E-Book, Deutsch, 64 Seiten
Reihe: Bastei Lübbe
Kufsteiner Der Bergdoktor 2224
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7517-6376-9
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erinnerungen an die wilde Lissy ...
E-Book, Deutsch, 64 Seiten
Reihe: Bastei Lübbe
ISBN: 978-3-7517-6376-9
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Seit zehn Jahren hat der Kaineder-Moritz die gleichaltrige Lissy nicht mehr gesehen. Einst waren sie beste Freunde und heckten zahlreiche Streiche aus. Doch als Dreizehnjährige wurde Lissy auf ein fernes Internat geschickt. Sie sei ein zu arger Wildfang, meinte ihr Vater, sie müsse lernen, sich wie ein gesittetes Madel zu benehmen.
Nach der Schulzeit ist Lissy nicht nach Hause zurückgekehrt, aber Moritz hat seine Freundin nie vergessen: ihr unbändiges Lachen und ihre Funken sprühenden Augen. Umso mehr freut er sich, als er hört, dass die jetzt junge Frau endlich St. Christoph besuchen wird. Als er ihr wiederbegegnet, ist sie jedoch nicht allein. Sie hat ihren Bräutigam dabei, den sie der Familie vorstellen will. Lissy ist kaum wiederzuerkennen: Aus dem ehemals so fröhlichen Bauernmadel ist eine Prinzessin geworden, die in schicken Kleidern steckt und so gar nicht mehr hierherzugehören scheint. Vor allem aber ist es die große Traurigkeit in ihren Augen, die Moritz das Herz zuschnürt ...
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Erinnerungen an die wilde Lissy
Damals war sie frei und glücklich, heute ist sie still und traurig
Von Andreas Kufsteiner
Seit zehn Jahren hat der Kaineder-Moritz die gleichaltrige Lissy nicht mehr gesehen. Einst waren sie beste Freunde und heckten zahlreiche Streiche aus. Doch als Dreizehnjährige wurde Lissy auf ein fernes Internat geschickt. Sie sei ein zu arger Wildfang, meinte ihr Vater, sie müsse endlich lernen, sich wie ein gesittetes Madel zu benehmen.
Nach der Schulzeit ist Lissy nicht nach Hause zurückgekehrt, aber Moritz hat seine Freundin nie vergessen: ihr unbändiges Lachen und ihre Funken sprühenden Augen. Umso mehr freut er sich, als er hört, dass die jetzt junge Frau endlich St. Christoph besuchen wird. Als er ihr wiederbegegnet, ist sie jedoch nicht allein. Sie hat ihren Bräutigam dabei, den sie der Familie vorstellen will. Lissy ist kaum wiederzuerkennen: Aus dem ehemals so fröhlichen Bauernmadel ist eine Prinzessin geworden, die in schicken Kleidern steckt und so gar nicht mehr hierherzugehören scheint. Vor allem aber ist es die große Traurigkeit in ihren Augen, die Moritz das Herz zuschnürt ...
»Ich weiß einfach nimmer, was ich mit ihr tun soll!«, klagte der Hochhold-Ferdinand aus St. Christoph. Der Bauer griff nach dem Cognacschwenker, der vor ihm auf dem Tisch stand, und nahm einen kräftigen Schluck.
Er und Markus von Brauneck saßen im Arbeitszimmer des Barons. Im Schlössl – jenem altehrwürdigen Barockbau, welcher idyllisch auf einem Hang oberhalb von St. Christoph thronte. Seit vielen Generationen war das Anwesen im Besitz der Familie von Brauneck. Zu ihm gehörten nicht nur Wälder und Wiesen, sondern auch ein Haflingergestüt.
Ferdinand Hochhold wiederum war selbst Pferdebauer und betrieb nebenbei einen Futtermittel-Großhandel. Oft hatte man aus diesem Grund geschäftlich miteinander zu tun. Im Lauf der Jahre war daraus eine Männerfreundschaft erwachsen.
Der Hausdiener Max, die Köchin Clementine und der Rest des Personals schmunzelten, wenn der Geländewagen des Hochhold am späten Nachmittag in der Einfahrt zum Schlössl hielt. Sie wussten: Zuerst wurde alles Geschäftliche besprochen, von den Preisen für Hafer bis hin zur Trächtigkeit der jeweiligen Stuten. Wenn das erledigt war, blieb Ferdinand Hochhold zum Abendessen. Und anschließend zogen sich die Männer ins Arbeitszimmer zurück.
Max stellte ein Tablett mit Cognac und den von Clementine gebackenen Anisstangerl bereit.
»Gib dem Papa gleich ein Busserl, sonst wird's nachher mit dem Zubettgehen zu spät«, forderte die Baronin in weiser Voraussicht ihre sechsjährige Tochter Ulrike auf.
»Bleib net zu lang auf! Denk dran, du bist nimmer der Jüngste«, ermahnte der neunzehnjährige Thomas seinen Adoptivvater scherzhaft, was der Baronin ein stilles Lächeln entlockte.
Bei Cognac und Anisstangerl wurde dann beredet, was beiden Männern Privates unter den Nägeln brannte. Beim Baron hieß das: seine Ehe mit Christine, die bevorstehende Einschulung von Töchterchen Ulrike oder Thomas' Praktikum im elterlichen Besitz.
Ferdinand Hochhold hingegen war seit Jahren Witwer. Bei ihm drehte sich daher alles um seinen Sohn Ferdl und die drei Töchter: Doris, Viktoria – genannt Vicky – und die Jüngste, Nesthäkchen Lissy.
Der Baron schmunzelte. »Dreizehn Jahr' alt ist sie jetzt, gell? Was für ein Lausbubenstück haben sich die zwei denn schon wieder geleistet?« Er sprach von zwei Missetätern. Denn wenn es um Lissys Streiche ging, war der gleichaltrige Kaineder-Moritz vom Nachbarhof nie weit.
Der Hochhold fuhr sich durchs Haar, das an den Schläfen bereits ergraute.
»Sie haben heimlich den unreitbaren Gaul von Moritz' Onkel aus dem Stall geholt! Weil meine Lissy mit dem Moritz gewettet hat, sie könnt' einmal um die ganze Festwiese galoppieren, ohne dass das Pferd sie abwirft. Der reinste Irrsinn!«
Dem Baron verging das Schmunzeln. Ein unreitbares Pferd und zwei dreizehnjährige Draufgänger! Ihm schwante Übles.
»Hat sie sich arg wehgetan?«, erkundigte er sich besorgt.
Verständnislos musterte ihn der Hochhold.
»Wehgetan?«, wiederholte er. Wieder griff er zum Cognac. »Gar net. Sie hat die Wette gewonnen. Reiten kann sie wie der Teufel, meine Lissy.« Trotz des grimmigen Tons vermochte er seinen Stolz nicht ganz zu verbergen. »Aber der Kaineder-Onkel war fuchsteufelswild!«
Sehnsüchtig starrte er die schimmernde Flüssigkeit im Glas an. Dann stellte er es mit einem solchen Knall ab, dass der Cognac fast überschwappte.
»Die Reitkunststückerl sind net das Einzige, was mir Sorgen macht«, gestand er. »Wer die Lissy reden hört, muss glauben, sie wär' ein Knecht. Alleweil flucht sie wie ein Kerl, und dem Ferdl hat sie gar gedroht: ›Wenn du beim Papa petzt, kriegst du von mir eine Detschen, dass es dich auf den Arsch wixt!‹«
Der Baron lachte aus voller Kehle. Er konnte sich die Szene lebhaft vorstellen: Lissy – ein schlaksiges Madel – wie sie ihrem großen Bruder mit Ohrfeigen drohte. Dabei war Ferdl doppelt so alt wie sie und kräftig genug, dass er sie mühelos mit einer Hand heben konnte.
»Worum ist's dabei gegangen?«, fragte er.
»Ums Rauchen«, erwiderte der Hochhold düster. »Der Ferdl hat sie mit zwei Knechten hinterm Stall erwischt. Die haben ihr glatt eine Zigarette angeboten. Und die Lissy hätt' sie genommen!«
Auf diese Enthüllung hin senkte sich Schweigen über das Arbeitszimmer. Der Baron griff zur Karaffe. Er füllte damit sein Glas und schwenkte sie dann einladend in die Richtung des noch halb vollen Glases, das vor dem Hochhold stand. Der Bauer jedoch wehrte mit einer knappen Geste ab.
Er sah alt aus, durchfuhr es den Baron. Weit älter als der Mittvierziger, der er war. Ob das an dem Kummer lag, den ihm seine Jüngste bereitete?
Freilich war es nicht allein Lissys Schuld. Der Hochhold und seine selige Frau hatten früh geheiratet und in rascher Abfolge drei Kinder bekommen: zunächst die Töchter Doris und Vicky und dann endlich den ersehnten Hoferben Ferdl. Damit wäre die Familienplanung abgeschlossen gewesen – hätte der Herrgott nicht andere Pläne gehabt! Dreizehn Jahre nach Ferdl war ein viertes Kind dazugestoßen: eine Tochter, Elisabeth, genannt Lissy.
Sie war erst drei gewesen, als ihre Mutter gestorben war. Und ohne deren sanfte Hand hatte sich das Madel zu einem rechten Wildfang entwickelt. Mit dem Kaineder-Moritz stibitzte sie Äpfel und Kirschen aus den Gärten und hielt sich nirgendwo lieber auf als im Gesindehaus oder im Pferdestall. Sie fluchte wie ein Knecht, spielte besser Karten als die meisten von ihnen, und auch von den Mägden schaute sie sich manch unfeine Angewohnheit ab.
»Ihr fehlt halt die Mutter, gell?«, sann der Baron laut nach. »Ich weiß eh«, fuhr er fort. »Die Doris und die Vicky tun ihr Bestes, aber sie können ihr die Mama nur teilweise ersetzen.«
Der Hochhold nickte. Geistesabwesend knabberte er an einer Anisstange.
»Da sucht sie sich eben die erwachsene Zuwendung, wo sie die findet«, spann der Baron seinen Gedanken weiter. »Und sei es beim Gesinde.« Ein Geistesblitz durchfuhr ihn. »Wären ein paar ausgebildete Erzieherinnen net die bessere Wahl?«
Der Hochhold ließ die Anisstange sinken.
»Was schlägst du vor? Dass ich mir für die Lissy eine Gouvernante auf den Hof hole? Ein Kindermädchen, eine Nanny oder wie das heutzutage heißt?« Er schnaubte. »So eine würd' gleich wieder kündigen, wenn sie das Gefluche hört. Darauf trau' ich mich zu wetten.«
Der Baron schüttelte den Kopf.
»Die Lissy ist doch bald vierzehn und mit der Mittelschule fertig. Hast du nie daran gedacht, sie auf ein Internat zu schicken?« Er beugte sich vor. »Schloss Cäcilienkron! Ein Mädcheninternat an einem der Luzerner Seen. Meine Christine hat dorthin die besten Kontakte, die Direktorin ist eine alte Freundin von ihr. Und wenn sie hören, dass die Lissy Halbwaise ist, kommen sie euch bestimmt mit dem Schulgeld entgegen.«
Unschlüssig wiegte der Hochhold den Kopf. So oft sie ihm auch Kummer bereitete, hatte er seinen Wildfang von Tochter doch herzlich gern.
»Ich weiß net. Die Schweiz ist schon arg weit weg.«
»Aber die wundervolle Landschaft!«, lockte ihn der Baron. »Die Christine und ich waren ein paar Mal zu Besuch. Sogar einen Reiterhof gibt's ganz in der Nähe. Einige Schülerinnen nehmen dort Unterricht. Und was sie im Schloss alles lernen! Net nur Englisch, Französisch, Mathematik und Physik. Nein: Sie haben eigene Klassen für Tanzen, gutes Benehmen und diplomatische Etikette.«
»Das würd' ihr wirklich net schaden«, entschlüpfte es dem Hochhold.
»Das Lehrpersonal und die Erzieherinnen sind umfassend ausgebildet«, versicherte ihm der Baron. »Darauf achtet die Direktorin peinlich genau. Aber am wichtigsten ist: Dort hätt' die Lissy Freundinnen in ihrem Alter. Madeln, bei denen sie selbst ein Madel sein darf – und net alleweil nur der beste Spezl eines Lausbuben.«
Er sah vor sich, wie...




