E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Reihe: CE Community Editions
Krupp Absacker
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-96096-068-3
Verlag: CE Community Editions
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Reihe: CE Community Editions
ISBN: 978-3-96096-068-3
Verlag: CE Community Editions
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ende Zwanzig. Das unnütze »Was mit Medien«-Studium nach Überlänge gerade so abgeschlossen.
Und jetzt? Einen vernünftigen Job finden. Kann ja eigentlich nicht so schwer sein.
Doch. Kann es.
Also einfach mal bei diesen Typen aus dem Internet bewerben. Wird eh nichts.
Doch. Wird es.
Auf nach Hamburg. Nacht-und-Nebel-Aktion.
Können ja auch alle Leute um einen herum verstehen, dass man sich für einen Hungerlohn versklaven lässt.
Nein. Können sie nicht.
Egal. Großstadt, Abenteuer, den Fuß in die Tür und dann mal gucken. Das wird schon werden.
Nein. Wird es nicht.
Und jetzt stehe ich hier, auf einem Parkplatz irgendwo im nirgendwo, ne Waffe im Handschuhfach, die Karre bis unters Dach gepackt mit irgendwelchen illegalen Substanzen.
Es hätte ganz einfach werden sollen.
Easy.
Aber die ganze Scheiße kam völlig anders.
Die schöne neue Welt der Web-Video-Branche bietet viele Verlockungen. Geld, Ruhm, Fans, hier und da ein wenig Schneegestöber. Aber was, wenn das Ganze aus dem Ruder läuft? »Absacker« von Gunnar Krupp schildert mit drastischer Ehrlichkeit und trockenem Humor den Abstieg eines jungen Mannes innerhalb einer Branche, in der Klicks wichtiger sind als die Menschenwürde.
Gunnar Krupp ist 1986 geboren, lebt in Hamburg und gehört zum Urgestein rund um die Rocket Beans, einer seit über 10 Jahren erfolgreiche Gruppe videospielebegeisterter Nerds, die Gaming in Deutschland erst so richtig salonfähig gemacht haben. Er war dort als Aufnahmeleiter, Redakteur und Webshow-Host tätig. Seit Ende 2017 arbeitet er an dem investigativen Journalismusformat STRG_F beim NDR für funk, dem jungen Angebot der Öffentlich-Rechtlichen.
Autoren/Hrsg.
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NOCH 5 TAGE
»Das hat doch alles keine Zukunft«
»Melden wir uns werden.«
Delta streift die grüne Plastik-Yoda-Maske, die er die ganze letzte Stunde über getragen hat, von seinem Gesicht. Die Luft ist stickig-pumakäfigig, er verschwitzt. Dicke Tropfen laufen an seiner Wange herunter und fallen von seinem Kinn auf einen Stapel chaotisch herumliegender Zettel mit Kritzeleien auf dem Schreibtisch. Daneben stehen ein Laptop und ein Bilderrahmen mit dem Foto eines finster dreinblickenden Typen mit eingefallenem Gesicht. Gefährlich sieht er aus.
Delta wischt sich durch die ölig angeklatschten dunkelbraunen Haare, wodurch er mich an eine junge Version von Joachim Löw beim Unentschieden der WM 2014 gegen die USA erinnert. Das Regenspiel, in dem der als schwul geltende Trainer über Nacht zum Sexsymbol wurde.
Wir sitzen in einem Raum, der dringend mal wieder geputzt werden müsste. Für die drei zu einem T aufgestellten Schreibtische und die überall herumstehenden, aufgetürmten Kartons ist er viel zu klein. Ich hätte nie gedacht, dass die beiden Erfolgsmoderatoren tatsächlich selbst beim Bewerbungsgespräch dabei sein würden und es tatsächlich sogar in ihrem eigenen Büro stattfindet. Delta links, Matte rechts und vor mir der glatzköpfige Produktionsleiter Flo. Ich am Kopfende, die Tür im Rücken. Auf einer Seite des mit merkwürdig wirren Filmpostern tapezierten Zimmers ist eine große Fensterfront, deren letzte Reinigung wahrscheinlich noch vor der Wende stattgefunden hat. Auf der einzigen Glühbirne, die an einem dilettantisch mit Tesafilm zusammengehaltenen Kabel von der Decke hängt, liegt eine enorme Staubschicht.
Delta hält die Maske hoch. »Mach mal eben ein Foto für Instagram«, bittet er Matte. »Aber eins mit nem geilen Filter.«
Er greift nach der Packung Zigarettenfilter neben seiner Tastatur und ich verstehe, dass ich soeben Zeuge eines seiner typischen Wortwitze wurde, die Delta bei jeder Gelegenheit raushaut. Anscheinend muss dafür nicht mal eine Kamera laufen. Aber für diesen hätte es sich auch nicht gelohnt.
Sein langjähriger Freund Matte holt ein iPhone aus der Hosentasche. Er trägt ein neues Truckercap. Habe es zumindest noch nie bei ihm gesehen. Hundert verschiedenfarbige muss er im Schrank haben, wenn nicht sogar mehr. Er gähnt so stark, dass ich drei Amalgamfüllungen erkennen kann. Er kratzt sich am Dreitagebart, hält das Handy gelangweilt in Richtung seines Kollegen. Der Auslöser klickt und Matte nickt.
Delta lässt die Filter fallen. »Ist gut geworden? Zeig mal!«
Während er das von sich geschossene Foto begutachtet, öffnet er mit der rechten Hand die oberste Schublade des grauen Metallrollcontainers, der unter dem Tisch zerbeult auf den Ruhestand wartet. Er holt ein cremefarbenes Handtuch hervor, wischt sich über die Haare, dann durchs Gesicht. Anschließend greift er nach einer kleinen Flasche Desinfektionsmittel, drückt sie über der Handfläche aus und stellt sicher, dass alles zu hundert Prozent keimfrei ist. Anscheinend ist es nicht gespielt. Er hat tatsächlich einen Hygienefimmel, wie man in so vielen Videos schon gesehen hat. Bleibt für mich nur die Frage, wie er es damit in diesem Chaos aus Kartons, Krempel und Müll aushält, ohne völlig auszurasten.
»Können wir vielleicht erst das Gespräch beenden, bevor wir hier dumme Postings machen?« Flo reibt sich über die Glatze und rückt seine Brille zurecht, wird aber von Delta ignoriert.
»Okay, das ist richtig, richtig geil. Schick mir mal, ich hab heute noch kaum was gepostet. Das gibt mindestens elftausend Likes.«
Matte nickt wieder, wirkt abwesend. Sie sind das perfekte Duo: Delta, der exzentrische Social-Media-Experte, und Matte dagegen als Ruhepol, dem der ganze Ruhm und die Fans unwichtig zu sein scheinen. Aber was weiß ich schon? Da trügt manchmal der Schein. Bis vor Kurzem dachte ich auch, dass mein liebster Talkshowhost unglaublich nett sein muss. Als ich ihn aber vor zwei Monaten am Bahnhof Schmalstedt traf, ein Selfie mit ihm wollte und er mich selbst dann noch ignorierte, als ich vorsichtig an seiner braunen Lederjacke zupfte, wusste ich es besser. Er hat gesagt, ich solle mich verpissen, und ich bin gegangen.
Das hier ist das verwirrendste Vorstellungsgespräch meines Lebens. Das erste zwar, aber ich glaube, dass es in anderen Unternehmen weitaus weniger skurril abläuft. Keine der Fragen, die in dem YouTube-Video »So bereitest du dich auf ein Bewerbungsgespräch vor! Die Top 10 der besten Tipps« vorkamen, haben sie mir gestellt. Gar keine. Vielmehr war es eine Unterhaltung zwischen Flo und Delta in seiner Yoda-Maske, bei der sie ihre Stimmen und Launen im Minutentakt änderten. Ich kam mir währenddessen vor wie in einem Loriot-Sketch, nur schlecht geschrieben, habe gelächelt und abwechselnd in verschiedene Richtungen genickt. Ob das reicht? Keine Ahnung.
Matte, der die ganze Zeit über still auf seinem Stuhl gesessen und auf seinem Laptop gefühlte hundert E-Mails getippt hat, schaut mich jetzt mit großen Augen an. Das macht mich scheiße nervös. »Ja. Das war’s. Du kannst eigentlich gehen. Rechts den Gang runter. Erste Tür links ist die Toilette. Da kannst du sonst noch die Farbe abwaschen.«
Ach ja, die Farbe. Die hatte ich beinahe vergessen. Frage mich nun wieder, warum ich vor dem Gespräch von Flo darum gebeten worden war, sie im Flur auf mein Gesicht zu schmieren. Vielleicht wollten sie damit testen, ob ich für diese Stelle wirklich bereit bin, alles zu geben?
Ich stehe auf und drücke die Türklinke nach unten. Durchatmen.
»Aber nimm das rechte Waschbecken. Das linke ist noch von der letzten Folge präpariert.«
Matte grinst und Delta wirft einen kleinen roten Ball an die gegenüberliegende Wand, die zwischen den Postern so mit Abdrücken übersät ist, dass man kaum eine Stelle findet, die er noch nicht getroffen hat. Er fängt den Ball auf und schmeißt erneut.
»Okay«, sage ich nickend und spüre bereits die frische Luft des Flurs durch meinen Pullover.
Dann ertönt hinter mir ein lautes Klatschen. »Hast du gerade ›Heil Hitler‹ gesagt?«
Ich reiße die Augen auf, drehe mich erschrocken um. »Was? Nein!« Schlucke. »Ich hab ›okay‹ gesagt.«
Delta fängt sein Spielgerät und grinst. Auch Matte sieht so aus, als müsser er sich ein Lachen verkneifen.
Flo schaut grimmig. Das steht ihm. »Gut«, knurrt er. »Alles klar. So was wollen wir hier nämlich nicht hören.«
Ich nicke, trete zurück auf den Gang und drücke die Tür vorsichtig lautlos ins Schloss.
»Ich weiß nicht, ob wir das mit ihm machen sollten.«
Obwohl Matte den Satz nur raunt, höre ich ihn durch die Wand. Ein Schlag in die Magengrube. Ich habe einfach zu wenig gesagt, zu wenig überzeugen können und wahrscheinlich auch zu wenige Qualifikationen. Gar keine nämlich.
Mit hängendem Kopf schlurfe ich den Gang hinunter. Die Toilette liegt direkt neben der kleinen Küchennische. Ich weiß das, da ich beides aus zahlreichen Videos im Internet kenne. Ich bin Fan, was den gesamten Tag nicht minder aufregend gemacht hat. Es ist immer noch aufregend. Sehr sogar. Am liebsten würde ich den kompletten Handyspeicher mit Fotos der unzähligen Sehenswürdigkeiten füllen, die allein auf dem Weg zum WC zu bewundern sind. Es ist ja auch so, dass mein erster womöglich auch mein letzter Besuch sein wird.
Ich trete versehentlich gegen einen metallenen Hundenapf. Scheppernd verteilt sich das Wasser auf dem gefliesten Boden. Wer stellt denn so was auch in die Toilette? Im Spiegel stelle ich fest, dass die blaue Farbe ihren Weg vom Hals hinunter auf meinen Lieblingspullover gefunden hat. Der Kragen erinnert an die hässlichen indonesischen Batiktücher, von denen im Kleiderschrank meiner Mutter Hunderte verstauben und nur zur jährlichen Waschung im Mai das Tageslicht erblicken. Jetzt denke ich wieder an sie und wie sie mir das alles hat ausreden wollen, wobei sie folgende Worte benutzte: »Blödsinn«, »Unfug«, »Mach lieber was Vernünftiges«, »Das hat doch keine Zukunft« und »Oh nein. Oh nein. Oh nein.« In dieser Reihenfolge. Das dritte »Oh nein« zog sie derart in die Länge, dass ich währenddessen locker dreißig Liegestütze geschafft hätte. Und die schaffe ich schon lange nicht mehr an einem Stück. Sagt auch der Blick in den Spiegel über dem rechten Waschbecken. Dazu ein blaues, emotionsloses Gesicht, das – wenn ich ehrlich bin – außer blau zu sein nicht wirklich viel zu bieten hat. Der Lebenslauf: lückenhaft. Vorkenntnisse: keine. Und wahrscheinlich haben sie auch gemerkt, wie sehr ich ihre Arbeit und ihre Charaktere bewundere.
Durch Drehen an beiden Wasserhähnen versuche ich, eine der Situation entsprechende, angenehme Temperatur zu finden. Nicht zu kalt, aber kalt genug, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Unterhalb des linken Beckens führt ein Gartenschlauch an meinen Füßen vorbei hoch zu einem kleinen Lukenfenster nach draußen. Präpariert also. Video noch nicht online. Wahrscheinlich hat das Loch in der Tür der linken Toilettenkabine, das wie eingetreten aussieht,...




