E-Book, Deutsch, Band 2, 544 Seiten
Reihe: Marcus-Trilogie
Kuhn Marcus - Tribun Roms. Schicksal an Mosel und Rhein.
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-945025-14-7
Verlag: Ammianus
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Band II: Schicksal an Mosel und Rhein 2
E-Book, Deutsch, Band 2, 544 Seiten
Reihe: Marcus-Trilogie
ISBN: 978-3-945025-14-7
Verlag: Ammianus
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Michael Kuhn M.A., Jahrgang 1955, studierte in Aachen Geschichte und Politische Wissenschaften. Im Anschluss war er in unterschiedlichen historischen Projekten involviert und organisierte im eigenen Unternehmen geschichtliche Events. Zurzeit arbeitet er neben seiner Tätigkeit als Autor in der Archäologie. Das Anliegen, bei seinen Mitmenschen Interesse und Verständnis für die faszinierende Welt der Geschichte zu wecken, durchzieht seine bisherige Vita wie ein roter Faden. So stehen die vorliegenden Bände am Beginn einer Buchreihe, die den Leser mit Spannung und Information auf eine Zeitreise in die aufregendsten Epochen unserer Vergangenheit mitnimmt.
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Prolog
Es geschah im 18. Jahr der Herrschaft des Imperators Constantius II., als die Provinzen im Nordwesten des Imperiums unter dem Ansturm von Franken und Alemannen zu zerbrechen drohten.
Mit Donner und Hagel hatte ein Spätsommertag im September sein Ende gefunden. Eiskörner groß wie Schleudergeschosse aus Blei waren auf die Provinzhauptstadt am Rhenus herab gefallen und hatten unter ihrem Aufprall manchen Dachziegel zersplittern lassen. Bruchstücke aus rotem Ton, von den Bäumen hinunter gefegte Blätter und Klumpen aus schmelzendem Eis bedeckten Straßen und Plätze der Colonia, die sich spärlich mit Menschen füllten. Voller Angst blickten sie zum Himmel, ob sich der Zorn der Götter ausgetobt hatte.
Es ging auf die neunte Abendstunde zu, und im Dämmerlicht der einbrechenden Nacht peitschte eine Sturmbö über Stadt und Fluss, dass sich die Wogen des Rhenus mit Schaumkronen bedeckten. Die im Hafen vor Anker vertäuten Kähne und Lastschiffe krachten gegen die Holzbohlen des Uferkais.
Im Windschatten eines Mauervorsprungs neben dem mittleren Rhenustor, unweit des Tempels des Mars, rückten zehn Männer eng zusammen, um dem Toben des Sturmes keine Angriffsfläche zu bieten. Wenn sie sich bewegten, konnte man unter ihren eng um die Körper gewickelten Mänteln die Spitzen von Speeren und Lanzen aufblinken sehen. Gebannt starrten sie auf eine dreißig Schritt entfernte Pforte, die an dieser Stelle den Zugang zur Aula Regia und dem dahinter liegenden Prätorium ermöglichte.
„Viatorinus, läuft es ab wie besprochen?“, dräute die Stimme eines dunkelbärtigen Hünen mit kurz geschnittenem Schwarzhaar. Unter seinem rostroten Soldatenmantel, den eine schwere Goldfibel an der Schulter schloss, kamen der Griff einer Spatha und die Eisenringe eines Kettenpanzers zum Vorschein. Die Narbe eines Schwerthiebes entstellte die rechte Wange des Ursicinus, der als Magister Peditum et Equitum den Oberbefehl über die Truppen des Bewegungsheeres der gallischen und germanischen Provinzen auf sich vereinigte. Ein Mann ohne Rücksichten, der sich durch Loyalität, Tapferkeit und List vom einfachen Legionär bis an die Spitze der römischen Armee empor gekämpft hatte.
„Wie besprochen“, drehte der Angesprochene dem Ursicinus das Gesicht zu und funkelte aus schwarzen Augen seinen Vorgesetzten in stummer Aufbegehrung an.
Das dunkle Haupthaar des Viatorinus, Kommandant der Festung Noviomagus, durchzogen erste graue Strähnen. Zusammen mit den buschigen Brauen und den energischen Linien um Kinn und Mund verliehen sie dem Offizier ein verwegenes Aussehen. Unterstützt durch den geraden Schwung der Nase, den hohen Wangenknochen und einer breitschultrigen Statur, war er das Idealbild eines Römers, wie es in den Tagen eines Hadrian oder Marc Aurel die Künstler in Marmor meißelten.
„Wenn sich Ulf, der Führer der Palastgarde, an die Absprache hält, muss er in wenigen Augenblicken aus der Pforte heraus treten, um den Lohn für seinen Verrat entgegen zu nehmen.“ Zur Unterstreichung seiner Worte zog Viatorinus einen Lederbeutel unter dem Umhang hervor, der prall gefüllt schien. Durch die Bewegung stießen die Münzen im Innern aneinander, und ein leicht gedämpftes Klirren ließ auf Gold und Silber schließen.
„Steck das weg, und du Martinus, lass das bleiben“, fauchte Ursicinus einen anderen Mann an, der an einer kleinen Eisenlampe eine Fackel entzünden wollte.
„Wir müssen nicht früher als nötig auf uns aufmerksam machen“.
Eingeschüchtert ließ Martinus, ein untersetzter, junger Tribun mit gelocktem Blondhaar und jungenhaften Gesichtszügen die Fackel sinken und schloss die Öffnung der Handlampe, so dass kein Lichtstrahl in den Abend dringen konnte.
Der Blick des Ursicinus wanderte über die Gruppe und blieb am schmalgesichtigen Antlitz eines düster wirkenden Syrers hängen, der nervös an seiner Unterlippe kaute.
„Achte auf jede Einzelheit, Ammianus“, raunte er dem kleinen Mann zu, der mit einem Nicken zustimmte. „Der Imperator erwartet einen detaillierten Bericht über alles, was hier geschieht. Jedes Detail, hörst du, absolut jedes. Du weißt, wie misstrauisch Constantius sein kann!“
Ein Lächeln huschte über die Gesichtszüge des Syrers, während er die an einem Lederriemen über der Schulter hängenden Tasche berührte, die seine Schreibutensilien enthielt.
Tat er gut daran, seine Männer so kurz zu halten? Ein bitterer Zug umspielte die Gesichtszüge des Magister Militum, als er sich räusperte und auf das Straßenpflaster zu seinen Füßen spuckte.
Sie waren hier, um zu töten, und dabei durfte nichts geschehen, was das Unternehmen gefährden konnte.
In seinem Kopf ging er noch einmal alles durch, was ihn an diesen Ort geführt hatte. Er war zu Constantius nach Mediolanum befohlen worden, der ihn mit wächsernem Antlitz empfing. Er erfuhr, dass sich Silvanus, Magister Militum und Statthalter der Germania Secunda, in der Colonia zum Imperator erhoben hatte.
„Töte Silvanus“, hatte Constantius ihm zugeraunt, als befürchtete er, in seinem eigenen Palast belauscht zu werden.
Er hatte darauf seine besten Männer nach Mogontiacum befohlen und sich mit ihnen vor einer Woche getroffen. Dann waren sie, getarnt als offizielle Gesandtschaft des Constantius, mit einem Schnellruderer in die Provinzhauptstadt Niedergermaniens gefahren. Silvanus war auf die Posse einer vertraglichen Regelung der Angelegenheit herein gefallen und hatte ihn und seine Männer mit Freundlichkeit empfangen, während er fieberhaft nach einer Möglichkeit suchte, den Befehl des Constantius auszuführen.
Viatorinus hatte sich in der Zwischenzeit in einer Taverne bei Wein und Bier an Ulf, den Befehlshaber der Leibwache, herangemacht und dessen Schwachstelle gefunden. Der Hitzkopf hasste seinen Herrn, und es war ein leichtes gewesen, ihn mit Gold zu bestechen.
Was ging es ihn an, dass gemunkelt wurde, Ulf sei ein Neffe des Silvanus und in dessen Frau Serena verliebt.
Ein Lächeln umspielte die Lippen des Magisters, der den Statthalter Roms am Rhenus immer gehasst hatte. Der Mann war ein Emporkömmling, ein halber Franke, dessen Vater zu den Legionen übergelaufen war und in Gallien Karriere gemacht hatte. Den Makel seiner Herkunft hatte Silvanus durch seine Heirat mit der kapriziösen Römerin Serena zu überdecken versucht, die ihn nur seines Geldes und seiner gesellschaftlichen Stellung wegen erhört hatte. Ihre Familie hatte in den Wirren um die Nachfolge des großen Constantinus auf die falsche Seite gesetzt und Ansehen und Vermögen verspielt.
Serena, die ihrem Gatten, wann immer sich die Möglichkeit bot, Hörner aufsetzte, blieb nicht der einzige Fehler des Silvanus. Eine Intrige am Kaiserhof gegen seine Person, die er mit ein wenig Verstand und Geduld hätte ausräumen können, trieb ihn voller Panik zu dem verhängnisvollen Entschluss, genau das zu tun, was man ihm unterstellte. 28 Tage waren es her, dass er sich hier, in der Aula Regia, den Purpur eines Imperators umlegen ließ.
Wieder streifte sein Blick die Männer, die mit ihm gekommen waren, den Nebenbuhler und Konkurrenten auszuschalten. Gute Offiziere und zuverlässige Mannschaften, ausnahmslos Protectores Domestici, Gardesoldaten des Imperators. Nur Martinus bereitete ihm Sorgen. Der junge Tribun war tüchtig, wurde aber zu oft von Skrupeln über sein Tun und Handeln als Soldat und Offizier befallen. Ursicinus hatte nichts gegen Christen, denn es gab gute Soldaten unter ihnen, aber im Fall von Martinus verhielt es sich anders: Seit seinem Übertritt zum Gott der Nächstenliebe und Barmherzigkeit hatte er begonnen, seine Pflichten zu vernachlässigen.
„Es geht los“, wurde Ursicinus von Ammianus in seinem Gedankengang unterbrochen, der mit der Rechten auf die Pforte wies, die sich einen Spalt geöffnet hatte. Ein Lichtstrahl drang in die Dunkelheit hinaus. Die Tür schwang auf und im Lichtkegel wurde der Schatten eines Mannes sichtbar, der gleich darauf auf das Straßenpflaster hinaus trat. Mittelgroß und in Waffen musterte der Mann rechts und links die Umgebung, bis er die Gruppe am Rhenustor erblickte und vorsichtig einige Schritte näher kam.
„Das ist Ulf“, sagte Viatorinus, ohne seinen Blick von der Gestalt zu wenden, die vor ihnen verharrte.
„Geh zu ihm und bring ihn her“, klang die Stimme des Ursicinus seltsam gepresst.
Gespannt verfolgten die Männer, wie Viatorinus zu dem Franken ging, kurz mit ihm sprach und mit Ulf zurückkehrte.
Wenige Schritte vor Ursicinus blieb Ulf stehen und legte eine Hand an den Griff seiner Spatha. Das dunkle Haupthaar fiel dem gerade zwanzigjährigen Franken ins Gesicht und verdeckte zum Teil eine große Narbe, die sich über Stirn und Wange zog. Misstrauisch funkelten seine stechend dunklen Augen den Magister Militum an.
„Was ist mit der Leibwache?“, presste Ursicinus heraus, was Ulf nicht zu beeindrucken schien und sogar ein Grinsen abverlangte.
„Hat der große Heerführer Angst, in eine Falle gelockt zu werden?“ spottete er und trat einen Schritt heran.
Voller Zorn zog Ursicinus seine Spatha zur Hälfte aus der Scheide, stieß die Klinge aber augenblicklich wieder zurück.
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