Kufsteiner | Der Bergdoktor 2097 | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 64 Seiten

Reihe: Bastei Lübbe

Kufsteiner Der Bergdoktor 2097

Teil meines Herzens
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7517-2181-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Teil meines Herzens

E-Book, Deutsch, 64 Seiten

Reihe: Bastei Lübbe

ISBN: 978-3-7517-2181-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Vor einem Jahr ist Floras Mann ums Leben gekommen. Sein Tod hat eine Lücke hinterlassen, die sich nicht schließen will. Dazu leidet sie unter wiederkehrenden Schmerzen in der Brust. Anfangs hat sie sie ignoriert, aber eines Abends werden ihre Beschwerden schlimmer, und sie kommt in die Notaufnahme.
Die Ärzte stellen fest, dass ihre linke Herzkammer aufgebläht ist und ihr Herz zu wenig Blut pumpt. Es ist kein Infarkt, nein, Flora leidet am Broken-Heart-Syndrom.
Jetzt ist klar, dass sie etwas unternehmen muss, will sie nicht an ihrer Trauer zerbrechen. Sie beschließt, in die Berge zu ziehen und ganz neu anzufangen.
Zunächst scheint sich im idyllischen St. Christoph tatsächlich alles zum Guten zu wenden. Vor allem die innige Freundschaft mit ihrem Nachbarn tut ihr gut. Doch dann kehren Floras Beschwerden ganz plötzlich zurück. Schlimmer denn je. Als Notfall sucht sie Hilfe bei Dr. Burger ...

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Teil meines Herzens

Der größte Schatz ist die Liebe, der größte Schmerz ihr Verlust

Von Andreas Kufsteiner

Vor einem Jahr ist Floras Mann ums Leben gekommen. Sein Tod hat eine Lücke hinterlassen, die sich nicht schließen will. Dazu leidet sie unter wiederkehrenden Schmerzen in der Brust. Anfangs hat sie sie ignoriert, aber eines Abends werden ihre Beschwerden schlimmer, und sie kommt in die Notaufnahme.

Die Ärzte stellen fest, dass ihre linke Herzkammer aufgebläht ist und ihr Herz zu wenig Blut pumpt. Es ist kein Infarkt, nein, Flora leidet am Broken-Heart-Syndrom.

Jetzt ist klar, dass sie etwas unternehmen muss, will sie nicht an ihrer Trauer zerbrechen. Sie beschließt, in die Berge zu ziehen und ganz neu anzufangen.

Zunächst scheint sich im idyllischen St. Christoph tatsächlich alles zum Guten zu wenden. Vor allem die innige Freundschaft mit ihrem Nachbarn tut ihr gut. Doch dann kehren Floras Beschwerden ganz plötzlich zurück. Schlimmer denn je. Als Notfall sucht sie Hilfe bei Dr. Burger ...

Es war ein Wetter zum Fürchten: Bleigraue Wolkenberge schoben sich über den Himmel und ließen den Abend früher als sonst anbrechen. Der Horizont schien in einem unheilvollen Violett zu glimmen. Die Berggipfel verschwanden hinter den Schwaden. An ihrer Stelle zeichneten sich Blitze über dem Zillertal ab. Sie zucken über das Dunkel, schienen einander zu jagen und waren fort, ehe das Auge sie genauer erfassen konnte.

Noch war der Donner nichts als ein fernes Grollen, aber nach dem schwülheißen Sommertag schien die Luft aufgeladen und nur darauf zu warten, dass sich das Unwetter entlud. Ein schneidender Wind fauchte über die Berge, wirbelte Blätter über die Gassen von St. Christoph und trieb die Wolken näher.

Kaum jemand war bei diesem Wetter noch unterwegs. Wer konnte, hatte sich bereits in die sicheren vier Wände seines Zuhauses oder seines Ferienquartiers geflüchtet. Lediglich ein Traktor tuckerte noch die Dorfstraße hinauf, und ein Urlauberpaar lief mit langen Schritten dem Hotel entgegen.

Auch in der Praxis des Bergdoktors ließ der Betrieb nach. Bärbel Tannauer, die Sprechstundenhilfe, war bereits vor einer halben Stunde gegangen. Dr. Burger hatte sie heimgeschickt, damit sie rechtzeitig vor dem Unwetter zu Hause war.

Gerade hatte er seine letzte Patientin für diesen Tag verabschiedet, als ein junger Mann durch die Eingangstür spähte.

»Würden S' mich noch drannehmen, Herr Doktor?«, fragte er und stöhnte.

»Albert?« Alarmiert sah Dr. Burger den Rauchfangkehrer an.

Albert Plattner wohnte nur einen Steinwurf entfernt. Er kümmerte sich um die Pflege der Schornsteine und den Brandschutz im Dorf, ging in jeder freien Minute klettern und war aktives Mitglied der Bergwacht.

Seine Haut war sonnengebräunt, und seine braunen Augen blickten normalerweise sanft und offen in die Welt. An diesem Abend lag eine Spur Schmerz darin. Er reckte dem Bergdoktor seine Hände entgegen, an denen sich blutige Wunden abzeichneten. Als er den Kopf drehte, waren auch die blutverkrusteten braunen Haare an seinem Hinterkopf zu sehen.

»Natürlich nehme ich dich dran. Komm gleich mit ins Behandlungszimmer. Was ist denn geschehen?«

»Ein Bussard hat mich angegriffen. Ich bin wohl auf dem Heimweg seinem Nest zu nahe gekommen.« Albert blickte auf seine blutenden Hände. »Ich konnte ihn abwehren, aber erst hat er tüchtig auf mich eingehackt.«

»Lass mal sehen.« Dr. Burger untersuchte die Verletzungen. »Die Wunden sind net tief, aber ziemlich groß. Ich muss sie säubern, sonst könnten sie sich entzünden. Die Krallen eines Bussards sind alles andere als steril.«

»Das glaub' ich gern.« Albert verzog das Gesicht.

Dr. Burger holte ein Mittel zur Wunddesinfektion, Pflaster und Verbandmull.

»Es könnte ein bisserl brennen«, warnte er seinen Patienten.

»Das halt' ich schon aus. Wir Kaminkehrer sind hart im Nehmen.«

»Zum Glück bist du net vom Dach gestürzt.«

»Viel gefehlt hat net. Ich war gerade beim Angerer, nach dem Rechten schauen. Wenn mich der Vogel dort attackiert hätte, wäre es anders ausgegangen.«

»Greifvögel greifen immer den höchsten Punkt an. Das ist meistens der Kopf. Wenn man einen Ast zur Hand hat, sollte man den über sich halten, dann wird der stattdessen attackiert.«

»Wenn das so ist, halte ich beim nächsten Mal meinen Bartwisch hoch. Lieber ein malträtierter Kehrbesen als ein malträtierter Kopf.« Albert zog den Atem ein, als der Bergdoktor die Wunde an seinem Hinterkopf abtupfte. Sie blutete immer noch, deshalb versorgte er sie mit einem Verband. Anschließend kamen die Hände und Unterarme seines Patienten an die Reihe. Sorgfältig versorgte er die Schrammen.

»Fertig.« Er richtete sich wieder auf. »In ein paar Tagen sollte es besser sein. Du musst nur aufpassen, wenn sich eine Wunde erwärmt, kündigt sich eine Infektion an. Dann komm bitte schleunigst wieder zu mir.«

»Mach ich.«

Wumm! Ein Donnerschlag vor dem Fenster löste fast zeitgleich einen Blitz ab. Unbemerkt war das Gewitter näher gekommen und tobte sich nun über dem Tal aus. Dicke Regentropfen trommelten gegen die Scheiben und liefen in Rinnsalen daran hinab.

»Bei diesem Wetter solltest du net draußen herumlaufen. Magst du das Gewitter bei uns abwarten?«, bot Dr. Burger ihm an.

»Ich möchte Ihnen net zur Last fallen. Schlimm genug, dass ich in Ihren Feierabend geplatzt bin.«

»Das bist du net. Meine Sprechstunde hat heute wieder länger gedauert. Das macht aber nix. Du kannst das Wetter gern hier abwarten und mit uns essen.«

»Mei, das würde ich wirklich gern, wenn es net zu viel verlangt ist. Daheim wartet nur ein leerer Sessel und eine Packung Mikrowellennudeln auf mich.« Albert strich sich über die Stirn, und ein bekümmerter Ausdruck huschte über sein rundes Gesicht. »Dass ich mit neunundzwanzig noch allein sein würde, hätte ich net erwartet. Wissen Sie, die meisten meiner früheren Schulfreunde haben längst eine Frau, viele haben schon Kinder. Nur bei mir will es einfach net klappen.«

»Das hört sich so an, als hättest du Sehnsucht nach einer eigenen Familie.«

»Ja, nur leider ist es net so einfach, ein Madel zum Heiraten zu finden. Ich suche die Richtige, bei der alles passt, eine fürs Leben. Meine Eltern sind seit über vierzig Jahren zusammen, sie kennen einander so gut, dass einer die Sätze des anderen zu Ende führen kann. So etwas wünsche ich mir auch.«

»So eine Beziehung muss wachsen. Die hat man net von Anfang an. Man muss Geduld haben. Dann stellt sich das Glück auch irgendwann ein.«

»Wer weiß. Ich dachte schon einmal, ich hätte es gefunden, aber dann war es plötzlich vorbei. Sie meinte, ich wäre schon mit meinem Beruf verheiratet. Damals war ich empört, habe das von mir gewiesen, aber heute weiß ich, dass sie net unrecht hatte. Ich liebe es, mein eigener Chef zu sein, aber es hängt eine Menge Arbeit und wenig Freizeit daran.«

»Irgendwann wird die Richtige vor dir stehen.«

»Wer weiß. Womöglich ist es mein Schicksal, als Rauchfangkehrer immer nur anderen Glück zu bringen.« Albert zog die Schultern hoch.

Vor dem Fenster polterten zwei Donnerschläge auf einmal.

Der Bergdoktor schaltete seinen Computer aus und hängte den Kittel an einen Haken. Dann nahm er seinen Patienten mit nach nebenan.

***

Dr. Burger wohnte er mit seiner Familie und seiner Wirtschafterin in einem hübschen, gepflegten Alpenhaus am Ende der Kirchgasse. Seine Praxis war im Anbau untergebracht.

Aus der Küche drang der süße Duft von Kaiserschmarrn.

»Mei, Zenzi, das riecht aber lecker«, stellte Martin Burger fest.

»So soll's auch sein.« Mit geröteten Wangen rührte die Bachhuber-Zenzi in einer großen Pfanne. »Das Abendessen ist gleich fertig. Sabine badet oben das Laura-Mauserl, danach kommt sie herunter.«

»Reicht das Essen für Albert mit? Ich hab ihn eingeladen.«

»Freilich. Ich hab extra mehr gemacht. Ich hab mir schon so etwas gedacht, als ich den Albert durch den Garten laufen sah. Bei diesem Wetter ist es besser, man ist net draußen unterwegs. Keine Sorge, wir haben genug zu essen.«

»Wirklich?«, meldete sich Pankraz Burger skeptisch zu Wort. »Sollten wir net vorsichtshalber noch mehr machen?«

»Keine Bange, das reicht schon.« Zenzi schielte bezeichnend auf das Bäuchlein des alten Arztes.

Daraufhin zog er prompt die Luft ein.

»Setzt euch ruhig schon«, lud Zenzi sie ein und wedelte mit dem Pfannenwender zu dem liebevoll gedeckten Esstisch. »Ich bringe gleich noch ein Gedeck.«

Trotz des langen Arbeitstages war ihre weiße Schürze blitzsauber, und das blaue Dirndl darunter wies keinen Knitter auf. Zenzi war seit vierzig Jahren die gute Seele des Doktorhauses. Martin Burger konnte sich sein Zuhause ohne sie überhaupt nicht vorstellen.

Er wollte seinem Patienten gerade eine Flasche Kräuterlimonade anbieten, als die beiden...



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