Kufsteiner | Der Bergdoktor 2223 | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 64 Seiten

Reihe: Bastei Lübbe

Kufsteiner Der Bergdoktor 2223

Der Nichtsnutz von St. Christoph
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7517-6375-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Der Nichtsnutz von St. Christoph

E-Book, Deutsch, 64 Seiten

Reihe: Bastei Lübbe

ISBN: 978-3-7517-6375-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Gabriel Dornegger ist ein ausnehmend attraktiver Mann mit seiner hochgewachsenen Gestalt, den schwarzen Locken und den honigbraunen Augen. Aber es funkelt auch oft etwas Gefährliches in ihnen auf, eine Wut, die er kaum unterdrücken kann. Alle wissen, dass man sich vor ihm in Acht nehmen muss, auch wenn er sehr charmant sein kann.
Auch Verena, die mit ihrer Großmutter in einem kleinen Waldhaus lebt, geht Gabriel tunlichst aus dem Weg, wenn er in der Dämmerung zu seiner Jagdhütte unterwegs ist. Doch dann kommt der Tag, an dem sie weinend am Straßenrand steht und auf den Bus wartet, um in Mayrhofen Medikamente für die erkrankte Großmutter zu holen. Der Bus kommt nicht, stattdessen hält plötzlich Gabriels Wagen neben ihr. 'Na los, ich fahre dich!'
Verena merkt sofort, dass er getrunken hat. Doch in ihrer Not ignoriert sie alle Befürchtungen und steigt ein. Und dann geschieht der verhängnisvolle Unfall ...

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Der Nichtsnutz von St. Christoph

Dr. Burger und die Wandlung eines haltlosen Mannes

Von Andreas Kufsteiner

Gabriel Dornegger ist ein ausnehmend attraktiver Mann mit seiner hochgewachsenen Gestalt, den schwarzen Locken und den honigbraunen Augen. Aber es funkelt auch oft etwas Gefährliches in ihnen auf, eine Wut, die er kaum unterdrücken kann. Alle wissen, dass man sich vor ihm in Acht nehmen muss.

Auch Verena, die mit ihrer Großmutter in einem kleinen Waldhaus lebt, geht Gabriel tunlichst aus dem Weg, wenn er in der Dämmerung zu seiner Jagdhütte unterwegs ist. Doch dann kommt der Tag, an dem sie weinend am Straßenrand steht und auf den Bus wartet, um in Mayrhofen Medikamente für die erkrankte Großmutter zu besorgen. Der Bus kommt nicht, stattdessen hält plötzlich Gabriels Wagen neben ihr. »Na los, ich fahre dich!«

Verena merkt sofort, dass er getrunken hat. Doch in ihrer Not ignoriert sie alle Befürchtungen und steigt ein. Und dann geschieht der verhängnisvolle Unfall ...

»Sind noch viele Patienten im Wartezimmer?«, wollte Dr. Burger von Bärbel Tannauer wissen, nachdem er die Sprechstunde wegen eines plötzlichen Notfalls unterbrochen hatte und erst nach zwei Stunden zurückgekehrt war.

Er wirkte ziemlich abgekämpft, denn die Umstände des Unfalls, zu dem er gerufen worden war, hatten ihn zutiefst erschüttert. Der Altbauer einer der größten Höfe in der Umgebung hatte seinen Geländewagen rückwärts in die Scheune gefahren, dabei aber nicht beachtet, dass sein dreijähriger Enkel dort spielte. Der kleine Stefferl war unter den Wagen geraten und konnte nur unter großer Mühe befreit werden.

Als Dr. Burger eintraf, hatte er den Kleinen, das einzige Kind des Hofbauern und seiner Frau, leblos vorgefunden. Wie von Sinnen war Stefferls Mutter gewesen, sie hatte ihren Schwiegervater angeklagt, der bleich und gebrochen am Scheuneneingang lehnte. Sein Vater hatte neben dem Kleinen gekniet und bitterlich geweint.

Es war dem Bergdoktor gelungen, das Kind wiederzubeleben, offensichtlich hatte Stefferl Knochenbrüche und ein Schädeltrauma erlitten. Dr. Burger befürchtete, dass das Kind auch innere Blutungen hatte, was besonders lebensbedrohlich war.

Endlich war die Rettung eingetroffen, und Stefferl war in die Unfallklinik nach Mayrhofen gebracht worden. Sein Vater hatte sich wieder etwas gefasst und war mitgefahren. Der Bergdoktor hatte sich noch eingehend um die Mutter und den Großvater des Kindes gekümmert, erst dann war er in die Praxis zurückgekehrt.

»Nur die Dornegger-Agnes ist noch da. Ihr scheint es net gut zu gehen«, erwiderte Bärbel, die etwas bedrückt wirkte.

»Hat es sonst etwas gegeben?«, fragte der Bergdoktor.

»Die Leitnerin war da und hat ein Rezept für ihren Mann geholt, der wieder mal ein neues eingebildetes Leiden entwickelt hat.«

»Aber aber!«

»Das stimmt doch. Der lässt sich halt nur zu gern von seiner Frau hegen und pflegen«, gab Bärbel grimmig zurück. »Unglücklicherweise hat der Gottlieb Hähnel sie kommen sehen, und sie haben sich hier vor dem Empfang ganz furchtbar gestritten. Dass die beiden net in Frieden miteinander leben können.«

Gottlieb Hähnel, der nicht zu Unrecht »Streithähnel« genannt wurde, und die Leitnerbäuerin waren schon seit ewigen Zeiten verfeindet und ließen keine Gelegenheit aus, sich zu beschimpfen.

»Furchtbar, die beiden. Aber wenn sie sich nicht mehr streiten könnten, würde ihnen etwas fehlen«, meinte der Bergdoktor kopfschüttelnd.

»Und eh der Streithähnel schließlich gegangen ist, hat er noch gesagt, dass man ihn in der Praxis vernachlässigen tät«, berichtete Bärbel ziemlich aufgebracht.

»Ach! Dann werde ich ihm wohl einen Hausbesuch abstatten und ihm eine Aufbauspritze geben müssen«, schlug der Bergdoktor vor.

»Jessas, das tät ihm sicher net gefallen.« Bärbel lachte, denn nichts fürchtete Gottlieb mehr als Spritzen.

Wenig später betrat Agnes Dornegger das Sprechzimmer und nahm umständlich Platz. Der Bergdoktor musterte sie kurz und stellte fest, dass die Bäuerin einen leidenden Eindruck machte. Obwohl erst Mitte vierzig, war sie vor der Zeit gealtert und hatte außerdem stark an Gewicht verloren.

»Ich fühl' mich net gut, Herr Doktor. Nachts kann ich nimmer schlafen, und ich bring' keinen Bissen mehr herunter. Alles ist mir zuwider, kraftlos und matt bin ich wie eine alte Frau«, begann sie, dann versagte ihr die Stimme.

»Das ist für viele Frauen eine schwierige Zeit. Hast du das Naturmittel eingenommen?«, fügte er fragend hinzu.

»Ja, aber es hat nichts genützt.«

»Ich glaube, dass dein Zustand eine andere Ursache hat. Etwas bedrückt dich derart, dass du keine Freude mehr am Leben hast. Ist es nicht so?«

Agnes schluchzte auf.

»Es ist der Bub, der Gabriel. Immer schlimmer führt er sich auf, vor nichts und niemandem hat er Respekt, auch net vor seinen Eltern. Das drückt mir das Herz ab. Wie glücklich waren wir, mein Albin und ich, als er zur Welt gekommen ist. Ein schönes Buberl war er, aber bald hat er uns immer größere Sorgen gemacht.« Wieder kämpfte sie mit den Tränen.

»Habt ihr euch keine Hilfe gesucht?«, fragte der Bergdoktor.

»Der Albin hält davon nichts. Der hat den Gabriel immer geschlagen, wenn sich jemand über ihn beschwert hat. Und mir hat er vorgeworfen, das käm' davon, dass ich den Buben verwöhnt hätt', und so ist es auch zwischen uns deswegen zu Streitigkeiten gekommen.«

Die Stimme versagte ihr für einen Moment.

»Schon als Kind war unser Gabriel schwierig. Dauernd hat er sich mit den anderen Buben geprügelt, und auf den Lehrer hat er net gehört. Einmal, da war er gerade zehn, hat er im Winter die Jacken von seinen Mitschülern draußen auf dem Flur von den Garderobehaken gerissen, im Schulhof auf einen Haufen geworfen und sie angezündet. Das war vielleicht ein Schaden! Danach hätt' er zu einem Psychologen gehen sollen, aber sein Vater hat es net zugelassen, denn davon hält er überhaupt nichts. Eine Tracht Prügel wär' allemal besser, hat er gemeint.«

Wieder verstummte Agnes und tupfte sich die Augen trocken.

»Jetzt als erwachsener Mann ist es immer noch net besser mit ihm geworden. Erst bandelt er mit den Madeln an, und wenig später lässt er sie sitzen. Die Birkner-Susi hat wegen ihm Schlaftabletten geschluckt und konnte grad noch gerettet werden. Danach ist sie von hier weggezogen, sehr zum Kummer ihrer Eltern.«

»Ja, ich erinnere mich«, sagte der Bergdoktor.

»Und seine Schwester, die Cilli, plagt er auch. Er behauptet, dass wir sie ihm immer vorgezogen haben. Das mag wohl sein, denn die Cilli ist ein liebes Madel, ein richtiger Sonnenschein. Alle können sie gut leiden.« Agnes stieß einen tiefen Seufzer aus, ehe sie fortfuhr: »Seine Großtante hat ihm so viel vererbt, dass er finanziell unabhängig ist, was alles net besser gemacht hat. Er hat den Anbau neu ausstatten lassen und sich einen riesigen Wagen zugelegt, mit dem er über Land fährt. Oft genug feiert er mit seinen Spezln, dann hocken sie alle im Hof vor dem Anbau und trinken und johlen die ganze Nacht. Eine Schande ist das! Ich trau' mich kaum noch aus dem Haus«, schloss sie.

»Es ist kein Wunder, dass du bei diesen Lebensumständen solche Beschwerden hast«, meinte der Bergdoktor.

»Daran lässt sich halt nichts ändern«, seufzte Agnes niedergeschlagen.

»Nun, der Gabriel könnte sich eine andere Bleibe suchen, das wäre doch schon mal eine Lösung«, schlug der Bergdoktor vor.

»Freiwillig geht er bestimmt net. Und sein Vater tät ihn auch net wegschicken, schließlich ist er der Hoferbe, das zählt«, sagte sie bitter.

Dr. Burger dachte kurz nach.

»Ich mache dir einen Vorschlag: Am besten gehst du auf längere Zeit zur Kur, damit du wieder zu Kräften kommst und Freude am Leben hast. Du musst jetzt einmal an dich denken. Deine Tochter kann ja in der Zeit die Hauswirtschaft übernehmen, die Cilli soll ja sehr tüchtig sein«, sagte er dann.

Flüchtig huschte ein Lächeln über das Gesicht der Bäuerin und ließ sie wieder viel jünger erscheinen.

»Ja, das ist sie, ganz im Gegensatz zu ihrem Bruder. Der Gabriel geht halt nur seinem Vergnügen nach.«

Es war allgemein bekannt, dass Gabriel zwar lernfaul, aber intelligent und schlau genug war, um die Schule zu durchlaufen. Es hieß, man hätte drei Kreuze geschlagen, als Gabriel den Abschluss gemacht hatte, denn für die Lehrer war sein Verhalten unerträglich gewesen. Danach absolvierte er eine Ausbildung als Forstwirt, denn die Dorneggers besaßen ein großes Waldstück, das sie bewirtschafteten.

Wie es seiner wilden Natur entsprach, ging Gabriel leidenschaftlich gern auf die Jagd, überhaupt hielt er sich gern in den Wäldern auf, wenn er nichts gerade mit seinen Spezln unterwegs war oder feierte.

»Ich kann dir Bad Wörishofen in Bayern empfehlen. Wenn du damit einverstanden bist, melde ich dich für einen...



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