Kufsteiner | Der Bergdoktor 2100 | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 64 Seiten

Reihe: Bastei Lübbe

Kufsteiner Der Bergdoktor 2100

Leben im Verborgenen
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7517-2184-4
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Leben im Verborgenen

E-Book, Deutsch, 64 Seiten

Reihe: Bastei Lübbe

ISBN: 978-3-7517-2184-4
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das Weingut Königshof, an der sonnigen Südseite des Feldkopfs gelegen, ist ein Familienunternehmen mit langer Tradition. Georg Zacharias leitet den Betrieb nun in fünfter Generation. Bekannt für Grauburgunder und hochwertige Landweine hat der Königshof einen erstklassigen Namen. In jeder Generation gab es eine Weinkönigin, die das Tiroler Land charmant vertreten hat. Auch Saskia, die ältere Tochter von Georg und Vroni Zacharias, hat dieses Amt bereits mit Bravour ausgefüllt.
Das harmonische Bild von Geschäft und Privatleben entspricht allerdings nicht ganz der Wahrheit. Denn während Saskia von ihren Eltern verwöhnt und nahezu in den Himmel gehoben wird, fristet ihre taubstumme Schwester Miriam ein elendes Leben im Schatten ...

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Leben im Verborgenen

Arbeit und Pflichten – mehr kannte sie nicht

Von Andreas Kufsteiner

Das Weingut Königshof, an der sonnigen Südseite des Feldkopfs gelegen, ist ein Familienunternehmen mit langer Tradition. Georg Zacharias leitet den Betrieb nun in fünfter Generation. Bekannt für Grauburgunder und hochwertige Landweine hat der Königshof einen erstklassigen Namen. In jeder Generation gab es eine Weinkönigin, die das Tiroler Land charmant vertreten hat. Auch Saskia, die ältere Tochter von Georg und Vroni Zacharias, hat dieses Amt bereits mit Bravour ausgefüllt.

Das harmonische Bild von Geschäft und Privatleben entspricht allerdings nicht ganz der Wahrheit. Denn während Saskia von ihren Eltern verwöhnt und nahezu in den Himmel gehoben wird, fristet ihre taubstumme Schwester Miriam ein elendes Leben im Schatten ...

Es war ein goldener Oktobermorgen. Als die Sonne sich über die Spitze des Feldkopfs schob, hoben sich die herbstlichen Nebel. Der Himmel strahlte bald in tiefem Blau, und das bunte Laub der Bergwälder leuchtete in allen Nuancen von Gold bis Kupfer.

Der kleine Ort St. Christoph im Tiroler Zillertal lag ein wenig abseits der bekannten Tourismusrouten. Hier gingen die Uhren noch anders. Man erreichte das idyllische Dorf nur über eine schmale Bergstraße, die sich in vielen Serpentinen emporschlängelte.

Die Menschen, bodenständige Gebirgler, lebten von der Landwirtschaft, den Forsten und freilich auch von einem sanften Fremdenverkehr, der aber der gepflegten Landschaft nicht schaden sollte. Das bestimmte der Gemeinderat unter Federführung des ehrenamtlichen Ortsvorstehers Toni Angerer. Und dahinter standen alle Einwohner des Tals von St. Christoph und auch der umliegenden Ortschaften. Man liebte seine Heimat und schützte, was einem wert und teuer war.

Neben der traditionellen Landwirtschaft wurde an der sonnigen Südseite des Feldkopfs, der höchsten Erhebung im Tal, auch Wein angebaut. Der Tiroler Tropfen führte neben seinem Bruder aus dem Süden eher ein Schattendasein, da er weniger bekannt war. Doch wer ihn kannte, schätzte ihn für seinen besonderen Charakter.

Viele Sonnenstunden ließen Trauben reifen, die süß und zugleich würzig waren. Mancher Genießer war sogar der Meinung, dass sie den Duft der klaren Bergluft eingefangen hätten. Im Laufe der Jahre hatten viele Winzer aufgegeben, kleinere Betriebe waren verschwunden. Wer heutzutage noch produzierte, setzte auf Nischen: Bioweine, kleine, feine Marken, die unter Kennern sehr geschätzt wurden.

Einer dieser Betriebe war der Königshof der Familie Zacharias. In einem vollsonnigen Hochtal an der Südseite des Feldkopfs fand sich das traditionsreiche Anwesen, erbaut im Tiroler Stil mit einem tiefgezogenen Schindeldach, umlaufenden Holzbalkonen und weiß gekalkter Fassade, auf der kunstvolle Lüftelmalereien von einst und heute erzählten.

Georg Zacharias leitete den Betrieb in fünfter Generation. Freilich hatte es Zeiten gegeben, in denen die Südhänge nicht geschnitten worden waren, weil es keinen Markt für den Wein aus dem Zillertal gegeben hatte.

Georgs Vater hatte auf Milchvieh umgestellt, doch letztendlich war die Familie dem treu geblieben, was den Königshof ausmachte: den goldenen, von der Sonne verwöhnten Tropfen mit so klingenden Namen wie »Grauer Halbedelstein« oder »Sonnenuhr«. Man produzierte kleine Mengen von höchster Bioqualität und hatte feste Abnehmer in der Spitzengastronomie ebenso wie unter privaten Weinkennern.

Georg hatte es in mehr als drei Jahrzehnten geschafft, ganz zum Weinbau zurückzukehren, und mit seinen edlen Tropfen manche Goldmedaille auf den Leistungsschauen des Landes gewonnen.

Freilich war es auch Tradition, dass in jeder Generation eine Weinkönigin vom Königshof kam, die charmant für die edlen Tropfen Werbung machte.

Die ältere Tochter von Georg und seiner Frau Vroni hatte diese Aufgabe im vergangenen Jahr mit Bravour gemeistert. Saskia Zacharias war nicht nur ein bildsauberes Madel mit glänzenden, kastanienbraunen Locken und tiefblauen Augen, sie war auch ausgebildete Weinbauerin und eiferte ihrem Vater nach, denn eines Tages sollte sie den Königshof übernehmen.

Dass sie sich vor einer Weile mit dem Jungbauern Matthias Elmhorst aus St. Christoph verlobt hatte, war den Eltern zwar recht, denn Matthias kam von einem großen Erbhof, war also eine gute Partie. Dennoch hätte sich Georg einen Schwiegersohn »vom Fach« gewünscht. Er wollte nicht, dass der Königshof irgendwann von der Bildfläche verschwand, wie so viele andere Winzerhöfe in den letzten Jahrzehnten.

Allerdings war Saskia nicht die einzige Tochter des Ehepaares Zacharias. Sie hatte noch eine jüngere Schwester: Miriam. Man hätte also annehmen können, dass die Chancen auf einen Schwiegersohn, der einmal den Königshof weiterführen würde, gar nicht so schlecht standen.

Doch für ihren Vater stand dies nicht zur Debatte. Miriam existierte in Georgs Denken und in seinen Plänen für die Zukunft nicht.

Das hübsche Madel mit den langen, dunklen Haaren und den nussbraunen Augen war für ihn eine Unperson. Er schaute sie nie an, er sprach kein Wort mit ihr. Er bestand darauf, dass sie ihre Mahlzeiten in der Küche einnahm. Und es war zudem ein unausgesprochenes Tabu in der Familie Zacharias, dass nicht einmal Miriams Name genannt werden durfte.

***

An diesem sonnigen Oktobermorgen war Miriam wie stets sehr zeitig aufgestanden und hatte bereits einen Teil der Hausarbeit erledigt. Sie war gelernte Hauswirtschafterin und in allem überaus geschickt und fleißig. Als das Frühstück für die Eltern und das Gesinde auf dem Tisch stand, hatte sie sich bereits an die große Wäsche gemacht und hängte diese nun auf die langen Leinen hinter dem Haus.

Während sie dies tat, schweifte ihr Blick immer wieder kurz ab und verlor sich für ein paar Sekunden in der majestätischen Bergwelt ringsum.

Die sechs Berge, die St. Christoph umgaben, die weiter entfernten Gipfel der Tiroler Alpen, die Wälder auf den Höhen in ihrem bunten Herbstschmuck, das strahlende Gold der Lärchen vor dem klaren Blau des Himmels. All diese farbreichen Eindrücke ließen das Herz des Madels höherschlagen, das nicht sprechen und nicht hören konnte, aber einen untrüglichen Sinn für Farben und ein großes Talent zum Malen besaß.

All dies jedoch musste Miriams Geheimnis bleiben, so, wie ihr ganzes Leben nur im Verborgenen stattfand, zwischen der Arbeit im Haushalt, ihren Aufgaben und Pflichten. Denn sonst kannte das Madel nichts, nur daraus sollte und durfte sein Dasein bestehen.

Wer das bestimmte? Wer dies einem Madel von dreiundzwanzig Jahren einfach vorschrieb, sich das Recht nahm, zu dirigieren, wohin der Lebensweg führen durfte und wohin nicht? Kein anderer als Georg Zacharias. Und niemand auf dem Königshof widersprach ihm, niemand stellte sich auf Miriams Seite und setzte sich für sie ein.

Vroni schwieg über das Los ihrer jüngsten Tochter. Saskia hatte kaum je einen Gedanken an das Wohl und Wehe ihrer Schwester verschwendet. Und Miriam selbst wagte nicht, sich zu widersetzen. Wie sollte sie sich auch zurechtfinden in der Welt dort draußen?

Sie hatte sich abgefunden mit ihrem Schicksal, fügte sich unter das Joch, das der Vater ihr aus reiner Willkür auferlegt hatte.

Wäre da nicht Dr. Burger gewesen, der Bergdoktor von St. Christoph, so hätte sie wohl auch niemals eine Schule von innen gesehen. Martin Burger hatte sich für das Madel eingesetzt und dafür gesorgt, dass Miriam eine spezielle Schule besuchen durfte, wo sie die Gebärdensprache erlernen konnte.

Dass sie dort zu einer der besten Schülerinnen geworden war, dass man ihr Talent fürs Malen entdeckt hatte, all das hatte dem Bauern gar nicht gepasst. Er hatte es im Stillen Dr. Burger angelastet, der sich in Dinge eingemischt hatte, die ihn nichts angingen.

Georg Zacharias hatte zumindest verhindert, dass Miriam auch noch auf eine Kunstschule ging, wie Dr. Burger es vorgeschlagen hatte. Er hatte dafür gesorgt, dass sie das Wirtschaften lernte und so ihre Mutter daheim entlasten konnte. Dass dies im Rahmen einer regulären Ausbildung an der Hauswirtschaftsschule in Schwaz geschehen war, betrachtete der Weinbauer als großes Entgegenkommen. Denn eigentlich verdiente Miriam gar nichts, und er war ihr erst recht nichts schuldig.

Nachdem die Wäsche aufgehängt war und im frischen Wind flatterte, nahm Miriam einen kleinen Block aus der Tasche ihres Kittels und umriss mit raschen, sicheren Strichen das Panorama der Bergspitzen. Sie hatte es schon sehr oft gezeichnet, zu allen Tages- und Jahreszeiten. Es reizte sie immer wieder, denn es wirkte jedes Mal ganz anders, je nachdem wie das Licht einfiel, die Sonne stand, die Wolken zogen. Aus den Skizzen mit Bleistift fertigte sie dann in ihrer Kammer Aquarelle an, die die Stimmung des Augenblicks erstaunlich gut einfingen.

Diese Kunstwerke, die mittlerweile zu einem kleinen Schatz herangewachsen waren, sammelte Miriam in einer Mappe, die in der Kommode unter ihren Kleidern versteckt wurde. Sie wusste nur zu gut, was passieren würde, wenn sie dem Vater in die Hände fielen. Schon einmal, vor Jahren, hatte er...



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