche in der Höhlenmitte. Auf irgendeine Weise wurde sie wie magisch von dem Baum angezogen. Ihr Ziel stand fest.
Lori verließ die Wohnhöhle langsam über die Strickleiter. Sie zitterte am ganzen Körper. Krampfhaft schlossen sich ihre Finger um das Seil der Leiter.
Ihre Flügel benutzte sie nicht. Zu auffällig. Die Dunkelelfen schienen ihre Flügel hier unten nicht häufig zu benutzten. Vielleicht sahen sie deshalb so mottenähnlich und eingestaubt aus. Egal. Sie musste hier raus und zurück an die Oberfläche. Nur das zählte.
Lori schlich zu Fuß zu der knorrigen Eiche, mitten ins Zentrum der Höhle. Niemand durfte sie bemerken. Binnen weniger Minuten hatte sie ihr Ziel bereits erreicht. Der Stamm des Baumes war hohl. Sehr gut! Hier konnte sie sich vorerst verstecken.
Unter dem hohlen Stamm begann ein schmaler Gang, der steil in die Tiefe führte. Vielleicht gelangte sie ja so nach draußen? Lori huschte flink in den hohlen Baumstamm und verschwand in die Tiefe. Im Gang war es stockdunkel.
„Corpus lumen!“ Der Lichtzauber brachte Loris Elfen-Gestalt zum Leuchten und erhellte die unterirdische Dunkelheit. Hastig schaute sich in dem unterirdischen Gang um.
Überall ragten die Wurzeln der Eiche aus dem Erdreich. Je tiefer sie kam, desto dichter wurde das Gewirr aus Wurzeln.
Der schmale Gang weite sich in einen runden, unterirdischen Raum. Im Boden war ein flaches Rundbecken aus dunklem Granit eingelassen. Eine hell leuchtende Flüssigkeit befand sich darin. Was war das für eine Flüssigkeit? Woraus bestand sie?
Gebannt starrte Lori auf das Leuchten im Rundbecken.
Die Wurzeln der Eiche hingen in langen, verzweigten Fäden von der Decke hinunter und nahmen die Flüssigkeit aus dem Becken auf.
Plötzlich vernahm Lori ein Geräusch. Ein saugendes, schlürfendes Geräusch. Verursacht von den Wurzeln. Sie schüttelte sich.
„Ah, wusste ich doch, dass ich dich hier unten finde!“
Erschrocken drehte sich Lori um. Hinter ihr stand der Junge.
„Was ist das hier alles?“ Sie deutete auf das Becken und die Wurzeln.
„Das ist das Nährbecken mit der Nährlösung, aus der die Eiche ihre Energie erhält.“
„Woraus besteht die Nährlösung?“ Loris Stimme zitterte.
„Wasser und Lichtenergie. Lichtenergie der Lichtelfen.“ Der Junge lachte boshaft.
Lori verfiel in Schockstarre. Sie kannte nun den Grund für ihre Entführung. Ihre Lichtenergie sollte die Eiche nähren. Doch ohne Lichtenergie wäre
sie keine Lichtelfe mehr – sie wäre eine Dunkelelfe!
„Ich sagte doch, dass du von nun an zu uns gehörst!
Der Junge hatte ihre Gedanken wohl aus ihrem Gesicht ablesen können. Die Angst stand ihr ins Gesicht geschrieben.
„Du und die Eiche werdet auf ewig verbunden sein. Du wirst deine Energie fortan von ihr erhalten und so deine Zauberkraft behalten – solange du in ihrer Nähe bleibst. Stirbt die Eiche, stirbst auch du.“
Loris Starre löste sich und ließ die zurückgehaltene Ohnmacht gewähren.
…
„Lori, aufwachen!“
Jemand schüttelte ihren Arm. Langsam schlug sie die Auge auf. Vor ihr stand ihr Bruder und grinste. Sie war bei ihrem Streifzug durch den Wald auf dem Rückweg scheinbar auf der Lichtung eingeschlafen. Mal wieder.
Sie war im Wald und in Sicherheit. Nicht in einer...




