E-Book, Deutsch, 284 Seiten
Krutmann Everyday Magic
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7517-1508-9
Verlag: Lübbe Life
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Handbuch für alltagstaugliche und empowernde Spiritualität
E-Book, Deutsch, 284 Seiten
ISBN: 978-3-7517-1508-9
Verlag: Lübbe Life
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ob Astro-App oder hippe Heilsteine, moderne Spiritualität gehört längst nicht mehr in die lila Wallekleider-Ecke. Bietet sie doch eine wunderbare Unterstützung für den Alltag und wichtige Lebensentscheidungen. Everyday Magic gibt die nötigen Skills und neu aufgelegte Rituale für mehr Empowerment und Intuition an die Hand. Gewusst wie mit Tarotkarten, ätherischen Ölen oder dem persönlichen Kraftort mehr Inspiration und Orientierung ins Leben bringen.
Hannah Krutmann, 1987 in Bielefeld geboren, studierte Design-Management und Modewissenschaft in Berlin und Stockholm. Die ausgebildete Reiki-Meisterin lebt in Berlin und schreibt als freie Autorin für verschiedene Online-Medien über Design, Frauengesundheit und moderne Spiritualität. Viele kennen sie von ihrem Blog als @hannah_lagom. Marie Krutmann, Jahrgang 1991, wuchs im magischen Bielefeld auf. Nach ihrem Studium der Skandinavistik, Germanistik und Angewandten Literaturwissenschaft in Göttingen und Berlin arbeitet Marie heute als freie Redakteurin und Lektorin. Im Internet kennt man sie als @krutfrau. Ihre Schwerpunktthemen sind Literatur und Feminismus. Gemeinsam geben die beiden Schwestern das Mindset-Magazin Almost heraus, und leiten eine gleichnamige Agentur für Storytelling.
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Vorwort
Als Hannah vor ein paar Jahren verkündete, sie würde an Silvester Orakelkarten legen, war Maries erster Gedanke: »Oh no, bitte nicht. Nicht du auch noch!« Menschen, die meinten, ihr Schicksal in den Sternen lesen zu können, schienen ihr mehr als naiv zu sein. Sie hatte sich ein Bild gemacht (oder vielmehr die Medien und Meinungen anderer hatten ihr ein Bild präsentiert), das sie nicht mit ihrer großen Schwester gleichsetzen wollte.
Genauso wenig wie Marie in jenem Moment hätte Hannah noch vor einigen Jahren vermutet, dass sie mal ein feministisches Buch über moderne Spiritualität schreiben würde. »Eso« war lange Zeit ein Schimpfwort, das sie für Menschen benutzte, die in ihren Augen zu wenig Biss hatten, um durch harte Arbeit und Disziplin ihre Ziele zu erreichen, und deshalb lieber an Hokuspokus und die Kraft der Engel glaubten.
Als sie im Jahr 2013 in der Hilma-af-Klint-Ausstellung im Moderna Museet von Stockholm stand, beschrieb sie ihre Erfahrung als »pastelligen Eso-Overkill«. Und auch wenn sie die Künstlerin und ihr Werk aus feministischer Perspektive heute mit anderen Augen sieht, kann sie Spiralen und anderen esoterischen Symbolen doch noch immer wenig abgewinnen.
Und das muss sie auch nicht. Zum einen ist Spiritualität nicht gleichbedeutend mit Esoterik,1 und zum anderen ist sie etwas sehr Persönliches und gleichzeitig Universelles. Sie hat viel damit zu tun, wie du selbst dich in Verbindung zu etwas Größerem fühlst. Du kannst es Liebe, Natur, Universum, Göttin, Gott, die große Pussy im Himmel, SHE Power, The Source, Divine Feminine oder sonst wie nennen. Das sind einige der Begriffe, die moderne spirituelle Autorinnen nutzen, doch keiner davon muss für dich passen. Anders als bei einer Religion geht es bei moderner (weiblicher) Spiritualität darum, was du empfindest und glaubst – und nicht darum, zu unterschreiben, dass du ein Komplettpaket aus Vater, Sohn und Heiligem Geist buchst, an ein Leben nach dem Tod glaubst oder Scham und Schuld als Teil deiner Glaubenssätze akzeptierst. Du selbst bestimmst die Regeln.
Als studierte Modewissenschaftlerin hüpfte Hannah jahrelang von einer Fashion Week zur anderen, tummelte sich auf Presseevents mit Mode- und Beautyredakteurinnen und wusste immer, welches Modejahrzent gerade Revival feierte. Die Modebranche war zu ihrer Enttäuschung darüber hinaus jedoch leider kaum anders, als Meryl Streep es im Film Der Teufel trägt Prada darstellt: Zeitdruck, Stress, Konkurrenzkampf, Body Shaming und Leistungsdruck, serviert mit Glamour, Alkohol und dem Ansporn: »Wenn du ihn nicht willst, so viele andere Frauen würden sterben, um deinen Job zu kriegen.« Chronische Bauchschmerzen, Allergien, Panikattacken und Menstruationsbeschwerden gehörten schon früh zu Hannahs Arbeitsalltag, doch anstatt sie als beunruhigend oder Warnzeichen zu sehen, empfand sie all diese Symptome als »etwas lästig«. Tatsächlich fühlte sie sich sogar umso stärker, wenn sie trotz der ganzen Beschwerden noch Überstunden machte oder die Party als Letzte verließ.
Über die Jahre besuchte sie immer mal wieder Ärzt*innen, die aber außer »Stress« nichts diagnostizieren konnten. Eine Heilpraktikerin hingegen, die ausgiebig Hannahs Zunge betrachtete und mit einem Pendel rumfuhrwerkte, verschaffte ihr mit ihren Teemischungen eine echte Linderung – was Hannah zwar irgendwie suspekt, aber auch ziemlich faszinierend fand.
Als sie schließlich drei Wochen Urlaub nahm, um eine Freundin auf Bali zu besuchen, traf sie hier erstmals auf Menschen, die ganz ähnliche Erfahrungen gemacht hatten. Nach ihrer ersten Stunde Hormonyoga nahm Hannah all ihren Mut zusammen und erzählte der Lehrerin von ihren Beschwerden. Diese lachte sie weder aus, noch sagte sie ihr, dass Schmerzen normal seien und sie die Zähne zusammenbeißen müsse. Im Gegenteil: Sie empfahl ihr Bücher feministischer, spiritueller Frauen, die ihre Erfahrungen festgehalten hatten, und zeigte ihr eine kreisende Übung, mit der sie ihren Beckenboden und die Organe im Bauchraum massieren konnte, um den Beschwerden entgegenzuwirken.
Durch diese Erfahrungen realisierte Hannah, dass der Hass auf ihren eigenen Körper ihr jahrelang im Weg gestanden hatte: Sie hatte sich durch Diäten gequält, um einem patriarchalischen Schönheitsideal zu entsprechen, und ihre zyklische Natur verflucht, weil sie ihr jegliche Energiereserven im stressigen Alltag stahl. Dass sie ein verschobenes Bild von Weiblichkeit haben könnte, war ihr nie in den Sinn gekommen. Ihr Leben drehte sich schließlich um Mode, Schönheit und Weiblichkeit, sie war umgeben von Frauen – wie konnte sie ihre Weiblichkeit da nicht ausleben?
Je mehr sie ins aktive Spüren kam, desto stärker wurde sie sich ihrer eigenen Präsenz und Wirkung bewusst. Sie begann, mehr und mehr die Verbindung zwischen ihrer physischen und mentalen Verfassung zu sehen, hinterfragte die leistungsorientierte, lineare Haltung, die ihr durch ihren Job und die Gesellschaft vorgeschrieben wurden. Und so war es letztlich die Spiritualität, die Hannahs Bewusstsein für gesellschaftliche Ungleichheiten und politische Machtstrukturen schärfte. Heute bezeichnet sie sich vor allem dank dieser spirituellen Erfahrung als überzeugte Feministin.
Bei Marie war es genau umgekehrt. In unserer Familie galt sie schon immer als »die Kritikerin«, die gern sehr direkt erklärt, welche Themen ihr Bauch- und Kopfschmerzen bereiten. If you’re not angry, you’re not paying attention oder Angry women will change the world sind Sinnsprüche, die Marie zusagen. Lange wusste sie jedoch nicht, wohin mit ihrer Wut. Als sie vierzehn war, schickte unsere Mutter sie zu einem Selbstverteidigungskurs für Mädchen. Dort lernte sie, ein Brett mit ihrer bloßen Hand (und Willenskraft) zu durchschmettern, nachdem sie und andere Mädchen Situationen nachgespielt hatten, in denen sie auf dem Schulweg, im Bus, beim Sportunterricht oder auf Familienfesten belästigt wurden. Jedes dieser Mädchen teilte dasselbe Gefühl wie Marie: innerlich zu explodieren, obwohl sie in der Realität meist nur still dastanden. Zu wissen, dass sie nicht allein war, half.
Später, als junge Erwachsene, wurde ihr klar, dass all die alltäglichen Situationen, die ihr Unbehagen bereiteten, mit einem größeren strukturellen Problem zusammenhingen. Was sie und viele weiblich gelesene Menschen erlebten, war Diskriminierung und sexistische Gewalt. Gemeinsam mit anderen begann sie, auf Demos laut zu werden, feministische Lesungen zu besuchen, sich zu informieren, Ungleichheiten zu benennen, zuzuhören und sich auf langen Spaziergängen oder Abenden in Bars mit ihren Freund*innen auszutauschen, um den Untergang des Patriarchats zu planen. Die Erkenntnis, dass es dazu auch Momente der Ruhe (ganz für sich), Selbstfürsorge und eine Portion Magie braucht, kam ihr erst im Austausch mit Hannah.
Glaubte sie, dass ein Stein über magische Fähigkeiten verfügt? Nein. Glaubte sie, dass wir uns bewusst Zeit schenken sollten, um unsere Energie auf die Dinge zu lenken, die wir verändern wollen? Ja. Glaubte sie, dass der Mond ein Verbündeter im Kampf gegen das von Männern für Männer gemachte System ist? Bislang nicht, aber interessant …! Glaubte sie, dass wir den weiblichen Zyklus mehr ins Bewusstsein rücken und uns nicht durch lineare Strukturen quälen sollten? Aber hallo! Heute sagt Marie, dass ihre neuen spirituellen Erfahrungen sie zu einer noch stärkeren Feministin gemacht haben, die sich auch mal verletzlich zeigen kann.
Unsere eigene Schaffenskraft hat viel mit unserem Selbstwert und dem Auflösen gelernter Konditionierungen zu tun. Und so können Selfcare-Übungen genau wie Begegnungen mit anderen, bei denen wir uns gesehen und verstanden fühlen, unsere Magie erwecken. Bei Hannah trugen Yogalehrer*innen, Astrolog*innen und Heilpraktiker*innen, Psychotherapeut*innen und die Geschichten weiblicher Archetypen in Sagen, Märchen und Filmen zu einem Bewusstseinswandel bei. Bei Marie waren es die Gespräche mit Hannah und die Arbeit an diesem Buch sowie Serien und Bücher, in denen sie die Hexe als feministisches Sinnbild für empowernde Magie entdeckte.
Gemeinsam haben wir festgestellt, dass jene aktive und empowernde Form von Magie, wie wir sie mittlerweile im Alltag leben und erkunden, wenig mit dem gemeinsam hat, was wir in anderen spirituellen Kreisen beobachten. Zwar finden immer mehr junge Frauen und Femmes2 ihren Weg zur Spiritualität, um sich aus zu starren Strukturen im Job oder einer Beziehung zu lösen (was super ist), doch anstatt sich aktiv zu befreien, geben sich einige von ihnen einer erneuten Abhängigkeit hin. Sie tauschen den Leistungsdruck und den Diätenwahn ein gegen den Druck, bestimmte Yogaposen perfekt zu beherrschen. Damit perfektionieren sie die Bewegungen einer fremden Kultur, die für männliche Körper konzipiert wurden. Sie befreien sich vielleicht aus einer monogamen Beziehung mit einem patriarchalen Arschloch, landen stattdessen jedoch in einer offenen Beziehung mit einem pseudo-erleuchteten Yogi, der zwar von Energien faselt, sich im Prinzip aber einfach nicht festlegen will. Statt Gucci preisen sie Osho, und statt für die neue It-Bag geben sie ihr ganzes Geld für überteuerte Markenyogahosen aus. Nicht jede Art der Spiritualität, die von modernen Frauen praktiziert wird, ist automatisch feministisch. Nicht jede ist politisch korrekt, und nicht jede ist psychologisch unbedenklich. Um diese Unterschiede klar herauszuarbeiten, wollen wir in diesem Buch auch aktuelle Phänomene wie Spiritual Bypassing (spirituelles Umgehen) und toxische Positivität, Spiritualität als Konsumgut und das...




