Kurka | Das Blaue Kind | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Reihe: Quadriga

Kurka Das Blaue Kind

Meine Geschichte als Schwarze Deutsche
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7517-2886-7
Verlag: Quadriga
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Meine Geschichte als Schwarze Deutsche

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Reihe: Quadriga

ISBN: 978-3-7517-2886-7
Verlag: Quadriga
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Ich träumte Weiße Träume, die sich niemals für mich erfüllten.« - Peggy Kurka kommt 1969 in der DDR zur Welt. Die Mutter hatte eine kurze Beziehung mit einem jungen Studenten aus Guinea und gibt ihr Kind gleich nach der Geburt zur Adoption frei. So wird Peggy Teil einer zutiefst rassistischen, brutalen Familie und erfährt von klein auf, was es bedeutet, Außenseiterin zu sein. Denn Vorbilder oder eine Community gibt es nicht, und Peggy kämpft mit ihrem Selbstbild. Erst viele Jahre später gelingt es ihr, die Deutungshoheit über ihre Identität wiederzuerlangen. In ihrem Buch erzählt sie von ihrer wagemutigen Reise.



Peggy Kurka ist international gefragte Haar- und Make-up-Artistin. Sie wuchs in der DDR auf, wurde früh als Model entdeckt und lief u.a. Runway Shows im Berliner Palast der Republik. Nach dem Fall der Mauer lebte sie in London, Paris und schließlich in Hamburg, verliebte sich in das Theater und wurde Visagistin. DAS BLAUE KIND ist ihr erstes Buch.
Kurka Das Blaue Kind jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Vorwort


Das hier ist mehr als überfällig. Der Erinnungsknast ist mir zu eng geworden. Mich überfiel ein unerklärlicher Drang danach, zu erzählen, woher ich komme. Woher wir kommen. Wir ganzen Wirs. Wir Wirs, die in der DDR von 1961 bis 1970 geboren wurden und aufgewachsen sind. Die Jahre, zu denen die afrodeutsche Wissenschaftlerin Peggy Piesche forschte, weil sie interessante Aufschlüsse hinsichtlich der Zuschreibungen und Rezeption des »Fremden« und »Anderen« vor allem in Bezug auf Schwarze Menschen ermöglichen. Besonders über deren gesellschaftliche und kulturelle Sozialisation. So wie auch ich, Peggy Kurka, es erlebt hatte.

Die Schwarzen und Braunen Wirs, die ungeachtet, nicht mitbedacht, aber mitgelaufen sind. Ohne jemals eine Identität bekommen zu haben, aus gesellschaftlicher Absicht, vermengt mit persönlichem Versagen autoritärer Erwachsener. Die DDR war ein Land von über 700 Erziehungseinrichtungen, in denen mehr als 500.000 Kinder und Jugendliche gebrochen und gezüchtigt wurden, wenn das nicht schon zu Hause erledigt worden war. Rassismus und Ausgrenzung waren der normale Singsang des Ostens. Vielleicht waren sie auch das Resultat einer selbsternannten Kultur, die sich von Anfang an auf die Fahne schrieb, den Naziverbrechern keinen Prozess zu machen. Ganz frei nach dem Motto: Vorwärts immer, rückwärts nimmer.

Nach mehreren verzweifelten Versuchen, mich abzutreiben, gebar mich Irmgart, eine zweiundzwanzig Jahre alte, verheiratete, Weiße Frau, so sagen sie, im Mai 1969 in einem Müttergenesungsheim in Bad Saarow am Scharmützelsee. Sie überließ mich dem fragwürdigen System, das den Wert eines Menschenlebens anhand einer Farbtabelle und der Parteizugehörigkeit formulierte. In einem Jahr, kurz vor Sommerbeginn, zu einer Zeit, in der das Wort Menschenwürde leider schon vollständig verdreht war, begann mein Leben. Ein Leben, von dem niemand erfahren sollte. In diesem Kinderheim, als Schwarzes Baby dem diktatorisch-kommunistischen Staat gehörend, begrüßte mich das Universum auf eine Runde Leben. Mein leiblicher Vater kam aus Guinea, einem zu dieser Zeit eher westlich orientierten Land. Er studierte für Devisen – also Dollars – an der Hochschule für Ökonomie »Bruno Leuschner« in Karlshorst. Er und die junge Irmgart begegneten sich eher flüchtig, so beschrieb sie mir später während unseres einzigen Treffens. Bis heute möchte sie noch nicht eingehender mit mir darüber sprechen, was ich zu akzeptieren habe.

So beginnt meine Geschichte über Wünsche, Träume, Lebenslügen, über Identitätslosigkeit und die »stille Eleganz« pädophiler Neigungen und Rassismus in der Familie. An diesem Ort, zu dieser Zeit und in den verworrenen, verwahrlosten Werten meiner Folgefamilie mitten im zweigeteilten Deutschland. Ich war das eindeutige, lebendige Abbild für die Solidarität in der DDR. Mir wurde aus einer Schneeweißen Perspektive heraus geholfen. Solidarität als Hierarchieform. So ähnlich beschrieb es Peggy Piesche in einem Interview sehr passend und in ihrem Artikel »Schwarz und deutsch? Eine Ostdeutsche Jugend vor 1989 – Reprospektive auf ein nicht existentes Thema in der DDR«.

Vielleicht ist das Folgende nur mein persönliches Los. Vielleicht aber – und davon bin ich persönlich überzeugt – ist es die Geschichte vieler Menschen, egal ob aus dem Osten oder aus dem Westen. Dann ist es nämlich unsere, unser aller Geschichte. Auch die Geschichte derer, die wegsehen und sich wie Kinder die Augen und Ohren zuhalten, darauf hoffend, dass die Vergangenheit ihre Geschichten begräbt. Ich wollte immer irgendetwas mit meinen Erfahrungen anfangen. Sie nicht sinnlos gewesen sein lassen, sondern anderen dienlich. Sicher ist es nicht allen so gegangen wie uns. Dann erzähle ich das Folgende für den Teil der 500.000, die noch keiner angehört hat. Es sollte bitte nicht umsonst gewesen sein, dass ich noch da bin und befähigt zu sprechen.

Das Glück zu haben, noch hier zu sein, durchfährt mich immer wieder. Mir öffneten sich beim Schreiben so viele Türen, während sich andere wieder und wieder schlossen. Sonderbarerweise fand ich dennoch immer genug Türklinken zur richtigen Zeit. Manchmal in der wirklich allerallerletzten Sekunde. Ich war getrieben davon, immer weiter zu gehen, tiefer in meine Erinnerungen zu steigen, ohne zu wissen, warum und wohin. Dahin, wo ich herkam, ging es auf keinen Fall mehr. Seit dem Mauerfall und der Wiedervereinigung gab es diesen Ort ohnehin nicht mehr. Es ließ mich in meinem Leben immer traurig und wütend zurück, wenn ich mich umdrehte. Ich suchte immer die Freude, die Sonne, den Erfolg. Ich wollte so weit weg, wie es nur irgend ging. Was ich dort fand, war nicht so leicht zu lieben. Ein Haus auf einem Fundament aus weggeträumten Geschichten ist wackelig. Die Bedeutungslosigkeit trieb mich durch meine Tage. Und das Gefühl, meiner Adoptivmutter zu gehören und mich schuldig zu fühlen, wenn ich nicht war, wer ich für sie zu sein hatte.

Beim Zurückblicken auf mein Leben ereilte mich zumeist ein Ekel und die riesengroße Sehnsucht danach, dass eines Tages alles gut werden würde. Irgendwie gut und nicht wie das, was ich in mir verbuddelte. Ich wollte immer nach vorne schauen, aber etwas zog mich zurück. Jetzt habe ich mich doch noch einmal gründlich umgedreht und mir alles angesehen. Ich verstehe, während ich schreibe, und sehe ein größeres Bild, eines, das mich als Molekül der Masse der Gesellschaft definiert. Größten Dank und Respekt an mein Gehirn! Dafür, dass es in der Lage war, über so lange Zeit, Schmerz aus vergangenen Tagen zumindest partiell aus dem Leben herauszufiltern.

Kürzlich fragte mich ein bekannter Fotograf, mit dem ich mich über dieses Buch unterhielt, ob ich depressiv geworden sei. Darüber, ob ich das sein könnte, habe ich nie wirklich nachgedacht. Es hatte nie diesen einen Moment gegeben, an dem alles gut war und dann nicht mehr. Beim Darübernachdenken meine ich, mein ganzes Leben lang mit derlei Problematiken zu tun gehabt zu haben. Das würde auch erklären, weshalb mir einfachste Dinge manchmal unglaublich schwer fielen und mir überdimensional viel Kraft abverlangten. Ich denke, es ist meiner Kreativität und unbändigen Neugier zu verdanken, dass es immer etwas in meinem Leben zu ergründen oder zu erledigen gab.

Dass Erschöpfung und Müdigkeit niemals ein Grund waren, etwas, das sich vor mir auftat, nicht erleben zu wollen.

Viele Menschen, die ich beruflich und auch privat getroffen habe, vertrauten sich mir an und entblätterten sich vor mir. Ohne dass ich danach gefragt hätte. Anhand ihrer Geschichten lernte ich etwas über meine eigene. Ich verglich mich mit ihnen. Oft fragte ich mich: Halten sie nur so wenig Schmerz und Enttäuschung aus – oder bin ich einfach so sehr daran gewöhnt, dass alles im Leben schwer ist? Ich dachte immer, Schmerz und Einsamkeit seien immer da, bei allen, Normalität eben. Warum taten mir diese Dinge nicht weh? Was hat mich so hart werden lassen?

Kein Thema war mir je zu intim. Für mich ist das Feld, auf dem sich Konversationen abspielen können, weit. Auch wenn manche Begegnungen nur kurzweilig sind, können sie wertvoll sein. Als Suchende unterhalte ich mich mit jedem gern und vermute in jeder Begegnung erlösende Klarheit. Hatte jemand ein Yoga-Retreat, eine Meditationsreise oder eine Hypnosetherapie ausprobiert und lehrreiche Erfahrungen dabei gemacht, bin ich vor Neugier fast geplatzt und habe es nachgemacht. Voller Hoffnung, in der mir neuen Materie Antworten auf meine noch unformulierten Fragen zu finden. Immer, wenn mir schien, dass ein Weg etwas zutage bringen könnte, auf das ich mit meinem Verstand keinen Zugriff haben kann, bin ich ihm mit Hingabe gefolgt. Wusste jemand eine tolle Astrologin, habe ich das ausprobiert. Die Liste ist lang: Pilates, Shiatsu, Reiki-Einweihungen, schamanische Sitzungen, chinesische Medizin, Akupunktur, Heilersitzungen und zwei klassische Traumatherapien, ein Töpferkurs, Schwimmunterricht. So ging es immer ein kleines Stück weiter vorwärts. Einfach nur vorwärts, auch wenn vorwärts manchmal wie ein Rückwärts zu sein schien. Die Essenzen dieser Praktiken haben viel mit Selbstreflexion und Disziplin zu tun. Und der Befähigung, innerem und äußerem Druck nachzugeben. Sie lehren, aus friedlicheren Quellen des Körpers Antriebsenergie zu generieren, nicht nur aus Wut und Aggression. Davon habe ich noch immer reichlich, ich verwende sie nur anders.

Dennoch ist es mir nie gelungen, in all den spirituellen oder auch klassischen Coachings ein ganzes Bild meiner selbst zu finden. Das Ankommen im Hier und Jetzt wollte mir nicht gelingen, das Ja-Sagen zum Leben. Ich konnte nicht einmal zu Gott beten, denn dieser Gott, den ich kannte, war Weiß.

Ich habe schon mehrere Anläufe genommen, um mir zu gönnen, meine Geschichte aufzuschreiben. Für mich, um vollständig zu werden und nicht mehr verstecken zu müssen, wer ich bin. Ich schenke mir mit diesem Buch meine Identität, die ich und jeder Mensch im Universum verdient haben. Das größte und aufwendigste Geschenk, das ich mir je gemacht habe.

Ich kann das Vorwort hier noch nicht enden lassen, obwohl es sich anbieten würde. Die Komplexität und Vielschichtigkeit der Umstände in meinem Leben und derer, die sich mir als Familie vorgestellt hatten, veranlassen mich zu erklären, bevor meine Geschichte beginnt. Ohne, dass ich vorschnell zu viel erzählen möchte. Es wäre verständlich, als Leser:in hier abzubrechen und sich den Kapiteln zuzuwenden. Ich möchte in diesem Fall empfehlen, zu einem späteren Zeitpunkt wieder hierher zurückzufinden.

Marion war meine Adoptivmutter. Auf den Moment ihres Todes in unser beider...


Peggy Kurka ist international gefragte Haar- und Make-up-Artistin. Sie wuchs in der DDR auf, wurde früh als Model entdeckt und lief u.a. Runway Shows im Berliner Palast der Republik. Nach dem Fall der Mauer lebte sie in London, Paris und schließlich in Hamburg, verliebte sich in das Theater und wurde Visagistin. DAS BLAUE KIND ist ihr erstes Buch.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.