E-Book, Deutsch, 184 Seiten
Kubach Neues von der Fratze mit Hut 2
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7504-5057-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Satiren
E-Book, Deutsch, 184 Seiten
ISBN: 978-3-7504-5057-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Monika Kubach wurde 1970 geboren und im zarten Alter von wenigen Monaten von ihrem älteren Bruder auf den Kopf gestellt, als er mit ihrem Kinderwagen Rennauto spielte und eine Bodenwelle übersah. Sie schreibt daher hauptsächlich Satiren und humoristische Gedichte. Seit sie ihren Namen doof findet, veröffentlicht sie humorvolle Romane unter einem saudoofen Pseudonym. Außerdem ist sie die Mitbegründerin der neuen Trendsportart Nordic Cocooning, bei der man sich in eine Baumwolldecke aus einem schwedischen Möbelhaus wickelt, eine Stearinkerze aus Dänemark anzündet, einen Tee aus finnischem Preiselbeerpulver, heißem Wasser und Zucker trinkt und dazu einen Norwegerpullover strickt. Fortgeschrittene schauen dabei noch nebenher eine TV-Doku über Grönland. (Sportmediziner bestätigten bei einem von ihr bezahlten Mittagessen, dass keine andere Sofasportart die Fingermuskulatur so intensiv trainiert wie Nordic Cocooning.)
Autoren/Hrsg.
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Als ich das Fenster öffnete, um ein Staubtuch auszuschütteln, hörte ich einen markerschütternden Schrei. Ich sah mich in der friedlichen und von der Sonne beschienenen Nachbarschaft um, konnte aber zunächst niemanden entdecken.
Man las im Internet recht häufig über gespenstische Dinge, die an Halloween geschahen, aber ich hatte das bisher immer als Seemannsgarn von Landratten abgetan. Und selbst wenn etwas dran war, ging denn so etwas schon am helllichten Nachmittag los? Irgendwo auf der Welt war natürlich immer Mitternacht und Geisterstunde. Hatte eine der ruhelosen Seelen bei der Rückkehr falsche Koordinaten eingegeben oder einfach nur Mittag mit Mitternacht verwechselt und trieb jetzt schon ihr Unwesen?
Doch dann hörte ich ein Stöhnen von rechts und sah genauer hin. Aus Heikes Garage ragten ein Paar Waden und Füße mit hochhackigen Stiefeletten. Hatte ein automatischer Garagentoröffner ein neues Opfer gefordert? Ich schnappte mir den Haustürschlüssel und rannte los.
Aber als ich um die Ecke bog, sah ich zwar einen bejeansten Hintern aus dem offenen Kofferraum hängen, aber Heike, um die es sich zweifelsfrei handelte, war weder von einem Garagentor noch von einem Kofferraumdeckel eingeklemmt. War das wieder irgend so ein neuer Fitnesstrend, den ich verpasst hatte? Kofferraumgymnastik für Bauch, Beine und Po? War das nur ein Motivationsschrei gewesen, der vor Beginn der Übungen die verklebten Schwurbelmeridiane lösen sollte? Kam das anschließende Stöhnen von der Anstrengung? Blamierte ich mich gerade einmal wieder mit meiner Unwissenheit?
»Geht’s dir gut?«, erkundigte ich mich deshalb vorsichtig.
»Frag nicht so blöd! Mir geht’s beschissen!«
Das beantwortete alle Fragen auf einmal. Nein, kein neuer Trend. Ja, ich blamierte mich gerade einmal wieder. Bei mir also alles wie gehabt.
Heike lag jedoch mit dem Oberkörper im Kofferraum und schien einen von drei großen Kürbissen zu umarmen.
Warum hatte ich mir nur den Haustürschlüssel und nicht auch den Fotoapparat geschnappt? Zumindest war ich zur Abwechslung einmal nicht die Einzige, die sich hier zum Narren machte. »Was ist passiert, und was soll ich tun?«, fragte ich kurz und knapp.
»Ich glaube, ich weiß jetzt, was ein Hexenschuss ist«, stöhnte Heike und versuchte, sich etwas zu bewegen. Es folgte der obligatorische Schmerzensschrei.
Ah, es war also kein Geist, sondern eine Hexe, die heute am 31. Oktober zwölf Stunden zu früh ihr Unwesen trieb und harmlosen Nachbarinnen in den Rücken schoss.
»Ich weiß gar nicht, wie und wo ich dich anfassen soll. Ich will dir ja nicht wehtun«, erklärte ich der Leidgeplagten.
»Das ist wahrscheinlich egal, denn alles wird tierisch wehtun. Mach einfach irgendwie.«
»Sag Bescheid, wenn ich aufhören soll.«
»Is’ gut ...«
Ich legte ihr meinen rechten Arm um die Taille und schob den linken diagonal unter ihren Brustkorb. Vorsichtig hob ich sie ein wenig an, aber der Schmerzensschrei überzeugte mich davon, dass das keine gute Idee gewesen war. Ich brachte meine Patientin umgehend wieder in die Ausgangsstellung.
»Bescheid«, flüsterte Heike.
»Soll ich den Rettungsdienst rufen? Die wissen besser, was zu tun ist.«
»Eigentlich ist das doch kein Fall für den Rettungsdienst.«
»Na ja, für die Feuerwehr ist das aber auch kein Fall, obwohl die normalerweise dafür zuständig sind, Personen aus Fahrzeugen zu befreien.«
»Mach keine Witze. Mir geht’s echt nicht gut.«
»Ich will dir ja helfen, aber ich weiß nicht, wie ich das anstellen soll.«
»Ich glaube, ich kann ein bisschen robben.«
»Kannst du rückwärts herausrobben?«
»Nein, nur vorwärts und hinein.«
Ich sah mir den Kofferraum kritisch an und fragte mich, wie groß wohl Heikes Wendekreis unter den gegebenen Umständen war. Zu groß. »Ich räume die Kürbisse aus dem Kofferraum, damit wir mehr Platz haben. Bleib du erst einmal, wo du bist.«
»Mir bleibt ja nichts anderes übrig«, wimmerte Heike.
»Uff! Seit wann enthalten Kürbisse Blei? Mit Gentechnik ist wohl alles möglich!«
»Ich habe auch nicht damit gerechnet, dass die so irre schwer sind. Deshalb fuhr es mir ja in den Rücken, als ich sie aus dem Kofferraum nehmen wollte.«
»Wie hast du sie den hineinbekommen?«
»Da half mir der freundliche Verkäufer vom Hofladen.«
Ich wuchtete den ersten Kürbis aus dem Kofferraum auf den gepflegten Zierrasen, denn ein bisschen Spaß sollte mir ja auch gegönnt sein. »Und warum hast du so riesige Exemplare gekauft? Ihr seid doch nur zu dritt! Machst du eine vierwöchige Kürbissuppenkur?«
»Das ist doch Deko!«, piepste es aus dem Kofferraum. »Da schnitzt man gruselige Gesichter hinein und beleuchtet sie von innen mit einer Kerze. Auf welchem Planeten lebst du eigentlich?«
»Auf einem, auf dem Lebensmittel in der Regel gekocht und gegessen und nicht von innen beleuchtet werden.«
»Britney und Manfred mögen aber keine Kürbissuppe.«
Der zweite Kürbis landete neben seinem Kollegen. »Wozu kaufst du dann drei riesengroße Kürbisse, mit denen man eine hungrige Fußballmannschaft im Trainingscamp eine Woche lang satt bekommen würde?«
»Ich hab’s dir doch eben erklärt! Sie hatten dort leider keine kleineren mehr. Ich war ein bisschen spät dran mit meiner Deko.«
»Das wäre meine nächste Frage gewesen. Heute ist doch schon Halloween. Bei Frau Branner kann man bereits seit Mitte September zusehen, wie die Kürbisfratzen langsam immer weiter zusammenschrumpeln. Wenn die nicht aufpasst, tritt am Montag das Gesundheitsamt auf den Plan. Oder ein paar Mykologen, Zoologen oder Ufologen rücken mit Atemmasken an und suchen diese merkwürdigen Flecken auf den Dingern nach bisher unentdeckten Spezies ab, um darüber eine Dissertation zu schreiben. Im Discounter gibt es seit Anfang Oktober Weihnachtsbeleuchtung zu kaufen. Wozu brauchst du jetzt noch drei Riesenkürbisdekogruselteelichthalter?« Der dritte Kürbis plumpste auf den Zierrasen. Geschafft!
»Ich wollte es uns eben doch noch schnell ein bisschen gemütlich machen für heute Abend. Außerdem hatte ich es Britney versprochen.«
Nun, gemütlich sah das, was sie da im Kofferraum machte, nicht gerade aus. Und ging irgendwie auch anders. »So! Jetzt stelle ich mich neben dich, und du versuchst mal vorsichtig, aus dem Kofferraum herauszukommen. Halte dich an mir fest, wie und wo du willst. Lass dir Zeit!«
Sie ließ sich tatsächlich Zeit. Ich konnte keine nennenswerten Bewegungsabläufe bei ihr feststellen. Echt gruselig! Halloween war ein Dreck dagegen.
»Es geht nicht!«, schluchzte Heike. »Ich kann mich nicht drehen.«
»Wie soll das eigentlich weitergehen, wenn du es tatsächlich heute noch aus dem Auto herausschaffst? Wie bugsiere ich dich schmerzfrei ins Haus? Und du brauchst doch auch einen Arzt!«
»Ach, was! Manfred hatte das schon öfter. Das geht von allein weg. Ich brauche nur ein Wärmekissen und eine Schmerztablette.«
»Hier? Im Kofferraum?« Vor meinem geistigen Auge sah ich Heike bis in die Nacht hinein über dem Rand des Kofferraums hängend auf die Wirkung der Schmerzmittel warten. Ich könnte ihr natürlich ein orangefarbenes Gruselgesicht auf den Hintern malen – als Deko – und ein Teelicht auf den Rücken stellen – zum Wärmen.
»Nein, ich sollte schon irgendwie auf die Couch kommen. Wenn ich mich nur drehen könnte! Dann könnte ich auf allen vieren ins Haus kriechen.«
»Wenn du kriechen kannst und das aber nur vorwärts, dann lege ich einfach die Lehne der Rückbank um, und du kriechst über sie seitlich zur Tür raus. Meinst du, das geht?«
»Wir können es ja versuchen. Da musst du aber das Auto rausfahren, damit wir die Tür ganz aufmachen können.«
Ich legte die Rückbank um, und Heike robbte vorsichtig und im Zeitlupentempo auf die vergrößerte Ladefläche, bis sie dort flach liegen konnte. Nur die Füße ragten noch über die Ladekante nach draußen. Erschöpft machte sie erst einmal eine Pause. »Das ging leichter, als ich dachte«, hauchte sie. »Wenn das Aussteigen nicht klappt, kann ich auch einfach eine Weile hier liegen bleiben, bis es mir bessergeht.«
»Soll ich dir Schmerztabletten holen?«
»Ja, bitte!«
Ich ging zurück ins Haus, zog mir eine Jacke an, denn es war doch ganz schön frisch draußen und konnte wohl noch eine Weile dauern, und suchte aus meinen Vorräten und denen des gutmütigen Göttergatten eine Auswahl an Schmerzmitteln zusammen und brachte sie zusammen mit einem Glas Wasser...




