E-Book, Deutsch, 317 Seiten
Kuckart Kaiserstraße
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-8321-7104-9
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 317 Seiten
ISBN: 978-3-8321-7104-9
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Judith Kuckart, geboren 1959 in Schwelm (Westfalen), lebt als Autorin und Regisseurin in Berlin und Zürich. Sie veröffentlichte bei DuMont den Roman >Lenas Liebe< (2002), der 2012 verfilmt wurde, den Erzählband >Die Autorenwitwe< (2003), die Neuausgabe ihres Romans >Der Bibliothekar< (2004) sowie die Romane >Kaiserstraße< (2006), >Die Verdächtige< (2008), >Wünsche< (2013), >Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück< (2015) und >Kein Sturm, nur Wetter< (2019). Judith Kuckart wurde mit zah
Autoren/Hrsg.
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Neunzehnhundertsiebenundsechzig
Nicht so schnell, sagte Eva König, und den Kopf höher! Nicht die Stirn so vorweg wie eine Ziege! Nimm das Kinn hoch und wackle nicht so mit dem Hintern, du bist doch erst sechs!
Jule warf die Zöpfe nach hinten und ging noch einmal los. Ihre heruntergetretenen Hausschuhe schlappten gegen die bloßen Fersen. Rechts, links, rechts, links, ein italienischer Rhythmus, in dem Frauen mit schönen Hüften über Plätze in Rom gingen. Das hatte sie im Fernsehen gesehen, in Schwarz-Weiß.
Der Flur in Böwes Wohnung, Kaiserstraße 29, war lang. Jule trug einen Schneebesen vor sich her. Auf der Höhe der Badezimmertür drosselte sie das Tempo und roch an der Stelle, wo die Drähte sich kreuzten. Morgen würden das echte Blumen sein. Rittersporn und Schleierkraut, ein Strauß, der zu einem Mann passte, der aussah, als würde er solche Sträuße gleich fressen. Eva König stand am Kopf des Flurs. Sie hatte ein Kopfkissen als Bauch unter ihren Rockbund geschoben, die Haare mit Wasser männlich nach hinten gekämmt und drückte das Kinn gegen den Hals.
Und, mein Kind?, sagte sie mit fetter Stimme, die zum fetten Kinn passte. Was hast du mir zu sagen?
Eva König übte mit Jule für den Besuch eines Gastes aus der hohen Politik, der morgen zu einer Wahlveranstaltung kommen sollte. Jules Strauß war als Begrüßung geplant.
Herzlich willkommen in unserer Stadt, sehr geehrter Herr Ministerpräsident. Jule hob den Schneebesen vor das Gesicht und machte einen Knicks.
Mach einen richtigen Knicks, sagte Eva König, nicht so einen Kratzfuß, und steck die Nase nicht in die Blumen, sondern mach eine deutliche Geste.
So wie im Ballett?
Ungefähr, ja so ungefähr, sagte Eva König, und jetzt das Ganze noch mal.
Auch wie im Ballett, sagte Jule, da muss ich auch immer das Gleiche machen.
Aber das Immergleiche kann auch das Schönste sein, sagte Eva König leise.
Jule verstand sie nicht, aber nickte und ging zurück an den Anfang des Flurs. Sie kratzte sich am Kopf dabei. Die Zöpfe reichten bis zur Taille, und seit drei Wochen hatte niemand ihre Haare gewaschen.
Am Abend spielten sie die Szene Leo Böwe im Flur noch einmal vor. Böwe fand Eva König überzeugend komisch und Jule kokett. Er machte den Entengang seiner Tochter nach.
Manno!, sagte Jule und schlug mit dem Schneebesen gegen den Pfosten der Klotür, mach das doch selber, wenn du alles besser kannst. Er sah seine Tochter an. Der Kragen ihrer weißen Bluse hatte einen schmutzigen Rand. Liz lag im Krankenhaus, und er hatte zugenommen in den letzten zehn Jahren. Sein Kopf saß näher an den Schultern. Ja, er hatte zugenommen. Wovon? Wohl von allem.
Die Jalousien vor den beiden Krankenhausfenstern waren halb heruntergelassen und warfen Muster von Schatten und Licht auf die weiße Bettwäsche. Liz saß aufrecht, an zwei aufgeschüttelte Kissen gelehnt. Sie setzte ihre Sonnenbrille auf und schaute das Titelgesicht der Illustrierten an. Soraya: Die Verstoßene, stand quer über den Pelzmantel geschrieben. Soraya war ein Schneewittchen, mit diesen breiten, schwarzen Augenbrauen und Lippen, die vielleicht zu üppig glänzten. Sie war eine Ikone. Sie trug riesige Hüte, so lag ihr Gesicht halb im Schatten, ihr Lächeln an dessen Saum. Die obere Zahnreihe stand ein wenig vor und wurde von der Unterlippe anmutig zurückgedrängt. Das gab dem Gesicht eine Eigenschaft, etwas Ungeplantes.
Sie hat auch grüne Augen, sagte Liz zu der jungen Nonne, die den Ständer für den Tropf zur Tür rollte.
Sie ist ja auch halb Deutsche, sagte die Nonne.
Liz schaute sie durch ihre Schmetterlingssonnenbrille herausfordernd an.
Und, fällt Ihnen nichts auf?
Die Jalousien, fragte die Nonne, soll ich die hochziehen? Sie ging zum Fenster. Liz hörte das vertraute Rattern. Sie schloss die Augen. Mit diesem Geräusch fingen die Wintermorgen zu früh an und die Sommerabende gingen zu abrupt zu Ende.
Schauen Sie mal, sagte die Nonne, schauen Sie mal, wie schön die Sonne heute ist.
Fällt Ihnen sonst nichts auf?, fragte Liz, aufrecht im Bett sitzend.
Die Nonne schob den Tropf ein Stück näher zur Tür.
Nein.
Er hat sich von ihr getrennt, weil sie keine Kinder bekam, sagte Liz. Jawohl, der Schah von Persien hat sich von Soraya getrennt, deswegen.
Das ist eigentlich nicht erlaubt, sagte die Nonne.
Ja, sagte Liz, ist es wirklich nicht. Sie fasste sich ins Haar. Sie glaubte nicht mehr, dass Leo in fremden Städten immer nur neben hässlichen Aktenschränken saß und sich am Ende des Tages die Hände in einem Waschbecken aus abgeschlagener Emaille wusch, dann das Handtuch nur an den Ecken benutzte und dabei Heimweh hatte nach den frischen Handtüchern daheim. Sie glaubte nicht mehr, dass er jeden Abend um windige Ecken zurück in seine Pension und dann die schmale Treppe hinauf bis unters Dach in sein Einzelzimmer lief, um gleich die Tür hinter sich abzuschließen, wegen der Mörder und der Mädchen auf dem Gang, und der Welt überhaupt. Wegen ihr hatte Böwe vier Monate vor dem Abitur die Schule verlassen. Genau erinnerte sie sich daran nicht mehr, denn sie hatte ihm nie geglaubt, dass es ihretwegen war. Da war noch etwas anderes, über das er nicht sprach, wenigstens nicht mit ihr. Sie beharrte nicht darauf. Sie beharrte nie auf etwas. Sie konnte sich nicht verhärten, um besser zu wissen, was sie tun sollte. Aber egal, Böwes Schulabgang damals hatte wie Liebe ausgesehen, vor den Eltern, den Freundinnen, der kleinen Schwester, der Chefin im Porzellangeschäft und überhaupt. Überhaupt war wichtig, wie etwas aussah, und wenn etwas nach außen gut aussah, dann hielt man darin still.
Sie ist eine sehr schöne Frau, diese Kaiserin, sagte die Nonne.
Sie ist sehr diszipliniert und traurig und einsam, sagte Liz.
Traurig kann man leben, sagte die Nonne.
Ein Essenswagen rollte draußen auf dem Krankenhausflur heran, und die Töpfe klapperten wie Schrottteile.
Aber fällt Ihnen denn gar nichts auf?
Nein, Frau Böwe, sagte die Nonne, nein, mir fällt nichts auf.
Liz riss sich die Sonnenbrille vom Gesicht und starrte sie an.
Soraya!
Ja, sagte die Nonne, jetzt, wo Sie es sagen.
Ich sehe ihr ähnlich, oder?, fragte Liz. Dann wurde sie rot.
Als die Nonne gegangen war, öffnete Liz ihre Nachttischschublade. Niveadose, Haarspray, Kölnisch Wasser, Schlaftabletten, Lippenstift, drei weiße, gebügelte Taschentücher, eine Packung Beruhigungsmittel, weil sie schlecht schlief, und ein Brief von Böwe, halb im Kuvert, halb draußen.
Böwe hatte letzte Woche von einer seiner Handlungsreisen geschrieben. Er sei glücklich, mit ihr verheiratet zu sein. Sie habe sich schon gut angepasst und gebe sich Mühe, ihm in allem zu gefallen. Er werde ihr von seiner Reise bei Gelegenheit erzählen. Sie solle die kleine Jule grüßen. Sei fest umarmt von deinem Leo, alles andere holen wir nach, und vergiss nicht, Lotto einzuzahlen.
Liz hatte den Brief mit ins Krankenhaus genommen, weil sie ihn wieder und wieder lesen und so schließlich für einen Liebesbrief halten wollte. Sie schloss die Schublade, hielt sich aber einen Moment lang am Griff fest.
Wie sollte man leben?
Nachmittags fing es an zu regnen. Jule und Eva König unter einem schwarzen Herrenschirm drängten sich mit Hunderten von anderen Menschen hinter der Absperrung. Über Lautsprecher wurden Schlager von Freddy Quinn und Heino eingespielt, und obwohl die Stimmung unter dem Auflauf der Schirme so erwartungsvoll wie fröhlich war, fingen nervöse Wahlhelfer an, die Technik der Rednertribüne ins benachbarte Kino zu schleppen. Dann schalteten sie die Musik im Freien ab. Der Platz leerte sich. Die eine Hälfte der Schirme ging mit ins Kino, die andere nach Hause. An den Bäumen, die um den Platz standen, weichten Wahlplakate im Regenschauer auf. Mehr Menschlichkeit. Der Spruch bekam Eselsohren, und die Gesichter der Kandidaten verrutschten unter dem Regen zu Grimassen.
Jule hatte einen Strauß lachsfarbener Nelken in der Hand, ohne Rittersporn, aber mit Schleierkraut. Eva König und sie standen als Letzte im Freien, um auf den Ministerpräsidenten zu warten, der bereits eine halbe Stunde Verspätung hatte. Jules weiße Strumpfhose war bis in die Kniekehlen hinauf mit Pfützenwasser bespritzt.
Lass uns reingehen, sagte Eva König und zeigte auf die Drehtür des Kinos, wo bei Einbruch der Dunkelheit die schönen Männer aus Italien mit den brennenden Augen immer standen, redeten, rauchten, ohne in den Film zu sehen. Sie standen da, um die Mädchen auf der Straße anzusehen. Jule hob ihren Rock und zog die Strumpfhose hoch. Der Kopf einer Nelke brach dabei ab.
Das macht man nicht, sagte Eva König.
Aber wenn sie doch rutscht.
Macht man trotzdem nicht, in der Öffentlichkeit, sagte Eva König.
Öffentlichkeit, was’n das?, fragte Jule.
Eva König legte Jule eine Hand in den Nacken und schob sie an den Schaukästen mit Kinowerbung vorbei. Da, sagte Jule und zeigte auf ein Plakat. Eine junge, dunkelhaarige Frau, die sehr modern aussah, lehnte lässig im kurzen Unterrock an einem Türpfosten. Im Hintergrund waren das Fußende eines Doppelbettes und die nackten Füße eines Mannes zu sehen.
Was steht da?
Zur Sache, Schätzchen, sagte Eva König.
Jule drehte sich um. Der abgebrochene Kopf der Nelke lag auf dem Gehsteig vor dem Kino.
Der Kinosaal war nur matt erleuchtet. Eva König nahm Jule den Strauß aus der Hand und half ihr, auf einen Klappsitz zu klettern, der mit rotem Samt bespannt war. Jule sah Leo Böwe vorn auf der Bühne stehen und gegen das Mikrofon klopfen. Sie winkte. Von hier aus gesehen war Leo Böwe da vorn ein längliches, dunkles Rechteck mit einem länglichen,...




