Kubis | Lux Aeterna | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 539 Seiten

Kubis Lux Aeterna

Die letzte Dämmerung
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7584-1788-7
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Die letzte Dämmerung

E-Book, Deutsch, 539 Seiten

ISBN: 978-3-7584-1788-7
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



In der Winterstadt der Elfen erfrieren die letzten Hoffnungsfunken. Freunde werden zu Fremden. Doch noch halten die Übermächtigen stand - wenn auch mit knapper Not. Inmitten der Misere sucht Marai wild entschlossen einen Weg, den verschwundenen Kostja zu retten. Das, was in der Welt hinter der Welt auf sie wartet, beeinflusst jedoch mehr als ihre Rettungsaktion, sogar mehr als die bevorstehende Endschlacht gegen Perrin. Denn hier, umringt von mystischen Wesen an einem Ort ohne Zeit, lauert die alles entscheidende Frage: Wer ist das Lichtmädchen und was ist sein Schicksal?

Marta Kubis, Jahrgang 1984, wuchs in Aachen auf, wo sie mehrere Jahre Literaturwissenschaften studierte. Zusammen mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern lebt sie in der Nähe von Stuttgart.
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1

Vakuum

Marai hatte nicht gewusst, dass selbst zu atmen eine Anstrengung bedeuten konnte.

Einatmen. Ausatmen.

Wie ein Metronom schlug dieser Gedanke seit Tagen ihren Takt an. Sie war sicher: Wenn er versiegte, würde sie das Atmen vergessen, und so konzentrierte sie sich in den ausgehöhlten Stunden nur auf diesen einen Befehl.

Einatmen. Ausatmen.

Vor ihrem Gesicht stiegen weiße Wölkchen auf, die sich rasch im Morgennebel verloren. Dunkel ragten die kahlen Bäume aus der farblosen Landschaft heraus, ihre Äste verkrustet vor Schnee. Hier und da konnte Marai die klobigen Gestalten der Golems ausmachen, die immer wieder zwischen den Büschen auftauchten. Mit behäbigen Bewegungen stampften sie durch den Garten, ihre Glieder steif und unnatürlich. Ihre Patrouillen waren ebenso verstörend wie nutzlos. Immerhin hatten die Elfen nicht ein einziges Mal auch nur den Versuch eines Angriffs unternommen. Nein, die Golems waren den Preis nicht wert, den sie gezahlt hatten.

Gedankenverloren scharrte sie mit dem Fuß ein paar Schneeklumpen von Henriks Terrasse, die mit einem leisen Knirschen in den erfrorenen Blumenbeeten verschwanden. Sie konnte kaum noch ihre Zehen spüren, dennoch türmte sich ein unüberbrückbarer Widerstand in ihr auf, ins Haus zurückzukehren. Durch die mit Eisblumen überzogenen Bogenfenster konnte sie die ersten Übermächtigen sehen, die durch das Wohnzimmer zur Küche schlurften, um sich mit den schwindenden Vorräten ein karges Frühstück zuzubereiten. Es würde nicht mehr lange dauern, bevor auch dieser Luxus sein Ende fand, immerhin gestaltete sich die Nahrungssuche zunehmend ertragloser. Entweder waren die Läden leergeplündert oder die Lebensmittel vernichtet worden, verbrannt oder zerschlagen, vermutlich von den Elfen, die ihren Plan, ihre Feinde auszuhungern, augenscheinlich beschleunigen wollten. Die Feststellung hätte sie erschüttern müssen, stattdessen verspürte sie eine geradezu erschlagende Gleichgültigkeit. Hunger empfand sie ohnehin keinen, vielleicht hatte sie sich auch schlicht an ihn gewöhnt. Der bloße Gedanke an Essen genügte jedenfalls, um ihr den Magen umzudrehen.

Ein weiterer Schneeklumpen ging über Bord. Wie eine Krankheit hatte sich die Leere in ihr ausgebreitet und durchdrang sie bis in den letzten Winkel.

Mit Kostja hatte Marai auch sich selbst verloren und die brüllende Stille, die er hinterlassen hatte, ließ sich nicht füllen. Wie ein Lauffeuer war sie auf Henriks Villa übergesprungen. Niemand wagte es, die Stimme zu erheben, Gespräche wurden leise und gedämpft geführt und erstarben, sobald Marai den Raum betrat. Kaum jemand sah ihr noch in die Augen, nicht nach dem, was geschehen war. Mehr denn je fühlte sie sich wie ein Schatten, der ziellos durch die viel zu großen Zimmer irrte.

Während der ersten Tage nach Kostjas Verlust hatte sie sich in Jonas’ und Elisas Zimmer verschanzt und mit aller Macht versucht, sich das Gefühl des Fallens ins Gedächtnis zurückzurufen: den Moment damals am Bahnhof, als es ihr wie durch Zauberhand gelungen war, den Schleier der Welt zu zerreißen und tiefer in sie hineinzustürzen. Doch ganz gleich, wie sehr sie sich bemühte – die Welt um sie herum blieb, wie sie war. Nach und nach hatte sich ihre Verbissenheit in Verzweiflung gewandelt, ehe sie von einer lähmenden Lethargie abgelöst wurde.

Hinter dem Fenster tauchte Resa auf, die selbst zu dieser frühen Stunde ordentlich gekleidet und mit adrett hochgestecktem Haar Kaffeetassen an Christoph, Celina und Quint verteilte. Die vier wirkten ernst, aber deutlich gelöster als sonst, und es dauerte einige Atemzüge, bis sie begriff, dass es an ihrer Abwesenheit lag. Ihre Brust wurde enger. Es musste schön sein, von ihrem Schmerz eine kurze Pause zu bekommen. Sie schnaubte verächtlich, doch der Laut blieb in ihrer Kehle stecken, als sie die beiden Gestalten ausmachte, die ins Wohnzimmer traten: Casper, hochgewachsen und noch schlaksiger als sonst, das Gesicht müde und ausgemergelt, und Lara, die wie ein Schoßhündchen hinter ihm hertrottete. Mit heißen Krallen kroch die Wut in Marai herauf, sie konnte sie gallebitter auf der Zunge schmecken. Resa bedachte das Mädchen mit einem mütterlichen Blick, legte ihr die Hand auf die Schulter und sagte etwas, das Lara ein dankbares Nicken entlockte. Marai bemerkten sie nicht. Einen Herzschlag lang rang sie mit dem Impuls, einen Schneeball gegen die Fensterscheibe zu pfeffern, nur um in den kurzen Genuss des Schuldbewusstseins ihrer sogenannten Freunde zu kommen. Schließlich gewann jedoch ihre Würde die Oberhand und sie wandte sich ab, in der Hoffnung, so den scharfen Schmerz zu ersticken, der in ihr aufgeflammt war.

Ihre Schuhe durchbrachen die jungfräuliche Schneeschicht, als sie ihre Schritte zum Haupteingang der Villa lenkte. Sie wäre gerne länger auf der Terrasse verblieben, aber sowohl die Kälte als auch Laras Ankunft trieben sie hinein.

Marai wusste selbst nicht, wohin ihre Füße sie trugen, die schwarzweiß geflieste Eingangshalle entlang und die geschwungene Treppe hinauf. Erst als sie sich vor der vertrauten Tür wiederfand, von der bereits der Lack abbröckelte, sah sie auf. Der Schlüssel knackte widerstrebend im Schloss, ehe sie sich mit einem vernehmlichen Quietschen aufstoßen ließ.

»Marai.« Der Wächter hatte sich mittlerweile an ihre häufigen Besuche gewöhnt, denn in seinen Zügen fanden sich weder Überraschung noch Misstrauen. Er trat von dem winzigen Fenster weg, durch das dämmriges Tageslicht auf den Dachboden floss, doch nach nur wenigen Schritten blieb er unschlüssig stehen.

Marai hatte derweil die Tür hinter sich zugezogen und umtänzelte ein paar Bücherstapel, die sich auf dem Boden neben seiner provisorischen Schlafstätte auftürmten. Sie hatte keine Ahnung, ob er die Bücher las, die sie ihm in rauen Mengen hinaufschleppte, um ihm die leeren Stunden angenehmer zu gestalten, aber er hatte sie auch nie darum gebeten aufzuhören. Schweigend ließ sie sich auf die Matratze sinken, wobei sie dem Blick des Wächters auswich. Dieser nahm auf einer eingestaubten Kiste Platz, die Augenbrauen zu einem besorgten Runzeln zusammengezogen. Während seiner Zeit in Henriks Villa hatten sich subtile Veränderungen in sein Äußeres geschlichen. Auch wenn er nicht unbedingt an Gewicht gewonnen hatte, so hatte sein Gesicht die ausgemergelte Härte verloren, die ihn so viel älter hatte wirken lassen. Allmählich konnte sie in ihm wieder den Mann ausmachen, dem sie vor drei Jahren im Bunker gegenübergestanden hatte.

Marai hätte selbst nicht zu erklären vermocht, weshalb es sie immer wieder zu ihm zog. Schließlich war es nicht so, als könnte Noah Scholl ihr auf irgendeine Weise Trost spenden. Nein, er versuchte es nicht einmal. Meistens saßen sie nur schweigend beieinander, bis die Finsternis sie verschluckte und es für das Mädchen an der Zeit war, sich wieder in ihr Zimmer zurückzuziehen. Auch dieses Mal hatte sich eine beharrliche Stille über die beiden gesenkt, die der Wächter nicht zu brechen wagte. Es war Marai, die nach einer gefühlten Ewigkeit endlich das Wort an ihn richtete.

»Quint und Henrik haben gestern die Golems zum Leben erweckt.« Sie wusste nicht, weshalb sie ihm davon berichtete. »Jonas hat mir davon erzählt. Er wollte, dass ich mitgehe und sie mir ansehe, aber angesichts der Umstände …«

Noah, der in Gedanken versunken den abgenutzten Holzboden betrachtet hatte, hob überrascht den Kopf. Beharrlich wartete er darauf, dass sie fortfuhr, doch sie hatte sich in ihren eigenen Gedanken verloren. Ihre Augen ruhten blicklos auf dem schmutzigen Geschirrstapel, der neben der Tür darauf wartete, von ihr in die Küche mitgenommen zu werden.

»Es ist gut, dass es funktioniert hat«, sagte er zögernd, da sie keinerlei Anstalten machte fortzufahren. Zumindest gelang es ihm, ihre Aufmerksamkeit zurückzugewinnen.

»Das klingt nicht besonders überzeugend«, bemerkte sie, während sie ihre Knie an die Brust zog.

»Nun, ich will nicht verhehlen, dass mir eure kleine Golemarmee nicht ganz geheuer ist. Aber angesichts der gegenwärtigen Situation wäre es töricht, sich von solchen Befindlichkeiten leiten zu lassen. Es ist eine Chance mehr.«

Das Mädchen stieß ein bitteres Lachen aus. »Ach ja? Eine bessere, als wir mit Kostja hatten?« Sie sprach seinen Namen aus wie eine Herausforderung, doch zu ihrer Überraschung wich Noah ihrem Blick nicht aus.

»Nein«, antwortete er unumwunden. »Ich habe Kostja kämpfen sehen und selbst die Stärke und Widerstandsfähigkeit der Golems können seine Fähigkeiten nicht aufwiegen. Abgesehen davon, dass er nicht auf Befehle anderer angewiesen war, um zu handeln.«

Über Marais Gesicht huschte eine schmerzhafte Regung. »Ist«, korrigierte sie ihn automatisch.

»Entschuldige, ich wollte damit nicht sagen, dass –«

»Schon gut«, winkte sie müde ab. »Zumindest redest du über ihn. Von den anderen erwähnt niemand auch nur seinen Namen, jedenfalls nicht, wenn ich in der Nähe bin. Vermutlich denken sie, ich wäre so labil, dass ich Henriks Haus bis auf die Grundmauern abbrennen würde.« Die Wut, die in den letzten Tagen immer dicht unter der Oberfläche gebrodelt hatte, kochte erneut hoch. »Als wäre er nur irgendein Kollateralschaden, der zwar bedauerlich, aber einkalkuliert war.«

»Das ist leider nicht ungewöhnlich«, seufzte Noah. »Viele Menschen wissen nicht, wie sie mit der Trauer anderer umgehen sollen. Diese Erfahrung machen alle, die jemanden verloren haben, der ihnen nahesteht.«

Es war nur eine weitere Erfahrung, auf die...



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