E-Book, Deutsch, 200 Seiten
Reihe: Arena Thriller
Kuhn Schneewittchenfalle
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-401-80067-7
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Arena Thriller
E-Book, Deutsch, 200 Seiten
Reihe: Arena Thriller
ISBN: 978-3-401-80067-7
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Krystyna Kuhn wurde 1960 als siebtes von acht Kindern in Würzburg geboren. Sie studierte Slawistik, Germanistik und Kunstgeschichte in Würzburg und Göttingen sowie zeitweise in Moskau und Krakau. Sie arbeitete als Redakteurin und Herausgeberin. Seit 1998 ist sie freischaffende Autorin und schreibt mit Vorliebe Thriller und Krimis. 'Schneewittchenfalle' war Krystyna Kuhns erster Jugendroman. Für ihr literarisches Werk wurde Krystyna Kuhn bereits zweifach für den Frauenkrimipreis nominiert.
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ZWEI
Der Tag ging in die Dämmerung über. Vor dem dunklen Himmel erhob sich der alte Leuchtturm über den Dünen. Die Luft roch nach Meer, Salz und Fisch und die rote Sonne tauchte im Meer unter, als wollte sie ein Vollbad nehmen.
House of the Rising Sun.
Stellas Gitarrenlehrer hatte ihr den alten Song aus der Steinzeit der Musik vorgeklimpert und dabei sehnsüchtig die Augen geschlossen. Wie peinlich! Ein erwachsener Mann. Na ja, jetzt war sie ihn für alle Zeiten los. Wenigstens ein Vorteil, den das neue Leben hatte. Er hatte immer nach Zigaretten gerochen und war absolut dagegen gewesen, absolut dagegen, wie er wiederholt hatte, dass sie eine E-Gitarre bekam. Kurz, er war ein Spielverderber. Ihr Vater bog in eine schmale Zufahrtsstraße ein und nur Minuten später in einen mit Kies bedeckten Hof. Links befand sich ein schlichtes einstöckiges Gebäude, das offenbar erst vor Kurzem neu verputzt worden war. Im Gegensatz zu den anderen Häusern auf der Insel besaß es ein mit grauem Schiefer gedecktes Dach. Dahinter lag ein schmaler Streifen Wiese, auf dem einige alte Obstbäume standen, dann ein Weg und dahinter Felder, die bereits abgeerntet waren. Das ehemalige Pfarrhaus war das einzige in der Gegend, in dem kein Licht brannte. Lediglich zwei Bauernhöfe lagen in seiner Nähe. In der Ferne leuchteten Lampen wie Irrlichter in der Abenddämmerung. Ihr Wagen hielt direkt hinter einem nagelneuen schwarzen Sportcoupé mit getönten Scheiben, die den Blick in sein Inneres verhinderten. »Wow, wem gehört der denn?« »Pat.« »Seit wann besitzt sie so einen Schlitten?« Anstelle einer Antwort hupte ihr Vater mehrmals. Die Kapitänsmütze auf dem Kopf, stieg Stella aus, erleichtert, dass sie endlich angekommen waren. Obwohl seit dem Unfall drei Monate vergangen waren, machte ihr Auto fahren noch immer Angst. Sie hatte dann das Gefühl, in ein großes Dunkel zu fahren. Noch immer war das Letzte, woran sie sich erinnerte, dass sie ins Auto gestiegen war, um mit ihrer Mutter und Sven zu Pat zu fahren, die in der Nähe von Kiel lebte. Nicht weit vom Meer, dessen Geheimnisse größer waren als die des Weltraums, wie ihr Vater immer sagte. Wie viel Zeit fehlte ihr? Stunden? Tage? Ihr Vater stellte sich neben sie: »Hier sind wir also.« »Ziemlich abgelegene Gegend, oder?« »Wir wollten ein neues Leben anfangen.« ER wollte, nicht Stella. ER versuchte wegzulaufen vor der Vergangenheit. ER hatte sich freiwillig auf diese Insel gerettet. ER wollte ein neues Leben beginnen. Wie denn? Indem er das alte einfach wegwarf, als sei es nie gewesen? Doch diese Diskussionen hatten sie zu Genüge geführt, daher bemerkte Stella lediglich: »Es kommt mir ein bisschen kitschig vor.« »Findest du?« Er legte die Hand an die Stirn, als ob die Sonne ihn blendete, und starrte das Haus an, als prüfe er, ob irgendwo KITSCH draufsteht.
»Es sieht aus wie ein englisches Herrenhaus in einem dieser Filme, die Oma immer schaut, wenn sie bügelt.« »Pat hat sich viel Mühe gegeben. Es ist ein Glück, dass sie das Haus gefunden hat.« »Aber verlange nicht von mir, dass ich reiten lerne.« Ihr Vater sah sie verständnislos an, wie so oft. Er nahm seine Brille ab, als ob er so einen besseren Durchblick bekäme: »Wie kommst du denn darauf?« »Leute, die in solchen Häusern wohnen, reiten immer. Sie tragen schwarze Stiefel, alberne ausgebeulte Hosen und in den dramatischen Szenen fallen sie vom Pferd, ausgerechnet wenn sie schwanger sind.« Endlich verstand er und grinste. »Ich habe mir nie viel aus Pferden gemacht.« »Nein, du würdest dich lieber von einem Wal verschlucken lassen.« »Stimmt, ich wollte schon immer wissen, wie es in seinem Inneren aussieht.« Er schwieg kurz. »Komm, das Gepäck kann ich später holen. Schauen wir uns das Haus an. Pat hat es eingerichtet. Außerdem hat sie eine Überraschung für dich.« Pat, die eigentlich Patricia Anders hieß, war eine alte Freundin ihrer Mutter. Gewesen. Sie war eine Freundin gewesen. Doch wer war diese Frau in dem schmalen weißen Rock und den hohen Schuhen, die jetzt in der Haustür erschien und winkte?
Mama?
Nein. Natürlich nicht. Aber war das Pat? Wirklich Pat? Stella hatte sie ganz anders in Erinnerung. Hatte sie nicht immer verwaschene Jeans und Männerhemden getragen, blonde kurze Haare gehabt und war ziemlich dick gewesen? Jetzt trug sie die Haare schulterlang und hatte sie dunkel gefärbt. Noch ein Erwachsener, der sich offenbar vorgenommen hatte, sein Leben zu verändern und die Vergangenheit hinter sich zu lassen, dachte Stella. »Pat bleibt noch ein bis zwei Tage«, hörte sie ihren Vater sagen, »bis du dich in der Schule eingelebt hast. Ich muss morgen nach Bremen ins Institut. Wenn ich zurückkomme, fangen wir an mit unserem Leben zu zweit.« Stella spürte einen Stich in ihrem Herzen. Kaum angekommen, ließ er sie bereits allein. Typisch. So war er eben. Ein Reisender, ein Seefahrer. Offenbar hatte er nicht die Absicht, sich zu ändern. Was konnte das für ein Leben zu zweit werden, wenn einer ein Nestflüchter war? Als ihr Vater die Enttäuschung in ihrem Gesicht erkannte, erklärte er hastig: »Ich habe noch einiges im Institut zu erledigen. Pat ist ja da.« Ja, Pat war da und lächelte ihr aufmunternd zu, als ob sie ihr sagen wollte: »Ich weiß, es ist schwer. Auch ich habe eine Freundin verloren, aber ich werde dir helfen, hier auf der Insel neu anzufangen.« Sie musste nach vorne schauen, ihr Leben wieder in die Hand nehmen, neuen Kurs einschlagen. Der Ansicht war auch ihre Oma. Deswegen hatte sie ihr die Kapitänsmütze ihres Großvaters geschenkt. Sie ging die Treppe hoch und auf Pat zu, die sie in die Arme nahm. Für einen Moment verharrten sie so. Stellas Herz schlug laut, als sie über Pats Schulter durch die Eingangstür in den Hausflur sah. Ein Gefühl sagte ihr, sie sollte umdrehen. Unwillkürlich zuckte sie zusammen. Doch Pat hielt sie fest, wischte sich kurz über die Augen und sagte dann betont munter: »Das Haus ist wirklich ein Glücksfall. Es hätte deiner Mutter gefallen. Sie wollte immer auf der Insel leben.« Wieder dieser Stich im Herzen. Hätte. Ein Wort, das sie in Zukunft begleiten würde.
Stella machte sich los und Pat schob sie energisch ein Stück vor. »Komm, ich zeige dir alles.« »Wie viele Zimmer hat es?«, fragte Stella und trat in den Flur. »Zehn.« »So viele?« »Gefällt es dir nicht?« »Klar«, antwortete Stella. »Echt toll. Bloß dass wir nur zu zweit sind.« »Du wirst dich schon einleben. Freust du dich auf die Schule?« Pat hatte keine Kinder, sonst wüsste sie, dass eine neue Schule vergleichbar war mit einem Haifischbecken. Stella konnte sich die Blicke richtig vorstellen. Wenn die anderen erfuhren, was ihr passiert war, würden sie mit Sicherheit tuscheln. Andererseits, keine Panik. Sie fand schnell Freunde. Vermutlich auch in einem Haifischbecken. Schließlich war sie in ihrer alten Schule beliebt gewesen. Hatte zu den Auserwählten gehört. Zu denen, die den Ton angaben. Sie hatte so viele Briefe im Krankenhaus von Freunden und Klassenkameraden erhalten, dass sie nicht alle beantworten konnte. Auch Caro hatte die ersten Wochen jeden Tag geschrieben. Allerdings war seit zwei Monaten kein einziger Brief mehr gekommen. Vermutlich war sie noch immer verliebt. In diesen Michael. Dem Foto nach ein ideales Double für David Beckham. »Ehrlich gesagt, ein bisschen Panik habe ich schon«, sagte Stella, zog den Haargummi aus dem Pferdeschwanz und schüttelte ihre Haare glatt. »Ach was, Panik. So ein großes Mädchen wie du.« Pat strich Stella liebevoll eine Strähne aus der Stirn »Ich bin sicher, du wirst hier schnell neue Freunde finden.« Stella schwieg. Tatsache war, sie war hier auf der Insel eine Fremde. Wie Robinson Crusoe war sie, nachdem sie Schiffbruch erlitten hatte, auf der Insel angeschwemmt worden, und hatte wie dieser die Absicht, sie so schnell wie möglich wieder zu verlassen. Der Geburtsort ihres Vaters war Bremen. Wie der von Robinson Crusoes Vater. Beide stammten aus einer Familie von Abenteurern und Seefahrern. Stellas Großvater war Kapitän gewesen. Ihr...




