Küpper | Wintermorgenrot | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 381 Seiten

Küpper Wintermorgenrot

Kriminalroman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7349-9290-2
Verlag: Gmeiner-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 381 Seiten

ISBN: 978-3-7349-9290-2
Verlag: Gmeiner-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Karen zieht aus der Großstadt in ein ehemaliges Bauernhaus. Doch statt der erhofften Ruhe und Idylle empfängt sie die unverhohlene Ablehnung der älteren Dorfbewohner. Bald kommt es zu offenen Anfeindungen und tätlichen Angriffen, die Karen veranlassen, den Ursachen der Feindschaft auf die Spur zu kommen. Bei ihrer Suche nach der Wahrheit bringt sie Ereignisse ans Tageslicht, die für immer im Dunkeln verborgen bleiben sollten.

Michaela Küpper ist freie Autorin und Redakteurin. Sie wurde im niederrheinischen Alpen geboren und ist in Bonn aufgewachsen. In Marburg studierte sie Soziologie, Psychologie, Politik und Pädagogik. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Königswinter am Rhein. www.michaelakuepper.de
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1. Kapitel


Ich hocke auf einem Schweineschemel vor dem Stall und betrachte das Blut an meinen Händen. In feinen, sich zart verästelnden Bahnen rinnt es die Handgelenke hinab bis zu den Ellbogen, wo es sich sammelt und nach einem kurzen Moment des Zögerns den Gesetzen der Schwerkraft gehorcht. Gedankenlos folgen meine Blicke den hellroten Spuren, die ein feuchtwarmes Gefühl auf der Innenseite meiner Arme hinterlassen. Zwischen meinen Füßen steht eine metallene Schüssel bereit, um jeden Tropfen des Lebenssaftes aufzufangen, damit nichts verloren geht. Stärker und stärker wird der Fluss. Das Rinnsal, von ergiebiger Quelle gespeist, schwillt bald an zum munteren Strom. Bald sieht man den weiß emaillierten Grund des Gefäßes nicht mehr. Merkwürdig viel Blut für ein kleines Karnickel. Viel zu viel Blut. Mir fallen die Augen zu, ich bin müde, unendlich müde. Schau hin. Du musst hinschauen. Langsam senkt sich mein Blick. Was da auf meiner Schürze liegt, ist ein Stofftier mit stumpfem, struppigem Plüschfell und einem staubtrockenen Innenleben aus gepresster Holzwolle. Ich starre auf meine blutverschmierten Hände und beginne zu schreien. Doch die Schreie dringen nicht einmal bis an mein eigenes Ohr, sondern werden geschluckt von der Luft, die wie Watte ist.

»Nimm du das Ding hier!« Roland drückte mir meine heiß geliebte Pinguinleuchte in die Hand und wuchtete selbst die letzten beiden Bücherkisten aus dem klapprigen Ford Transit, der vor einer halben Stunde noch bis unters Dach mit meinem Hausstand beladen gewesen war. Während ich ein paar Dehnungsübungen für meinen schmerzenden Rücken machte, schleppte mein treuer Lakai die Kartons hinein, holte das ein oder andere Kleinmöbel aus dem Wagen und brachte schließlich die letzte Topfpflanze unversehrt an ihren neuen Bestimmungsort. Vor Erleichterung wurde mir warm ums Herz: Ich hatte es geschafft, der entscheidende Schritt war getan.

An diesem beschaulichen Ort hoffte ich die Muße zu finden, die ich für meinen seelischen Wiederaufbau dringend benötigte. Und was konnte der Rekonvaleszenz zuträglicher sein als eine schützende Zuflucht in der hintersten Ecke Deutschlands, fernab von allem Trubel und bar jedes Zeichens urbaner Zivilisation?

Ich hatte mir so viel frische Landluft verordnet, wie ich atmen konnte, dazu lange Ertüchtigungsspaziergänge und beschauliche Abende am Kamin. Auf diese Weise sollten die Wunden heilen, die mir das Schicksal in Gestalt einer kaum dem Kindergartenalter entwachsenen Rechtsanwaltsgehilfin mit Porzellanteint und auberginefarben präpariertem Haar zugefügt hatte.

Welche Frau sieht nicht rot, wenn sie, gerade noch in hausfraulicher Trance versunken, beim Staubsaugen unterm vorehelichen Bett plötzlich einen Lippenstift findet, der farblich nie und nimmer der eigenen Kollektion zugeordnet werden kann?

Nachdem die Dame sich auf diese Weise geoutet hatte, war meine Welt wie ein Kartenhaus zusammengefallen, doch nun war ich fest entschlossen, die Trümmer zu beseitigen und von vorn anzufangen.

»Jetzt haben wir uns eine schöne Tasse Kaffee verdient«, meinte Roland und schlurfte zum Bus, um seinen Picknickrucksack zu holen, den er vor Antritt der Fahrt gepackt hatte. Thermoskanne, Pappbecher, belegte Brötchen und ein Apfel wurden hervorgekramt und auf dem Küchentisch verteilt. Leider gab die Kanne nur noch einen halben Becher voll her, da mein Freund und Helfer bereits auf dem Hinweg nach 50 Kilometern ein sonniges Plätzchen angesteuert und die erste Brotzeit gehalten hatte. Mir war nichts anderes übrig geblieben, als ebenfalls anzuhalten und auf ihn zu warten.

Ich sah mich um und entdeckte einen Rest Kaffeepulver im Regal über der Spüle, sogar eine angebrochene Büchse Dosenmilch fand sich im Kühlschrank.

»Das wär doch gelacht, wenn ich mich in meinem Haus nicht zurechtfände!«, triumphierte ich und setzte die Kaffeemaschine in Gang. »Mein Haus«, das klang einfach wunderbar. Nun ja, rechtlich gesehen war es natürlich nicht meines, aber für die nächste Zeit würde ich ungehindert so tun können als ob. Thomas und Claudia hatten mir ihr Domizil großzügig überlassen, einzig mit der Auflage, es halbwegs in Schuss zu halten und die Blumen zu gießen. Die beiden arbeiteten als Entwicklungshelfer und hatten sich vor einigen Jahren diesen alten Bauernhof gekauft, um sich einen ruhenden Pol in ihrem bewegten Leben zu schaffen. Doch es zog sie immer wieder hinaus in die Welt, sie waren und blieben Vagabunden. Ihr neuestes Ziel hieß Mali; vor drei Tagen waren sie abgereist.

»Meinst du, Kaffee aus Tutanchamuns Grabkammer ist noch genießbar?«, fragte Roland und deutete grinsend auf die altägyptischen Motive, die die Kaffeedose zierten. »Wie alt mag der wohl sein?«

»Keine Ahnung, mir schmeckt er jedenfalls!«

»Zumindest ist er heiß.« Mein Umzugsgehilfe leerte sein Becherchen mit wenig vornehmen Schlurfgeräuschen und erhob sich. »Lass uns mal deine Sachen rauftragen. Hier unten ist ohnehin kein Platz dafür.«

In Küche und Wohnzimmer war es tatsächlich ziemlich eng. Außer altägyptischen Kaffeedosen gab es einiges, was dem Inventar jedes Völkerkundemuseums Konkurrenz gemacht hätte. Töpfe und Tiegel, Vasen und Wandbehänge, Speere und Schilde, Masken und Maskottchen drängten sich in den Räumen und grüßten stumm aus fernen Ländern. Dieses exotische Sammelsurium hatte durchaus Charme und wirkte recht behaglich, der Gegensatz zu der urdeutschen Dorfidylle draußen vor der Tür hätte allerdings nicht krasser sein können.

Wir schleppten meine Habseligkeiten in das Zimmer im ersten Stock, das die Hausbesitzer für mich leer geräumt hatten. Der Raum war recht groß und gut geschnitten. Zwei Fenster, die zur Südwestseite hinausgingen, sorgten für genügend Licht und gewährten einen freien Blick über den Hof. An der Wand hing ein großes Schild mit der Aufschrift »Herzlich willkommen«. Ich war gerührt.

»Tja, ich werd mich bald auf die Socken machen müssen«, erklärte Roland, nachdem wir unsere Arbeit beendet hatten.

Wir tranken noch einen Kaffee, und ich füllte ihm den Rest in seine Thermoskanne für den Fall, dass er auch auf dem Rückweg eine Pause machen wollte. Zum Abschied versprach er, in drei Wochen wiederzukommen, denn ich hatte ihn und seine Freundin Gabi eingeladen, das Wochenende in meinem neuen Heim zu verbringen. Bis dahin hoffte ich, mich bereits recht gut eingelebt zu haben.

Bevor Roland ging, konnte er es sich nicht verkneifen, mit beiden Händen meine Rechte zu ergreifen und mich mit einem langen, mitleidsvollen Blick zu bedenken. Diese unerwünschte Geste verringerte den Trennungsschmerz erheblich, und ich war froh, als sein Bus vom Hof rollte. Natürlich war Roland ein lieber, hilfsbereiter Kerl, und ich tat ihm Unrecht. Trotzdem konnte ich nicht verstehen, wie Gabi es tagtäglich mit diesem Menschen aushielt. Allerdings gab es momentan ohnehin keinen Mann, der vor meinem kritischen Auge Gnade gefunden hätte.

Es war erst gegen halb sechs, ich hatte also noch einen langen Abend vor mir. Zunächst bezog ich mein Bett, verteilte Handtücher, Waschutensilien und Zahnbürste im Bad und machte mich anschließend daran, mein Bücherregal aufzubauen. Erschöpft und hungrig ging ich nach getaner Arbeit hinunter in die Küche, um mir eine Dose Ravioli aufzuwärmen. Ich war nervös, das konnte ich nicht leugnen. Also beschloss ich, nicht allzu rigoros mit liebgewordenen Gewohnheiten zu brechen, den Kamin heute kalt zu lassen und mich stattdessen mit meinem Raviolitopf vor den Fernseher zu setzen. Es gibt nichts Beruhigenderes als einen alten »Tatort«.

Die einschläfernde Wirkung hielt jedoch nicht lange vor, und mich befiel wieder eine innere Unruhe. Ich tigerte im Wohnzimmer umher und besah mir ausführlich die Schätze aus aller Welt. Eine afrikanische Maske hatte es mir besonders angetan: Die Fratze des Dämons war kalkweiß geschminkt, der weit aufgerissene Schlund ein gähnendes schwarzes Loch. Die Augen traten aus den Höhlen und waren rot geädert, die Nüstern riesig und kreisrund. Mithilfe eines Bandes ließ sich das Ding sogar aufsetzen. Die Maske vor dem Gesicht lief ich in den Flur, um mich im Garderobenspiegel zu betrachten. Ich sah verdammt gruselig aus. Der Effekt ließ sich steigern, indem ich die erhobenen Hände zu Klauen krümmte und einen unsichtbaren Feind traktierte, von angsteinflößendem Fauchen und Grollen akustisch untermalt. Ich hängte den Dämon an seinen Platz zurück, ging unter die Dusche und ins Bett, wo ich prompt einschlief.

Entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten stand ich ziemlich früh auf. Ein Blick aus dem Fenster belohnte mich für meine Tapferkeit: Erst 9 Uhr, die Sonne strahlte, und wie hübsch die Landschaft aussah im goldenen Oktoberglanz! Ich beschloss, mich erst einmal im Dorf auf die Suche nach Kaffee und Brötchen zu machen. Tatsächlich fand ich schnell einen kleinen Laden, in dem man das Nötigste kaufen konnte. Neben dem Nötigsten gab es Nostalgisches, wie zum Beispiel einzeln käufliche Schokoküsse. Ich konnte nicht widerstehen und kaufte gleich vier Stück, die mir die etwas kuhäugig dreinblickende Verkäuferin in eine Papiertüte packte. Kaum dass sich die Ladentür mit schrillem Klingeln hinter mir geschlossen hatte, nahm ich einen heraus und biss hinein. Schlagartig wurde mir klar, dass dieses Exemplar wohl annähernd so alt war wie ich selbst. Fäden ziehend, zäh und klebrig haftete es besser an Zähnen und Lippen als eine geplatzte Kaugummiblase, der Geschmack hatte sich im Laufe der Jahre verflüchtigt.

Zurückgekehrt, nahm ich ein reichhaltiges Frühstück zu mir und machte mich...


Küpper, Michaela
Michaela Küpper ist freie Autorin und Redakteurin. Sie wurde im niederrheinischen Alpen geboren und ist in Bonn aufgewachsen. In Marburg studierte sie Soziologie, Psychologie, Politik und Pädagogik. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Königswinter am Rhein.



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