E-Book, Deutsch, 592 Seiten
Kurkow Kartografie der Freiheit
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7099-3857-7
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 592 Seiten
ISBN: 978-3-7099-3857-7
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Romane wie 'Picknick auf dem Eis' (1999) oder 'Der Milchmann in der Nacht' (2009) machten den 1961 in St. Petersburg geborenen und heute in Kiew lebenden ANDREJ KURKOW zum Bestseller-Autor. Mit den Protesten auf dem Kiewer Euro-Majdan 2013 und dem Krieg in der Ostukraine änderte sich sein Leben schlagartig. In dieser Zeit formte sich die bittere Erkenntnis vom wahren Gesicht der 'Europäischen Solidarität', die in seinem 'Ukrainischen Tagebuch' (Haymon 2014) bereits Niederschlag fand. Wer, wenn nicht er, kann den großen europäischen Roman unserer Zeit schreiben?
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2. Kapitel. Das Gehöft Pienagalys. Bei Anykšciai
Großvater Jonas kam mit zwei Eimern, die mit samtweichem frischem Schnee gefüllt waren, ins Haus und blieb auf dem Gummiabtreter stehen.
Das Licht der Flurlampe spiegelte sich in den Pfützen, die sich um die locker an der Wand aufgereihten Halbschuhe und Stiefel gebildet hatten. Aus einem Paar brauner Männerschuhe ragten die froststeifen Schnürsenkel in die Höhe.
Der alte Jonas stellte die Eimer ab. Er nahm den Besen zur Hand, der neben der Tür lag, fegte sich den Schnee von den Stiefeln und zog seine übergroßen grauen Filzpantoffeln an. Mit ihnen konnte er über den Boden schlurfen, ohne die Füße zu heben. Er nahm die Schnee-Eimer, glitt durch den Flur bis zur ersten Tür auf der linken Seite, einer Holztür, die schon viele Mal in verschiedenen Farben überstrichen worden war, weswegen alle Besucher, die in das gemütliche Häuschen auf dem Gehöft kamen, glaubten, die Tür müsste unweigerlich in eine andere, in eine Parallelwelt führen. Beim genaueren Hinsehen gaben die Farbkratzer an den verschiedenen Stellen die rote, weiße und sogar blaue Vergangenheit der Tür preis. Das letzte Mal hatte sie der alte Jonas in einem edlen matten Grün gestrichen. Alles andere im Flur war nach den Vorstellungen seiner Enkelin Renata renoviert worden, die in einer eigenen Haushälfte lebte, auf der rechten Seite des Flurs hinter einer ganz normalen, aber ebenso soliden, nicht gestrichenen Holztür. Von dorther drang Lachen, junge Stimmen waren zu hören.
Großvater Jonas kehrte mit einem Schrubber in den Flur zurück. Er wischte den Boden auf. Als er an der Anzahl der Schuhe sah, dass sich an Renatas ovalem Wohnzimmertisch sechs Personen, sie eingeschlossen, versammelt hatten, musste er lächeln. Drei Paare. Sie würden also Zukunftspläne schmieden. Was sie wohl feierten? Bis Neujahr waren es schließlich noch zehn Tage. So lange hätten sie ja noch warten können.
***
„Wir brauchen einen Hut! Geh und frag deinen Großvater nach einem Hut!“ Vitas sah Renata kess und gleichzeitig fordernd an.
„Er trägt keine Hüte! Na gut!“
Renata klopfte an die grüne Tür.
„Kann ich reinkommen, Großvater?“, rief sie und drückte die Klinke herunter. Sie schaute ins Zimmer. Großvater Jonas saß in seinem Sessel am Fenster. Über seinem Kopf brannte die Stehlampe. Auf der Nase saß eine Brille mit einer merkwürdigen, fast bernsteinfarbenen Hornfassung. Er hielt ein Buch in der Hand. „Kann ich mir einen Topf von dir nehmen?“
„Gerne. Was willst du denn kochen?“
„Die Zukunft“, spottete Renata und ging in seine kleine Küche, in der Pfannen, Töpfe, Gefäße und Geräte für die Zubereitung von Speisen an langen, nach oben gebogenen Nägeln bis unter die Decke aufgereiht hingen. Sie waren ein Blickfang gegen das kleine und leicht gedrungene Fenster, das so ganz anders aussah als die anderen Fenster im Haus.
Das Fenster erinnerte ein wenig an eine mittelalterliche Schießscharte, als hätte derjenige, der das Haus entwarf, in der Küche die letzte Bastion gesehen. Oder zeugte die Fensterform von der Abneigung des Hausherrn, sich beim Essen zusehen zu lassen?
Renata hakte den großen Topf vom Nagel und nahm ihn mit.
Großvater Jonas legte sein Buch auf die breite Sessellehne, stand auf und warf ebenfalls einen Blick in die Küche, in der unterm Fenster auf dem Holzboden der Schnee in den Eimern taute. Der Alte betrachtete den Schnee, der in der häuslichen Wärme dunkel geworden war und sich zu Wasser verwandelte, aus dem später Tee gekocht würde. Während Großvater sich umblickte, versuchte er, den Geschmack des Frühstücks auf seiner Zunge „abzulesen“. Aber sie blieb stumm wie ein zum Schweigen verpflichteter Soldat der feindlichen Armee, der in Gefangenschaft geraten war. Die Zunge gab nicht den kleinsten Hinweis auf einen Geschmack. Sie taugte nichts und war in Geschmacksfragen unzuverlässig. Das lag natürlich am Alter. Da Jonas von der Zunge nichts erfahren hatte, ging er zur Spüle, und da fiel ihm ein, dass er heute gar nicht gefrühstückt hatte! Wenn er nämlich gefrühstückt hätte, hätte er auf jeden Fall auch den Teller abgespült, und der würde jetzt auf dem Metallgitter in Augenhöhe trocknen. Und selbst wenn er ihn nicht abgewaschen hätte, müsste der Teller in der Spüle stehen.
„Komisch, und dabei habe ich gar keinen Hunger“, flüsterte der Alte.
Er schaute zum Kühlschrank, ließ seinen Blick zum Korb mit den Kartoffeln wandern, der unter dem massiven Eichentisch stand. Wie von selbst ging sein Blick weiter zum Wiener Stuhl, einem zarten, feinen Gebilde, das schon siebzig oder womöglich sogar mehr Jahre in ihrem Haus lebte. Wo war er hergekommen? Jonas setzte sich auf ihn und stützte die Ellenbogen auf die Tischplatte.
Der Alte erinnerte sich, wie im Herbst 1940 ein sowjetischer Offizier auf dem Stuhl gesessen und ihm, Jonas, der damals noch ein Halbwüchsiger war, irgendein Papier ausgestellt hatte, nach dem er sofort zur Roten Armee eingezogen wurde. Danach erkundigte sich der Offizier ausführlich nach dem Weg nach Biržai. Und Jonas, der kaum Russisch konnte, zeichnete ihm eine Karte mit einem Pfad durch den Wald, der zu einem breiteren Weg führte, auf dem der Offizier zu einer anderen Straße kam, die ihn ans Ziel brachte. Und dann war der Stuhl verschwunden. Seine Mutter hatte ihn auf den Boden geschleppt, damit sich kein Fremder mehr an ihren Tisch setzte. Zum Essen holten sie sich zwei Bretter und legten sie über die Hocker zu beiden Seiten des Tischs. Jonas erinnerte sich, dass später noch ein paar Mal Sowjets kamen, sich aber nicht lange aufhielten. „Wie arm seid ihr denn! Man kann sich ja nicht mal setzen!“, sagte einmal einer verwundert. „Und dabei ist das Haus so groß! Sicher hat hier früher mal ein Gutsherr gewohnt!“
„Ja, stimmt, aber den haben wir davongejagt“, antwortete Jonas’ Vater dem Offizier. „Recht so!“, lobte ihn der Offizier und ging weg, ohne zu erklären, weswegen er eigentlich gekommen war. Als er fort war, lächelte Jonas’ Vater. Das Haus hatte nämlich dessen Vater gebaut. Wenn der Offizier das erfahren hätte, hätte er womöglich den Familienvater mit Frau und Kind aus dem Haus vertrieben und nach Sibirien geschickt. Aber so weit kam es nicht.
***
„Na los, den Topf an die Front!“, rief der rothaarige Andrius, ein Lächeln im sommersprossigen Gesicht. Verschwörerisch schaute der die Anwesenden an, streckte seine Hand aus und griff sich die Flasche Kräuterschnaps 999. „Auf unseren Erfolg?“
Die Gläser füllten sich mit dem bernsteinfarbenen Getränk.
Renata verteilte Stifte und Zettel, die sie aus einem kleinen Notizblock gerissen hatte. Jeder schrieb etwas auf seinen Zettel, faltete ihn zusammen und warf ihn in den Topf.
„Jetzt können wir!“ Vorsichtig erhob Andrius sein Glas. „Auf gutes Gelingen!“
Die Versammelten prosteten sich zu und nippten an dem fast dickflüssigen, hochprozentigen Getränk.
„Ich bin die Erste“, rief Ingrida und zog einen zusammengefalteten Zettel aus dem Topf. Sie legte ihn neben sich auf den Tisch.
Dann griffen reihum Klaudijus, Vitas und Renata, Andrius und Barbora in den Topf.
Auf einmal war es still. Nur die Wanduhr – ein Scherzartikel, den Renata vor sechs Jahren zum Achtzehnten von Freunden geschenkt bekommen hatte und dessen Zeiger sich auf einem leeren Zifferblatt drehten, während die Zahlen auf einem Haufen in der Ecke lagen, als wären sie heruntergerissen worden –, nur diese Uhr und ihr Ticken verhinderten es, dass die Stille überhandnahm. Zwar hielten die Gäste den Atem an, konnten die Stille aber nicht lange ertragen, deswegen war die Pause nur kurz, verlieh dem Augenblick aber dennoch eine bewegende Feierlichkeit.
Die Zettel raschelten. Jemand seufzte erleichtert. Andrius wahrscheinlich.
„Toll!“, flüsterte Barbora begeistert.
Renata drehte sich zu Vitas, der neben ihr saß, lächelte und wackelte keck mit dem Kopf. „Das“, sagte sie und zeigte auf ihren aufgefalteten Zettel, „ist deine Stadt! Und du hast meine – gib her!“
Mit belustigter Verwunderung beobachteten die anderen, wie Renata und Vitas ihre Zettel tauschten.
„Habt ihr etwa was Verschiedenes geschrieben?“ Barbora beugte sich vor, um zu erkennen, was denn da auf den Zetteln stand.
„Ja, aber nah beieinander!“, antwortete Renata. „Egal. Hauptsache, es hat geklappt! Hätte ich nicht erwartet.“
„Das ist doch keine Sofortlotterie!“, sagte Andrius und winkte ab. „Und wenn ich nun einen anderen Traum gezogen hätte? Was hätte ich damit machen sollen? Ich will meinen eigenen. Ich hätte ihn getauscht. Gegen meinen natürlich.“
„Unseren“, korrigierte ihn Barbora. „Ihr“, sagte sie und schaute Renata und Vitas an, „müsst euch wohl noch ein bisschen Zeit lassen! Renata will nach Venedig und er nach Rom! Ihr habt euren gemeinsamen Nenner noch nicht gefunden, anders als wir.“ Sie drehte sich zu Andrius. Barbora nahm seinen Zettel, dann ihren und hielt sie in die Runde. Auf beiden Zetteln stand in unterschiedlicher Handschrift ein und dasselbe Wort: Paris.
„Paris sehen und sterben!“, intonierte Ingrida kokett.
„Aufs Sterben können wir verzichten.“ Barbora warf ihr einen selbstbewussten, leicht hochnäsigen Blick zu. „Dann schon lieber kommen, sehen und siegen! Und übrigens ist dort auch das Klima viel besser als in eurem geliebten England.“
„Wir wollen ja auch nicht nach England“, ergriff Klaudijus statt seiner Freundin versöhnlich das Wort, „wir wollen nach...




