E-Book, Deutsch, 215 Seiten
Kurz Der Weihnachtsfund
1. Auflage 2017
ISBN: 978-80-7583-883-4
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Seelenbild aus dem schwäbischen Volksleben
E-Book, Deutsch, 215 Seiten
ISBN: 978-80-7583-883-4
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Roman 'Der Weihnachtsfund' von Hermann Kurz entführt den Leser in eine romantische und spannende Geschichte, die zur Weihnachtszeit spielt. Mit seinem detaillierten Schreibstil und seiner Fähigkeit, Atmosphäre zu schaffen, schafft Kurz eine einzigartige Welt, die den Leser in ihren Bann zieht. Der literarische Kontext des Romans zeigt Kurz als Meister seines Fachs, der die Feinheiten des menschlichen Daseins einfängt und in fesselnder Weise darstellt. 'Der Weihnachtsfund' ist ein Buch, das sowohl anspruchsvolle Leser als auch Liebhaber von romantischen Geschichten begeistern wird.
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2.
Es waren sieben Jahre vergangen, und im Roten Löwen wurde längst nicht mehr von dem auf die Wanderschaft gegangenen Knechte gesprochen, dessen Andenken durch Erlebnisse, Kriegsdrangsale und Schicksalswechsel nur in einem Herzen nicht zum Schatten geworden war. Wiederum war der Tag vor Weihnachten gekommen. Ein trüber Regenhimmel, unter dessen Einfluß der Schnee schmolz, ließ ihn vorgerückter erscheinen als er in Wirklichkeit war, und schon am frühen Nachmittage zogen die Schatten des Abends herein. Gleichwohl waren in der großen Stube, die vor sieben Jahren den Schauplatz einer fröhlichen Weihnachtsfeier gebildet hatte, keine Anstalten getroffen, welche das Herannahen des heiligen Abends verkündigten, den man doch zu begehen pflegt, sobald die Tageszeit das Anzünden der Lichter am Baum gestattet. Der Löwenwirt, gealtert und abgemagert, saß allein in der leeren Stube am Tische und hatte eine alte Postille vor sich liegen; seine Aufmerksamkeit war jedoch nicht auf das Buch gerichtet, denn er saß zurückgelehnt und hing, vor sich hinblickend, freudlosen Gedanken und traurigen Erinnerungen nach.
Ein Hufschlag ließ sich auf der Landstraße mit jenen hellen Zwischenlauten vernehmen, welchen man anhören konnte, daß schon die Steine aus der Schneelage hervorstachen. Der Löwenwirt horchte, als der rasche Trab sich näherte, gewohnheitsmäßig auf, obgleich er seit geraumer Zeit nur gewohnt war, die Gäste an seinem Hause vorüberziehen zu sehen. Diesmal aber schien es wirklich auf den vergessenen Roten Löwen abgesehen zu sein, denn die Hufschläge wurden kürzer, bogen gegen das Haus ein, und gleich darauf hörte er das Pferd in der Einfahrt unter dem Fenster ungeduldig, als ob es Einlaß begehre, scharren. Er lauschte noch einen Augenblick, ob der halberwachsene Knecht, der jetzt an der Stelle des zahlreichen Gesindes zur Besorgung von Stall und Feld ausreichte, in die Einfahrt gelaufen komme; dieser aber war so wenig als sein Herr daran gewöhnt, Gästen entgegenzueilen, und da er ihn nicht hörte, so ging er selbst hinab, um das Pferd in Empfang zu nehmen. Der Reiter war inzwischen abgestiegen, eine kräftige Gestalt in knapper rheinischer Tracht; der geübte Blick des Wirtes erkannte den Fremden an seiner resoluten Haltung und an dem goldenen Uhrgehänge für einen Mann, der in der Welt herumgekommen sein und etwas vor sich gebracht haben müsse. Derselbe fragte kurz, ob er hier ein Nachtquartier finden könne. Der Löwenwirt bejahte die Frage und ergriff das Pferd, einen stattlichen Falben, am Zügel, um es in den Stall zu führen. Der Fremde ließ dies jedoch nicht zu, sondern brachte sein Tier selbst nach dem Stalle, den er ohne Befragen zu finden wußte, und gab dem Wirt inzwischen seinen Mantelsack zu tragen, dessen Gewicht demselben die Richtigkeit seiner Beobachtungen zu bestätigen schien. Ohne eine Hilfe zu gestatten, nahm der Gast dem Pferde Zaum und Sattel ab, befestigte es leicht an der Krippe und schüttete ihm das Futter vor, das der herbeigerufene junge Knecht in Eile brachte; alle diese Verrichtungen geschahen mit flinker Hand, als ob er fachmäßig in ihnen bewandert wäre, dann ging er mit dem Wirt in die Stube hinauf und sah ihn unterwegs zuweilen lächelnd an, ohne ein Wort zu reden. In der Stube legte er die Mütze auf eine Bank, zog den Überrock aus, trat vor den Wirt hin und fragte, unter seinem Schnurrbart freundlich hervorlächelnd: »Nun, wie steht's im Roten Löwen?«
»Nicht besonders,« antwortete der Wirt. »Ist der Herr hier bekannt?«
»Ich sollt's wohl denken,« erwiderte der Gast. »Bin freilich lang' nicht dagewesen. Eure Kinder werden fast großgewachsen sein.«
Der Wirt schüttelte traurig den Kopf. »Das große Sterben,« sagte er, »hat ihnen fürs Wachsen getan, einem nach dem andern; wir haben ein österreichisch Lazarett in der Gegend gehabt.« »Alle tot?« rief der Fremde wehmütig. »Die blühenden Kinder! Wie lang' hab' ich mich auf diesen Besuch gefreut und muß jetzt so traurige Neuigkeiten vernehmen!«
Der Löwenwirt sah ihn wiederholt aufmerksam an, konnte sich jedoch in dem unbekannten Gesichte nicht zurechtfinden.
»Aber Eure Frau ist doch noch am Leben?« hob jener wieder zu fragen an.
»Sie lebt, aber seit der Zeit ist sie kränklich.«
»Und der alte Philipp?«
»Der hat den Krieg nicht mehr erlebt. Er ist schwach worden und ist ausgelöscht wie ein Licht. Ich hab' ihm selber die Augen zugedrückt.«
Der Fremde fragte Namen für Namen nach den anderen Knechten und Mägden. Sie waren nicht mehr im Hause. Der Wirt verwunderte sich höchlich über die Vertrautheit des Gastes mit den Verhältnissen des Hauses und zerbrach sich vergebens den Kopf, wer er sein möge.
Der Fremde schwieg eine Zeitlang, und eben wollte der Wirt fragen, was dem Herrn gefällig sei, als dieser wieder anhob. »Und die Justine?« fragte er mit etwas befangener Stimme: »die ist wohl schon lang' verheiratet.«
Dieser befangene gepreßte Ton klang dem Wirt bekannt. Er faßte den Gast schärfer ins Auge, und ein Freudenstrahl flog über sein abgehärmtes Gesicht, »Der Erhard!« rief er, ihm die Hand entgegenstreckend. »Du loser Schelm, dein Schnurrbart ist schuld, daß ich dich nicht gleich erkannt hab'. Warum bist denn so lang' fortgewesen und hast gar nichts von dir hören lassen? Erzähl' mir nur gleich, wie dir' ergangen ist und wie du lebst und was du treibst. Aber ich werd' nicht mehr du zu dir sagen dürfen, denn Ihr seid ja ein vornehmer Herr worden.«
»Mit dem Du wollen wir's beim alten lassen, Meister,« erwiderte Erhard, indem er ihm herzlich beide Hände schüttelte. »Erzählen will ich Euch auch, so viel Ihr wollt, nur sagt mir zuvor, wo die Justine ist und wie's ihr geht.«
»Es scheint, alte Liebe rostet nicht,« bemerkte der Löwenwirt lächelnd. »Die Justine ist nicht weit, sie ist immer noch bei uns, ist immer noch zu haben, und du wirst sehen, daß sie sich in der langen Zeit gar nicht verändert hat.« »Und meint Ihr,« sagte Erhard, »sie habe auch ihren Sinn nicht geändert? Denn wenn sie noch so denkt, wie vor sieben Jahren, so kann ich wieder abziehen, wie ich damals abgezogen bin.«
»Ist's denn wahr?« rief der Löwenwirt. »Ich kann's schier nicht glauben. Das heiß' ich eine standhafte Treue, die muß ihr doch das Herz weich machen. Zwar hab' ich ihr nicht hineingesehen, aber es gibt kein besseres in der Welt. Damals ist sie eben noch zu jung gewesen. Jetzt wird sie's eher schätzen können, was ein treues Gemüt wert ist, und da sie Verstand hat, so wird sie auch das Zeitliche anschlagen und wird ihr Glück nicht zum zweitenmal von sich stoßen. Was mein Weib Augen machen wird, daß es mit dem Mädle so hoch hinaus soll! Aber ich bin überzeugt, sie schickt sich in jeden Stand. Wie ist denn nur mein Erhard zu dem Reichtum kommen?«
»Der Reichtum ist zu zählen,« bemerkte Erhard, »doch darf ich zufrieden sein. Die Sache ist bald erzählt. Draußen wird einem das Leben in manchen Dingen leichter als bei uns. Im Anfang zwar hat es nicht den Anschein gehabt, daß ich's weit bringen sollte; ich bin von einem Dienst in den anderen geraten, und nirgends hat mir's gefallen wollen. Erst mit dem Krieg, wie der ausgebrochen ist, hat mir das Glück geblüht. Da wandr' ich eines Tags auf der Straße, ledig und herrenlos, aber nicht sorgenlos, in Staub und Sonnenhitze und hab' großes Heimweh nach dem Roten Löwen gehabt. Auf einmal kommt eine Kalesche hinter mir her, nicht besonders schön von Aussehen, aber zwei tüchtige Braunen davor und eine schmächtige Figur darin, mit scharfem, spitzigem Gesicht. Der fragt, woher des Weges, und dies und das, besinnt sich eine Weile und heißt mich dann einsteigen. Ich hab' mich gleich nützlich zu erweisen gesucht und hab' ihm die Zügel abgenommen: wie er sah, daß ich das Handwerk verstehe, ließ er sichs gefallen. Im Fahren gab dann ein Wort das andere, und ich merkte bald, daß er mir auf den Zahn fühlte. Zuletzt machte er mir den Vorschlag, in seinen Dienst zu treten, und ich tat's. Er war Lieferant und machte große Geschäfte. Er sah bald, daß er mir vertrauen konnte, und ließ mich immer höher steigen, während er sich von den Mühseligkeiten zurückzog, denn er war sehr gebrechlich, ein rastloser Geist in einem elenden Körper. Zuletzt gab er nur noch den Kopf her, ich die Hände und Füße und was man sonst von den fünf Sinnen zu Unternehmungen braucht. Die Geschäfte gingen aufs beste, und es wurde unermeßliches Geld verdient. Es ist nicht zu sagen, was bei solchen Unternehmungen, wenn sie einmal ins Große gehen, und vollends in Kriegsläuften, herauskommt, ohne daß man der Ehrlichkeit den Rücken zu wenden braucht. Denn das hat mir an meinem Herrn besonders gefallen: er hielt streng auf Treu und Glauben, war zu stolz für gewisse Kniffe und setzte seinen Ehrgeiz darein, lauter solide Ware zu liefern. Wo er einmal bekannt war, da zahlte man ihn, ohne zu markten, und gönnte ihm seinen Teil Gewinn. Eines Tages, ich kam eben von einem glücklichen Handel zurück und berechnete ihm den Ertrag, da stellte er mir vor, er wisse nicht, wie lange er noch leben werde, Kinder oder sonst Verwandte habe er nicht, mir könne er nicht zumuten, daß ich meine Kräfte in der Art, wie ich sie für ihn verwende, in einem fremden Interesse zusetzen solle, und er halte es deshalb für das beste zwischen uns, mich zu seinem künftigen Erben zu erwählen und gleich jetzt als Teilhaber in sein Geschäft aufzunehmen; er habe sich immer einen solchen Gehilfen gewünscht und habe schon damals solche Gedanken gehabt, wie er mich von der Straße aufgelesen habe. Ihr könnt Euch denken, daß ich nicht nein sagte. Aber ich hab' heiße Tage mit ihm verleben...




