E-Book, Deutsch, 64 Seiten
Reihe: Bastei Lübbe
Kufsteiner Der Bergdoktor 2191
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7517-5062-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gestern noch ein Außenseiter
E-Book, Deutsch, 64 Seiten
Reihe: Bastei Lübbe
ISBN: 978-3-7517-5062-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die jungen Knechte am Aignerhof sind in Julia verliebt, der feschen Tochter des Bauern. Auch Jonas. Er ist allerdings ein Außenseiter und bekommt regelmäßig den Spott seiner Kameraden zu spüren. Er sei halt etwas deppert, machen sie sich über ihn lustig.
Nur eine hält wirklich zu ihm: Kathi, die jüngere Schwester von Julia. Doch was steckt hinter Jonas' eigenartigen Symptomen? Er hat öfter Kopfweh, fällt auch schon mal in Ohnmacht und stöhnt im Schlaf. Jonas spricht nicht über die bedrohlichen Bilder, die ihn heimsuchen und quälen.
Findet der Bergdoktor heraus, was dem jungen Knecht wirklich fehlt?
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Gestern noch ein Außenseiter
Der Bergdoktor bringt die überraschende Wahrheit ans Licht
Von Andreas Kufsteiner
Alle jungen Knechte am Aignerhof sind in Julia verliebt, der feschen Tochter des Bauern. Auch Jonas. Er ist allerdings ein Außenseiter und bekommt regelmäßig den Spott seiner Kameraden zu spüren. Er sei halt etwas deppert, machen sie sich über ihn lustig.
Nur eine hält wirklich zu ihm: Kathi, die jüngere Schwester von Julia. Doch was steckt hinter Jonas' eigenartigen Symptomen? Er hat öfter Kopfweh, fällt auch schon mal in Ohnmacht und stöhnt im Schlaf. Jonas spricht nicht über die bedrohlichen Bilder, die ihn regelmäßig heimsuchen und quälen.
Findet der Bergdoktor heraus, was dem jungen Knecht wirklich fehlt?
Dr. med. Martin Burger betrat die Wohnstube des Doktorhauses in der Kirchgasse von St. Christoph und blieb stehen. Seine Frau saß auf dem Sofa, einen Karton auf den Knien. Um sie herum waren zerknülltes Papier und anderes Füllmaterial verstreut. Sie hielt etwas in der Hand und betrachtete es nachdenklich.
Neugierig kam der Bergdoktor näher und lehnte sich über Sabines Schulter.
»Was hast du da, Schatzerl?«
Sie zeigte ihm ohne ein Wort eine etwa handgroße Bronzebüste. Es war das Abbild einer jungen Frau. Eine Bluse mit einem reichlich tiefen und noch dazu verrutschten Ausschnitt bedeckte bloß einen Teil ihrer Brüste. Auf dem Kopf trug sie eine Mütze mit seitlichen Bändern und einem langen, runden Zipfel, der nach vorne fiel. Darunter wallte eine Lockenpracht hervor.
»Ein Geschenk von unserem Herrn Baron im Schlössl«, erklärte Sabine ihrem Mann belustigt. »Du weißt ja, er und die Christine machen gerade Urlaub in Frankreich.«
»Um die Lavendelfelder in der Provence zu besuchen«, erinnerte sich Martin. »Und natürlich Paris, die Stadt der Liebe.« Er und Sabine lächelten einander an. »Und da hat er dir eine französische Schönheit als Souvenir geschickt?«
Im Stillen ergänzte er: Man muss dankbar sein, dass der Markus in letzter Zeit nur noch den bronzenen Madeln nachschaut und seiner Christine keinen Kummer mehr bereitet.
»Ich glaube, er hat dabei eher an dich gedacht«, erwiderte Sabine schelmisch. »Das Packerl war an uns beide adressiert. Er schreibt, das hier wär' eine Antiquität aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert. Eine Büste von la Marianne, der Symbolfigur der Französischen Republik.«
»Und was tun wir mit dem Mariandl?« Der Bergdoktor schaute sich um. Die gewagte Französin passte nicht so recht zum bäuerlichen Stil der gemütlichen Wohnstube. Er wollte sich vor allem auch gar nicht ausmalen, wie die Bachhuber-Zenzi dreinschauen würde, wenn sie das halbnackte Madel abstauben müsste.
»Ich hab mir gedacht, wir stellen sie in dein Sprechzimmer«, schlug Sabine vor. »Als Briefbeschwerer. Oder als Buchstütze auf dem Regal mit den anatomischen Fachbüchern. Dann haben deine Patienten gleich was zum Anschauen, während du ihre Diagnosen in den Computer tippst.«
Dr. Burger nahm ihr die Büste ab und wog sie in der Hand.
»Ein festes Madel ist sie ja. Als Briefbeschwerer sollte sie schon taugen.« Er zwinkerte seiner Frau zu. »Glaubst du, die Bärbel würde ihr einen weißen Arztkittel nähen, wenn ich sie darum bitte?«
Ein helles Lachen entkam Sabine. Poldi, der Rauhaardackel der Familie, hob unter dem Sofa den Kopf und bellte, als fände auch er den Scherz lustig.
Gleich darauf hörte man in der Diele Schritte. Dem Gang nach war es die Bachhuber-Zenzi. Martin Burger und seine Frau tauschten rasche Blicke. Der Bergdoktor legte die Büste zurück in den Karton. Sabine häufte das Füllmaterial darauf und strich darüber etwas Seidenpapier glatt.
Schon kam die Hauserin herein. Poldi sprang auf und lief schwanzwedelnd auf sie zu.
»Du brauchst mich gar net so hoffnungsvoll anzuschauen, du Schlawiner«, grummelte die Zenzi. »Als ob du mir net grad vorhin in der Kuchl eine Knackwurst stibitzt hättest!« Sie musterte den Dackel streng, bis er sich wieder hinlegte, und nickte zufrieden.
Anschließend öffnete sie die Terrassentür und verschwand nach draußen. Es dauerte nicht lange, bis sie mit einem Büschel Küchenkräuter in der Hand zurückkehrte.
Ihr Blick schweifte zum Sofa. »Du, Martin, was hast du denn da?«
Martin Burger kam sich unter ihrer Musterung vor wie ein Schulbub. Energisch widerstand er dem Drang, die Schachtel hinter seinem Rücken zu verstecken.
»Ein Souvenir vom Herrn Baron«, erklärte Sabine mit einer wahren Unschuldsmiene. »Aus Paris.«
Zenzi betrachtete das Paket. »Ja, sind's denn gar ein paar von diesen sündhaft guten Macarons?« Sie schaute mit einem Mal ähnlich hoffnungsvoll drein wie zuvor der Dackel.
Sabine knabberte auf ihrer Lippe, als hätte sie Mühe, nicht loszuprusten.
»Leider net«, erwiderte der Bergdoktor bedauernd. Heimlich nahm er sich vor, Christine noch heute zu schreiben und sie zu fragen, ob sie vor dem Rückflug eine kleine Besorgung für ihn machen würde. Schließlich hatte die Zenzi bald Geburtstag.
Die Hauserin wandte sich enttäuscht ab. Poldi sprang erneut auf und strich um ihre Beine.
»Komm halt mit in die Kuchl, du Stritzi«, seufzte die Zenzi. »Schauen wir mal, ob wir noch ein paar Wurstzipfel für dich finden.«
Sie verließ die Stube. Der Dackel folgte ihr auf dem Fuß.
Sabine wandte sich mit funkelnden Augen an ihren Mann, und dieser gab klein bei.
»Ich nehm das Mariandl fürs Erste mit in mein Sprechzimmer«, gestand er ihr zu. »Nur was sag ich, wenn die Aignerin oder sonst eine von den Kirchenfrauen sie dort sieht? Ich glaube, da bleibt mir nix anderes übrig, als dass ich St. Christoph verlasse, meinen Namen ändere und woanders ganz neu anfange.«
Unvermutet schlang Sabine beide Arme um seinen Hals und zog ihn zu sich herunter. Der Karton rutschte aufs Sofa, und keiner der beiden achtete noch auf ihn.
»Solange du nur mich und die Kinder, den Papa und die Zenzi und den Poldi mitnimmst, ist mir alles recht«, raunte Sabine und gab ihrem Martin ein herzhaftes Busserl.
***
Der Aignerhof lag abgeschieden hinter dem Achenkegel, gerade noch im Gemeindegebiet von St. Christoph. Am Abend dieses Junitages saß man dort in der großen Stube bei Tisch: jeder an seinem angestammten Platz.
Der Aignerbauer führte am Kopfende den Vorsitz, hinter sich den Vitrinenschrank aus Nussholz mit dem guten Porzellangeschirr. Rechts von ihm, auf der Bank entlang der Wand, hockten sein Sohn und Hoferbe Hannes und dann die Knechte: der ältere Hias zuerst, anschließend die anderen ihrem Alter und ihrer Dienstzeit entsprechend. Auf der linken Seite befanden sich die Aignerin, ihre Töchter Julia und Kathi und die einzige Magd, die grauhaarige Ulrike.
Es gab Grammel- und Hascheeknödel aus einer großen Terrine, dazu zwei weitere Schüsseln voller dampfendem Sauerkraut mit Speckwürfeln.
»Wer bei der Arbeit tüchtig anpackt, darf auch bei Tische zulangen«, pflegte die Aignerin alle zu ermuntern. Sie war eine gutherzige Frau Mitte fünfzig, drall und rund mit den gleichen haselnussbraunen Locken wie ihre Töchter: Julia, die ältere, ein bildhübsches Madel von zweiundzwanzig Jahren; und Kathi, die jüngere, die alleweil ein wenig im Schatten ihrer Schwester stand.
»Das kleine Fräulein Wildfang«, pflegte die alte Magd Julia zu nennen. Und Kathi war für sie »das kleine Fräulein Sanftmut«. So hatten sich die Aignertöchter in ihrer Kindheit präsentiert.
Inzwischen jedoch war aus dem einstigen Wildfang Julia ein äußerst modebewusstes Madel geworden. Bei ihr drehte sich alles nur mehr um Schuhe, Handtaschen, Schmuck und natürlich darum, den Burschen zu gefallen. Aber nicht irgendwelchen beliebigen Burschen!
Nein, die Aigner-Julia wusste genau, dass sie in St. Christoph und Umgebung jeden bezaubern konnte. Das machte sie umso wählerischer.
Selbst auf dem heimatlichen Hof stand eine Auswahl an Verehrern für sie bereit. Bis auf Hias waren alle Knechte jung: angefangen vom glutäugigen Luigi, der seinen Namen einem Elternteil aus Bozen verdankte, bis hin zum Windiger-Jonas. Dieser hockte als der jüngste und am kürzesten dienende Knecht am unteren Ende des Tisches. An sich gab es an dem Platz nichts auszusetzen. Nur war er am weitesten von dem feschen Madel entfernt, welches gerade mit zierlichen Bewegungen einen Knödel verspeiste.
Jonas blieb viel Zeit, Julia zu betrachten. Lustlos stocherte er mit seiner Gabel im Sauerkraut. Trotz der schweren Arbeit den ganzen Tag über auf dem Feld fehlte ihm der Appetit.
Er ließ die Gabel sinken und rieb sich die Schläfe. Schon wieder Kopfweh, Sakra! In letzter Zeit verging kaum ein Tag ohne Schmerzen. Luigi spottete, er würde sich in ein Madel verwandeln. In der Weltsicht des italienischen Burschen litten ausschließlich Frauen an Migräne.
Der Aignerbauer erhob sich von seinem Stuhl und langte über den Tisch nach der Knödelterrine. Seine Aufmerksamkeit fiel dabei auf...




