E-Book, Deutsch, 64 Seiten
Reihe: Bastei Lübbe
Kufsteiner Der Bergdoktor 2151
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7517-3887-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wein dich aus in meinen Armen
E-Book, Deutsch, 64 Seiten
Reihe: Bastei Lübbe
ISBN: 978-3-7517-3887-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Vor einer Woche hat Sebastian Brandner von Dr. Burger die Diagnose bekommen, woher die Sensibilitätsstörungen in seinen Beinen und Füßen kommen: Er leidet an Multipler Sklerose, einer chronisch entzündlichen Erkrankung des zentralen Nervensystems. Nun muss der Jungbauer, der mit seinem Biohof große Pläne hatte, seine Zukunft neu überdenken. Nicht umsonst wird Multiple Sklerose 'die Krankheit mit den tausend Gesichtern' genannt, denn ihr Verlauf nur schwer abzuschätzen.
Doch das Schicksal scheint auch Positives für Sebastian bereitzuhalten. Denn ausgerechnet in dieser schweren Zeit begegnet er Hannah wieder. Beide spüren sie die tröstliche Magie, die die Nähe des anderen bewirkt. Nur von einer gemeinsamen Zukunft zu träumen, ist ein Tabu ...
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Wein dich aus in meinen Armen
Sucht Hannah Trost beim falschen Mann?
Von Andreas Kufsteiner
Vor einer Woche hat Sebastian Brandner von Dr. Burger die Diagnose bekommen, woher die Sensibilitätsstörungen in seinen Beinen und Füßen kommen: Er leidet an Multipler Sklerose, einer chronisch entzündlichen Erkrankung des zentralen Nervensystems. Nun muss der Jungbauer, der mit seinem Biohof große Pläne hatte, seine Zukunft neu überdenken. Nicht umsonst wird Multiple Sklerose »die Krankheit mit den tausend Gesichtern« genannt, denn ihr Verlauf ist nur schwer abzuschätzen.
Doch das Schicksal scheint auch Positives für Sebastian bereitzuhalten. Denn ausgerechnet in dieser schweren Zeit begegnet er Hannah wieder. Beide spüren sie die tröstliche Magie, die die Nähe des anderen bewirkt. Nur von einer gemeinsamen Zukunft zu träumen, ist ein Tabu ...
»Der letzte Patient für heute wäre dann der Sebastian Brandner, Herr Doktor«, meldete Bärbel Tannauer, die fesche blonde Sprechstundenhilfe des Bergdoktors.
»Nur hereinspaziert mit dem jungen Mann«, gab dieser launig zurück, obwohl ihm schwer ums Herz war. Denn bei Sebastian ging es nicht nur um einen harmlosen Schnupfen. »Setz dich bitte«, forderte er den Jungbauern auf, nachdem Bärbel ihn hereingeführt hatte. »Wie ist es dir ergangen?«
Vor einer Woche war Sebastian Brandner bei ihm gewesen und hatte über Sensibilitätsstörungen in den Füßen und Beinen geklagt.
Beim Bergdoktor hatten sofort alle Alarmglocken geschrillt. Nach umfangreichen Untersuchungen in seiner Praxis hatte er Sebastian Brandner dann ins Bezirkskrankenhaus in Schwaz überwiesen.
Mit den Kollegen dort verband ihn ein kollegiales und zum Teil auch freundschaftliches Verhältnis, denn in dieser Klinik hatte er sich nach seinem Medizinstudium als Assistenzarzt die ersten Sporen verdient. Bei schweren Erkrankungen seiner Patienten pflegte Dr. Burger einen regen Austausch mit den Schwazer Kollegen.
Weitere Untersuchungen im Bezirkskrankenhaus in Schwaz sowie die Magnetresonanztomografie dort hatten seinen ersten Verdacht bestätigt, dass der Jungbauer an Multipler Sklerose erkrankt war.
Sebastian war im Krankenhaus unverzüglich einer Kortison-Pulstherapie unterzogen worden. An drei Tagen hintereinander waren ihm intravenös Glucocorticoide verabreicht worden. Diese wirkten direkt auf die beim MS-Schub vorliegenden immunologischen Störungen ein und hemmten so den akuten Entzündungsprozess. Offenbar hatte die Therapie gut angeschlagen. Das war erfreulich.
»Meine Sensibilitätsstörungen sind fast vollkommen verschwunden, Herr Doktor. Ich bin so froh und erleichtert.«
Die Diagnose war für den Landwirt ein furchtbarer Schock gewesen. Er war noch immer wie benommen.
Dr. Burger konnte das gut verstehen. Sebastian Brandner war Landwirt mit Herz und Seele und ging in der Bewirtschaftung seines Biohofes richtig auf. Für ihn war das nicht nur eine Arbeit, die er aus alter Familientradition ausführte oder um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, sondern eine Art Berufung.
»Mei, Herr Doktor!« Sebastian stöhnte tief auf. »Ich bin noch immer ganz durcheinander. Ich dachte bislang, Multiple Sklerose kriegen nur Frauen.«
»Es ist tatsächlich so, dass mehr Frauen als Männer an Multipler Sklerose erkranken, aber nicht ausschließlich.«
»Und dann als Landwirt! Ich glaub's net. Ich könnte nur noch heulen. Mei, wie soll ich denn im Rollstuhl meine Schweine und meine Gänse füttern?«
»So weit sind wir noch lange net«, beschwichtigte Dr. Burger seinen Patienten. »Falls es überhaupt jemals dazu kommen sollte, Sebastian. Und bis dahin können Jahrzehnte vergehen. Außerdem gibt es auch sehr milde Verläufe der Krankheit. Nicht jeder Betroffene ist eines Tages auf einen Rollstuhl angewiesen.«
»Aber ausgeschlossen ist es net, oder?«, hakte Sebastian nach.
»Nein«, gab Dr. Burger ehrlich zu. »Ich habe aber in mehreren seriösen Studien gelesen, dass etwa dreiviertel der an Multipler Sklerose Erkrankten auch nach sehr langer Krankheit ein selbstständiges Leben mit nur geringfügigen Einschränkungen führen können.«
»Immerhin ein Hoffnungsschimmer, Herr Doktor. Ich danke Ihnen.«
»Es bringt nichts, wenn du dich jetzt verrückt machst. Gerade bei Multipler Sklerose spielt die Psyche eine entscheidende Rolle, Sebastian. Es ist erwiesen, dass psychischer Stress einen Schub auslösen kann. Das muss unbedingt vermieden werden.«
»Das sagt sich so leicht, Herr Doktor. Aber wenn das ganze Leben plötzlich kopfsteht, kann man das net einfach so wegstecken. Warum hat es gerade mich erwischt?«
»Es gibt viele umfangreiche wissenschaftliche Untersuchungen, die erforschen, warum jemand an Multipler Sklerose erkrankt, aber bisher ohne konkrete Ergebnisse.«
Es hatte zwar in letzter Zeit neue Erkenntnisse gegeben, dass eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus den Ausbruch einer Multiplen Sklerose wahrscheinlicher machte. Allerdings infizierten sich im Laufe ihres Lebens fast neunzig Prozent der Menschen mit diesem Virus.
Warum dann bestimmte Personen in der Folge an Multipler Sklerose erkrankten, war noch nicht eindeutig geklärt. Dr. Burger wollte Sebastian jetzt nicht damit belasten.
»Wichtig ist jedenfalls eine vernünftige Lebensführung«, legte er dem Patienten ans Herz. »Du rauchst net, Sebastian, richtig?«
»Ja, Herr Doktor, geraucht hab ich zum Glück nie.«
»Sehr gut. Ein Bierchen in Ehren wird dir keiner verwehren, aber allerdings auch net mehr.«
»Und mein Stammtisch?«
»Ein Bier, und dann trinkst du halt Wasser oder Kracherl oder alkoholfreies Bier, Sebastian. Das schmeckt heutzutage recht gut. Die Gesundheit geht vor.«
»Ja, Herr Doktor.«
»Wir haben dir ein hochwirksames, modernes Medikament verschrieben, das du nun immer nehmen musst. Wenn du ein neues Rezept brauchst oder Beschwerden hast, kommst du zu mir. Und du gehst ab sofort jede Woche zur Physiotherapie, auch wenn du im Augenblick kaum Beschwerden hast. Bewegung ist überhaupt sehr gut.«
»Die hab ich ja auf meinem Hof zur Genüge, Herr Doktor. Und dann mache ich ja auch seit Jahren Krafttraining. Ich hab mir da so einen kleinen Trainingsraum im Keller eingerichtet.«
»Ausgezeichnet, Sebastian, aber net übertreiben. Und wenn du glaubst, mit der Situation net zurechtzukommen, kannst du auch jederzeit einen Psychologen in Mayrhofen aufsuchen. Ich würde dir sogar dazu raten. Denk darüber nach, Sebastian. Am besten gehst du zu Doktor Schäfer, mit dem waren meine Patienten allerweil sehr zufrieden.«
Dr. Burger gab ihm zwei Visitenkarten, eine für den Psychologen und eine für eine Physiotherapeutin, blätterte dann in seinen Unterlagen und fischte ein paar Ausdrucke heraus.
»Hier habe ich dir ein paar Erfahrungsberichte von Betroffenen ausgedruckt«, fügte er hinzu und reichte sie ihm. »Die meisten kamen ganz gut zurecht, nachdem sie die Krankheit akzeptiert hatten. Das hat allerdings eine Weile gedauert.«
Sebastian nahm die Berichte entgegen und bedankte sich.
»Was macht denn deine Webseite?«, fragte Dr. Burger ihn nun. »Meine Kinder sind ganz narrisch auf dein Video, wo du das gefleckte Ferkel mit der Flasche fütterst.«
»Ja, meine Webseite ›Daheim beim Brandner-Bauern‹ läuft recht gut. Ich hab schon eine Menge Follower. Mir winkt sogar ein Werbevertrag mit einem Unternehmen, das Landmaschinen herstellt.«
»Da schau her. Ich drücke dir die Daumen, dass es klappt.«
»Danke, Herr Doktor.« Sebastian blühte merklich auf, als sich das Gespräch nun um seine Webseite drehte. Er stellte regelmäßig kurze Videos ins Internet und gab Einblicke in seine Arbeit als Biobauer auf seinem Hof in dem idyllischen St. Christoph.
Dr. Burger war froh, den Burschen ein wenig von seiner Krankheit abgelenkt zu haben.
Das Internet bot zweifellos eine Menge Vorteile, über die frühere Generationen nicht verfügt hatten, und dazu gehörte das ungeheure Aufkommen an Informationen.
Andererseits machten sich Patienten auch oft selbst verrückt, wenn sie stundenlang nach neuen Informationen über ihre Krankheiten suchten, die dann teilweise überhaupt nicht der Wahrheit entsprachen.
»Wenn irgendetwas ist, kommst du vorbei, und zwar umgehend«, wiederholte Dr. Burger abschließend noch einmal und reichte Sebastian die Hand.
»Danke für alles, Herr Doktor.«
***
»Ich mache dann Feierabend, Chef«, rief Bärbel Tannauer, nachdem Sebastian Brandner die Praxis verlassen hatte.
»Schönen Abend, Bärbel«, wünschte Dr. Burger ihr. »Bis morgen früh in alter Frische. Hast du noch irgendwelche Pläne?«
»Ja, die hab ich tatsächlich. Felix und ich feiern heute Abend unseren Kennenlerntag.«
»Ach, das ist ja schön. Glückwunsch. Und was habt ihr vor?«
»Ich hab keinen Schimmer, Chef. Felix will mich überraschen.«
»Dann wünsche ich euch viel Vergnügen....




