E-Book, Deutsch, 434 Seiten
Kunstmann Religionspädagogik
3. überarbeitete und erweiterte Aufl 2021
ISBN: 978-3-8463-5628-9
Verlag: UTB GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Einführung und Überblick
E-Book, Deutsch, 434 Seiten
ISBN: 978-3-8463-5628-9
Verlag: UTB GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Prof. Dr. Joachim Kunstmann lehrt an der PH Weingarten.
Autoren/Hrsg.
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2 Die historische Entwicklung der RP
Vorgeschichte
Bereits im Alten Testament ist die Überlieferung der Befreiungstat Gottes, seiner Selbstoffenbarung und seines Bundes mit seinem Volk der Grundbestand einer religiösen „Pädagogik“. Ihre Grundform ist die mündliche Erzählung, die erst später schriftlich niedergelegt wird. Dazu tritt die Weisheitslehre als eine Vorform erzieherischer Unterweisung. Auch das Neue Testament kennt „religionspädagogische“ Elemente. Jesus wird als Lehrer dargestellt (vor allem bei Matthäus, vgl. etwa die Bergpredigt Mt 5–7); er selbst verwendet in seinen Gleichnissen anschauliche, auf die Erfahrung der Hörer abgestimmte „didaktische“ Formen, die sich als Urform religiöser Symbolisierung verstehen lassen. Grundlegende Sichtweisen und Wahrnehmungsereignisse wie die Lehre vom Reich Gottes brauchen derartige spontane Bilder mit fiktionalem Charakter. Der fundamentale formale wie inhaltliche Unterschied zwischen diesen Gleichnissen (und auch Jesu sehr eigenständigen religiösen Neuformulierungen) zu einer , wie sie sich später entwickelte, ist im Christentum kaum jemals bewusst geworden. Bereits in den neutestamentlichen Briefen wird ein zunehmend lehrhafter Ton spürbar, der die Erfahrungen und Erzählungen um Jesus sowie die ersten theologischen Deutungen als anvertraute „Überlieferung“ an die ersten Gemeinden weitergibt und später zu einer fixierbaren Glaubens-Lehre ausgebaut wird. Erst der Dramatiker Lessing hat Jahrhunderte später einen markanten Unterschied zwischen der „christlichen Religion“ und der „Religion Christi“ gesehen.
In diesem Zusammenhang entwickelte sich bereits früh die katechetische Lehre (vgl. Tit 1,9 u.a.), die Grundbestände des christlichen Glaubens in kurzen, oft formelartigen Aussagen zusammenfasste. Gebraucht wurde sie vor allem bei der Aufnahme von (erwachsenen) Tauf-Bewerbern in die Gemeinden, die oft ein mehrere Jahre dauerndes Katechumenat durchlaufen mussten. Dadurch kam es zur Entstehung des wichtigsten christlichen Bekenntnisses, des apostolischen Glaubensbekenntnisses. Von hier aus begann auch die altkirchliche theologische Lehrentwicklung. Sie war neben ihrem Bezug zur Taufunterweisung Lehrpredigt, die Rechenschaft gegenüber einer heidnischen Umgebung zu geben versuchte. Die ersten großen Katechetenschulen in Antiochien, Alexandria und Caesarea übernahmen die antike Erziehungsidee der „paideia“ und hatten ausgearbeitete Katechismus-Entwürfe; diese wurden durch die Jahrhunderte weitertradiert und weiterentwickelt.
Mit Durchsetzung der Kindertaufe wurde die christliche Einweisung zum Teil Sache der Erziehung in den Familien. Das christliche Wissen war allerdings bis lange ins Mittelalter hinein sehr begrenzt. Bekannt ist die Aussage Papst Gregors des Großen, der die Bilder in den Kirchen mit dem Argument verteidigte, sie seien die Lehre für diejenigen, die nicht lesen konnten – und das war der weit überwiegende Teil der Bevölkerung. Erst Karl der Große sorgte für eine umfassende, allerdings auf Fundamente wie etwa die Kenntnis des Vaterunsers beschränkte christliche Volkserziehung. Aufgrund der ganz anderen Lebenszusammenhänge konnte man „christlich“ sein, ohne genauer intellektuell zu begreifen, was das bedeutete; die Kirche, so dachte man, stand für den Glauben ihrer Mitglieder ein.
Weitere Vorformen einer christlichen Pädagogik formierten sich dann in den Orden, den Domschulen (für die Klerikerausbildung) und den Klosterschulen (aus denen die ersten Stadtschulen hervorgingen), seit dem 13. Jh. dann vor allem in den neuen Universitäten; hier war die Theologie fraglos die erste Wissenschaft (? 7.1). Einen großen Schub erhielt die christliche Erziehung durch die Reformation. Martin Luthers 1520 verfasste Schrift „An den Adel deutscher Nation: Von des christlichen Standes Besserung“ sorgte für eine starke Verbreitung der Schulen und für eine wirksame Strukturierung der Glaubensunterweisung. Neben Luther betrieb sein Freund Philipp Melanchthon den Ausbau und die Neustrukturierung der höheren Schulen und der Universitäten. Das entscheidende Argument lautete: Jeder Mensch sollte die Bibel lesen und verstehen können zur eigenen Verantwortung seines Heils. Das wirkte als starker Antrieb für die Entwicklung des deutschen Schulwesens. Bis zur Einführung der allgemeinen Schulpflicht im 19. Jh. und darüber hinaus dominierten im Schulbetrieb christliche Stoffe; die geistliche Schulaufsicht bestand sogar bis zur Weimarer Republik.
Höchst bedeutsam für die christliche Erziehung wurde der Kleine Katechismus Luthers (? 2.1). Auch andere Katechismen, etwa solche der katholischen Gegenreformation, fanden weite Verbreitung. Hier spielte seit Mitte des 16. Jh. vor allem der Jesuitenorden eine gewichtige Rolle, der sich als straff organisiertes Werkzeug der Kirche verstand, und der als Erzieher im Geist des Humanismus und des katholischen Bekenntnisses unter anderem an vielen Fürstenhöfen tätig war und dadurch großen Einfluss hatte. Ein weiterer Meilenstein der christlichen Pädagogik war Comenius (J.A. Komensky, 1592–1670). Mit seiner „Didactica magna“ schuf er ein überaus bedeutsames Erziehungsbuch, das zum letzten Mal die gesamte Welt als geschlossenes Schöpfungswerk Gottes begreift und „alle Menschen alles zu lehren“ beabsichtigte.
Aufklärung und Moderne
Die Aufklärungszeit des 18. Jh. brachte einen neuen und starken, am Ideal der selbsttätigen Vernunft orientierten Erziehungs-Impetus, die allmähliche Einführung der Schulpflicht und die Entstehung der modernen Pädagogik – die jetzt nicht mehr religiös, sondern erstmals säkular begründet war. RU gab es jetzt als eigenständiges, von anderen Stoffgebieten getrenntes schulisches Fach. Dennoch spielten die Kirchen aufgrund ihrer institutionellen Präsenz noch für sehr lange Zeit eine dominierende Rolle im Schulwesen (Geistliche Schulaufsicht; Schulen waren fast durchgehend Konfessionsschulen; Kleriker als Schulmeister). Dadurch kam es zu einer „Verschulung“ auch der christlichen Erziehung.
Da die aufgeklärten Ideen von Autonomie und Vernunft prinzipiell religionskritisch waren oder mit Religion wenig anfangen konnten, wurde die Religion vor allem mit der „Sittlichkeit“ (d.h. der Ethik) zusammengebunden. Die Katechetik der Aufklärungszeit nahm wissenschaftliche Formen an und richtete sich entsprechend auf die sittliche Volkserziehung.
Vor diesem Hintergrund aufgeklärter Vernunft, Religions- und Kirchenkritik kam es zur Entstehung der RP im eigentlichen Sinne. Eine wichtige Rolle spielte der Aufstieg der modernen Geisteswissenschaften, vor allem der Pädagogik, auch wenn diese zunächst oft nur als Methodik aufgefasst wurde. Rousseaus Erziehungsroman „Émile“ (1762) und später Herbarts „Formalstufen“ des Unterrichtsablaufs (Klarheit, Assoziation, System, Methode) hatten nachhaltigen Einfluss auf die Herausbildung einer eigenständigen Pädagogik. Gefördert wurde diese auch durch die voranschreitende Industrialisierung; moderne Technik, Medizin, Verlängerung der Lebenserwartung führten zu einer starken Differenzierung der Lebensbereiche, in deren Zuge auch die Religion – und die Prinzipien ihrer Weitergabe – als eigenständige Aufgabe erkannt wurden. Deutlich wurde hier auch, dass Religion nicht umstandslos mit „Sittlichkeit“ zusammengespannt werden kann, sondern eine eigenständige und nicht ersetzbare Dimension des Lebens ist. Hier konnte man auf Friedrich Schleiermacher zurückgreifen, den großen romantischen Theologen. Der hatte die Religion gerade nicht mit der aufgeklärten Vernunft, sondern mit Anschauung, Gefühl und Bildung verbunden, also grundsätzlich vom Subjekt und seiner Religiosität aus gedacht.
Wenn Religion auf Gefühl und Gesinnung gegründet ist, dann kann zu ihr nicht mehr bruchlos erzogen, ja sie kann nicht einmal mehr so einfach durch „Lehre“ weitergegeben und angestoßen werden!
„Zu jenem...




