E-Book, Deutsch, 238 Seiten
Kuhlenkamp Lehrbuch Psychomotorik
2. überarbeitete Aufl 2022
ISBN: 978-3-8463-8820-4
Verlag: UTB GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 238 Seiten
ISBN: 978-3-8463-8820-4
Verlag: UTB GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Prof. Dr. Stefanie Kuhlenkamp lehrt Inklusion und Soziale Teilhabe an der Fachhochschule Dortmund. Sie war als Dozentin an einer Fachschule für Motopädie sowie im Lehrgebiet Bewegungserziehung und -therapie der TU Dortmund tätig und leitet den Förderverein Bewegungsambulatorium an der Universität Dortmund e.V., in dem sie auch Kinder und Jugendliche psychomotorisch fördert.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
2 Bedeutung von Bewegung
Lernziele
? Die Bedeutung von Bewegung über ihre funktionalen Aspekte heraus verstehen,
? Formen und Funktionen von Bewegung differenzieren können (Kap. 2.1) und
? anhand der Bedeutungsdimensionen der Bewegung Begründungszusammenhänge für Bewegung (in der frühen Kindheit) nachvollziehen können (Kap. 2.2).
Die Psychomotorik fokussiert überwiegend auf die Lebensphase Kindheit. Sich bewegen und das Spiel (Kap. 4.3.2) bilden in dieser Zeit ein Fundament für die Aneignung der Welt. Sie bieten Möglichkeiten des Ausdrucks / des sich Mitteilens und des Eindrucks / des Erfahrungsgewinns. Selbstbildung geschieht in Bewegung, Handlung und Interaktion (Kap. 3.2). Erwachsenen bauen auf diesem Fundament auf, nutzen weitere (unter anderem stärker sprachliche / kognitive) Möglichkeiten des Erfahrungsgewinns und doch bleiben Bewegung und Leib lebenslang Ausdrucks- und Erfahrungsmedien. Die nachfolgenden Ausführungen zur Bedeutung der Bewegung beziehen sich häufig auf das Fundament in der Kindheitsphase, können aber auch für das Erwachsenenalter weiter- bzw. mitgedacht werden. Konkretisiert werden diesen Überlegungen in Kap. 7.3 und Kap. 7.4.
2.1 Funktionen der Bewegung
Bewegung bedeutet mehr als die reine körperliche Aktivität, sie erhält immer auch eine kontextbezogene, individuelle Bedeutung. So wird beim Lesen der folgenden Szene aus einer Psychomotorikstunde deutlich, dass für das beschriebene Kind Bewegung nicht nur die Funktion einer Ortsveränderung hat.
Fallbeispiel: in der Psychomotorik Schwung erfahren
Die Kinder einer Psychomotorikgruppe suchen sich seit mehreren Wochen Mutproben, die im Bewältigen von anspruchsvollen Bewegungen, Höhen, Hindernissen etc. bestehen. Sie fordern die psychomotorische Fachkraft auf, sich für die nächste Stunde eine super schwere Mutprobe zu überlegen. So finden die Kinder in der nächsten Stunde eine Mutprobe vor, bei der der Boden nicht berührt werden darf, weil sie durch einen extrem gefährlichen Sumpf führt. Die Kinder müssen planen und sich daher absprechen, wie sie von A nach B gelangen können. Am Ende der Mutprobe muss eine Sumpfschlucht überwunden werden, in der fleischfressende Pflanzen nur auf den nächsten Bissen warten. Die Schlucht besteht aus zwei großen Kästen, die sich gegenüberstehen. Zwischen ihnen liegt eine große Weichbodenmatte. Über ihnen hängen die Taue. Zwei von ihnen sind mit einem Tausitz ausgestattet, der den von HausmeisterInnen nicht gerne gesehenen Knoten im Tau als Sitzhilfe ersetzt. K. gelangt als Erster an die Sumpfschlucht, die er mithilfe der Taue überqueren möchte. Er wählt ein Tau mit Sitz und stößt sich vom Kasten ab. Der erzeugte Schwung reicht jedoch nicht aus, um auf die andere Seite zu gelangen. Er bleibt in der Mitte der Schlucht hängen. Er wartet, bis ein anderes Kind ebenfalls rüber schwingt, und bittet dieses, ihn im Vorbeischwingen anzustoßen, damit er sich in Richtung Kasten bewegen kann. Der Schwung reicht jedoch nicht aus. K. schaut zwischen den Kästen hin und her. Weitere Kinder schwingen an ihm vorbei. Nach einer Weile probiert er aus, sich durch Schaukeln selbst Schwung zu geben. Dabei werden seine Beinbewegungen zunehmend weiträumiger und kraftvoller. K. erlebt, dass Schwung mit Kraft und Weg, einem Vor und Zurück zusammenhängt. Er kann sich selbst so viel Schwung geben, dass er es auf die andere Seite der Schlucht schafft. Dort angekommen gibt er sich Schwung, um wieder auf die andere Seite der Schlucht zu gelangen. Diesmal drückt er sich sehr kräftig vom Kasten ab, sodass er den gegenüberliegenden Kasten erreicht. Da er sich aber sehr viel Anschwung gegeben hat, kommt er auf den Kasten nicht zu stehen, sondern wird vom Tau zurückgezogen. Erneut landet er in der Mitte der Schlucht. K. experimentiert noch eine gute Viertelstunde, bis er herausgefunden hat, wie viel Kraft wie viel Weg bedeutet, und wie diese Kraft zum Anhalten auf dem Kasten gebremst werden kann.
Abb. 16: In der Psychomotorik Schwung erfahren
Das Fallbeispiel verdeutlicht, dass Menschen durch Bewegungshandlungen etwas über ihren Körper erfahren und Erfahrungen mit ihrem Körper sammeln (Abb. 16).
individuelle Bedeutungen der Bewegungshandlung
Der Bewegungshandlung können dabei, abhängig von der eigenen Person, dem aktuellen Kontext etc., individuelle Bedeutungen bzw. Funktionen zukommen (Zimmer 2020, 21 f.). Diese wurden, aufbauend auf den vier anthropologischen Grundkategorien der Bewegung für Bildungsprozesse des Sportwissenschaftlers Ommo Grupe, von Renate Zimmer erweitert. Die ersten vier in der folgenden Aufzählung dargestellten Funktionen der Bewegung gehen auf Grupe (1976) zurück, die folgenden vier auf Zimmer (2006):
? instrumentelle / produktive Funktion: durch Bewegung etwas erreichen / herstellen, durch Bewegung die Umwelt gestalten und variieren
? explorative Funktion: Bewegung als Medium und Quelle der Welterkundung, Erforschen des Lebensumfeld, intensive Auseinandersetzung mit der dinglichen und personellen Umwelt
? personale Funktion: sich selbst und seine Fähigkeiten / Grenzen erleben, Identität bilden
? soziale / interaktional-kommunikative Funktion: Beziehung zu anderen Menschen herstellen und wahrnehmen, mit anderen agieren, spielen
? impressive Funktion: Bewegung als Auslöser von Emotionen, Erleben, Auseinandersetzen mit intensiven Körpererfahrungen
? expressive Funktion: sich und seine Emotionen durch Bewegung ausdrücken und verarbeiten
? adaptive Funktion: Steigerung von Kraft / Ausdauer / motorischen Fähigkeiten
? komparative Funktion: Bewegung als Möglichkeit des Sich-Vergleichens mit anderen (Beudels 2010, 159)
Diese Funktionen bilden keine bestimmte Reihenfolge in der menschlichen Entwicklung, vielmehr existieren sie nebeneinander. Je nach Entwicklungs- / Lebensphase oder Situation treten einzelne Funktionen in den Vordergrund. Die Funktionen stellen heraus, dass Bewegung mehr bedeutet als das Üben motorischer Funktionen. Vielmehr wird Bewegung als Ausgangs- und Ansatzpunkt für soziales, emotionales und kognitives Handeln betrachtet. Neben der Bedeutung der Bewegung aus Sicht des Individuums können weitere Perspektiven ausgemacht werden, die die Sicht von ExpertInnen auf die Bedeutung von Bewegung (in der frühen Kindheit) zusammenfassen.
Zusammenfassung
Bewegung bedeutet mehr als die reine körperliche Aktivität, sie erhält immer auch eine kontextbezogene, individuelle Bedeutung, die sich aufseiten des Individuums in acht Funktionen beschreiben lassen.
1. Analysieren Sie das Fallbeispiel „In der Psychomotorik Schwung erfahren“ hinsichtlich der dort potenziell auftretenden Funktionen der Bewegung.
2. Beschreiben Sie Regelspiele, in denen die komparative Funktion der Bewegung besonders hervortritt. Welche Funktionen könnten dort noch bedeutsam sein?
2.2 Bedeutungsdimensionen von Bewegung
Die Funktionen der Bewegung (Kap. 2.1) haben die individuelle Bedeutung der Bewegung beschrieben. In der fachwissenschaftlichen Literatur finden sich verschiedene Begründungszusammenhänge unterschiedlicher Disziplinen, in denen von außen die Bedeutung der Bewegung begründet wird. Diese Argumentationen wurden im Rahmen des BIK-Projekts (Bewegung in der frühen Kindheit) für den frühpädagogischen Bereich hinsichtlich zentraler Definitionselemente des „Bedeutungsphänomens Bewegung“ analysiert und eine erste Kategorisierung vorgenommen (Fischer 2016b, 40).
Die in der Fachliteratur gefundenen Bedeutungen wurden zunächst in zwei Dimensionen unterteilt, die nachstehend beschrieben werden: Bewegung als Lerngegenstand sowie Bewegung als Medium. Die zweite Dimension konnte in drei Unterbereiche ausdifferenziert werden (Bewegung als Medium der Entwicklungsförderung und Persönlichkeitsentwicklung, Bewegung als Medium der Gesundheitsförderung, Bewegung als Medium des Lernens).
Vorab sei darauf verwiesen, dass die beschriebenen Bedeutungsdimensionen idealtypisch zu verstehen sind. Sie stehen daher nicht im Widerspruch zu einer ganzheitlichen Sichtweise. Vielmehr ermöglichen die Bedeutungsdimensionen „einen detaillierten Blick auf theoretische wie praktisch-pädagogisch bedeutsame Teilaspekte der kindlichen (Bewegungs-) Entwicklung“ (Hölter / Beudels 2013, 92).
Daher laden die Bedeutungsdimensionen zu weiteren Diskussionen über die Bedeutung von Bewegung und deren Systematisierung, nicht nur für die Lebensphase der frühen Kindheit, ein.
2.2.1 Bewegung als Lerngegenstand
Diese Bedeutungsdimension umfasst die Vorstellung, dass Bewegung in der frühen Kindheit eine lebenslange Teilhabe an Bewegungs-, Spiel- und Sportkulturen gewährleisten soll. Gleichzeitig dient Bewegung der individuellen und sozialen Selbstverwirklichung. Bewegung als Lerngegenstand umfasst daher die notwendigen Grundlagen, um selbst Sport ausüben zu können, die Hinführung zum Sport sowie den Grundlagen des Sports. Im Mittelpunkt steht hier der Weg von den fundamentalen Bewegungen hin zum elementaren und sportbezogenen Sich-Bewegen. In Publikationen dieser eher gegenstandsorientierten bzw. fachwissenschaftlichen Schwerpunktsetzung werden die Grundtätigkeiten des Bewegens und des Spielens...




