E-Book, Deutsch, 1079 Seiten
Kubicek Boye / Schemper / Kanger Schwedische Jagd
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-722-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Drei Krimis in einem eBook: »Zimmer 55«, »Sandengel«, »Der werfe den ersten Stein«
E-Book, Deutsch, 1079 Seiten
ISBN: 978-3-98952-722-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Helena Kubicek-Boye ist eine Psychologin und Autorin. Ihre Arbeitserfahrung in einer Psychiatrie nutzte sie als Inspiration für die Anna-Varga-Serie, die in ihrer Heimat als »Schwedens Twin Peaks« gefeiert wird. Die Website der Autorin/des Autors: https://www.helenakubicek.se/ Die Autorin/der Autor bei Facebook: https://www.facebook.com/people/Helena-Kubicek-Boye-f%C3%B6rfattare/100063653342988/ Die Autorin/der Autor auf Instagram: https://www.instagram.com/helena_kubicek_boye/?hl=de Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin den Psychothriller »Zimmer 55«.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 3
Anna
Es war Lina Vikingson, Annas alte Freundin aus Reiseleiterzeiten, die sie dazu gebracht hatte, sich als Psychologin in der rechtspsychiatrischen Klinik in Säter zu bewerben. Lina, die zur Verwunderung aller nach der gelinde gesagt dekadenten Zeit bei den Charterreisen Medizin studiert hatte, machte nun ihre Facharztausbildung in Säter.
Sie hatte Anna ganz begeistert erzählt, dass Säter alle ihre bisherigen Arbeitsstellen überträfe. Zu dem Zeitpunkt hatte Anna sich bereits mehrfach beworben und verzweifelte langsam. Trotzdem hatte sie gezögert, als sie die Anzeige gelesen hatte. Aus Stockholm nach Dalarna ziehen – machten einen die Wälder nicht wahnsinnig? In Säter befanden sich einige der kränksten Menschen Schwedens. Kriminelle, die ihre Strafe nicht im Gefängnis absitzen durften und die so entsetzliche und unfassbare Straftaten begangen hatten, dass die sich nicht mal für eine Net?ix-Serie eigneten. In der Anzeige suchte man außerdem den Psychologen der Zukunft. War sie die Richtige für diesen Titel?
Gleichzeitig erkannte Anna die Chance, die diese Stelle für ihre Karriere bedeuten könnte. In Säter gab es Patienten, die sie treffen musste, um noch mehr über die menschliche Psyche zu lernen und den dunkelsten Grund im Menschen zu verstehen. Danach würde sie praktisch überall arbeiten können. Außerdem stieg man in kleineren Gemeinden schneller die Karriereleiter hinauf, und Anna würde die Möglichkeit gern wahrnehmen. Im Vergleich zu den Patienten in Säter würden sich alle zukünftigen Stellen leicht und locker anfühlen. Aber brachte sie das mit, was nötig war, um in einem solchen Umfeld zu arbeiten? Das wusste sie noch nicht, und auch da zweifelte sie, selbst wenn bei ihr fast immer der Willen über die Gefühle gewann. Ihr war der Gedanke gekommen, dass es einfacher wäre, ihren ersten Psychologiejob an der Westküste anzunehmen, deprimierte Fischer therapieren, Krabben futtern und am Wochenende segeln gehen. Oder wie es einige ihrer Kommilitonen getan haben, nach Norwegen ziehen und dort das Doppelte verdienen. Für den Moment wäre es gut, aber es würde sie nicht dorthin bringen, wo sie hinwollte. Jetzt würde sie in einem kleinen Ort wohnen, umgeben von dichten Wäldern, und sich im Epizentrum der menschlichen Psyche und der besten Experten des Landes befinden. Die Alternative, in Stockholm zu bleiben, war sowieso immer weniger gegeben – sie war auf ihre Bewerbungen hin nicht mal zum Vorstellungsgespräch geladen worden. Außerdem war Lina in Dalarna, eine ihrer besten Freundinnen.
Der Personalchef aus Säter hatte noch am selben Tag angerufen, an dem ihre Bewerbung eingetroffen war. Vielleicht hatte sich sonst niemand getraut, sich zu bewerben? Der Ort war schließlich bekannt oder eher berüchtigt. Sie hatten ein längeres Telefongespräch mit ihr geführt, Referenzen eingeholt und ihr dann die Stelle am Telefon angeboten, und sie hatte sofort zugesagt. Außerdem war das Gehalt höher als das, was die meisten ihrer Kommilitonen in den größeren Städten bekamen.
Die Gleise unter dem Zug donnerten wie der Herzschlag, und der dösende, ältere Mann neben ihr nickte im Takt des Zuges. Sie blickte zur Gepäckablage hoch, um nachzusehen, ob ihr Koffer noch dalag. Es wäre ein Ding, wenn der auf den Mann fiele und ihm im Schlaf den Nacken bräche. Aber er war so gut gepackt und vollgestopft, dass er festgekeilt war und sich durch die Bewegungen des Zugs nur wenige Millimeter rührte. Darin befand sich alles, was sie in Säter bräuchte. Es fühlte sich irgendwie komisch an, dass man das ganze Leben in einen Koffer packen konnte.
Als Anna die Stelle angenommen hatte, hatte Lina vor Freude aufgeschrien, aber ihr auch mit leiser Stimme erzählt, dass Säter anders war als irgendwo sonst. Auch wenn es in der Klinik und in den umgebenden Wäldern mucksmäuschenstill war, war die Lautstärke höher, die Farben innerhalb und außerhalb der Mauern kräftiger und die Kontraste zwischen den Menschen intensiv. Und man wusste nie, wie der nächste Tag aussehen würde. Besser konnte sie es nicht beschreiben, den Rest würde Anna dann selbst erleben. Anna war schon früher Linas fast manische Faszination für Säter aufgefallen und erkannte ihre Freundin in dieser Begeisterung kaum wieder.
Nach dem Vorstellungsgespräch hatte Anna erfahren, dass die Psychologin Karin Vinterberg ihre Ausbilderin würde. Der Chefarzt und Klinikchef in Säter war einer der bekanntesten Psychiater Schwedens und wurde fast immer befragt, wenn es um eine zerstückelte Frauenleiche in einem U-Boot oder einen toten Säugling in einer Gefriertruhe ging.
Anna wusste, dass sie Dinge lernen würde, die sie in einem Ärztezentrum oder einer Unternehmensberatung, wo einige ihrer Kommilitonen jetzt in bequemen Sesseln saßen, nicht lernen würde. Säter würde alles andere als bequem, dessen war sie sich sicher. Daher war ihr etwas flau im Magen. Was bedeutete es, psychisch so krank zu sein, dass man einen Menschen zerstückelte oder sich an einem kleinen Jungen vergriff? Und wie viel bewegten sich die Patienten unter normalen Menschen? Konnte der Mann neben ihr ein Insasse von Säter auf Hafturlaub sein? Sie schielte zu ihm und bemerkte, dass ihm etwas Speichel aus dem Mundwinkel lief. Sie schüttelte sich und trank einen Schluck Kaffee aus dem Pappbecher, den sie sich im Speisewagen geholt hatte.
Auf dem Tisch vor ihr blinkte ihr Handy. Wie geht’s? Wenn ihre Stelle in Säter sie nervös machte, dann würde sie bei ihrer Mutter für eine Depression sorgen. Das war heute sicher schon die zehnte SMS von ihr. Anna seufzte tief. Ihre Mutter hatte sie mit ihrer Angst und Sorge immer auf Trab gehalten. Annas Funktion war mehr oder weniger ihr ganzes Leben lang gewesen, die Ängste ihrer Mutter zu dämpfen und in ihr Freude und Zufriedenheit zu schaffen, da die unfähig war, dies selbst zu tun. Es war, als hätte ihre Mutter ein leeres, schwarzes Loch im Brustkorb, das andere füllen mussten. Das hatte immer sehr viel Energie und Kraft gekostet, und Anna war dadurch zeitweise selbst seelisch erschöpft. Sie hoffte, dass ihre Mutter sie durch die räumliche Trennung stärker loslassen und lernen würde, sich selbst um ihre Gefühle zu kümmern. Doch auf gewisse Weise musste sie ihrer Mutter wohl auch danken, denn das Aufwachsen als Beschützerin und Therapeutin ihrer Mutter hatte ihr schon als Kind eine fast übernatürliche Fähigkeit verliehen, die Gedanken und Gefühle anderer Menschen zu spüren. Das war etwas, das sie nie hätte lernen können und was ihr in ihrer neuen Berufsrolle zum Vorteil gereichen würde.
Bis zuletzt hatte ihre Mutter versucht, ihr diese Stelle auszureden, und als Anna die SMS sah, hörte sie erneut die besorgte Stimme ihrer Mutter und bemühte sich, sie schnell zu verdrängen. Die Stimme ihrer Mutter hatte eine Wirkung auf sie, selbst wenn sie es nicht wollte, schließlich war sie trotz allem ihre Mama. Es war nicht ihre eigene Stimme, sondern die ihrer Mutter. Sie durfte sich nicht von ihr steuern lassen, leider hatte sie das früher schon öfter.
Mir geht es super. Schöne Natur und im Zug ist es ruhig und bequem, tippte sie und drückte auf Senden. Es war anstrengend, nicht ganz ehrlich sein zu können, sondern die Wahrheit zu beschönigen. Aber es war nötig. Sie konnte nicht mehr ihre Eltern über sich bestimmen lassen. Auch wenn sie kaum direkten Kontakt zu ihrem Vater hatte, so wusste sie, dass sein demonstratives Schweigen während der letzten Jahre bedeutete, dass er ihre Lebensentscheidung stark missbilligte und hinterfragte.
Das einzige Mal, dass er sie in den letzten zwei Jahren kontaktiert hatte, war, als der Hund starb. Damals hatte er ein Bild des beim Tierarzt eingeschläferten Hundes geschickt.
Durch die neue Arbeit entfernte sie sich nicht nur von ihren Eltern, sondern auch von Stockholm. Sie war inzwischen immer häufiger traurig, leer und oft einsam. Sie empfand Sinnlosigkeit, wenn sie durch eine Straße ging, deren Namen sie nicht kannte, oder in ein Café sah, in dem sich alle über ihre Handys beugten. Die meisten Freunde waren aus der Stadt hinaus in kleine Reihenhäuser gezogen oder zurück in ihre Heimatorte, um sich niederzulassen. Ein paar waren schwanger, und andere hatten bereits Kinder. Anna hatte das Gefühl, dass sie nicht nach Hause zurückziehen konnte, weil sie dann ihren Eltern zu nah wäre. Sie hatte sich bemüht, durchzuhalten. Damals hatte sie ja noch Mathias gehabt, und sie hatten versucht, in seiner Wohnung zusammenzuwohnen. Doch seit sie sich getrennt hatten, hatte sie nicht mal mehr ihn.
Der Tapetenwechsel würde hoffentlich auch dabei helfen, sich nach der Beziehung weiterzuentwickeln, selbst wenn ihre Mutter bestürzt war und ausgerufen hatte:
»Mathiaaaasss … Du hättest ihn nicht einfach so verlassen sollen. Das macht eine Frau nicht. Du solltest jetzt mit ihm zusammen sein … Kinder bekommen … Du bist bald dreißig.« Dass ihre Eltern eine klare Meinung hatten, wie sie leben sollte, hatte dazu geführt, dass sie oft darum kämpfen musste, die Grenzen zu überschreiten, um aus diesen Vorstellungen herauszukommen. Am liebsten wäre ihnen, dass sie nach Hause nach Simrishamn zog und eine Familie gründete. Sie durften ihre Ansichten haben, sie wollte ihr Leben haben.
Der Kaffee war noch warm, sie trank einen Schluck und schaute hinaus, wo sie sah, dass die Fichten und Kiefern immer höher wurden, der Himmelsstreifen immer schmäler und die kleinen Orte vorbeisausten, während sie sich ihrem neuen Wohnort näherte. Der Himmel wirkte dunkler und der Wald dichter. Hier und da blitzten rote, im Schatten halb verborgene Holzhäuser auf. Der Zug legte sich schief, so dass sie Kaffee auf ihr Knie verschüttete. Sie fluchte und stellte die Tasse wieder auf...




