E-Book, Deutsch, 272 Seiten
Küster Hochsensibilität.
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7751-7551-7
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Den eigenen Weg finden
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-7751-7551-7
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Brigitte Küster (Jg. 1965) lebt in der Schweiz. Nach ihren Ausbildungen als psychologische Beraterin, Erwachsenenbildnerin und Traumatherapeutin spezialisierte sie sich auf die Beratung und Begleitung hochsensibler Menschen und deren Angehörigen. Sie gründete 2010 das schweizerische Institut für Hochsensibilität. Sie konzipierte unter anderem einen Lehrgang für Fachpersonen, der regelmässig durchgeführt wird. Sie ist im gesamten deutschsprachigen Raum eine gern gesehene Referentin auf Kongressen, führt Workshops und Seminare durch, begleitet Menschen in Einzelberatungen und liebt es, Bücher zu schreiben. Auch über den europäischen Raum hinaus hat sie Fachpersonen zum Thema Hochsensibilität ausgebildet. Eines ihrer besonderen Anliegen ist es, sich selbst ständig weiterzubilden und Menschen zum Erblühen zu bringen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Hochsensibilität. Verstehen
Grundsätzliches und Wissenswertes
Wie alles begann
Falls Sie erst kürzlich auf das Thema Hochsensibilität gestoßen sind, fängt die Geschichte für Sie erst jetzt an. Für mich begann sie 2008, als mich eine Freundin anrief und mir von einem Buch zum Thema erzählte. Für Elaine Aron, Klinische Psychologin aus San Francisco, mag sie Anfang der 1990er-Jahre begonnen haben, als sie diesen Wesenszug systematisch erforschte und ihr erstes Buch darüber schrieb. Im deutschsprachigen Raum fiel der Startschuss ein paar Jahre später, Anfang des neuen Jahrtausends, als Arons Bücher erstmalig auf Deutsch erschienen. In der Geschichte insgesamt liegt der Startpunkt schon wesentlich früher.
Tatsächlich war bereits den Menschen im Altertum bewusst, dass sich Menschen in ihrer Empfindsamkeit unterscheiden. Entgegen der Meinung vieler Kritiker, Hochsensibilität sei eine Modeerscheinung und ein »Zeitgeistthema«, kann ich aufgrund meiner intensiven Beschäftigung damit sagen, dass es seit jeher sehr sensible Menschen gegeben hat. Allerdings lässt sich beobachten, dass aktuell wohl erstmalig in der Geschichte Hochsensibilität in der breiten Öffentlichkeit sehr viel Aufmerksamkeit erhält und sich viele Menschen mit diesem Begriff identifizieren. Dabei werden durch einseitige Berichterstattung in den Medien und lückenhaftes Allgemeinwissen Missverständnisse geschürt.
Es gibt viele Theorien darüber, weshalb immer mehr Menschen empfindlich auf Reize reagieren. Während Empfindlichkeit im öffentlichen Sprachgebrauch negativ gefärbt ist (»Sei nicht immer so empfindlich«), aber durchaus auch Sensibilität einschließt, geht der Begriff der Empfindsamkeit auf die Zeit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts zurück, die man auch als Zeitalter der Empfindsamkeit bezeichnet.5 In der damaligen Auffassung wurde überschwängliches Gefühl nicht als Makel betrachtet, sondern als Merkmal eines sittlichen Menschen. Wie Tom Falkenstein schreibt, gehörte das Kultivieren der Empfindsamkeit zum guten Ton, vor allem bei Männern aus gutem Hause.6 Es ist also nicht falsch, von Empfindlichkeit zu sprechen, wenn wir Hochsensibilität einen. Ich bevorzuge dennoch den Begriff Empfindsamkeit, weil er auch das positive Reagieren auf Reize in den Fokus nimmt.
Zu den angesprochenen Theorien gehört die Auffassung, dass die Böden, auf denen Ackerbau betrieben wird, durch Misswirtschaft (übertriebene Ertragssteigerung durch Düngemittel und den Einsatz von Pestiziden) belastet und ausgelaugt sind und dadurch die Lebensmittel weniger vollwertig sind. Dadurch können Mangelzustände im menschlichen Organismus entstehen, und möglicherweise reagieren hochsensible Menschen darauf besonders stark. Ein Arzt hat mir einmal erläutert, dass das hochsensible Gehirn mit Spitzensportlern zu vergleichen ist und dass es deshalb genauso viel Energie benötigt wie diese.
Aufgrund dieser Zusammenhänge werden Nahrungsmittelergänzungspräparate im Zusammenhang mit Hochsensibilität diskutiert.7 Wie Anne-Barbara Kern schreibt, stellt Nahrungsergänzung alleine aber nicht die Lösung aller Probleme dar. Durch die Mittel wird lediglich die Energie zur Verfügung gestellt, damit das Gehirn leistungsfähiger ist und mentale Techniken wirkungsvoller sind. Kern stellt klar, dass alte Verhaltensmuster dadurch nicht verändert werden und negative Muster sogar durch die erhöhte Energiezufuhr verstärkt oder wiedererweckt werden können.8 Deshalb sollten Nahrungsergänzungsmittel nur unter Beobachtung und Begleitung von Fachpersonen eingenommen werden.
Nicht alles, was empfindlich ist, ist hochsensibel. Die Tendenz, alles, was nur annähernd empfindsam ist, mit Hochsensibilität in einen Topf zu werfen, beobachte ich daher mit Sorge. Vieles wird miteinander vermischt und verwechselt. Durch Halbwissen verbreiten sich unseriöse Ansichten darüber, was Hochsensibilität ist, und es werden Ressentiments geschürt mit Aussagen und Fragen wie: »Sind das diese Mimosen?«, »Für Weicheier ist kein Platz in dieser Welt«, oder: »Sensible Menschen sind nicht belastbar.« Menschen sind weder nur »verletzlich« oder nur »belastbar«, wie es die Berichterstattung in den Medien oft nahelegt.
Deshalb ist viel seriöse Aufklärungsarbeit nötig und dieses Buch möchte seinen Beitrag dazu leisten, indem es Hochsensibilität beschreibt und von anderen Phänomenen abgrenzt.
Was ist Hochsensibilität?
Um diesen Wesenszug zu verstehen, ist es hilfreich, zu wissen, was Hochsensibilität nicht ist. Wie ich oben dargelegt habe, ist Hochsensibilität keine »Modeerscheinung« und kein »Zeitgeistthema«. Ebenso wenig ist es eine Krankheit oder eine Störung, obwohl manche medizinische Fachleute Hochsensibilität als Begleiterscheinung von psychischen Störungen verstehen. Tatsächlich gibt es Störungsbilder, bei denen eine »erhöhte Sensibilität und Erregbarkeit« zu den Diagnosekriterien gehören. Diese treten zum Beispiel nach einem erlittenen Trauma auf (siehe Posttraumatische Belastungsstörung, S. 116). Wenn Sie sich mit dem Thema befassen, werden Sie jedoch erkennen, dass Hochsensibilität viel komplexer ist und die erhöhte Empfindsamkeit nur einen Teil, wenn auch einen beträchtlichen, davon ausmacht.
ERSTE FORSCHUNGSERGEBNISSE ZU EMPFINDSAMKEIT
Wenn Hochsensibilität also keine »Erfindung« unserer Zeit und keine Krankheit ist, was ist es dann? Die Antwort liegt in der Persönlichkeit des Menschen an sich. So verschieden Menschen auch sind, in Aussehen, Sprache, Kultur, Lebensstil und ökonomischem Status, so ähnlich sind sich manche doch in grundlegenden Wesensmerkmalen. Die erhöhte Empfindsamkeit ist so ein Wesensmerkmal, das in der gesamten Menschheit vorkommt.
Diese Erkenntnis veranlasste den amerikanischen Kinderarzt Thomas Boyce dazu, in seiner Eigenschaft als Professor für Pädiatrie und Psychiatrie an der University of California in San Francisco die Temperamentsunterschiede eingehend zu erforschen. In Laboruntersuchungen testete er mit seinem Team die Stressreaktivität von Kindern, indem er ihnen Zitronensaft zu schmecken gab, sie Fragen beantworten ließ, ihnen einen traurigen Film vorführte und sie Zahlenreihen auswendig lernen ließ – alles Aufgaben, bei denen ein Teil der Kinder hohe Aktivierungsstressreaktionen zeigte.9 Dabei kristallisierte sich heraus, dass es sich um einen bestimmten Anteil der Probanden handelte. Etwa 20 Prozent der Kinder reagierten auf diese Weise stark. Weitere Forschungsergebnisse brachten Boyce und sein Team zu dem Schluss, dass es sich um ein Temperamentsmerkmal handelte, von dem ein stets gleichbleibender Prozentsatz (eben das oben erwähnte Fünftel) »betroffen« war.
Das, was wir heute unter Hochsensibilität verstehen, ist also ein Wesenszug, der zu einem bestimmten Prozentsatz in der Menschheit vorkommt. Nicht mehr und nicht weniger. Das Wissen, dass jemand mit diesem Merkmal ausgestattet ist, lässt keine Rückschlüsse darauf zu, ob diese Person Schwierigkeiten im Leben haben oder gar Krankheiten oder Störungen entwickeln wird. Denn auch das fand Boyce heraus: Je nachdem, ob die Kinder in einer liebevollen und förderlichen Umgebung aufwuchsen oder nicht, blühten sie entweder auf und entwickelten sich großartig, oder aber sie hatten mit Schwierigkeiten zu kämpfen und blieben weit hinter ihrem Potenzial zurück. Diese Erkenntnis ist bahnbrechend, denn es gilt als erwiesen, dass es nicht das Temperamentsmerkmal an sich ist, welches über »Gedeih und Verderb« entscheidet, sondern die Umgebungsbedingungen. Die Ansicht, Hochsensible seien von Natur aus verletzlich und nicht belastbar, ist also ein Mythos, der durch diese Untersuchungen widerlegt wird.
WAS ÄNDERT SICH?
Halten wir fest: Hochsensibilität (oder die erhöhte Empfindsamkeit, von der Boyce spricht) ist eine Disposition, eine Veranlagung, welche zu einem bestimmten Prozentsatz in der Menschheit vorkommt und als Wesensmerkmal weder gut noch schlecht, sondern neutral ist. Das bedeutet zweierlei: Einerseits sind die Unterschiede zwischen hochsensiblen und normalsensiblen Menschen real, andererseits stellt die Veranlagung zur Hochsensibilität keine Entschuldigung für ein egozentrisches oder ein extremes Rückzugs- und Schonverhalten dar.
Trotzdem kann es sehr sinnvoll sein, herauszufinden, ob man zu der Personengruppe der empfindsamen Menschen gehört, einerseits, weil man sich selbst dann besser versteht, andererseits, damit man sein zukünftiges Leben mit dieser Veranlagung gestalten kann und nicht länger dagegen ankämpfen muss.
Ich weiß aus eigener Erfahrung, welchen Unterschied dies machen kann. Bevor mich der Begriff Hochsensibilität gefunden hat, war ich der Meinung, es sei meine Schuld und praktisch mein »Versagen«, dass ich so empfindsam bin. Mit dem Wissen über diese Veranlagung konnte ich mein bisheriges Leben und meine Kindheit ganz anders einordnen und plötzlich bekam alles einen Sinn. Ich verstand mein Verhalten und begriff, dass viele Hürden in meinem Leben darauf zurückzuführen waren, dass ich gegen meine Veranlagung angekämpft hatte, oftmals aus dem Versuch heraus, mich der normalsensiblen Mehrheit anzupassen. Nun versuche ich schon seit einigen Jahren, mein Leben im Einklang mit meiner hochsensiblen Veranlagung zu gestalten. Das gelingt nicht immer gleich gut, aber unter dem Strich viel besser als früher. Aus diesen Erfahrungen heraus bin ich überzeugt, dass jeder Mensch, der hochsensibel ist oder als Elternteil oder pädagogisch/psychologisch tätige Person besonders empfindsame Kinder betreut, seinen ganz eigenen Nutzen aus diesem Wissen schöpfen kann.
Vielleicht erleben Sie auf diesem Weg auch Überraschungen. Möglicherweise sind Sie davon überzeugt, hochsensibel...




